
Predigten
Liebe Gemeinde,
als ich am 31. März 1974 meinen Konfirmationsspruch bekam, war ich – enttäuscht. Diesen Bibelvers aus dem Römerbrief hatte ich noch nie gehört. Er kam gerade in der Lesung vor: „Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“
Heute, 51 Jahre später, kann ich meinem Konfirmator nur danken für dieses Bibelwort. Es hat mich begleitet und ge-leitet, es hätte für mich keinen treffenderen Bibelvers geben können.
„Wenn man von Herzen glaubt, wird man gerecht.“
Das mit dem Glauben war mir damals fast zu fromm. Aber Gerechtigkeit war schon ein Thema für mich, bis heute. Und ich fühlte mich wohl in den Reihen der Kämpfer für Gerechtigkeit – genauer: für das, was wir eben für gerecht hielten.
„Wenn man von Herzen glaubt, wird man gerecht.“ Erst im Studium begriff ich die unglaubliche Tiefe dieses Satzes. Aber nicht in Heidelberg, wo mich Glaubenszweifel gepackt hatten, sondern an der kleinen evangelischen Fakultät der Universität Wien, wo die Professoren uns alle namentlich kannten, mit uns auch viele seelsorgerliche Gespräche führten. Und bei dem leider früh verstorbenen Professor Wilhelm Dantine habe ich verstanden, was Rechtfertigung des Sünders meint; habe begriffen, was Gnade und Evangelium bedeuten; bekam für meinen Glauben ein neues Fundament, das Jahre später unsere Landeskirche in ihren Leitsätzen in einem kurzen Satz genial ausdrückte: „Gott liebt die Menschen, ob sie es glauben oder nicht!“
Das wurde mein Lieblings-Leitsatz, den habe ich mir nie nehmen lassen, den habe ich in Gottesdiensten und an Gräbern verkündet – und natürlich gab es Diskussionen, etwa wenn ich beantworten sollte, was Gott mit Sündern und Gottlosen macht. Als ich dann noch in der Predigt sagte, „Gott liebt auch die, die den Sonntag dazu brauchen, um ihren Rausch auszuschlafen,“ brachte mir das ein nettes Telefonat mit dem Dekan ein.
Diese Diskussionen, die meist sehr geschwisterlich verliefen, waren wichtig und nötig, wir Pfarrer und Pfarrerinnen haben nicht die Deutungshoheit über die Bibel. Und verschiedene Leute sehen ja ein und dieselbe Sache ganz unterschiedlich. Beispiel: In Dauchingen, Flehingen und Zaisenhausen wurde von manchen mein Glaube angezweifelt; und hier in Rheinbischofsheim wurde mir öffentlich gesagt: „So einen frommen Pfarrer wie Sie hatten wir noch nie!“ Und jetzt?
Jetzt gehen wir zum zweiten Teil des Konfirmationsspruches: „Wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“
Sagen, was man denkt. Das war meines. Und deshalb ist es gut, dass ich niemals für den diplomatischen Dienst tätig war.
„Mit dem Mund bekennen“.
Als Christ/inn/en sollen wir Gott bekennen mit unserem Tun und Reden. Das geht gut im geschützten Raum, wird aber außerhalb unserer Komfortzone schwierig. An Stammtischen, wo über Gott und Kirche hergezogen wird; in Schulklassen, wo existentielle Fragen junger Menschen einen herausfordern; oder gegenüber dem Mainstream, dass es egal sei, woran man glaube, weil eh alle dasselbe glauben. Unsinn, wir glauben nicht dasselbe, wir glauben anderes als andere.
„Wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ Bekennen ist natürlich auch Aufgabe der Kirche, in beiden Konfessionen. Wenn ich unseren Bibelvers ernst nehme, gilt er auch für die Gemeinschaft der Getauften und heißt dann: Wenn die Kirchen bekennen, werden sie gerettet.
Aber welches Bekenntnis ist heute zu sprechen? In unserer Kirche höre ich fast nur noch Bekenntnisse zur Strukturreform. Seit drei Jahren reden wir überall fast nur noch über Gebäude, Geld und Kooperationsräume. Ich kenne keine Gemeinde, die das bestellt hat. Kooperationsraum! Wie kann man nur mit so einem Ausdruck die Gemeinschaft der Heiligen derart verschandeln?
„Eine Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Wir sind das aber seit Jahren nicht mehr, wir kreisen so sehr um uns selbst, dass wir die aus dem Blick verlieren, für die wir da sein sollten. Und diese zieht es dann zu der Partei, die auf ihre Nöte billige Antworten liefert!
Wenn uns die Kooperationsräume nicht retten, was könnte es dann sein? Vielleicht dieses kleine Büchlein: In unserer Konfirmandenzeit hatten wir noch den guten Badischen Katechismus. Ja, so alt bin ich schon… Und da steht einfach und klar, was zu tun ist: „Die Kirche hat die Aufgabe, Gottes Wort rein und lauter zu verkündigen und mit der Tat der Liebe zu dienen.“
Bei der Visitation 1992 bin ich milde belächelt worden, weil ich gesagt hatte, der Gottesdienst sei die Mitte des Gemeindelebens. Hier steht es, schwarz auf weiß. Und dass wir in unseren Kooperationsräumen hier die Zahl der Gottesdienste reduzieren, ist ein Armutszeugnis par excellence!
Da heißt es weiter: „und mit der Tat der Liebe zu dienen.“ Dienen, liebe Gemeinde. Füreinander da sein, füreinander einstehen, aneinander Anteil nehmen, und dann die Königsdisziplin: einander annehmen, wie wir sind.
Ja, das klingt unspektakulär. Und ob das die Volkskirche retten wird, weiß ich nicht. Aber viel wichtiger als die Gestalt der Kirche ist, dass wir Gottes Auftrag nachkommen: dass wir Gottes Wort hören, uns daran halten und für die da sind, die eine helfende Hand brauchen oder ein gutes Wort, eine feste Umarmung oder materielle Unterstützung.
Einander wieder mehr von Gott erzählen, miteinander singen und beten - ich glaube, dass Gott daraus viel Tragfähiges machen kann. Vielleicht wächst so, im Kleinen, Verborgenen, eine ganz neue Form der Gemeinschaft der Glaubenden.
Letzte Woche beim Mitarbeiterfest haben wir Bilder vom Gemeindeleben aus 14 Jahren angeschaut. Und das letzte Bild zeigte unsere Kirche unter einem leuchtenden Regenbogen. Lasst uns dieses Bild mitnehmen: Was aus der Kirche wird, ist das eine; aber Gottes Nähe und Gottes Verheißung über unserem Leben, und für das steht der Regenbogen, dieses Versprechen Gottes wird bleiben und begleitet uns auf unseren alltäglichen und auf allen ganz neuen Wegen.
Wohin wir auch gehen, was wir auch tun, wir stehen und bleiben unter Gottes Verheißung. Gott sei mit euch.
Amen.
Liebe Besucher/innen des Hoffestes,
als wir vor ein paar Wochen miteinander den Gottesdienst vorbereitet haben, ging es auch um Säen und Ernten. Sie haben dann gesagt: „Wer nicht sät, erntet nicht.“ Und in dieser Predigt soll es um genau das gehen, was ja auch zu einem Hoffest passt: Säen und Ernten.
„Wer nicht sät, erntet nicht." Dieser kurze Satz erinnert uns daran, dass die Arbeit in der Landwirtschaft viel mit der Zukunft zu tun hat. Was ich als Landwirt oder Landwirtin heute arbeite, soll in der Zukunft einen Ertrag bringen. Aber eine Garantie habe ich nicht.
In der Landwirtschaft kann Unvorhergesehenes eine ganze Ernte gefährden: Starkregen zum Beispiel oder Sturm oder Trockenheit. Das hat kein Mensch in der Hand oder kann es beeinflussen. Genau deshalb gehört zur Arbeit in der Landwirtschaft auch eine große Portion Gelassenheit und eine ebenso große Portion Optimismus. Durch Jammern würde nämlich nichts wachsen.
Vieles, was aus der Landwirtschaft kommt, haben dann am Ende wir auf dem Tisch. Brot und Gemüse, Obst und Marmelade zum Beispiel. Wir leben also von dem, was andere für uns gesät haben. Aber meistens essen wir so schnell, dass wir gar nicht daran denken, dass diese Mahlzeit nur dadurch möglich ist, dass einige Zeit zuvor andere für uns gesät haben.
Mit dem Wort „denken“ ist das Wort „danken“ ganz eng verwandt. So lasst uns also künftig beim Essen dankbar an die Erzeuger unserer Nahrung denken und lasst uns Gott danken, der den Menschen in der Landwirtschaft die Kraft schenkt und das Wachsen auf der Erde segnet.
Aber lasst uns nicht vergessen, dass jede Arbeit ihren Lohn wert ist – und da läuft in unserer Gesellschaft vieles falsch. Landwirte werden unterbezahlt, müssen gedrückte Preise für Weizen, Fleisch und Milch akzeptieren, und manche müssen aufgeben. Wenn das so weitergeht, entzieht unser Land sich selbst seine Lebensgrundlage. Deshalb lasst uns auch nachdenken, ob wir unsere Lebensmittel wirklich in Supermärkten kaufen müssen oder nicht besser ab sofort auch direkt auf den Bauernhöfen einkaufen sollten.
„Wer nicht sät, erntet nicht.“ Das gilt nicht nur in der Landwirtschaft. Alle miteinander, ob jung, ob alt, haben wir nach Gottes Willen Mitverantwortung für die Zukunft. Für jeden und jede von uns gilt, auch im übertragenen Sinn: „Wenn wir heute nicht säen, können morgen andere nichts ernten.“
Was bedeutet das? Wir alle sind Teil von Gemeinschaften: Teil der Familie, Teil des Dorfs, Teil der Gesellschaft. Was in der Zukunft aus unserer Gemeinschaft wird, dafür sind wir heute verantwortlich. Und die ökumenische Versammlung der Kirchen in Vancouver hat gesagt: Nach Gottes Willen sind Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die drei wichtigsten Lebensgrundlagen der Menschheit.
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – dafür können aber nicht die Kirchen sorgen. Nein, das liegt in der Verantwortung von uns ganz normalen Menschen.
Hier, an unseren Wohnorten, an unseren Arbeitsplätzen und in euren Schulklassen, in unserem Dorf und in der gesamten Stadt, hier können und müssen wir alle beitragen, dass Gottes Wille für das Miteinander der Menschen sich erfüllt, dazu habe ich besonders für euch junge Menschen, die ihr so zahlreich heute da seid, drei Anregungen, denn IHR seid die Zukunft, nicht wir:
Wir können erstens beitragen, dass in unserer Welt die Gerechtigkeit wächst. Da geht es um Verteilung von Geld und um Lebens-Chancen für alle. Aber auch darum, nicht mehr zu schweigen, wenn andere ungerecht behandelt werden, ganz besonders in der Schule und an Arbeitsplätzen kommt das viel zu oft vor.
Wir sollen zweitens beitragen, dass der Friede wächst. Doch die Politiker bringen außer Krieg kaum etwas zu Stande, das sehen wir Tag für Tag in den Nachrichten. Aber wir können im kleinen mit dem Frieden beginnen, indem wir Feindschaften begraben und vor allem unsere ärgste Waffe nicht mehr einsetzen, das sind böse Worte, mit denen wir – meist hinten herum – auf andere schießen.
Wir sollen drittens beitragen, dass Gottes gute Schöpfung bewahrt wird. Wir Babyboomer haben es nicht geschafft, die Umwelt besser zu bewahren als die Generation vor uns. Ihr habt noch die Chance dazu. Vielleicht könntet ihr Fridays for future wiederbeleben, in ganz Rheinau. Dazu braucht es keine Greta Thunberg. Wie wäre das, wenn für alle Schüler/innen eine Relistunde freitags auf die gleiche Stunde gelegt würde und alle SuS in dieser einen Stunde auf die Straße gehen. Es ginge nur wenig verloren. Es muss natürlich auch ein entsprechendes Verhalten daraus folgen (sich weniger von A nach B fahren lassen; deutlich weniger die seltenen Metalle verbrauchen, für das stets neueste iphone oder iPad; und später für den Urlaub eben doch nicht nach Dubai fliegen zum Goldsteak-Essen und auch nicht auf dem Kreuzfahrt-Dampfer die Meere versauen).
Ihr könnt es anders machen als wir. Ihr könnt es besser machen als wir. Dann dürft ihr in der Tat auf uns zeigen und sagen: „Ihr Babyboomer habt es verbockt.“ Aber erst dann.
„Wenn wir heute nicht säen, können morgen andere nichts ernten.“
Ich wünsche uns allen, vor allem aber euch jungen Menschen, dass aus dem, was wir mit unserem Leben säen, Friede für die Welt, Gerechtigkeit für alle Menschen und Rettung für die bedrohte Schöpfung wachsen wird. Wir können es noch hinbekommen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben die Schriftlesung aus der Apostelgeschichte gehört, sie erinnert uns daran, wie Jesu Versprechen an die Jünger sich erfüllte und diese plötzlich Gottes Geist, Gottes Kraft, in sich spürten. Das machte sie bereit, vielen Menschen zu verkündigen, was sie gesehen und erlebt hatten: das Jahr mit Jesus, seinen Tod und seine Auferstehung. Viele Menschen, die die Worte der Jünger hörten, fanden zum Glauben. So entstand damals die erste christliche Gemeinde in Jerusalem, und bis heute feiern wir an Pfingsten die Geburtstunde der christlichen Kirche.
Die Jünger waren einfache Menschen, wie Sie und ihr und ich, nie wäre ihnen der Gedanke gekommen, dass durch sie die Geschichte der Kirche beginnen würde. Sie hatten zwar Jesu Versprechen noch im Ohr, wussten aber nicht, was sie selbst dazu tun sollten. So taten sie selbst nichts, außer auf Gottes Geist zu warten. Als sie dann plötzlich diese Kraft in sich spürten, merkten sie, dass nun Gott durch sie wirkte.
So sagt Pfingsten von Anfang an: Nicht du, Mensch, schaffst es aus dir heraus, sondern Gott. Und du sollst und darfst Gott machen lassen. Und diese letzten drei Wörter, die stehen im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes: "Gott machen lassen."
Ich fange einmal hier an, in unserer Gemeinde, die als Ableger des Geburtstagskindes heute ja auch feiert - mit einem Gottesdienst. Wie ist das in der Kirche mit „Gott machen lassen“?
Ich erlebe unsere Gemeinde und ich erlebe Kirche sehr unterschiedlich: Auf der einen Seite fallen mir Gottesdienste und Veranstaltungen, ein, bei denen ich das Gefühl hatte: Jetzt ist Gott uns ganz nahe, jetzt ist etwas von dieser Kraft Gottes zu spüren. Aber dann gibt es auch Momente, da feiern wir Gottesdienste mit einer Handvoll Menschen. Es ist nicht zu leugnen, dass die Massen dann kommen, wenn es etwas zum Essen oder Trinken gibt, aber kaum jemand sich von Gottes Wort speisen lassen will; und fast überall ist es inzwischen so, dass ein Großteil einer Gemeinde nicht mehr aus dem Glauben lebt.
Ja, und dann sitzt man als Pfarrer da, denkt nach, überlegt „Wie geht es weiter mit meiner Gemeinde?“ Da macht man sich zwar viele Gedanken, vergisst aber den wichtigsten, nämlich: Gott machen lassen. Ich glaube, dass wir oft vergessen, dass Gott der Herr der Kirche ist und seine Kirche unabhängig von unseren Konzepten, Ideen und Personen am Leben erhalten wird.
Gott machen lassen - das gilt natürlich nicht nur innerhalb der Kirche. Unser ganzes Leben sollte von diesen drei Worten umrahmt sein, und wenn ich zurückblicke auf viele Stationen meines Lebens, dann merke ich, dass ich immer dann am ruhigsten geschlafen habe, wenn ich alles in Gottes Hand gelegt hatte. Denn in solchen Momenten spürt man: Ich muss gar nicht alles selber regeln. Ich kann es nicht, und ich muss es nicht!
Gott machen lassen – liebe Trauerfamilien, Sie wurden durch den Todesfall in ihrer eigenen Familie an einen Punkt geführt, an dem Sie gar nichts mehr machen konnten. Manche von Ihnen haben nach einem längeren Weg irgendwann einsehen müssen: „Es ist nichts mehr zu machen.“ Andere wurden ganz plötzlich mit dem Tod konfrontiert, wieder andere in einer Phase, in der sie noch Hoffnung auf einen guten Ausgang hatten. Und dann mussten Sie diesen schlimmen Abschied nehmen.
Aber gerade in dieses Dunkel hinein durften Sie auch die Botschaft von der Auferstehung hören. Inmitten von Schmerz und Tränen haben wir Gottes Versprechen gehört: „Lasst mich machen, ich bringe alles zu einem guten Ende, denn das Ende Eures Lebens wie das Ende eures verstorbenen Menschen wird ein neuer Anfang sein, ein unzerstörbares Leben in meinem Reich.“ Liebe Gemeinde, ich bin sehr, sehr zuversichtlich, dass wir dort mit allen, die wir hier so schmerzlich vermissen, wieder vereint sein werden.
"Gott machen lassen." Das erinnert mich auch an all die Momente, in denen wir uns große Sorgen gemacht haben – oft um Dinge, die wir überhaupt gar nicht beeinflussen konnten. Diese Sorgen können uns dann oft lähmen. Aber ausgerechnet dieses Gelähmt-Sein, das ist die Voraussetzung dafür, dass dann auch einmal ein Anderer ans Werk gehen kann, ein Stärkerer: der, auf dessen Namen wir getauft worden sind. Und der geht dann tatsächlich ans Werk, macht mit Sicherheit nicht alles nach unserm Kopf, aber auf jeden Fall zu unserem Heil, und irgendwann erkennen wir: Die Sorge ist tatschlich kleiner geworden, es gibt einen neuen Weg, und den gehe ich unter Gottes Geleit.
Und wenn sich dann noch die Gewissheit hinzugesellt „Hier war unser Gott am Werk!“, dann ist das ganz nahe an dem, was Pfingsten heute sein kann.
"Gott machen lassen und spüren: Gott ist tatsächlich am Werk, in meinem eigenen Menschenleben" - ich wünsche uns, dass wir solche Pfingsterlebnisse immer wieder machen. Gott kann vieles zu einem guten Ende führen, wenn wir ihn nur machen lassen.
Amen. Und Frohe Pfingsten!
Liebe Gemeinde, ganz besonders: liebe Konfirmand/innen,
ein Rucksack steht da vorne am Altar. Der soll mir heute beim Predigen helfen. Diesen Rucksack habe ich immer dabei, wenn ich in die Berge gehe, und da ist alles drinnen, was ich so brauche für meine Touren.
Auch unser eigenes Leben ist so ein Weg; 13, 14 Jahre Lebens-Weg habt ihr hinter euch, hoffentlich liegen viele Jahre noch vor euch. Auf die ganz unterschiedlichen Wege müsst ihr auch einiges mitnehmen, und jetzt komme ich zum Rucksack. Was ich da mitnehme, das erinnert mich auch an einiges, was wir Christen-Menschen für unseren Lebensweg brauchen. Ich fange mal an, ihn zu packen:
Da habe ich zuallererst meine Bergschuhe und ein Seil. Die Schuhe geben mir Halt in schwierigem Gelände und an Felsen, so wie mir auch mein Glaube Halt gibt, gerade in schwierigen Zeiten. Und so wie niemand in Flip-Flops in die Berge gehen sollte, wird es auch schwierig mit dem Halt, wenn wir ohne Glauben durch unser Leben gehen wollen. Und das Gleiche gilt für das Seil. Das ist so stabil, da könnte ich zwei ausgewachsene Rindviecher dranhängen, es würde nicht reißen. Ich will jetzt nicht umrechnen, wie viele Konfirmanden zwei Rindviechern entsprechen – das Seil würde uns alle auf einmal halten. Beim Klettern kann ich mich zwar nicht am Seil hochziehen, aber ich weiß: es hält mich, wenn ich falle. Das ist beruhigend, weil es sonst Hunderte Meter in die Tiefe ginge. Mich erinnert das Seil daran: Was auch geschieht, Gott wird mich nicht fallen lassen.
Das zweite, was in den Rucksack kommt, sind Karte und Kompass. Denn manchmal kennt man sich nicht mehr aus, wenn plötzlich Nebel aufkommt. Mit Karte und Kompass kann ich dann aber zwei wichtige Fragen klären: Wo bin ich gerade? Und: Wo will ich hin? Das hat mir in den Bergen schon oft in gefährlichen Momenten geholfen. Auch ihr werdet in eurem Leben oft nach dem Weiterweg suchen, müsst entscheiden im Blick auf den Beruf, die Partnerschaft, euren weiteren Lebensweg, auch da gibt es einen Kompass: Gottes Gebote, die ihr uns vor zwei Wochen so toll vorgestellt habt, die helfen uns, die Richtung zu halten. Und wo wir trotzdem nicht mehr weiter wissen, da hilft es oft, wenn wir die Hände falten und beten: „Zeige mir, Herr, deinen Weg!“ Manchmal hebt Gott dann den Nebel weg, so dass wir plötzlich klar erkennen, wo es lang geht.
In den Rucksack kommt auch diese Jacke. Die hält warm. Auskühlen am Berg kann tödlich sein. Oft wird es auch in unserem Leben kalt, da ziehen sich Menschen zurück, da denken wir „Alle sind gegen mich.“ Einer aber lässt uns immer Wärme und Liebe spüren: der, auf dessen Namen wir getauft sind. Auch wenn sich jemand gegen euch stellt: Gott steht hinter euch.
Hier habe ich noch einen Helm. Der hat Kratzer, Erinnerungen an Momente des Steinschlags. Auch in unserem Leben gibt es ab und zu eins auf die Mütze. Oft durch Menschen, die uns Böses wollen. Wir können ihnen nicht immer aus dem Weg gehen, aber wir dürfen Gott bitten: „Beschütze mich, wenn mir dieser Menschen begegnet.“
Verpflegung brauche ich auch. Unsere Verpflegung als Christen ist Gottes Wort, das macht satt , weil Gottes deutlich Ja zu uns Menschen sagt; von unserer Geburt an bis zu dem Tag, da unser Leben endet, lässt Gott uns seine Liebe spüren.
Einen Schlafsack nehme ich auch mit. In Bergen wird man müde und braucht Erholung. Auch in unserem Leben ist Ruhe wichtig. Wir müssen nicht immer nur schaffen, wir sollen auch ausspannen. Das sage ich nicht, damit ihr euch ab morgen von jeder Hausarbeit drückt; ich sage es im Blick auf später. Zu viele Menschen sterben durch den Stress in ihrem Leben. Und das ist nicht Gottes Wille.
Ich habe noch etwas dabei: meinen Gipfelschnaps. Und der schmeckt! Dieser Schnaps (den man erst mit 18 trinken darf), ist ein Symbol für die Genüsse in unserem Leben. Viele Menschen meinen, Christsein hat zu tun mit Verzicht – so ein Quatsch! Als Christ zu leben, eines von Gottes Kindern zu sein, das macht mich froh, und deshalb bin ich fröhlich, darf lachen und tanzen und Witze machen, ja, ich darf mein Leben genießen, selbst Jesus hat das ab und zu getan! Nicht jede Stunde unseres Lebens muss Sinn haben – sonst dürften wir weder spielen noch Sport treiben noch zocken usw. Wir dürfen unser Leben genießen, so lange wir nicht vergessen, dass wir auch Verantwortung haben, gegenüber unseren Mitmenschen und Gott.
Jetzt ist der Rucksack voll mit Dingen, die ihr selbst reintuen könnt. Aber in den Rucksack eurer Lebensreise haben auch eure Eltern schon einiges reingepackt: Gaben, die sie euch vererbt haben; die Liebe, mit der sie euch aufwachsen ließen; die Geduld, die sie mit euch hatten/haben; die Zeit, die sie euch schenken; die Werte, die sie euch vermittelt haben; und vieles mehr. Grund genug für euch, an einem Tag wie diesem auch einmal danke zu sagen – euren Eltern genauso wie Gott!
Denn auch Gott hat einiges hineingelegt in diesen Rucksack: euer Leben selbst, eure Begabungen, viele Momente des Glücks und noch einiges mehr.
In manchen Rucksäcken liegt auch Schweres: Traurigkeiten, Sorgen, Tränen und Leid. Manchen legt das Leben viel Schweres auf. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns irgendwann diese Lasten abnimmt, und uns Menschen schickt, die euch helfen, sie zu tragen.
Nun kann einem aber selbst der beste Rucksack eines nicht ersetzen: das Dach über dem Kopf. In den Bergen sind das die Schutzhütten. Dort bin ich sicher, dort ist alles gut. Solche Schutzräume habt ihr alle auch: zuerst euer Elternhaus. In eurem Elternhaus seid ihr sicher, dort ist euer Leben lang Platz für euch. Ein anderer Schutzraum ist unsere Kirche. Hier, im Kirchenraum wie in der Kirchengemeinde, hier seid ihr sicher. Hier wurde euch bei eurer Taufe Gottes Schutz und Segen versprochen; hier werdet ihr immer Worte hören, die zum Leben helfen; hier seid ihr immer willkommen, denn hier gehört ihr her.
Hier feiern wir heute auch eure Konfirmation und bitten Gott darum, dass er den Rucksack eures Lebens mit dem füllt, was ihr braucht: mit Liebe, mit Glaube und mit Segen für eure Lebensreise.
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Ostergeschichte beginnt mit den Frauen, die sich mutig auf den Weg gemacht haben, angetrieben von der Hoffnung, dass es das noch nicht gewesen sein konnte. Zwei Tage hatten sie sich, wie die Jünger, ängstlich eingeschlossen - aber nun gingen sie hinaus, dorthin, wo sie Jesus begraben hatten.
Gott sei Dank sind sie nicht im geschlossenen Raum geblieben! Gott sei Dank haben sie sich auf den Weg gemacht! Sonst hätte es das erste Osterfest nicht gegeben. Denn wer hätte das leere Grab entdeckt? Wem hätte der Engel die Osterbotschaft überbringen, wer hätte sie weitersagen sollen - die Botschaft: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden”?
Nun war die Auferstehung kein einmaliges Ereignis. Denn dann würden wir heute feiern, dass Gott EINEN von den Toten auferweckt hat. Aber Auferstehung hat nicht nur mit Jesus zu tun, sondern auch mit Ihnen, mit euch, mit mir, mit uns allen!
Uns ist nämlich der gleiche Weg versprochen. Auch unser leiblicher Tod wird nicht das Ende sein, sondern eine Zwischenstation, nach der Gott uns ein neues, unzerstörbares Leben schenken wird. Auch für uns wird dann Wirklichkeit, was wir von Christus bekennen: “auferstanden von den Toten”.
Das ist aber noch nicht alles. Die Auferstehung hat nicht nur mit unserem Leben nach dem Tod zu tun. Sie kann schon hier die tragende Rolle für unser Leben spielen. Und auch da werden die zwei Frauen für uns zu Vorbildern: Denn sie selbst erstehen auf aus ihrer Traurigkeit, können den engen Horizont ihrer Hoffnungslosigkeit verlassen und finden den Mut zu neuen Wegen. An diesem Punkt sind sie uns ganz nahe.
Denn wir erleben manchmal Ähnliches. Auch wir erleben Phasen, in denen wir eingeschlossen sind in eine Mauer aus Traurigkeit, Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Auch wir kennen Zeiten, in denen wir einfach nicht mehr können, weil wir keine Kraft mehr spüren und uns nicht mehr wehren können gegen die schweren Gedanken, die sich auf uns legen. Da geht es uns wie denen, die sich nach der Kreuzigung Jesu verborgen hatten.
Eingeschlossen in enge Mauern, so findet Gott uns dann vor. Aber Gott will nicht, dass wir in diesen Mauern bleiben. Gott will, dass wir dasselbe tun wie jene Frauen: dass wir die Enge all dessen verlassen, was uns das Leben schwermacht.
Das Osterfest lädt uns ein: Geh hinaus! Gott wartet auch auf dich. Lass dir Flügel geben, erhebe dich aus deinen Beschwernissen, aus deinen Traurigkeiten, aus deinen Enttäuschungen! Geh hinaus! Hab den Mut, auf Gott zu vertrauen! DEIN Gott will, dass du dein Leben - auch wo es notvoll ist - als sein Geschenk annehmen und dich daran erfreuen kannst. Mache es wie jene Frauen damals, nimm deinen Mut zusammen und geh hinaus!
Das klingt einfach. Aber: WIR müssen den ersten Schritt selbst gehen. Doch wir können ihn auch gehen. Weil es ein Schritt ist, auf dem Gottes Segen und Kraft uns begleitet.
Diese zwei wichtigen Worte halten wir fest: “GEH HINAUS!” Das, und nichts anderes, ist die Osterbotschaft. Osterbotschaften hören wir in diesen Tagen viele: Anspruchsvolle wie die des Papstes. Oder oberflächliche wie das, was per WhatsApp die Runde macht. Aber die Osterbotschaft ist mehr als “Frohe Ostern!”. Sie wird fassbar, wenn sie unsere Lebenswirklichkeit trifft. Dann ist sie eine Botschaft mitten hinein in das Leben vieler Menschen. Einige Beispiele:
Die Botschaft an die traurigen Menschen unter uns heißt: Geh hinaus! Da, wo du nicht mehr weiter weißt, da, wo du meinst, jetzt ist alles zu Ende, da gibt es noch einen Weiterweg. Lass dich nicht zum Gefangenen deiner Traurigkeit machen. Traue Gott zu, dass er dich wieder lachen lässt.
Die Botschaft an die von Sorge Gequälten heißt: Geh hinaus! Schon viel zu lange wohnst die Sorge unter deinem Dach. Lass dich nicht lähmen, lade sie bei Gott ab. Er sorgt für dich!
Die Botschaft an die Kaputten heißt: Geh hinaus! Rede dir nicht ein und lass es dir nicht einreden, du seist am Ende. Sondern steh auf, mach einen einzigen Schritt und merke, wie du wieder durchzuatmen beginnst, weil Gott dir neue Kraft schenkt.
Die Botschaft an die Zerstrittenen heißt: Geh hinaus aus deinem engen Haus, das gemauert ist aus den Steinen von Zorn und bösen Gedanken. Lass nicht zu, dass ein Streit eine Grenze zieht zwischen dir und anderen. Reiß die Mauer ein, gehe den einen Schritt auf den anderen zu, vielleicht kommt er dir entgegen.
Nicht zuletzt wendet sich die Botschaft an die Kriegsparteien überall auf der Erde. Ihnen gilt Jesu erster Ostergruß: “Friede sei mit euch! Kommt heraus aus den Mauern von Hass und Gewalt - wendet euch dem Leben zu, wendet euch den Menschen zu, für die ihr durch euer Amt verantwortlich seid - bei dem es keine Rolle spielt, ob ihr in dieses Amt durch Wahl oder durch Betrug oder durch Gewalt gekommen seid. Ihr habt Verantwortung - Verantwortung für das Leben!
Die Osterbotschaft lädt uns und jeden Menschen ein zu Schritten ins neue Leben. Und wenn wir es wollen, kann dieses neue Leben heute schon beginnen.
Amen.
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie Jesus dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu.
Aber die Oberen spotteten und sprachen: „Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“
Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“
(aus Lukas 23)
Liebe Gemeinde,
noch mehr als die anderen Evangelisten geht es Lukas um die Menschen, die bei der Kreuzigung dabei sind: die Soldaten; die beiden Verbrecher; Jesu Bekannte; das Volk; der römische Hauptmann. Auf unterschiedliche Weise haben sie mit der Kreuzigung zu tun; entsprechend unterschiedlich reagieren sie auf das, was sich vor ihren Augen abspielt:
Da sind zum einen die, die Jesus verspotten. Etwa die Soldaten: “Hilf dir selbst!” spotten sie. Sie begreifen nicht, was da geschieht, es interessiert sie auch nicht. Sie sind Erfüllungsgehilfen, sie tun, was sie für ihre Pflicht halten. Auch die Oberen des Volkes wohnen der Kreuzigung bei. Voller Ironie sagen sie: “Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen.” Wahrscheinlich begreifen sie nicht, dass sie in diesem Augenblick Gott lästern. Auch einer der beiden Verbrecher fordert Jesus voll Spott auf: “Bist du nicht der Christus? Dann hilf dir und uns selbst!”
Aber auch andere Worte sind zu hören. Der zweite Verbrecher begreift, wer Jesus ist. Er weist nicht nur den ersten zurecht, sondern bekennt auch seine eigene Schuld. Und an Jesus hat er nur eine Bitte: “Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.” Auf dieses Glaubensbekenntnis antwortet nun Jesus: “Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!” So kommt ein Mensch im letzten Moment seines Lebens zum Glauben. Er ist nicht der einzige, der unter dem Kreuz, ausgerechnet da, wo alles vorbei zu sein scheint, zum Glauben findet. Dem Volk, das dabei steht, geht es genauso: Sie, die nur als Gaffer gekommen waren, kehren nun überwältigt von dem Erlebten um. Sie haben begriffen, dass da kein Verbrecher hingerichtet, sondern dass da Geschichte geschrieben wird, und zwar das traurigste Kapitel in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Und noch einer findet unter dem Kreuz zum Glauben: der römische Hauptmann, der die Hinrichtung zu leiten hat. In dem Moment, da Jesus stirbt, begreift er, wer da gestorben ist: “Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.” So wird ihm klar, was die Freunde Jesu, die von ferne zusehen, schon lange wissen: Dieser Jesus war Gottes Sohn. Nicht einen Verbrecher, sondern einen Gerechten haben sie gekreuzigt!
Auf diese Weise, liebe Gemeinde, scheiden sich bei der Kreuzigung Jesu die Geister: Die einen glauben nur, was sie da real sehen: Dass einer stirbt, der offensichtlich den Mund zu voll genommen hat. Und entsprechend begleiten sie das Geschehen mit Spott. Aber die anderen - die spüren, dass selbst der Tod dieses gerechten Menschen ein Teil von Gottes Heilsplan mit der Welt und ihren Menschen ist. Unterm Kreuz beginnen Menschen zu glauben; unterm Kreuz wird für sie sichtbar, dass Gott ihnen ganz nahe ist; unterm Kreuz sprechen sie ihre einfachen Glaubensbekenntnisse.
Auf diese Weise entsteht gerade dort, wo alles zu Ende zu sein scheint, etwas Neues, etwas Lebendiges, nämlich die erste christliche Gemeinde. Hier beginnt Gott, sein großes Versprechen zu erfüllen, von dem Jesus immer wieder gepredigt hat: Gott lässt die Welt nicht im Stich, sondern baut in aller Stille sein neues Reich. Aus den umkehrenden Gaffern und einem ehemaligen Verbrecher, aus den Seinen und den Heiden wird der Auferstandene das neue Gottesvolk schaffen. So steht das Kreuz nicht als Zeichen der Niederlage, sondern als Zeichen des Neuen, das da wachsen wird. Und deshalb ist mit Recht nicht Ostern oder Weihnachten, sondern der heutige Karfreitag unser höchster kirchlicher Feiertag!
Und gleichzeitig birgt dieser höchste Feiertag für uns Christen das größte Problem in sich: nämlich die Tatsache, dass es uns gar nicht leicht fällt, hinter diesem scheinbaren Scheitern Jesu die verborgene Wirklichkeit Gottes zu erkennen.
Die Kreuzigung - sie blieb kein einmaliger Vorgang: Immer neue Kreuze wurden aufgerichtet in der Geschichte der Menschheit: einzelne traurige Schicksale genauso wie das Leid von Tausenden und Millionen. Als eine dunkle Spur zieht sich das Leid durch die Geschichte der Menschheit: angefangen von den blutigen Verfolgungen der ersten Christen über die Inquisition und Glaubenskriege bis zu den Kreuzen dieses Jahrhunderts: den beiden Weltkriegen, dem Holocaust, den Bomben von Hiroshima und Nagasaki, den Hungerkatastrophen und vielem mehr. Und gerade in diesen Tagen und Wochen erleben Menschen in der Ukraine, in Palästina, im Süd-Sudan, in Myanmar und vielen weiteren Ländern Leid in einer unfassbaren Dimension. Leid, das keinen Sinn hat; Leid, das nach Gottes Willen nicht sein darf. Was können wir tun angesichts des Leides anderer Menschen?
Über die gegenwärtigen Kriege lässt sich sicher streiten. Die Frage, was richtig und notwendig ist, lässt sich nicht einfach zu beantworten. Aber:
- wo Worte nicht helfen, dem Leiden von Menschen ein Ende zu machen;
- wo Wegsehen und Weghören den Tod von Tausenden bewirken;
- wo ein Gewissenloser sich am Leid anderer ergötzt;
- wo so Menschen sterben müssen, die genauso unschuldig sind wie Jesus;
dort mag in der Tat der Einsatz von Waffen und Gewalt die gebotene Lösung sein. Doch Krieg darf nicht die endgültige Lösung sein. Frieden und ein Ende des Leides können nur durch Gespräche kommen, und dafür müssen gerade wir Christen beten - und das Unsrige dazu tun.
Ausgehend vom Kreuz Jesu, mahnt uns der Karfreitag, Leid zu lindern und Wege des Friedens zu beschreiten. Vor diese Aufgabe sind wir überall gestellt: dort, wo ein Mensch unter seinen Arbeitsbedingungen leidet genauso wie dort, wo eine Behörde - wie diese Woche hier geschehen - unmenschlich und grausam mit Fremden umgeht. Zwei von leider unzählig vielen Leidenserfahrungen von Mitmenschen. Einmal hat einer gelitten - das ist genug. Diese Botschaft geht vom Kreuz von Golgatha und vom Karfreitag aus.
Aber nicht immer lässt Leid sich vermeiden: Ich denke an trauernde Menschen, an kranke Menschen und an Sterbende; an Menschen, denen das Leben hart zugesetzt hat. Vielleicht gehören einige unter uns selbst dazu. Was können wir tun, wenn uns selbst ein Leid trifft? Manchen hilft es, ihr eigenes Leid auf dem Hintergrund des Geschehens am Kreuz neu zu sehen; manchen hilft es, auch hinter eigenem Leid Gottes verborgene Liebe erkennen. Tatsache ist: Ich muss in eigenem Leid nicht aufgeben, sondern kann darauf bauen, dass jeder Tiefpunkt meines Lebens nur ein Teil der Geschichte Gottes mit mir ist, die bei meiner Geburt beginnt und mit dem Tod noch lange nicht zu Ende ist. Als Beleg dafür steht der Karfreitag: Denn gerade dort, wo alles zu Ende schien, gerade dort hat Gott schon mit dem Neuen, dem Unzerstörbaren begonnen. Das gilt auch heute noch, sogar in unserem eigenen Leben greift Gott mitten im Dunkel ein. Karfreitag - für Gott gibt es kein Ende mit seinen Menschen.
Mit Recht ist dieser Tag unser höchster Feiertag.
Amen.
Liebe Gemeinde,
in vielen Kirchen und auch in vielen Museen finden wir Bilder vom Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Die meisten Darstellungen des Abendmahls haben eins gemeinsam: Sie zeigen immer die traurigen Jünger und den tröstenden, gütig, fast väterlich dreinschauenden Jesus. So nimmt der Gründonnerstag oft die Traurigkeit der Jünger in den Blick. Aber heute Abend will ich Jesus in den Mittelpunkt rücken.
Wie es Jesus gegangen ist bei diesem ersten und letzten Abendmahl, sagt die Bibel nicht. Aber sie erzählt uns, dass Jesus nach dem Abendmahl in den Garten Gethsemane gegangen ist. Dort hat er Gott sein Herz ausgeschüttet, hat zu ihm gebetet, ihm seine Ängste geklagt und hat gefleht: "Vater, ist es möglich, dann lass diesen Kelch an mir vorüber gehen."
Von alledem ahnen die Jünger nichts beim Abendmahl. Zu sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt, als dass sie an Jesus denken würden. Sie meinen sicher, dass es gut ist, dass sie nun alle zusammen sind und Jesus Menschen um sich herum hat. - Jesus ist an diesem Abend nicht allein. Er ist umgeben von seinen Jüngern. Jesus ist nicht allein, und ist doch der einsamste von allen. Denn er hat niemanden, der versteht, was in ihm vorgeht.
Nicht allein, und doch einsam. Das darf nicht geschehen. So darf es niemandem gehen, wenn Menschen miteinander das Abendmahl feiern. Auch daran wollte Jesus uns erinnern, als er sagte: "So oft ihr miteinander Abendmahl feiert, tut das zu meinem Gedächtnis."
Wenn wir also gleich zu Jesu Gedächtnis miteinander Abendmahl feiern, dann sollen wir darauf Acht haben, dass es niemandem so geht wie Jesus. Niemand darf mitten unter Menschen und doch einsam sein. Das ist der Wille dessen, dessen Mahl wir heute Abend feiern.
Aber achten wir diesen Willen? Nehmen wir, die miteinander Brot und Wein TEILen, auch AnTEIL aneinander?
Sehen wir in dem Menschen, der neben oder vor oder hinter uns steht beim Abendmahl, sehen wir in diesem Menschen den Bruder, dessen Not uns etwas angeht? Sehen wir idie Schwester, deren Sorge wir mitzutragen haben?
Wahrscheinlich geschieht es viel zu oft, dass hier bei uns jemand zwar Brot empfängt, aber hungert nach dem guten Wort, das er oder sie bräuchte. Und wahrscheinlich geschieht es ebenfalls oft, dass jemand zwar aus dem Kelch trinkt, aber dennoch auch weiterhin Durst verspürt nach einer Geste, die ihm den Mut macht, den er so dringend bräuchte, um sein Leben bewältigen zu können.
Viel zu viele Menschen sind es, die im Abendmahl die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern spüren wollen, aber nur einen Ritus erleben. Und dafür, dass das leider so ist, tragen wir alle ein Stück weit mit Verantwortung.
Darum lasst uns Ernst machen mit dem, worum es heute Abend geht: dass einer durch sein Leiden uns alle verbunden hat zu der einen, großen Familie,
- zu Schwestern und Brüdern, denen es nicht gleichgültig ist, was in ihrem Mitmenschen vorgeht;
- zu Schwestern und Brüdern, die das Ihre dazu tun, dass es auch dem Mitchristen gut geht;
- zu Schwestern und Brüdern, die im Abendmahl Trost erfahren und diesen auch an andere weitergeben.
Segen liegt über allen, die so miteinander Abendmahl feiern. Es ist der Segen Jesu Christi, zu dessen Gedächtnis uns Gott an seinen Tisch geladen hat.
Amen.
Liebe Gemeinde, und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
es sind sicherlich zwiespältige Gefühle, die für Sie mit diesem Tag verbunden sind: Da sind zum einen die Freude über das Wiedersehen mit den Mitkonfirmierten und Dankbarkeit für schöne, gute Jahre, die seither vergangen sind. Aber Sie spüren heute wohl auch Wehmut angesichts der Tatsache, dass diese Zeiten unwiederbringlich vorbei sind; erst recht bei der Erinnerung an Mitkonfirmierte, die diesen Tag nicht mehr erleben dürfen.
Das Sich-Erinnern gehört zu einem solchen Tag unbedingt dazu. Und jeder Jahrgang hat Erinnerungen an die Konfirmation:
1950, liebe Kronjuwelen-Jubilare, wurden Sie von Pfarrer Fath konfirmiert. Sie mussten in Ihrer Konfirmandenzeit viel lernen, und vieles ist Ihnen haften geblieben. Und anlässlich Ihrer Konfirmation hat Ihr Jahrgang (genauer gesagt: die Konfirmandeneltern) die alten silbernen Kerzenleuchter gespendet,– und das in einer Zeit, in der wahrhaft wenig Geld da war.
Nun kommen wir ins Jahr 1965. Da wurden Sie, Diamant-Jubilare, von Pfarrer Wölfle konfirmiert. Der KU fand im Pfarrhaus statt. Ihr Pfarrer hat mit Ihnen gekickt – das ist immer gut. Später auf einer Freizeit am Bodensee hat er sich den Fuß gebrochen – das war dann nicht mehr so gut.
Zwei Jahrgänge aus zwei ganz unterschiedlichen Zeiten – und eine große Gemeinsamkeit: Ihnen allen wurde der gleiche Segen Gottes zugesprochen, hier, in dieser Kirche, und Sie alle wurden hier, an diesem Altar, gestärkt für Ihren Weiterweg durchs Leben, nachdem Sie Ja gesagt hatten zu Ihrem Glauben.
75 bzw. 60 Jahre sind seither vergangen. Ihre Lebenswege sind unterschiedlich verlaufen. Aber was jeder und jede von Ihnen erlebt hat, war die ungemeine Fülle von Entscheidungen, die Sie im Lauf Ihres Lebens dann treffen mussten. Da galt es oft, abzuwägen, zu überlegen, nach der richtigen Entscheidung zu suchen.
Sich zu entscheiden, Entscheidungen überprüfen zu müssen, das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Und vom Prüfen erzählt auch die Jahreslosung Ihres Jubiläumsjahres. Sie steht Neuen Testament im Jakobusbrief und heißt: „Prüft alle Dinge und behaltet das Gute!“
Wege zu prüfen, Entscheidungen zu treffen – manchmal ist das einfach, aber manchmal auch richtig schwer. Und da kommt es ab und zu vor, dass wir trotz allem Prüfen, die falsche Entscheidung treffen. Da passiert es, dass wir Fehler begehen, dass wir Menschen wehtun, ja mitunter Menschen sehr verletzen.
Alle, so wie wir hier sitzen, haben das schon erlebt. Und haben ebenso erlebt, wie unser Gewissen sich meldet; wie wir uns selbst anklagen; wie wir verzweifeln, wenn wir merken, dass wir etwas nicht gut machen können; und wie wir fragen, ob dieser Fehler uns je vergeben werden kann.
Es gibt einen Ausweg: den Blick zum Kreuz. Den Blick zu dem, der unschuldig leiden musste und der auch unsere Sünden mit ans Kreuz genommen hat. Wer Jesus vertraut, wer vor Gottes Angesicht bereut, der und die darf gewiss sein, dass selbst die ärgste Schuld vergeben wird.
Woher ich das weiß? Weil ich es in meiner Konfirmandenzeit gelernt habe. So wie Sie es auch in Ihrer Konfirmandenzeit gelernt haben, vor 75 bzw. 60 Jahren. Wir alle mussten viel lernen, damals war das so, aber wir haben vor allem gelernt, dass Gott seine Menschen liebt und immer wieder neu miteinander beginnt. Diese Gewissheit dürfen wir uns bewahren, und das meint die Jahreslosung mit dem zweiten Teil: „Behaltet das Gute!“
Das Gute – das ist zum Beispiel das Wissen, dass es manchmal im Leben dunkel wird, aber Gott es nicht beim Dunkel belässt. Das Gute ist auch, dass Jesus damals seinen Jüngern und heute auch uns wieder verspricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
„Ich bin dir nahe. Du darfst meinen Segen in deinem Leben spüren und ich bleibe bei dir“, hat Gott jedem und jeder von uns bei der Konfirmation versprochen. Und wir dürfen auf dieses Versprechen antworten und bekennen: „Bis hierher hat mich Gott gebracht voll Gnad und lauter Güte.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
mitten in der Frühlingszeit werden wir heute noch einmal ganz besonders an unsere Vergänglichkeit erinnert. Draußen entdecken wir Frühlingsboten, Forsythien und Osterglocken lenken unsere Gedanken auf das neu erwachende Leben, doch im Gottesdienst erinnern wir uns an die verstorbenen Mitglieder der drei Vereine und an Ihre Verstorbenen, liebe Trauerfamilien.
Der Frühling und die Erinnerung an Sterben und Tod – das passt auf den ersten Blick nur schwer zusammen. Nun stehen wir aber nicht nur im Frühling, sondern auch mitten in der Passionszeit, die uns erinnert, dass Jesus sterben musste, so wie auch wir dem Tod nicht entgehen werden.
Dass der Gott gesandte Retter, der Christus, würde leiden müssen, das war für die Menschen vor 2000 Jahren in Israel etwas Unvorstellbares. Sie erwarteten den Messias als eine souveräne Gestalt, die rettend in das Leben der Menschen eingreifen würde. Und daher wollten sie Jesus ganz besonders nahe sein und mit ihm in Berührung kommen. An dieser Stelle berichtet uns das Johannesevangelium folgendes:
Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um auf dem Fest zu beten. Die baten Philippus: „Wir wollten Jesus gerne sehen.“ Philippus sagte es Andreas, und Philippus und Andreas sagten's Jesus weiter. Jesus aber antwortete: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Da haben diese Menschen also den Wunsch, Jesus zu sehen; zu erkennen, was da dran ist an diesem Jesus. Und jene Menschen von damals sind gar nicht so weit weg von uns. Einen Gott zum Anfassen, wie sehr wünschen wir uns das manchmal! Dieser Wunsch erfüllt sich uns ebenso wenig wie den Menschen damals. Damals sagte Jesus: „Wenn ihr mich verstehen wollt, wenn ihr Gottes Plan mit euch und der Welt begreifen wollt, dann dürft ihr nicht eure Augen oder Hände benutzen. Ihr meint: ‚Es gibt nur das, was ich sehen oder mit Händen greifen kann.‘ Aber es ist anders. Das Entscheidende wächst im Verborgenen.
Und das machte Jesus nun an einem Beispiel deutlich, das seinen Zuhörern damals geläufig war, nämlich am Weizenkorn: „Schaut her“, sagte Jesus, „wenn ein Mensch stirbt, dann meinen wir: Jetzt ist alles aus. Doch lehrt uns nicht die Natur, dass der Tod der Beginn neuen Lebens ist? Denkt an das Weizenkorn: Wird irgendetwas gut, wenn das Weizenkorn ein Korn bleibt? Nein. Das Weizenkorn ist nur die Vorstufe von etwas ganz Anderem. Nur wenn wir das Weizenkorn in die Erde legen, in der es vergeht, nur dann wird Weizen wachsen.“
Liebe Gemeinde, was für ein großartiges Bild für unser Leben hat Jesus da entworfen! Unser Leben auf der Erde, die kostbare Zeit, die wir hier haben, all das ist nur der Vorbote von etwas viel Größerem und Schönerem! Unser irdisches Leben wird vergehen, wir werden sterben, ja, das ist wahr und eine traurige Aussicht, die uns Angst macht. Aber in diese Angst hinein dürfen wir noch an etwas Anderes denken, nämlich daran, dass dieses wunderbare Leben hier nur ein erster Schritt ist – hin zu einem Leben, das kein Ende und keine Traurigkeiten kennt.
Klar, der Tod bleibt, es bleiben die furchtbaren Schmerzen und Traurigkeiten, wenn wir jemanden hergeben müssen, und auch unser eigener Tod bleibt uns nicht erspart. Doch der Tod ist nicht das Letzte, was wir von Gott zu erwarten haben.
Nun will ich nicht nur vom Leben danach reden. Noch leben wir ja, und jeden Morgen schenkt Gott uns einen neuen Tag mit vielen Möglichkeiten, ihn zu leben: mit der Möglichkeit uns zu ärgern oder uns zu freuen, mit der Möglichkeit, ihn zu genießen oder ihn uns von anderen verderben zu lassen, mit der Möglichkeit, ihn einfach zu vertrödeln oder etwas Sinnvolles zu erleben.
Oft, viel zu oft, lassen wir uns den Tag verderben – und dummer Weise schaffen das meist Menschen, die uns absolut unwichtig sind! Manchmal lassen wir uns den Tag auch dadurch verderben, dass wir auf all das blicken, das sich nicht so entwickelt, wie wir es uns erwarten oder erhoffen – irgendwelche Sachen, die uns resigniert sagen lassen: „Es klappt einfach nicht.“
An dieser Stelle enthält Jesu Bild vom Weizenkorn eine tiefe Wahrheit, nämlich: Wo wir denken „Jetzt ist alles aus“, wo wir verzweifeln, weil wir keinerlei Früchte unserer Mühen erkennen, wo wir meinen, jetzt ginge alles den Bach hinunter – dort hat Gott oft schon vieles auf einen guten Weg gebracht; aber nicht so, dass wir es gleich sehen können! Manchmal sieht unser Tun aus wie ein tristes, fruchtloses Ackerfeld. Und da kann uns das Grauen packen. Aber wenn wir näher hingehen, merken wir, dass da und dort unter der harten, unfruchtbaren Oberfläche schon etwas Neues keimt. Und ob wir’s glauben oder nicht, wir dürfen darauf bauen, dass Gott Neues wachsen lässt, Gutes.
Dies, liebe Gemeinde, ist das Geheimnis unseres ganzen Lebens: Wir erleben viele Traurigkeiten; wir müssen Menschen hergeben; es geht viel schief in unserem Leben; vieles ist zum Davonlaufen, und manchmal mag das auch das Sinnvollste sein. Aber eines lasst uns nie vergessen: Was auch immer geschieht, wie dunkel auch immer es um uns oder in uns ist – Gott wird unsere Sache zu einem guten Ende führen, und irgendwann wird uns allen das Leben blühen.
Amen.
Jesus erzählte folgendes Gleichnis:
„Ein Mann legte einen Weinberg an, umgab ihn mit einem Zaun, hob eine Grube zum Keltern des Weins aus und baute einen Wachtturm. Dann verpachtete er den Weinberg und verreiste.
Einige Zeit später schickte er einen Diener zu den Pächtern, um sich von ihnen seinen Anteil am Ertrag des Weinbergs geben zu lassen. Doch die Pächter packten den Diener, verprügelten ihn und jagten ihn fort.
Da schickte der Weinbergbesitzer einen anderen Diener zu ihnen; dem schlugen sie den Kopf blutig.
Danach schickte er einen dritten; den töteten sie. So ging es noch vielen anderen: Die einen wurden verprügelt, die anderen umgebracht.
Schließlich blieb dem Weinbergbesitzer nur noch einer: sein geliebter Sohn. Den schickte er zuletzt auch noch zu ihnen, weil er sich sagte: ›Er ist mein Sohn, vor ihm werden sie Achtung haben.‹
Aber die Pächter sagten zueinander: ›Das ist der Erbe. Kommt, wir bringen ihn um, dann gehört das Erbe uns!‹
Und sie packten ihn, und brachten ihn um warfen ihn zum Weinberg hinaus.“
Danach sagte Jesus: „Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Pächter umbringen, und den Weinberg wird er anderen anvertrauen.“
Liebe Gemeinde,
wir haben gerade ein Gleichnis Jesu gehört, das ziemlich unbekannt ist und das auch jahrhundertelang verheerend falsch ausgelegt wurde. Seinen ursprünglichen Sinn wiederzufinden, darum geht es heute in der Predigt.
Im Konfirmandenunterricht haben wir gelernt, dass Gleichnisse immer von Gott und uns Menschen erzählen. Auch hier ist von Gott die Rede.
Gott wird dargestellt als Weinbergbesitzer. Mit dem Weinberg ist die Erde gemeint. Eines Tages, erzählt das Gleichnis, übergibt der Besitzer seinen Weinberg an Pächter. Von denen erwartet er, dass sie den Weinberg pflegen und Erträge erzielen. Als ein Knecht den ersten Ertrag abholen will, jagen ihn die Pächter davon. Weitere Knechte werden geschlagen oder gar getötet. Danach taucht der Sohn des Besitzers auf. In der Meinung, dass sie dann für immer Ruhe hätten und der Weinberg dann ihnen gehöre, ermorden die Pächter den Sohn.
Lange wurde das Gleichnis so ausgelegt: Die Pächter sind das Volk Israel, die Knechte des Besitzers sind die Propheten und der Sohn ist des Besitzers ist natürlich Jesus. Als Sinn des Gleichnisses wurde dann festgehalten: Die Juden hätten nicht mehr nach Gottes Geboten gelebt; hätten Gottes Boten, die Propheten, misshandelt, manche sogar getötet; und am Ende hätten sie Gottes Sohn umgebracht. Aus diesem Grund wurden Juden jahrhundertelang als „Christusmörder“ beschimpft, mit Folgen, die in Ausschreitungen gegen Juden im Mittelalter begannen und im Holocaust einen furchtbaren Tiefpunkt fanden.
Aber was hatte Jesus mit dem Gleichnis eigentlich gemeint? Er beschrieb hier zwar tatsächlich, wie Gottes Volk immer gottloser wurde und auf Propheten nicht hörte. Jesus sagte mit diesem Gleichnis auch seinen eigenen Tod voraus. Aber er wollte nicht die Israeliten zum Sündenbock für alle machen. Vielmehr hat er eine Geschichte erzählt, die sich bis zum heutigen Tag stets von neuem wiederholt, nämlich dass Gottes Botschaft, Gottes Wille, abgelehnt wird von dieser Welt und ihren Menschen. Und leider lässt sich das bis heute beobachten, dazu einige Beispiele:
Ein Blick in diese Welt zeigt uns: Sie ist fest eingeteilt in drei Viertel Arme und ein Viertel Reiche. Da wir unseren Überfluss für uns behalten, gibt es immer wieder Kriege, in denen die armen Länder um das Wenige kämpfen, was übrig ist. Es müsste anders sein - Gottes Wort fordert uns auf: “Brich mit dem Hungrigen dein Brot.”
Auch in unserem eigenen Land stimmt vieles nicht mehr. Immer zahlreichere extreme Gruppierungen; zusätzlich extremer Reichtum und erschreckende Armut im gleichen Land; die einen haben zu viel Arbeit, andere gar keine; es regieren Gewalt und das Recht des Stärkeren und Lauteren, spätestens auf den Schulhöfen beginnt das und setzt sich an vielen Arbeitsplätzen fort.
Ferner: Was haben wir dem Weinberg alles angetan? Gerodet, ausgebeutet, kaputt gemacht wurde die Schöpfung.
Und dann noch: Wie vielen Menschen bedeutet Gott überhaupt noch etwas? Wie viele Christen sind wir denn noch – nicht auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit? Viele haben aber den Glauben an Gott längst schon ersetzt durch den Glauben an den Menschen als Maß aller Dinge. Der Lebenssinn wird oft nicht mehr darin gesucht, das eigene Leben und den Mitmenschen als Gottes Geschenk wahrzunehmen, sondern darin, für sich selbst möglichst viel und intensiv zu erleben, zu genießen und zu besitzen.
Um mit einem Bild aus unserem Gleichnis zu sprechen: Viele Menschen haben vergessen, dass sie nur Pächter des Weinberges sind, aber nicht Eigentümer. Dabei hat Gott uns unser Leben als Leihgabe überlassen, um diese Welt mitzugestalten und in ihr zu leben - nach seinen Maßstäben und Geboten. Aber wir müssen eingestehen, dass wir mit unserem Leben, unseren Mitmenschen und unserer Welt oft ähnlich umgehen wie die Pächter mit dem Weinberg. Was im Extremfall geschehen kann, wenn die Pächter sich zu Eigentümern aufspielen, erleben wir in diesen Tagen angesichts eines furchtbaren Krieges.
Am Ende des Gleichnisses hat Jesus die Frage gestellt: Was wird der Herr des Weinberges also tun? Die, die ihm zuhörten dachten sicher: Er wird sie davonjagen oder umbringen.
Aber die Antwort lautet: Gott jagt uns nicht aus dem Weinberg. Gott will nicht unser Verderben, sondern die Wende - die Wende zum Guten, zur Liebe. Gottes großes Ziel ist nicht Vergeltung, sondern Vergebung, Versöhnung und Umkehr des gottlosen Menschen. “Reminiscere” heißt dieser Sonntag, auf Deutsch “Gedenke“ - nach den Anfangsworten unseres heutigen Eingangspsalms: „Gedenke, Herr, deiner Barmherzigkeit”;
Gott gedenkt in der Tat an seine Barmherzigkeit! Die Bibel ist ein einziges Zeugnis dessen, wie Gottes Gnade schon immer stärker war als sein Zorn. Denken wir an Gottes Bund mit Noah, dem er neues Leben ermöglichte, anstatt seine ursprüngliche Absicht “Ich will die Erde zerstören” wahrzumachen. Oder denken wir daran, wie Gott sich vor den Toren Sodoms von Abraham herunterhandeln ließ auf zehn Gerechte, um derentwillen er die Stadt verschonen wollte; denken wir an die gesamte Geschichte Israels die das Alte Testament erzählt - immer wieder gab Gott seinem Volk die Chance zum Neubeginn, ja, er wurde selbst einer von uns, um uns zur Wende, zum Guten, zum Neuanfang einzuladen. Dafür wurde Jesus gekreuzigt - und trotzdem hat Gott seine Welt und uns Menschen nicht aufgegeben. Bis heute, für unser persönliches Leben und für unsere orientierungslos gewordene Welt gilt der wichtige Satz aus dem 1.Timotheusbrief: “Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.”
Gottes Gnade, Gottes Liebe ist größer als Gottes Zorn. Um uns daran zu erinnern, ist Gott in Jesus zu uns Menschen gekommen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
es sind beängstigende Zeiten, die seit zwei Monaten angebrochen sind. Nicht genug damit, dass 20% in unserem Land eine rechtsextreme Partei gewählt haben. Dazu kommt noch auf internationaler Ebene, dass viele politischen Sicherheiten, die Teil unseres europäischen Sicherheitssystems waren, zerbrochen sind und immer mehr Menschen zu der Auffassung kommen, dass das schlimmste Unheil für diese Welt nicht aus Moskau oder Peking, sondern aus Washington zu erwarten ist.
Es ist in der Tat unfassbar, dass es einem äußerst primitiven Menschen gelungen ist, binnen ein paar Wochen diese Welt in ihrem Grundfesten zu erschüttern, unterstützt von skrupellosen Gesinnungsgenossen.
Zu den Erschütterten gehören auch wir. Die Medien bringen uns täglich neue Horrormeldungen, die unseren Pessimismus immer weiter verstärken. Und gerade wegen dieser vielen Horrornachrichten will ich uns die folgende, ganz andere Geschichte vorlesen:
Es waren einmal Zwillinge, die glichen sich äußerlich wie ein Ei dem anderen. Ansonsten waren sie aber vollkommen verschieden.
Wenn es dem einen zu kalt war, war es dem anderen zu heiß. Wenn der eine sich über die laute Musik beschwerte, wollte der andere sie noch lauter drehen. Und am auffälligsten war, dass der eine zu jeder Stunde optimistisch und zuversichtlich war, der andere aber immer schlecht gelaunt und pessimistisch gab.
Als sie nun wieder Geburtstag hatten, wollte ihr Vater ein Experiment machen: Er wartete am Vorabend so lange, bis seine Söhne eingeschlafen waren, und machte sich dann heimlich ans Werk.
Er füllte das Zimmer des Pessimisten bis unter die Decke voll mit den schönsten Geschenken: Spielzeug, Sportgeräte, technische Geräte und vieles mehr. Dann ging er in das Zimmer des Optimisten und verteilte dort aber keine Geschenke, sondern legte nur einen stinkenden Haufen Pferdeäpfel ins Zimmer – sonst nichts. Nun war er gespannt, was passieren würde.
Am nächsten Morgen schaute der Vater zuerst ins Zimmer des Pessimisten. Der saß inmitten der ganzen Geschenke am Boden und weinte. Der Vater fragte ihn erstaunt: “Warum weinst du denn? Du hast doch so tolle Geschenke bekommen!”
Der Junge antwortete: “Meine Freunde werden sicher neidisch auf meine Geschenke sein und mögen mich dann nicht mehr. Und dann muss ich doch all diese Gebrauchsanleitungen lesen, bevor ich mit den Geschenken etwas anfangen kann, und für die meisten dieser Spielsachen werde ich ständig neue Batterien brauchen. Ja, und vieles geht sicher gleich wieder kaputt!”
Dann ging der Vater in das Zimmer des optimistischen Zwillings. Dieser lachte und schien sich offensichtlich sehr zu freuen und hüpfte vor Freude um die Pferdeäpfel herum.
“Warum bist du denn so fröhlich?” fragte der Vater. Der Junge antwortete: „Ja, siehst du nicht die Pferdeäpfel hier in meinem Zimmer? Das bedeutet, dass irgendwo im Haus ein Pony sein muss!”
Liebe Gemeinde, das letzte, was wir verlieren dürfen, ist unsere Hoffnung auf neue und bessere Zustände. Was wir aber nicht vergessen sollten: Manchmal braucht es unser eigenes Dazutun, unsere eigene Zuversicht und Mut. Dass uns all dies erhalten bleibt, das schenke uns Gott. Und dieser Gott vermag auch den mächtigsten Mann der Welt in seine Schranken zu verweisen, ob wir‘s glauben oder nicht.
Amen.
Liebe Gemeinde,
in der Schriftlesung haben wir das Gleichnis Jesu vom Weinbergbesitzer gehört – es sagt uns: Gottes Maßstäbe sind ganz anders als die von uns Menschen. Im Konfirmandenunterricht haben manche gesagt: „Es ist unfair, wenn alle das gleiche bekommen, auch die, die so wenig dazu geschafft haben.“ Und wir haben gemerkt, dass ein Satz, der so gerne zitiert wird, sehr fragwürdig ist – nämlich der Satz: „Vor Gott sind alle Menschen gleich.“
Zumal nirgendwo in der Bibel steht, dass wir vor Gott alle gleich sind. Gleich haben wir nur, dass Gott uns liebt. Ansonsten schaut Gott genau hin – niemand kann Gott etwas vormachen, Gott lässt sich nicht täuschen.
Gott schaut genau hin – darum geht es auch bei einem Geschehen, das rund 3000 Jahren her ist und von dem das 1. Samuelbuch erzählt. Da hat Gott den Priester Samuel beauftragt, einen König für Israel zu berufen und schickt Samuel dann zu einem Mann namens Isai und seinen Söhnen. Wir lassen die Bibel erzählen:
Als Isai und seine Söhne vor Samuel standen, fiel Samuels Blick sofort auf Eliab, und er dachte: "Das ist bestimmt der, den der Herr als König ausgesucht hat."
Doch der Herr sagte zu ihm: "Lass dich von seinem Aussehen und von seiner Größe nicht beeindrucken. Er ist es nicht. Denn ich urteile nach anderen Maßstäben als die Menschen. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber schaut das Herz an.“
Und so ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorbeigehen. Zuletzt sagte Samuel zu Isai: "Der Herr hat keinen von ihnen auserwählt. Aber sind das wirklich alle deine Söhne?" "Nein, der jüngste fehlt noch", antwortete Isai. "Er ist auf den Feldern und hütet unsere Schafe und Ziegen." Da forderte Samuel ihn auf: "Lass ihn sofort herholen!" - So ließ Isai David holen. "Das ist er", sagte Gott zu Samuel, "salbe ihn zum König!" Da salbte Samuel David zum König.
Bestimmt waren Davids Brüder überrascht: Ausgerechnet der Jüngste, der Schwächste – der soll König werden. Vielleicht war der eine oder andere auch sauer, enttäuscht: Warum der – und nicht ich? Vielleicht fragten manche auch: „Warum kann Gott mich nicht brauchen?“
Und das ist eine wirklich gute Frage: „Was für Menschen kann Gott brauchen? Wer ist brauchbar für Gott?“ Die Frage ist schon deshalb gut, weil wir gewöhnlich uns selbst und Andere nach dem beurteilen, was wir können und wir von uns zeigen. Da gibt es ganz aktuelle Beispiele:
Vor gut einer Woche habt ihr Zeugnisse bekommen. Da steht, was ihr in welchen Fächern könnt und was nicht.
Oder bei Germanys Next Top Model – da entscheidet, was du von dir zeigst und wie du dich präsentierst.
Oder bei Beurteilungen am Arbeitsplatz – da geht es um Auftreten, um Wissen, um Können.
Überall werden wir bewertet und beurteilt, und wer gut ist, hat die Nase vorne.
Aber ob aus all diesen Beurteilungen geht nicht hervor, ob derjenige oder diejenige ein für Gott brauchbarer Mensch ist oder nicht. Ob eine Englisch blickt oder nicht; ob einer ein Sport-Ass ist oder nicht; ob eine X-Beine hat oder dünne Stecken; ob einer seine Arbeit effektiv erledigt oder eher umständlich ans Werk geht – das alles interessiert Gott nicht. Was entscheidend ist, hat Gott in einem einzigen Satz gesagt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber schaut das Herz an.“
Von David erzählt die Bibel, dass sein Herz ungeteilt bei Gott war; dass er sich Gottes Willen gefügt hat. Aber David war kein fehlerloser Mensch, im Gegenteil: Er hat später einen Mann umgebracht, um einen Ehebruch zu verheimlichen. David war kein Heiliger. Doch er hat die falschen Wege seines Lebens eingesehen, Gott um Vergebung gebeten – und Gott hat ihm vergeben. Denn Gott braucht keine Heiligen, die gibt es nämlich nicht unter uns Menschen, und je größer der Heiligenschein ist, den einer vor sich herträgt, desto wahrscheinlicher ist es, dass der sich als Scheinheiligen-Schein entpuppt. Gott braucht keine Heiligen - Gott braucht Menschen, deren Herz für Gott schlägt.
Das Herz, liebe Gemeinde, ist ein Sinnbild für das, was uns antreibt und was uns am Laufen hält; und gleichzeitig ein Sinnbild für das, was uns wirklich wichtig ist. Wofür schlägt unser Herz? „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott“ – dieser Satz von Martin Luther ist so unendlich wahr!
Wofür schlägt dein Herz? Ist da Raum für Gott? Ist da noch Raum für ein anderes Wort als für „ich“ und „ich will“? Ist da Raum für den Mitmenschen? Ist da Raum, Ja zu sagen, wenn es gilt, auch einmal hinzustehen und für Gottes Willen einzutreten, selbst wo es uns Sympathien kostet?
Nur Jesus hat das jemals geschafft – der perfekte Mensch; der, der Gottes Willen ganz in sein Herz gelassen hat. Und da könnten wir jetzt natürlich sagen: „Ja, was soll dann ich kleiner Mensch bewirken können, mit meinen Schwächen, mit meinen Unzulänglichkeiten?“
Gerade wegen dieses Einwandes gefällt mir diese Geschichte mit David so gut. Denn David war keinen Deut besser als wir. Doch Davids Geschichte zeigt uns: Gott erwählt auch das Schwache, Unscheinbare. Und aus allem kann Gott Großes machen. Durch jeden Menschen, selbst durch die graueste Maus, kann Gott Wunderbares, Großartiges wirken.
Die einzige Voraussetzung, die wir mitbringen müssen, ist ein Herz, das mit Gott rechnet; ein Herz, das offen ist für Gott; ein Herz, das Raum lässt für Gottes Mitwirken und nicht sagt: „Ich kann es allein“; ein Herz, das nicht alles plant, sondern Raum für Unerwartetes lässt. Menschen, die sich auch mal von Gott überraschen lassen, die sind ein Segen für die Welt.
In dieser Welt gibt es viel, viel zu tun – und dafür kann Gott uns alle brauchen, selbst wenn wir noch so oft so vieles verkehrt machen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
in der Lesung haben wir von der Not des Apostels Paulus gehört, aus der ihn Gott errettet hat. Auch bei uns gibt es Momente, in denen wir sagen „Jetzt hilft nur noch ein Wunder“: Wenn etwa jemand schwer krank ist; oder wenn eine Familie kein Geld mehr für die Stromrechnung hat; oder wenn ihr vor einer Mathearbeit den Stoff nicht kapiert; da ist die Lage so verzweifelt, dass man auf ein Wunder hofft. Von einem ganz anderen Wunder erzählt die folgende Geschichte aus dem Markus-Evangelium:
Als es Abend wurde, sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wir wollen auf die andere Seite des Sees fahren.« So stiegen die Jünger zu Jesus ins Boot und fuhren los.
Doch bald darauf kam ein heftiger Sturm, hohe Wellen schlugen ins Boot, und es lief fast ganz voll Wasser. Jesus aber schlief hinten im Boot. In ihrer Verzweiflung weckten sie ihn und riefen: »Meister, macht es dir denn gar nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus erwachte, bedrohte den Wind und befahl dem Wasser: »Schweig! Sei still!« Sogleich legte sich der Wind, und es herrschte tiefe Stille.
Und er fragte die Jünger: »Warum seid ihr so ängstlich? Habt ihr immer noch keinen Glauben?« Voll Furcht sagten sie zueinander: »Wer ist dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?«
Wie Jesus das geschafft hat, liebe Gemeinde, weiß ich nicht. Aber ich verstehe die Botschaft dieser Geschichte: “Wenn ihr Jesus mit im Boot habt, müsst ihr vor nichts Angst haben. Und wenn die Welt um euch herum noch so tobt - fürchtet euch nicht, das Schiff kann nicht untergehen, wenn Jesus mit an Bord ist.”
Auch in unserem Leben ist „Jesus mit an Bord“. Er hat bei unserer Taufe versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“. Damals ist er eingestiegen in unser Lebens-Boot. Als Begleiter, nicht als Kapitän des Bootes - unser Lebensschiff zu führen, ist unsere eigene Aufgabe. Es wäre auch langweilig, wenn wir unser ganzes Leben nur geführt würden. Nein, Jesus traut uns schon was zu. Und so führen wir unser Lebens-Schiff auf dem Strom der Zeiten, meist ganz unspektakulär.
Aber manchmal passiert etwas, das unser Lebens-Schiff ins Wanken bringt. Da erleben wir Krisen, wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll – und sind auf einmal mittendrin im Sturm.
In solchen Momenten brauchen wir Hilfe. Wie damals die Jünger: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ schrien sie. Und Jesus fragte die Jünger: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Jesus hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, sondern eher erstaunt.
„Ich bin doch bei euch. Warum habt ihr dann noch Angst?“ Jesu Frage gilt auch, wenn über uns die Stürme des Lebens hereinbrechen. Nun sagt sich das in ruhigen Zeiten leicht: „Wir müssen keine Angst haben.“ Aber wenn jemand einmal erlebt, wie es so richtig hart kommt, wie er in seiner Not hin- und hergeworfen wird, da sagt sich das nicht mehr so leicht. Jesus bewahrt uns also nicht davor, dass wir in Stürme geraten. Aber er hilft, sie zu überstehen.
„Freunde, ich bin bei euch. Warum habt ihr dann noch Angst?“ Auch für die Kirche gilt das. In den letzten 40 Jahren bläst der Kirche der Wind derart ins Gesicht, dass das Kirchenschiff, das jahrhundertelang ruhig durch das Meer der Zeit fuhr, nun gewaltig schwankt. Viele haben der Kirche den Rücken gekehrt, andere werden es noch tun, wieder andere betrachten Kirche nur als Service, den man ab und an bemüht.
Was heißt in dieser Lage Gottvertrauen? Die Geschichte vom Sturm auf dem See fordert uns auf, uns zu entscheiden:
Möglichkeit eins: Wir Menschen wollen das Schiff Kirche selbst auf Kurs halten. Dann werden wir uns erschöpfen im Kampf gegen die Wellen. Wir werden versuchen, den Wellen auszuweichen, und dabei ganz vom Kurs abkommen. Irgendwann finden wir uns in ruhigeren Gewässern wieder, sind aber irgendwo gelandet, wo wir gar nicht hinwollten. Was ich mit diesem Bild sagen will, ist: Wo uns Widerstand begegnet, liegt die Versuchung nahe, uns entweder dem Wind anzupassen, um ‘in’ zu sein, oder uns zurückzuziehen in den kleinen Bereich. Dann können wir zwar gut leben, aber wir haben die Kirche der Beliebigkeit preisgegeben.
Die zweite Möglichkeit sieht so aus: Ich nehme das Bild von der Kirche als Schiff ernst, dem Jesus die Richtung vorgegeben hat. Dann können wir uns darauf verlassen, dass Wind und Wellen dem Boot nichts anhaben können. Natürlich ist das unbequem, wenn die Wellen dagegen hauen. Natürlich ist es unbequem, wenn wir Christen hinterfragt werden, wenn uns Menschen auslachen oder wenn wir bei anderen auf Ablehnung stoßen. Aber wenn Jesus mit im Boot sitzt, wird er es auch dann über Wasser halten, wenn der Sturm bläst.
Unsere Aufgabe besteht dann auch darin, darauf zu achten, dass wir das Schiff nicht ablenken vom Kurs. Oft denke ich, dass zu viel in der Kirche angeboten wird, das absolut nichts zu tun hat mit dem Kurs, den Jesus für das Schiff Kirche vorgegeben hat. Nur, um es allen recht zu machen, nur um für alle offen zu sein, darf die Kirche und dürfen wir als Gemeinde noch lange nicht alles anbieten. “Hauptsache, wir haben viele mit an Bord”, sagen einige; “Hauptsache, es ist was los,” sagen andere. Aber Jesus hat das nicht so gesehen.
Vielleicht sollten wir weniger über die Kirche nachdenken als über den, der sie lenkt. Vielleicht sollten wir weniger Angst vor der gottlosen Welt haben und mehr auf Gott vertrauen. Vielleicht sollten wir weniger klagen und stattdessen fröhlicher darüber sein, dass Jesus uns mit an Bord genommen hat. Vielleicht sollten wir - ganz einfach - ein wenig mehr auf Jesus vertrauen, mehr nicht.
Amen.
Und Mose sprach zu Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“
Gott antwortete: „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen. Aber mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“
Und der HERR sprach weiter: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“
(aus 2. Mose 33)
Liebe Gemeinde,
die geheimnisvolle Geschichte von der Begegnung zwischen Gott und Mose, die wir in der Schriftlesung gehört haben, führt uns um etwa 3500 Jahre zurück.
Mose und die Israeliten hatten Gottes Eingreifen erlebt - beim Auszug aus der Sklaverei, bei der Errettung vor den Ägyptern am Schilfmeer und auf dem Weg durch die Wüste - aber das war Mose zu wenig. Er wollte Gott SEHEN.
In den Wunsch des Mose können wir uns vielleicht ganz gut hineinversetzen. Wir sind wahrscheinlich nicht viel anders als Mose. Gut, wir haben unseren Glauben, wir sind, wenn wir beten, im Gespräch mit Gott, wir vertrauen auf Gottes Nähe - aber oft ist da ja auch noch ein Rest Zweifel, der - bewusst oder unbewusst - diesen Wunsch auch in uns aufkommen lässt: Ich würde Gott so gerne sehen. Dann fiele es leichter, an Gott zu glauben, in diesem Glauben zu leben und auch einmal schwere Wege zu gehen.
Wahrscheinlich würden wir Gott deshalb so gerne einmal sehen, weil Sehen unser Leben bestimmt: Deshalb halten wir alle gerne wichtige Momente in Bildern fest: Geburtstag, Hochzeit, Taufe, das neue Auto, die ersten Schritte des Kindes, die Einschulung. Wir denken wohl: Was ich gefilmt oder fotografiert habe, gehört mir, das nimmt mir niemand weg. Mir ging das so vor vielen Jahren am ersten Tag unserer Safari. Ständig habe ich gefilmt, bis mir klar wurde: Ich bekomme all das ja gar nicht live mit. Wenn ich so weiter mache, wird der Urlaub zur Videokonserve.
Nichts gegen unseren Wunsch, Wichtiges in Bildern festzuhalten. Aber manches lässt sich eben nicht festhalten.
Ähnlich ist das mit Gott, denke ich. Wir können Gott nicht sehen, sondern “nur” an ihn glauben. Das fällt oft schwer - das Glauben ohne Sehen, das “blinde” Vertrauen. Und weil wir in einer Zeit leben, in der viele denken: “Ich glaube nur, was ich mit meinen eigenen Augen sehe”, ist es für sie schwierig, an Gott zu glauben.
Auch Mose wollte den sichtbaren Beweis. Später erfüllte sich, was Gott versprochen hatte: Mose sah Gott, als er an ihm vorübergegangen war, sagt die Bibel.
Gott erfüllte Mose diese Bitte also - aber anders, als der sich das vorgestellt hatte. Mose wollte Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, aber Gott sagte zu ihm: “Du darfst hinter mir her sehen.” “Hinter mir her sehen”, das meint: Gott wird für uns Menschen immer erst im Nachhinein erkennbar. Niemals können wir sagen: “Hier IST Gott.” Aber im Nachhinein können wir manchmal schon feststellen: Hier war Gott am Werk, hier hat Gott mich berührt, hier habe ich Kraft von Gott empfangen, hier hat Gott mich an seine Hand genommen, hier hat Gott alles zum Guten gewendet. Diese Gotteserfahrungen im Rückblick habe ich oft erlebt: auf Bergtouren, bei beruflichen und privaten Entscheidungen, an Krankenbetten von Gemeindegliedern, überall. Aber niemals hätte ich mitten in dieser Situation daran gedacht: Jetzt ist mir Gott ganz nahe. Ich habe immer erst im Nachhinein zu ahnen begonnen: „Da war Gott jetzt ganz nahe dabei.“
Gottes Nähe im Nachhinein wahrnehmen – da denke ich heute ganz besonders an Sie, liebe Angehörige von Luise Schmidt und Waltraud Walter. Ich wünsche Ihnen, dass Sie beim Erinnern an Ihre Verstorbene Punkte entdecken, von denen Sie sagen können: „Ja, an dieser und an dieser Stelle war Gott unserer Verstorbenen ganz nahe.“ Und vielleicht können Sie auch sagen: „Am nächsten ist Gott unserer Verstorbenen jetzt, wo er sie zu sich geholt hat.“
Gotteserfahrungen – sie können so unterschiedlich sein - ich hoffe, dass Sie und ihr alle schon Vergleichbares erlebt habt. Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden wünsche ich es ganz besonders, dass ihr Gott erlebt und erfahrt – und wenn das nicht jetzt ist, macht es nichts, denn Gott hat da euer Leben lang Zeit.
So verbindet uns eines über alle Altersgrenzen hinweg: Wir alle könnten leichter an Gott glauben, wenn wir ihn ab und zu sehen würden. Dass wir da manchmal zweifeln, das ist nicht verboten. Aber gleichzeitig dürfen wir auch damit rechnen, dass Gott sich ab und zu in unserem Leben zeigt. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern manchmal in einem Menschen, der uns hilft; manchmal in dem, der unsere Hilfe braucht; und ganz oft erkennen wir Gottes Nähe im Nachhinein, wenn wir auf unerklärliche Weise wieder Auftrieb bekommen. Unser Verstand vertraut dem Auge, aber mehr noch dürfen wir Gottes unsichtbarer Liebe vertrauen. Und die zeigt sich öfter in unserem Leben als unser Verstand sich das vorstellen kann.
Amen.
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie,
Theo bekommt den beliebtesten Taufspruch überhaupt. Der steht im 91. Psalm und heißt: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Auf allen deinen Wegen – wir hoffen und beten, dass es gute Wege sind, die Theo beschreiten wird. Er ist jetzt in dem Alter, wo sich der Umkreis ständig vergrößert. Die ersten Wege noch im Kinderwagen, wird er bald den Weg die Schwarzwaldstraße hinunter zum Kindergarten gehen, später noch weiter hinunter zur Schule, und danach werden viele weitere Wege auf ihn zukommen.
Auf manchen dieser Lebenswege wird Theo Mut brauchen, und wenn er sich dann auf seinen Taufspruch verlässt, hat er die Gewissheit: Gott ist bei mir auf meinen Wegen.
Wenn er dann erstmals in den Kindergarten geht und später in die Schule, dann braucht es Mutmacher: die Eltern, Paten und Großeltern; und vor allem den großen Bruder Raphael, der ja diesen Weg schon lange kennt.
So wünsche ich und wünschen wir alle diesem noch kleinen Buben, dass er mutig durch sein Leben gehen wird.
Mutig. Wie ist das mit euch und Ihnen: Seid ihr / sind Sie mutig? Ich denke, dass Mut etwas ist, was wir alle in unserer Zeit dringend brauchen. Ein paar Beispiele, wo zurzeit Mut besonders gefordert ist:
Mut brauchen etwa wir Christinnen und Christen. Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekennen, sind mittlerweile eine Minderheit. Trotzdem oder gerade darum ist es wichtig, dass wir uns deutlich wahrnehmbar zu unserem Glauben bekennen. Immer wieder. „Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest“, heißt es in einem alten Gebet. Wir haben also Mit-Verantwortung für die Zukunft des Glaubens. Klar, wer sich zu Gott und Jesus bekennt, wird oft ausgelacht oder – noch schlimmer – nicht mehr ernstgenommen. Dennoch sollten wir mutig zu unserem Glauben stehen, dazu ermuntert uns auch ein Lied von Manfred Siebald, in dem es heißt: „Und wenn sie höhnen, uns übertönen, wenn sie uns niederschrein, laden wir eben durch unser Leben still zum Feste ein.“
Bei denen, die Mut brauchen, denke ich auch an euch Schülerinnen und Schüler. Es braucht Mut, für andere einzutreten. Es braucht Mut, als einzige/r auf einen Außenseiter zuzugehen, den die anderen links liegen lassen. Und noch mehr Mut braucht es, für den die Stimme zu erheben, der in der Schule von einer Lehrkraft ungerecht behandelt wird. Da ist es viel verlangt, mutig sein.
Mut brauchen wir alle, jung und alt, um einer radikalen Partei entgegenzutreten, die sich in ihrem Auftreten kaum anders zeigt als vor 1933 die Nationalsozialisten. Zugegeben, wir alle dürfen es nicht mehr dulden, dass unschuldige Menschen Opfer von Terror werden; und sicher muss man auch nachdenken, ob die, die unsere Gesellschaft ablehnen, wirklich bei uns leben und Unterstützung bekommen sollen. Aber all dies ist noch lange kein Grund, AfD zu wählen. Für mich verbietet unser Glaube an den Gekreuzigten, auf dem Wahlschein ein Kreuz bei der AfD zu machen. Und ich wünsche uns allen den Mut, um laut denen zu widersprechen, die dieser Partei ihre Stimme geben wollen.
Mut brauchen wir alle, immer wieder – und einen geradezu unglaublichen Mut hatte der 41-jährige Kai-Uwe D., der am letzten Mittwoch in Aschaffenburg anderen Menschen das Leben rettete und dafür mit seinem Leben bezahlen musste. Künstlern, Politikern und Sportlern werden Denkmäler gesetzt, fragwürdige Denkmäler. Aber eigentlich verdienen andere ein Denkmal, um Beispiel die, die sich mutig für andere Menschen einsetzen und Schwache schützen, koste es, was es wolle. So steht dieser uns nicht persönlich bekannte 41-jährige Mann in einer Reihe mit Dietrich Bonhoeffer, mit Pater Maximilian Kolbe oder mit dem in Mannheim ermordeten Polizisten Rouven Laur.
Solchen Menschen gebührt ein Denkmal. Und solche Menschen – sind wir nicht. Wir müssen es auch nicht werden. Aber wir können uns an ihr Beispiel erinnern und daran, dass wir Gott auch um den Mut bitten dürfen, gegen Mehrheiten anzukämpfen, für andere einzustehen und für die Gerechtigkeit zu streiten.
So führt uns also der Taufspruch eines kleinen Jungen zum Nachdenken über den Mut, den es in unserer Welt dringend braucht. Und wenn wir in solch eine schwierige Situation kommen sollten, wenn wir unseren ganzen Mut zusammennehmen müssen, dann lasst uns an Theos Taufspruch denken und daran, dass er auch uns gilt: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
"Prüfet alles und behaltet das Gute", dieser kurze Satz steht für unser persönliches Leben wie für unser Leben als Kirchengemeinde als Losung über dem Jahr 2025. Dieser Bibelvers aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Christen in Thessaloniki, der wohl ältesten Schrift des Neuen Testamentes - was meint der eigentlich genau?
Thessaloniki, die zweitgrößte Stadt Griechenlands, war eine kunterbunte, pulsierende Hafenstadt. Hier war das Christentum nur eine von vielen Religionen, zu denen unter anderem der Kaiserkult, die Dionysos-Verehrung und der Glaube an ägyptische Gottheiten gehörten. Vermutlich waren die Christen in Sorge, wie man besteht als kleine Gemeinde in einem solchen Durcheinander von Religionen und Lebenseinstellungen. Dieses Durcheinander nennt man heute beschönigend „Vielfalt“ – aber das macht es ja noch nicht durchschaubarer.
Im Durcheinander in Thessaloniki mittendrin war also die Gemeinde. Worauf sollte sie sich einrichten, woran sich orientieren? War an den anderen Religionen und Lebenseinstelllungen auch etwas Wahres dran?
Auf diese Fragen gab ihnen nun Paulus diesen einprägsamen Rat mit: "Prüfet alles und behaltet das Gute." Und offenbar konnten die Thessalonicher damit viel anfangen, denn die christliche Gemeinde blieb Jahrhunderte lang eins der Zentren des christlichen Glaubens in Griechenland.
"Prüfet alles und behaltet das Gute" – ich glaube, dieser Satz tut uns in diesem Jahr besonders gut: unserer Gesellschaft, unserer Kirche und unserem persönlichen Leben.
Ich beginne mit unserer Gesellschaft, mit unserem eigenen Land: In diesen Tagen hat der Wahlkampf bekommen. Schon jetzt versprechen die Parteien das Blaue vom Himmel herunter; alle Parteien. Und da wird er wirklich wichtig, dieser Satz: "Prüfet alles und behaltet das Gute". Also prüfe, was stimmt; was realistisch ist; prüfe genau, wozu andere dich auffordern, es zu tun. Prüfe genau, ob es dem Guten dient. Prüfe genau, ob es dem Leben dient. Prüfe genau, ob es dir und deinem Mitmenschen dient und zu deinem und seinem Wohle ist.
Gerade auch angesichts der brandgefährlichen Fakenews, die so abscheuliche Zeitgenossen wie ein Donald Trump und Elon Musk zu Tausenden in die Welt schicken, ist Vorsicht geboten. Da nun auch Facebook den Faktencheck einschränken will, kann man nur jedem Menschen raten: Glaube nicht, was du bei X, auf Facebook oder auf Tik-Tok liest und siehst. Gebrauche deinen Verstand, auch wenn der schon bedenklich eingelullt ist durch viel zu viel Social Media.
"Prüfet alles und behaltet das Gute." Das beziehe ich auch auf unsere Kirchengemeinde, die jetzt zu einem Kooperationsraum gehört und nachdenken muss, in welcher Form das Miteinander mit den anderen Rheinauer Gemeinden sich zeigen soll; wie viele Gemeinsamkeit vertragen die einzelnen Gemeinden und wie viel Selbstständigkeit brauchen sie noch? "Prüfet alles und behaltet das Gute", das heißt für mich dann vor allem, dass wir uns nicht drängen oder uns schon gar nicht etwas aufschwätzen lassen. Gemeinsamkeit wie im Konfirmandenunterricht oder beim Weltgebetstag mit Linx/Diersheim – das ist etwas wirklich Gutes. Aber wenn Gemeinsamkeit hieße, geschluckt zu werden und das eigene Profil zu verlieren, würde viel Gutes kaputtgehen.
"Prüfet alles und behaltet das Gute." Ich habe auch überlegt, was das für unsere Konfirmand/inn/en und überhaupt alle unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Was kann das heißen für einen jungen Menschen: "Prüfet alles und behaltet das Gute"?
Sicher heißt es nicht: Probiert alles aus. Auch wenn manche Erwachsene das machen. Alles ausprobieren, viele Optionen wahrnehmen, immer offen für Neues, Rasantes, Grenzwertiges. Nein, nicht alles ausprobieren. Sondern vorher überlegen: Ist das, was ich vorhabe, gut? Für mich selbst? Und für andere Menschen?
Ob jung, ob alt: Wie geht das nun mit dem Prüfen? Woher weiß ich, was gut ist und was nicht?
Zugegeben, es ist nicht immer leicht, das herauszufinden. Und es gibt Situationen, da treibt es uns um und um und raubt uns sogar den Schlaf, wenn wir nicht wissen: Was ist jetzt richtig? Was erwartet Gott von mir?
Ich für mich habe gelernt, dass ich Ruhe brauche, wenn ich etwas prüfen will: Ruhe, um zu denken; vor allem Ruhe, um in der Vielfalt der Stimmen immer noch Gottes Stimme hören zu können.
Und wer ruhig zum Hören ist, den wird Gottes Stimme hinführen zum Blick auf Jesus, der nur zwei Wegweiser hatte, denen er folgte: zum einen Gottes Geboten und zum anderen der Barmherzigkeit. Das hat Jesus später zusammengefasst in den Worten: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“
So wünsche ich uns, dass wir uns immer wieder von Gottes Geboten den Weg weisen lassen und unseren Mitmenschen mit Zuwendung und Barmherzigkeit begegnen. Wenn wir dabei auch an uns selbst denken, erfüllen wir Gottes Willen und Gebot.
Dass wir gut durchkommen durch die Wirren dieser Zeit und dass wir Gott und unseren Mitmenschen nahe bleiben, das ist mein Wunsch für uns. So segne uns Gott auf dem Weg durch das Jahr 2025.
Amen.
Liebe Gemeinde,
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe." So hieß die Jahreslosung für das Jahr 2024.
Der Blick in die Nachrichten, an jedem einzelnen Tag dieses Jahres, zeigte uns das Gegenteil: unbarmherzige Kriege, brutale Gewalt, feige Terroranschläge, nervendes Politiker-Herumgezanke, zunehmender Hass im Netz, wachsender Neid – kaum noch Spuren von Liebe, von Achtung, von Respekt von Gemeinschaft. Wie sollte das auch möglich sein in einer Welt und Gesellschaft, die sich mehrheitlich vom Glauben abgewandt hat, in der jede und jeder sich selbst genug ist und in der das Ich immer wichtiger wird und nur für wenige das „Wir“ noch eine Rolle spielt.
Aber ist es nur die Welt oder die Gesellschaft, sind es nur die Anderen, die lieblos geworden sind?
In unseren Familien und Partnerschaften, ist da noch Liebe spürbar, die uns zusammenhält? Lieben wir unsere/n Partner/in noch? Sehen wir diesen Menschen mit Respekt und mit Dankbarkeit als den Menschen, den Gott uns an die Seite gestellt hat? Wir Eltern, lieben wir unsere Kinder so, das wir bedingungslos für sie da seid und es gleichzeitig aushalten, dass sie anders leben als so, wie wir es für richtig halten? Ihr Kinder, begegnet ihr euren Eltern mit der Achtung und mit dem Respekt, den sie verdienen? Oder sind sie euch im Wege?
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe." Das gilt auch außerhalb unserer Familien. Bin ich für andere da? Tue ich anderen Gutes? Nehme ich nur oder gebe ich auch zurück? Wie begegne ich meinen Kolleg/inn/en am Arbeitsplatz? Wie begegne ich überhaupt meinen Mitmenschen? Was tue ich, wenn einem Menschen Unrecht widerfährt? Was tue ich, wenn wieder einmal großes Verständnis für die AfD oder andere Extremisten geäußert wird? Auch Zivilcourage ist eine Form von Liebe zum Mitmenschen, die Gott sehr wohl von uns erwartet!
All das sind herausfordernde Fragen am Ende eines Jahres, das uns die Liebe dringlich ans Herz gelegt hatte. Umso dankbarer dürfen wir sein für all die Momente, in denen die Liebe Gestalt annimmt:
· wenn zwei den Schlüssel zum Herzen des anderen finden
· wenn eine Liebe stärker ist als die Zertrennung
· wenn jemand nach 20, 30 Jahren immer noch den selben Menschen heiraten würde
· wenn Kinder aufwachsen in einem Nest voller Geborgenheit
· wenn in Krisenzeiten Familien zusammenhalten
· wenn Menschen Zeit an andere Menschen verschenken
· wenn wir bei einer alltäglichen Begegnung im anderen das von Gott geliebte Mitgeschöpf entdecken
· wenn wir mit Menschen reden und nicht über sie
· wenn wir auf Fremde zugehen statt sie auszugrenzen.
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe." Die Liebe hat viele Gesichter. Und auch wenn wir es nicht immer schaffen, lasst mit unseren bescheidenen Mitteln Gefäße Gottes sein, durch die immer wieder Gottes Liebe in diese Welt fließt.
Gottes segne uns.
Amen.
Liebe Gemeinde,
einige haben vielleicht schon entdeckt, dass an unserer traditionsbehafteten Krippe etwas anders ist als in den früheren Jahren: Da hat sich in diesem Jahr ein Schaf eingeschlichen, und noch dazu ein schwarzes Schaf. Und das hat natürlich seinen guten Grund. Ich will uns heute nämlich eine Geschichte erzählen. Sie stammt von Tilmann Kugler und heißt „Das schwarze Schaf von Bethlehem.“
Die Hirten von Bethlehem hatten Samy, das schwarze Schaf, nicht gern. Die weißen Schafe hingegen liebten sie. Deren Wolle brachte ihnen Geld ein. Schwarzer Wolle wollte niemand.
Niemand mochte Samy. Die Hirten ließen ihre Launen an ihm aus. Und die weißen Schafe traten gegen seine dünnen Beine, schubsten ihn vom Futtertrog weg und erzählten ihren Jungen, schwarze Schafe seien böse. So blieb Samy ein Einzelgänger.
Die Geschichte von jenem Abend, als ihnen der Engel erschien, kennt wohl jeder. Was nicht allen bekannt ist: Samy war auch dabei, als die Hirten das Kind im Stall besuchten und Geschenke brachten – auch weiße, weiche Wolle.
Samy war neugierig, hatte aber Angst, die Hirten und anderen Schafe würden ihn fortjagen. So drückte er sich zwischen Josef, dem Ochsen und dem Esel vorbei in eine Ecke des Stalls. Von dort konnte er alles genau beobachten. Vor allem das Kind. Samy war selig.
Irgendwann wurde Maria das Getümmel der Schafe und Hirten zu bunt. Das Kind und sie selbst brauchten dringend Schlaf. Also schmiss Maria die Hirten und Schafe aus dem Stall, schloss die Tür, stillte das Baby, legte es in die Krippe, kuschelte sich an Josef, löschte dessen Laterne aus und schlief ein. Aber den Samy hatte Maria einfach übersehen. Er war ja schwarz. Und in der Ecke, in der Samy kauerte, war es trotz Laterne ziemlich düster...
Bald darauf pirschte sich Samy leise bis an die Futterkrippe vor, in der das Christkind lag. Sachte stupste Samy das Baby mit seiner warmen, feuchten Nase an. Es war noch wach und schmiegte sich an Samys flauschigen Kopf. Die kleinen Hände griffen in das weiche Fell – Samy traute sich kaum, zu bewegen. So hielt er das Kind mit seinem Atem und mit seiner warmen Wolle kuschelig warm. Bis zum Morgen.
Und weil Jesus sich auf Anhieb mit dem schwarzen Schaf so gut verstand, schlossen ihn auch Maria und Josef schnell ins Herz. Samy durfte bleiben. Er stand ab jetzt neben Ochs und Esel im Stall. Von da an hatte das Christkind ein Herz für schwarze Schafe.
Liebe Gemeinde, diese Geschichte ist erfunden. Sie ist nie passiert. Und doch enthält sie eine wichtige Wahrheit. Sie erinnert uns nämlich an die Art und Weise, wie später der erwachsene Jesus mit allem Unvollkommenen von uns Menschen umgegangen ist. Die Botschaft, die jeder und jede von uns aus dieser Geschichte und diesem Gottesdienst mitnehmen darf, sagt uns: „Und wenn du noch so ein schwarzes Schaf bist, an der Krippe ist Platz für dich. Und wenn du noch so viel Mist baust, und wenn du noch so viel auf dem Kerbholz hast, und selbst wenn du noch so gottlos lebst: Du wirst nicht weggeschickt werden. Das Kind in der Krippe ist auch für dich zur Welt gekommen.“
Dies ist auch eine wohltuende Botschaft an alle, denen es immer wieder so ähnlich geht wie Samy: an die, die zu Opfern gemacht und hin und her geschubst werden; die, die immer wieder von Anderen zu schwarzen Schafen gemacht werden; an die, die nicht gemocht werden; an die, die anders sind als die meisten; und an die, die so viel schon einstecken mussten, dass sie sich mittlerweile ganz automatisch in der Ecke verkriechen. Diesen geplagten Menschen sagt Jesus: „Mir bist du recht, genau so, wie du bist. Du musst dich nicht mehr klein machen, du wertvoller Mensch!“
Bleibt die Frage, was das für die unter uns heißt, die weder ein schwarzes noch ein unsicheres Schaf sind: Ich glaube, wir sollten einmal mehr Jesus in seinem Tun zum Vorbild nehmen. Wir sollten noch viel stärker auf die Ängstlichen, die Verzagten, die zu kurz Gekommenen achten und für sie Raum lassen, damit sie gut leben können. Wie gesagt: Wir sollten. Aber meist tun wir es nicht.
Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn Gott zu uns sagt: „Du bist wirklich ein schwarzes Schaf.“ Und wenn wir genau hinhören, hören wir Jesus flüstern: „Aber an meiner Krippe ist sogar für den Egoisten Platz.“
So lasst uns alle heute die Gewissheit mitnehmen: An der Krippe ist Platz: für euch, für Sie, für mich.
Amen.
Liebe Gemeinde,
kürzlich habe ich am Ende eines Besuchs einer älteren Dame unter der Haustüre noch ein frohes Weihnachtsfest gewünscht. Da sagte sie: „Ach, wissen Sie, so richtig weihnachtlich ist mir gar nicht zu Mute. Es gibt schon wieder kein weißes Weihnachten. Früher war das so schön!“
Liebe Gemeinde, Weihnachten ohne Schnee – ist das noch das wahre Weihnachten?
Wenn ich diese Frage jetzt weitergeben würde an Christen in Afrika, Südamerika, Indien oder Australien – die würden mich fassungslos anschauen. Denn sie gehören zu den 60% der Christen, die noch nie Weiße Weihnachten gefeiert haben. Wenn wir außerdem daran denken, dass bei Jesu Geburt bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad wohl auch eher kein Schnee lag, dann merken wir ja selbst, dass der Sinn von Weihnachten nicht in „White Christmas“ bestehen kann.
Wenn wir nach dem tieferen Sinn von Heiligabend suchen, gehen wir am besten um gut 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Jesus kam zur Welt in einem Land, das von den Römern geknechtet wurde, in dem Unrecht und Betrug herrschten und niemand mehr seines Lebens sicher war. Umso größer war in Israel die Sehnsucht, dass irgendwann der von Gott gesandte Retter, der Messias, kommen würde und endlich ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt stillen würde, einer Welt, in der sie in Frieden, in Gerechtigkeit und ohne Angst leben konnten.
Und ich glaube, eine ähnliche Sehnsucht ist auch tief drinnen in uns allen verwurzelt und bei vielen mit ein Grund, warum sie an Heiligabend zum Gottesdienst gehen – vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach der Nähe Gottes.
So heißt der Kern des Weihnachtsfestes „Hoffnung“, und tatsächlich richtet sich die Weihnachtsbotschaft ja ursprünglich an Hoffnungslose, nämlich die Hirten. Die gehörten zu den Ärmsten der Armen, lebten von der Hand in den Mund, ohne Mut zur Zukunft, ohne Hoffnung.
Dabei ist Hoffnung etwas Lebensnotwendiges! Hoffnung ist eine ungeheure Kraft, ich habe es mehrfach selbst erlebt. Und ich bin in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Menschen begegnet, die ganz dringend Hoffnung brauchen:
Da denke ich an ein altes Ehepaar, deren Tochter keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern hält. Es wird wohl nie mehr gut werden, und doch geht in den Tagen vor Weihnachten verstohlen der Blick an die Gartentür, vielleicht kommt sie ja in diesem Jahr.
Der Vater von zwei wunderbaren Mädchen fällt mir ein. Glücklich hat er mit seiner Frau zusammen ein sorgloses Leben aufgebaut, doch dann bekam er die niederschmetternde Diagnose. Er sagt allen, dass er zu den 40% gehören wird, die es schaffen; doch in der Nacht sitzt er im Keller und weint stille Tränen.
Und da ist die Mittfünfzigerin. Nach dem Sommerurlaub hat ihr Mann ihr sein Verhältnis gestanden. Neu durchstarten, wolle er. Sie werde ihn ja sicher verstehen. Drei Monate ist das her. Und sie sehnt sich nach einer Schulter.
Und schließlich denke ich heute an den Mechaniker, der neu gebaut hat. In zehn Jahren wäre er schuldenfrei, weil er sehr gut verdient. Doch nun hat er erfahren, dass die Hälfte der Belegschaft entlassen wird.
Wie es mit diesen Menschen weitergehen wird? Ich hoffe für sie, dass Gott ihnen hilft.
Aber nicht alles kann Gott alleine bewerkstelligen. Gott will uns in Dienst nehmen, braucht unser Mit-Tun. So wie Gott die unangesehene Hirten in Dienst nahm, um der ganzen Menschheit die Botschaft von Christi Geburt auszurichten, so braucht er heute uns.
Denn Gott hat eine Aufgabe für uns: Gott will, dass wir dorthin gehen, wo Menschen am Verzweifeln sind. Die brauchen uns als Menschen, die ihnen ihre Hoffnungen erhalten, neue Hoffnungen nähren und sie in ihrer Hoffnung stärken.
Vor allem, was wir wahrscheinlich alle viel öfter tun könnten: für Hoffende und für Verzweifelnde beten. Und niemand möge sagen „nur beten“. Beten bewirkt wirklich etwas.
Und wenn es uns selbst trifft? Dann lasst uns nicht vergessen, dass der Gott, der damals in Jesus Mensch wurde, auch da noch Wege und Möglichkeiten hat, wo wir nur noch dunkle Mauern vor uns sehen.
Weihnachten ist und bleibt ein Fest der Hoffnung. An Weihnachten hat der Chor schon manchmal gesungen: „Zündet Lichter der Freude an.“ Ja. Mit Recht! Und damit nicht genug. Mit den Kerzen am Baum zünden wir auch Lichter der Hoffnung an. Und Lichter der Zuversicht.
So lasst uns heute unsere vielen verschiedenen Hoffnungen dem Kind in der Krippe bringen. Und lasst uns gleichzeitig auch alle Sorgen an der Krippe ablegen.
So feiern wir Heiligabend in diesem Jahr ganz besonders als Fest der Hoffnung und der Zuversicht. Und längst haben wir es bemerkt: Dazu braucht es wahrhaftig keinen Schnee.
Euch allen: frohe und hoffnungsvolle Weihnachten – Amen!
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben Sie sich gewundert, mitten in der Adventszeit eine Schriftlesung zu hören, in der die Rede ist von Zeichen an Sonne und Mond, vom Weltuntergang und vom Gericht Gottes. Wie passt das in die vom Kerzenduft erfüllte, besinnliche und beschauliche Zeit? Genauso das Lied vor der Predigt: „Der Jüngste Tag ist nicht mehr fern“ heißt es da, und: „Ach lieber Herr, eil zum Gericht“. All das hat einen Grund: Der zweite Advent will uns nämlich daran erinnern, dass Jesus nicht nur damals auf die Erde gekommen ist, sondern dass er wieder kommen wird.
Daran glaubten auch Menschen, die vor etwa 1900 Jahren in Kleinasien lebten. Sie hatten sich taufen lassen, waren Christen geworden und überzeugt, Jesus werde bald wiederkommen. Aber die Zeit verging, nichts tat sich, und bald kehrten die ersten dem christlichen Glauben den Rücken zu. Andere blieben zwar in der Gemeinde, aber ihre Begeisterung war erloschen, ebenso ihr Wille, nach Jesu Maßstäben zu leben. Warum, so fragten sie sich, blieb Jesu Wiederkunft aus?
In dieser Situation schrieb ihnen der Apostel Jakobus folgendes:
„So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“
Fast 2000 Jahre liegen zwischen diesem Brief und uns. Wie ist das bei uns - rechnen wir damit, dass Jesus wieder kommen wird? Wenn Jesus jetzt, noch in unserer Lebenszeit, käme - ich glaube, es wäre vielen von uns ungeschickt. Denn wir haben doch unser Leben so angelegt, dass wir dies und jenes planen und vieles noch zu Ende bringen wollen. Insofern könnten wir meinen, dass das, was der Apostel da schreibt, uns nicht zu sehr betrifft.
Aber da ist ein ganz kurzer Satz dabei, der unfassbar wichtig ist. Er heißt: „So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern.“
Geduld können wir alle brauchen: Kinder etwa in diesen Tagen, wenn sie auf den Kalender schauen und der 24. Dezember noch so weit weg ist. Geduld brauchen Eltern, wenn ihre Kinder zum tausendsten Male etwas anders tun als sie sollen; Konfirmand/inn/en, wenn sie sich das Glaubensbekenntnis einprägen sollen; Jugendliche, die lieber gestern als morgen erwachsen sein wollen. Nicht zu vergessen - und wichtig – die Menschen, die am Verzweifeln sind: Geduld brauchen Kranke, die nicht wissen, wann und ob sie wieder gesund werden; ebenso Menschen, in deren Leben etwas zusammengebrochen ist und die nicht wissen, ob und wann ihr Leben wieder in gute Bahnen geraten wird.
Geduld brauchen wir also alle, immer, Tag für Tag. In der Bibel steht für Geduld ein griechisches Wort, das übersetzt heißt: „der Mut, Dinge über einen längeren Zeitraum zu betrachten“. Noch zutreffender ist das entsprechende lateinische Wort: „die Fähigkeit, Dinge geschehen zu lassen, auf die ich selbst keinen Einfluss habe“.
Dinge geschehen zu lassen, ist oft schwer. Denn wir halten ja gerne selbst die Fäden in der Hand, lenken unsere Geschicke selbst. Aber als Christ/in begreife ich: Mein Leben ist ein Zusammenwirken zwischen Gott und mir. Und auf Gottes Eingreifen muss ich manchmal ganz lange warten. Der Apostel macht das am Beispiel des Bauern deutlich: Wenn er gesät hat, steht er nicht schon am nächsten Morgen auf dem Acker und wartet, dass die Frucht aufgeht. Er gräbt auch nicht den Acker um, wenn er nach acht Tagen noch nichts sieht. Denn er weiß, dass er mit dem Säen seinen Teil der Aufgabe getan hat und dass den Rest irgendwann Gott besorgt.
Dies ist doch ein wunderbares Bild für unser Leben! Gott und wir - wir arbeiten zusammen. Wenn wir nicht mitziehen, wird Gott nichts tun. Und umgekehrt wird es schwer, etwas ohne Gott zu erreichen. Gott und wir - wir arbeiten zusammen. Wir können nicht sagen, wann Gott seinen Teil beisteuern wird. Aber wir wissen, dass er es tun wird. So können wir, nachdem wir unseren Beitrag geleistet haben, nur noch warten. Und dieses Warten-Können, Dingen ihren Lauf lassen können, Gott etwas zutrauen, das heißt Geduld.
Wir können nicht alles selbst tun - und wir müssen es auch nicht. Wo wir nicht nur selbst die Macher sein wollen, sondern Gott mitmachen lassen, da liegt Gottes Segen darauf: Ob das nun bei der Erziehung ist, wenn wir uns fragen, ob wir den Kindern und Enkeln genug mitgegeben haben; ob das in schwierigen Lebenssituationen ist, wenn wir keinen Weiterweg sehen; ob das im Beruf ist, wenn ich mich frage, ob ich wirklich noch all das mitmache; ob das sonst im Leben unserer Kirchengemeinde ist, wenn uns die Sache Gottes nicht schnell genug vorangeht; oder ob wir in irgendeinem anderen Lebensbereich auf Erfolge hoffen. In jedem Fall tun wir gut daran, uns in Geduld zu üben. Denn wo wir geduldig sind, bekennen wir auch: Gott wird alles, was wir angefangen haben, auch zu einem guten Ende bringen.
Amen.
Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.
Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der?
Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.
(aus Matthäus 21)
Liebe Gemeinde,
die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem, die wir gerade gehört haben, kennen viele von uns von klein auf - vertraut sind uns die Palmzweige, der Esel und die Hosianna-Rufe der vielen Menschen. Sie hatten sich auf Jesu Ankunft gefreut, weil sie große Erwartungen an Jesus knüpften:
- dass nun Gerechtigkeit und Liebe herrschen würden;
- dass nun das Ende der Römerherrschaft anbrechen würde;
- dass mit Jesus nun ein mächtiger König Israel zu altem Glanz zurückführen würde.
Jahrhunderte lang hofften die Israeliten auf die Worte der Propheten, die versprochen hatten: Alles wird gut werden. Das würde der Messias, der von Gott gesandte König, sein.
Als sich dann die Kunde verbreitete, dass da einer Kranke heilte, Mutlosen neue Hoffnung gab und vom Reich Gottes redete, da ahnten auch die Menschen in Jerusalem: Jetzt kommt er, der Messias, der mit allem Leid und Not ein Ende macht. Aber als er dann endlich kam, trauten die erwartungsvollen Menschen in Jerusalem ihren Augen nicht:
Da kam ihr König, aber wo war sein Gefolge? Wo war sein Heer, mit dem er für Recht und Frieden sorgen würde? Die paar armseligen Männer und Frauen, die ihm folgten, konnten es ja wohl nicht sein. Noch etwas machte sie stutzig: Jeder römische Offizier ritt auf einem stolzen Pferd, und der römische Statthalter kam in einem Wagen mit vier prachtvollen Pferden. Und der neue König Israels saß auf einem Esel? Verwundert rieben sich die Jerusalemer die Augen: Sollten sie sich geirrt haben?
Doch trotzdem wollten sie es glauben, dass dieser Mensch der Messias war. So jubelten sie ihm zu, riefen "Hosianna" und legten zur Begrüßung Palmzweige auf den Weg.
Dieselben Menschen, die bei Jesu Ankunft Hosianna riefen, brüllten einige Tage später "Kreuzige ihn" und ließen ihn hinrichten. Denn Jesus war nicht der König, den sie sich erwartet hatten. Er war nicht der, der die Römer aus dem Lande hinauswarf und das neue mächtige Reich Israel gründete. Er war bei den Jerusalemern gnadenlos durchgefallen
Ob wir anders reagiert hätten? Wir kennen ja den Fortgang der Geschichte. Daher können wir gut mit diesem ärmlichen König auf dem Esel leben. Aber was wir vielleicht ganz romantisch finden, wurde zum Anfang vom Ende Jesu.
Jesus auf dem Esel, das war kein Zufall, deutlich wird das am besten durch einen Vergleich mit der Gegenwart: Wir beobachten auch heute noch im Fernsehen die Ankunft von Königen oder Politikern, es hat sich nur wenig geändert in 2000 Jahren. Sie lassen sich vorfahren in großen, dunklen Staatskarossen. Stellen Sie sich vor, ein hoher Politiker würde im Kleinwagen vorfahren. So ähnlich wirkte das mit Jesus auf dem Esel. Und damit verstehen wir wahrscheinlich, was hinter Jesus auf dem Esel steckt, nämlich ein ganzes Programm. Das lautet: Seht, euer Gott hält es nicht mit Prunk und Macht, sondern mit den Stillen und Machtlosen. Advent heißt: dem Menschen auf dem Esel vertrauen und nicht selbst auf hohem Ross durchs Leben zu galoppieren.
Nur wenige haben das damals verstanden.
Zu diesen wenigen gehörte schon 30 Jahre zuvor Maria. Als ihr ein Engel verkündet hatte, dass sie den Messias zur Welt bringen würde, lobte sie Gott und sang: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, er erhebt die Niedrigen und stößt die Mächtigen vom Thron.“ Maria blieb eine der wenigen, die erkannten, dass Gott in Jesus am Werk war. Selbst Jesu Jünger hatten Zweifel, nach der Kreuzigung machten sie sich erst mal aus dem Staub, für sie hatte Jesus verloren.
Vielleicht hätten auch wir lieber einen Jesus, der mal auf den Tisch haut, der den Mächtigen deutlich sagt, wo’s langgeht. Aber Jesus sah seinen Platz woanders. Der Advent sagt uns, dass Jesus auch die ganz Einfachen am Herzen liegen, die niemand wahrnimmt; auch die Schüchternen, die nur wenig sagen; auch die Traurigen, die nichts zu lachen haben; auch die Ratlosen, die keinen Weiterweg sehen; auch die Geschwächten, die nichts mehr auf die Reihe bringen.
Dazu passt der Esel. Durch dieses Lasttier lädt uns Jesus ein: „Ihr dürft mir eure Lasten geben; was ihr nicht mehr schafft, trage ich; die erdrückenden Lasten eures Lebens, nehme ich – oder schicke euch Menschen, die sie euch tragen helfen.“
Und umgekehrt bedeutet das für uns, dass wir aufmerksam bleiben sollen für überlastete Menschen und vielleicht dem einen oder anderen eine Last abnehmen. So will ich uns heute ermuntern, dass wir einander zu Adventseseln werden: in unseren Familien, im Kreis unserer Freunde, in euren Schulklassen, an unseren Arbeitsplätzen.
Und da, wo einer dem anderen Lasten abnimmt, wo eine für die andere da ist, da wiederholt sich, was sich vor gut 2000 Jahren ereignet hat: Da wird der Himmel einen Spalt weit geöffnet.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wenn im Herbst die Blätter fallen, wenn uns Feiertage auf den Friedhof führen und dann auf dem Kalender „Totensonntag“ steht, werden wir unausweichlich daran erinnert, dass alles begrenzt und vergänglich ist, auch unser eigenes Leben.
An den Tod, den eigenen und den lieber Mitmenschen, wollen wir nicht gerne erinnert werden. Denn wir haben Angst - Angst vor dem Tod und Angst vor dem Sterben - und verdrängen diese Angst aus unserem Alltag, so gut es eben geht.
Unausweichlich konfrontiert mit unserer Vergänglichkeit werden wir aber beim Tod von Angehörigen oder Bekannten. Dann wird uns deutlich und schmerzhaft vor Augen geführt: UNSERE ZEIT IST BEGRENZT. 16 Mal wurde das für Menschen aus unserer Gemeinde in diesem Kirchenjahr traurige Wirklichkeit.
Aber diese Zahl erzählt nichts. Sie erzählt nichts vom Leid der Angehörigen, von Fassungslosigkeit und Ohnmacht, von Zorn und Entsetzen. Sie erzählt uns nichts von denen, die wir hergeben mussten.
Sie erzählt nichts von den Menschen, die ganz plötzlich viel zu früh von ihren Lieben gehen mussten.
Sie erzählt nichts von denen, die gerne noch ein paar Jahre gelebt hätten, aber deren schwere Krankheit stärker war.
Sie erzählt nichts von denen, die alt und lebenssatt ihre Augen geschlossen haben.
Und sie erzählt uns auch nichts von denen, für die der Tod eine Erlösung war.
Viele der Trauernden sind heute da. Sie, liebe Angehörige, wurden gezwungen, Abschied zu nehmen, einen Menschen loszulassen und Ihr Leben ganz neu zu ordnen - ein Leben, das nicht mehr so schön ist wie zuvor, weil ein Mensch fehlt.
Die Trauer sieht bei jedem Menschen und in jeder Familie anders aus. Oft ist die Rede vom Trauerjahr, dahinter verbirgt sich der Gedanke, dass nach einem Jahr das Leben wieder seinen Gang gehen kann. Aber das ist ein sehr unbarmherziger Gedanke, denn Trauer kann man weder verordnen noch in ein Zeitschema einpassen. Das einzige, was daran stimmen mag, ist, dass irgendwann wieder unser Alltag uns derart fordert, dass wir nicht mehr nur ausschließlich an den Verlust unseres geliebten Menschen denken; ja, dass sich die schmerzhafte Erinnerung für Momente verwandelt in die Dankbarkeit dafür, dass wir einen Menschen lieben und bei uns haben durften. Und doch kehren auch wieder die dunklen Momente und der Schmerz zurück.
Es gibt Menschen, die sagen, als Christen dürften wir gar nicht trauern. Wer das sagt, hat entweder ein Herz aus Stein oder noch nie erlebt, was Trauer ist. Wir Christen sollen genauso trauern und weinen wie andere. Aber wir dürfen in unserer Traurigkeit noch einen anderen Gedanken zulassen.
Im letzten Kapitel der gesamten Bibel wird berichtet, dass Gott dem Seher Johannes Einblick gegeben hat in die Geschehnisse am Ende der Zeit, dort heißt es: "Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein."
Diese Worte laden uns ein, unseren Blick nicht nur auf die Gräber unserer Verstorbenen zu richten, sondern auch an den zu denken, auf dessen Namen wir - wie unsere Verstorbenen - getauft sind: auf Jesus Christus. Er hat gesagt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt." Christus selbst hat das an sich erfahren, und mit seiner Auferweckung hat Gott uns gezeigt, was die Bestimmung und das Ziel unseres Lebens ist: eben nicht der Tod, sondern das neue, unzerbrechliche Leben in Gottes Armen. Das macht niemandem den Abschied leichter, trocknet noch keine Träne, aber beim Erinnern an unsere Toten dürfen wir genau daran denken: Sie ruhen in Gottes Hand. Sie sind am Ziel angelangt, denn das Ziel unseres Lebens ist das ewige Leben in den Armen Gottes.
Natürlich bleibt vorerst der Tod der schlimmste Feind unseres Lebens und ist Realität für jeden und jede von uns. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott auch da, wo wir Menschen nur das Ende sehen, noch Auswege kennt. In unserer Traurigkeit sagt uns Gott: "In meinem Reich kommt ihr wieder mit euren Verstorbenen zusammen. In meinem Reich müssen keine Tränen mehr geweint werden, weil es kein Leid mehr gibt. In meinem Reich werden keine Fragen mehr in euch nagen, weil ihr die Antworten auf alle quälenden Fragen dann selber erkennt."
Während wir diesen Gottesdienst feiern, werden unsere Blicke immer wieder unwillkürlich vom Kreuz angezogen. Es erinnert uns an Jesus, der als erster den Weg durch den Tod zum neuen Leben gegangen ist. Er ist, schon dort, wohin wir unsere Toten loslassen mussten und wo auch das Ziel unseres Lebens ist: in den Armen Gottes, der uns Menschen liebt.
In die Hände dieses liebenden Gottes dürfen wir von neuem wieder unser ganzes Leben, mit all seinen guten und beschwerlichen Zeiten, legen und singen: „Jesus, meine Zuversicht“.
Amen.
Liebe Gemeinde,
im Gottesdienst am Volkstrauertag denken wir zunächst an die Opfer der Weltkriege: an die Getöteten, an Waisen und Witwen, an Vertriebene und an Misshandelte. Dieser Tag ist eine Mahnung zum Frieden, keine Erinnerung an Helden. Denn ich glaube nicht, dass die Menschen, die als Soldaten in den Weltkriegen kämpften und oft ihre Heimat nie wieder sahen, Helden sein wollten. Keiner wurde gefragt, ob er in den Krieg ziehen will. Sie wurden eingezogen, mussten sich trennen von Ehefrauen und Freundinnen, Eltern und Kindern.
Nie wieder Krieg - sagt dieser Tag. Doch die Nachrichten zeigen uns, dass wir vom Frieden in der Welt so weit weg sind wie seit 1945 nicht mehr. Wir haben Krieg in Europa, und unser Land ist vielleicht mehr Kriegspartei, als die Politiker eingestehen wollen.
Frieden, nicht Krieg! Weder in der weiten Welt noch vor oder hinter unseren Haustüren. Die Schriftlesung hat uns gefragt: Kommt durch euch Frieden in die Welt? Oder tragt ihr bei zum Unfrieden - mit euren Kindern oder Eltern, mit eurem Partner oder denen, mit denen ihr arbeitet, auch in der Schule?
Wahrscheinlich fallen uns allen Momente ein, in denen uns selbst unsere Unversöhnlichkeit im Wege steht; wie oft gießen wir beim Streit dadurch Öl ins Feuer, dass wir andere Menschen auf unsere Seite zu ziehen versuchen; und wie oft denken wir mit geballter Faust in der Tasche über den, der uns weh getan hat: “Wir rechnen noch ab.” So leisten wir unseren Beitrag zum Unfrieden in dieser Welt.
“Wir sind halt fehlerhaft”, könnten wir sagen. Ja, aber Jesus hat gezeigt, dass der Weg des Versöhnens gangbar ist. Erst hassten, später schlugen sie ihn, am Ende ermordeten sie ihn grausam - dennoch betete Jesus am Kreuz: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” Ein paar Jahre später schrieb der Apostel Paulus: “Segnet, die euch verfolgen”. Das ist viel verlangt. Wir können das nicht einfach so lernen, denn Versöhnung und Friedfertigkeit sind Gaben Gottes, die wir nur dadurch erlangen können als, dass wir Gott um diese Fähigkeiten bitten. Deshalb feiern wir heute einen Bittgottesdienst.
Dieser Gottesdienst sagt nicht einfach: Wir nehmen uns vor, in Zukunft friedlicher zu sein. Auch nicht: Wir appellieren an unsere und alle Regierungen dieser Welt, Kriege und Ungerechtigkeiten einzustellen. Das nutzt nichts.
Nein, Bittgottesdienst für den Frieden heißt vor allem zweierlei: Zum einen ist er das Eingeständnis: Wir Menschen fallen zu oft in unfriedliche Verhaltensweisen zurück, deshalb können wir den Frieden nicht schaffen. Zum anderen ist dieser Gottesdienst ein Glaubensbekenntnis: Wir glauben, dass Gott den Frieden herbeiführen kann auf dieser Erde. Gott, und sonst niemand. Der Gott, der in Jesus einer von uns wurde und von dem die Bibel gesagt hat: "Christus ist unser Friede."
Im Gottesdienst heute werfen wir also unsere Hoffnungen auf Gott und bitten ihn: „Schaffe du den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Gib du uns mehr von deinem Geist - damit die Mächtigen andere Wege gehen als die der Gewalt.“
Gottes Geist soll uns zum Frieden leiten - zu einem Frieden, der Wirklichkeit wird in unseren Familien und Partnerschaften, in unserem Dorf, an unseren Arbeitsplätzen und in unseren Schulklassen, in unserer Gesellschaft und beim Miteinander der Menschen auf der ganzen Welt.
Damit dürfen wir von Gott eine ganze Menge erwarten. Doch gleichzeitig erwartet Gott von uns, dass wir nicht nur um diesen Frieden bitten, sondern auch selbst zum Frieden beitragen durch die Art und Weise, wie wir mit anderen umgehen. Wir sollen Friedensstifter sein. Und wir können das auch hinbekommen, jeder und jede von uns - überall, wo wir mit Menschen zusammenkommen.
Unfrieden vermeiden und Frieden stiften - wir sollten uns das wirklich vornehmen, nicht erst morgen, nicht erst nächstes Jahr, nein: ab heute, sofort. Denn Jesus Christus, der den Frieden lebte, der braucht uns jetzt, in dieser Zeit, als Friedensstifter. JETZT muss Friede werden. Durch UNS. Wir müssen tätig werden, daran erinnert uns ein 700 Jahre altes Gebet, in dem es heißt:
Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben.
Amen.
(Pfr. Martin Grab)
Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder in Christus,
ein Bergsteigerseil mitten in der Kirche, eine Geschichte über das Klettern, das Evangelium von der Verklärung auf einem Berg – es ist ganz offensichtlich, dass es auch ums Bergsteigen geht heute. Das alle aber nicht oder nicht nur, weil wir zwei Pfarrer gerne in den Bergen unterwegs sind. Sondern deshalb, weil Berge in der Bibel immer wieder vorkommen. Ja, wir können sogar sagen: ‚Wenn in einer biblischen Geschichte ein Berg auftaucht, dann ist Gott nicht weit weg.‘ Die Bibel ist voll mit Berg-Geschichten:
Auf dem Berg Ararat werden Noah und die Seinen unter dem Regenbogen gesegnet; am Gipfel des Berges Sinai empfängt Mose die Zehn Gebote aus Gottes Hand; vom Berg Nebo aus darf Mose auf Gottes Geheiß hin ins Gelobte Land blicken; auf einem Berg – wir haben die Lesung gehört - wird Jesus verklärt und mit Mose und Elia zusammengeführt; seine wichtigste Rede hielt Jesus auf einem Berg, die Bergpredigt; auf dem Hügel Golgatha wird Jesus gekreuzigt und offenbart seine Göttlichkeit; auf einem hohen Berg wurde Jesus in Wolken gehüllt und kehrte zu Gott zurück; und der Berg Zion ist es, an dem nach der Weissagung des Propheten Micha sich am Ende der Zeit alle Völker der Welt versammeln und Gott begegnen werden.
Berge sind Orte der Gotteserfahrung.
(Pfr. Rüdiger Kopp)
Wer oben auf einem Gipfel ankommt, dem weitet sich der Horizont; das Zurückgelassene wird relativ und klein, selbst die Strapazen des Aufstiegs verblassen, und zugleich wird eine andere Wahrheit in uns groß, ganz ähnlich wie am Meer:
„Die Weite des Meeres, das am Horizont den Himmel grüßt, lässt die Seele erahnen, dass es eine Freiheit gibt, die keine Revolution der Welt erkämpfen könnte.“ Marie Shririn Karadag
Wo wir mit Gott in Berührung kommen, wird alles andere relativ und verschwindend klein, einschließlich der eigenen Kraft/ Kondition und des eigenen Vermögens –
und an die Stelle der eigenen Kraft, Stärke und Potenz schiebt sich eine andere…
Die Bergsteigerin Karin STEINBACH TARNUTZER beschreibt dies so: „Wer jemals nachts aus einer Hütte im Hochgebirge getreten ist und sich allein unter einem sternklaren Himmel wiederfand, kennt das Gefühl, als Einzelner dem gesamten Universum gegenüberzustehen. Wer diese Stille in den Bergen erlebt hat, weiß, dass sie ein RAUM sind, in dem andere Kräfte herrschen als der Mensch. Und CHARLES BAUDELAIRE meint: „ES GIBT AUGENBLICKE IN UNSEREM LEBEN, IN DENEN ZEIT UND RAUM TIEFER WERDEN UND DAS GEFÜHL DES DASEINS SICH UNENDLICH AUSDEHNT.“
Es gibt Momente, in denen uns die Unendlichkeit streift, bzw. es gibt Momente, in denen wir uns gewahr werden, dass wir immer von der Unendlichkeit umgeben sind.
(Pfr. Martin Grab)
Wer richtig Bergsteigen geht, ist meistens mit dem Seil unterwegs. So wie das, das hier im Mittelgang liegt. An dieses Seil könnten wir den Kleinbus der katholischen Kirchengemeinde hängen – es würde nicht reißen. Wie kommt es, dass so ein dünnes Seil von gerade 11 mm Durchmesser so viel halten kann? Es muss wohl mit seinem Inneren zu tun haben, und das schauen wir uns jetzt an: Jedes Seil besteht in seinem Inneren aus Hunderten, ja Tausenden ganz dünner Fäden, den Litzen. Eine einzelne Litze ist verletzbar und hält nicht viel aus. Aber verbunden mit anderen Litzen ist sie ungemein stark.
Und so ähnlich ist es auch mit uns Menschen: als Einzelne sind wir verletzbar und können einiges weder tragen noch ertragen. Aber mit anderen Menschen zur Gemeinschaft verbunden, da spüren wir Kraft, Stärke und Mut. Gerade auch als Christen, als Gemeinschaft der Getauften.
(Pfr. Rüdiger Kopp)
Und genau das wollen wir heute zum Ausdruck bringen und gemeinsam bekräftigen in einer Art Selbstverpflichtung zum ökumenischen Zusammenhalt.
Wir sind nachher eingeladen, gemeinsam als ökumenische Geschwister, als getaufte Schwestern und Brüder, dem Abenteuer des Glaubens zu vertrauen, Gott selber zu vertrauen, indem wir zum Vaterunser gemeinsam das Bergsteigerseil halten, im Wissen, dass wir als Gottes Kinder untrennbar miteinander verbunden sind, dass wir gemeinsam Gott auf der Spur und immer von ihm getragen und gehalten sind.
Amen.
Jesus erzählte seinen Jüngern einmal folgendes Gleichnis:
In einer Stadt lebte ein Richter, der nicht nach Gott fragte und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
Dort lebte auch eine Witwe. Sie kam immer wieder zu dem Richter und bat ihn: ›Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!‹
Lange Zeit wollte der Richter nicht darauf eingehen, doch dann sagte er sich: ›Ich fürchte Gott zwar nicht, und was die Menschen denken, ist mir gleichgültig; aber diese Witwe wird mir so lästig, dass ich ihr zu ihrem Recht verhelfen will. Sonst bringt sie mich mit ihrem ständigen Kommen noch zur Verzweiflung.
Jesus fuhr fort: »Habt ihr darauf geachtet, was dieser Richter sagt? Sollte da Gott nicht erst recht dafür sorgen, dass seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht kommen?"
(Lukas 18, 1-7)
Liebe Gemeinde,
die Geschichte von der Witwe und dem Richter gefällt mir. Vor 2000 Jahren hat Jesus sie erzählt. Um sie ganz zu verstehen, schauen wir uns an, was das damals bedeutete, eine Witwe zu sein:
Da gab es keine Witwenrente, keine soziale Absicherung, keine Behörde, die sich um die Rechte und Nöte von Witwen kümmerte. Um überleben zu können, blieben einer Witwe oft nur zwei Wege: Entweder, wenn sie noch jung genug war, verkaufte sie als Prostituierte ihren Körper; oder sie versuchte, bei irgend einem Verwandten unterzukommen. So oder so den Männern ausgeliefert, schutzlos und am Hungertuch nagend, mussten Witwen ihr Leben fristen. Von einer solchen Witwe erzählt Jesu Geschichte vom Richter und der Witwe.
Wie diesem Richter ist es uns auch schon gegangen: Da bittet uns irgendwer um etwas, wir sagen Nein, doch der/die andere bittet uns wieder, so lange, bis wir sagen: „O.k., du bekommst, was du willst.“ Auch jener Richter gab der Witwe nach - nicht aus Überzeugung, sondern damit er seine Ruhe hatte.
„Wenn schon dieser gleichgültige Richter der Witwe Recht schafft“, sagt Jesus, „sollte nicht erst recht Gott euch anhören? Gott, der es ja gut mit euch meint, wird euch geben, was ihr braucht, wenn ihr ihn nur darum bittet.“
Es geht bei diesem Gleichnis also um unsere Gebete. Da erleben wir alle wohl Ähnliches: Manchmal werden unsere Bitten erfüllt. Und manchmal können wir noch so lange beten - aber es tut sich nichts. Da sind wir in Not, bitten Gott um einen Ausweg, aber finden ihn nicht. Da bitten wir Gott um Gesundheit für einen Menschen, doch die Besserung bleibt aus. Da bitten wir Gott um Frieden in seiner Welt und müssen doch mit ansehen, wie Kriege und Bomben die Welt prägen; und so weiter.
Es gehört für mich zu den ungeklärten Fragen unseres Glaubens, warum die einen Gebete in Erfüllung gehen, die anderen nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Kürzlich erzählte mir ein alter Mann vom Krieg und sagte: „Da lernt man beten, und der da oben hat seine Hand über mich gehalten.“ Ich will das gerne glauben. Aber die Soldaten, die rechts und links von ihm im Schützengraben lagen, haben sicher auch gebetet - und wurden trotzdem von Kugeln durchsiebt oder von Granatsplittern zerfetzt. Und genauso haben manche Eltern, die ihr Kind suchten, schon erlebt, dass ihre Gebete erhört wurden und das Kind wieder heil zurückgekehrt ist; aber die Eltern anderer Kinder haben auch gebetet, und trotzdem gab es für die Kinder keine Rettung. Diese und viele weitere Beispiele zeigen uns: Nicht bei allen Menschen erfüllt sich, wofür sie beten. Warum ist das so?
Ich halte es absolut nicht aus, wenn jemand dann sagt: „Es wird schon seinen Sinn haben.“ Liebe Gemeinde, es hat keinen Sinn, wenn ein Kind missbraucht wird, wenn ein junger Mensch todkrank wird oder jemand verunglückt. Zu sagen „Es wird schon seinen Sinn haben“ – das ist herzlos. Wer einmal im Gebet mit Gott gerungen und gehadert hat, wer Gott um Hilfe angefleht und trotzdem erlebt hat, wie die Hilfe sich nicht einstellen will, der wird sich hüten, leichtfertig von einem Sinn zu sprechen.
Nicht alles erfüllt sich, worum wir beten. Aber Jesus hat auch nicht gesagt: „Gott wird alle eure Bitten erfüllen.“ Beten ist mehr als ein Satz, der mit „Gott, ich will“ beginnt. Denn Gott ist kein Automat, der Wünsche erfüllt und den man irgendwo zwischen Weihnachtsmann und Christkind ansiedeln kann.
Dafür, dass sich unsere Bitten erfüllen, gibt es keine Garantie. Aber garantiert hört Gott jedes Gebet, das in seiner Welt gesprochen wird, egal ob öffentlich oder in der Stille, ob mit einfachen Worten oder in gut formulierten Sätzen. Nicht nur erfüllte Gebete sind erhörte Gebete!
Manchmal ist es ja auch so, dass sich unsere Bitten nicht sofort erfüllen. Und so werden wir oft ungeduldig, weil wir meinen, Gott müsste uns schlagartig unsere Bitte erfüllen. Manche Dinge brauchen eben Zeit, und diese Zeit sollten wir unseren Gebeten auch geben, auch wenn es furchtbar ist, auf die Erfüllung eines Gebetes zu warten und zu warten und noch mal zu warten.
Ich habe schon fast zu viel gesagt über un-erfüllte Bitten. Denn wir wollen ja nicht vergessen, dass Gott auch Bitten erfüllt. Ich gehe davon aus, wir alle haben das schon erlebt, wie das, wofür wir gebetet haben, Wirklichkeit wurde. Sie und Du und Sie.
Aber: wissen unsere Mitmenschen das? Ich denke, wir erzählen einander und anderen viel zu wenig über erhörte Gebete. Nicht dass wir angeben mit Gebetserhörungen und uns selbst mehr preisen als den, der uns erhört hat! Aber wir sollten trotzdem einander von erhörten Gebeten erzählen. Denn zum einen werden wir darin bestärkt, selber weiter zu beten; und auch andere können dann leichter den Mut zum Beten finden und sich dazu bekennen, denn manchmal kostet es ganz schön Überwindung, zu anderen zu sagen: "Ja, ich bete." Gerade in Schulklassen und in Cliquen wird man da ganz schnell ausgelacht.
Aber lasst die anderen ruhig lachen. Denn das, was wirklich zählt, ist, dass es gut tut, Gott als Gesprächspartner zu haben. Ob Gott unsere Bitte jeweils erfüllt, wissen wir nicht. Aber ganz sicher ist, dass Gott uns zuhört und dass wir keine einzige Not für uns selbst behalten müssen.
Amen.
Liebe Tauffamilien, liebe Gemeinde,
drei Kinder zu taufen, das ist keine Arbeit, sondern ein Geschenk, eine Gnade und eine Freude! - Drei Kinder, drei verschiedene Alter, drei verschiedene Menschen, drei verschiedene Lebenswege - und doch eine große Gemeinsamkeit: Wir haben diese Kinder in der Taufe Gott ganz besonders ans Herz gelegt.
Drei verschiedene Kinder, drei verschiedene Taufsprüche, die Sie, liebe Eltern, Ihren Kindern auf ihren Lebensweg mitgeben. Und so verschieden diese Taufsprüche auch sind, so ergeben sie doch zusammen ein Rundes und Ganzes, das uns alle an die Grundlagen unseres Glaubens erinnert.
Ich beginne mit dem Taufspruch für Bruno aus dem 32. Psalm. Dort heißt es: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“
Das erinnert uns daran, dass wir unser Leben nicht an jedem Tag neu ausrichten müssen, sondern dass uns, wenn wir auf Gottes Wort hören, Gott selbst die Wege, die wir gehen können, öffnet und zeigt.
Und trotz dieser Klarheit ist auf unserem Lebensweg nicht immer alles so einfach, unbeschwert und schön. Es gibt mancherlei Ereignisse, die uns aus der Bahn werfen können: Enttäuschungen, Scheitern, Rückschläge, Krankheiten, Tod und manches mehr. Doch über jeder Sorgenfalte, die das Leben uns ins Gesicht zeichnet, und über jede Träne, die jemand weint, hat Gott seinen Trost gelegt, der sich wunderbar in Jonas Taufspruch aus dem Prophetenbuch des Jona zeigt. Dort heißt es: „Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.“
So dürfen wir alle – ob jung, ob älter, ob ganz alt – zuversichtlich und mutig durch unser Leben. Wir freuen uns – um mit dem Psalm 23 zu sprechen, den wir gerade im Konfirmationsunterricht lernen – über die rechten Straßen und grünen Auen in unserem Leben und müssen aber auch nicht verzweifeln, wenn wir durch ein finsteres Tal wandern müssen.
Und wenn wir von da aus auf unseren zukünftigen Lebensweg schauen, dann nehmen wir auf diesen Weg Gottes Versprechen mit, das in Almas Taufspruch aus dem Propheten Jesaja dann lautet: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen.“
Drei Taufen, drei Kinder und ein und dasselbe Versprechen Gottes: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Wir sind nicht allein.
Amen.
Liebe Gemeinde,
am Mittwoch beginnt wieder der Konfirmandenunterricht. Eine der Fragen, über die wir oft reden werden, wird sein: “Was bringt mir das, Christ zu sein? Ein Leben in der Nachfolge Jesu?”
Diese Frage hat schon der Jünger Petrus gestellt. Jesus hatte ihn weggeholt aus seinem bisherigen Leben. Alles hatte Petrus aufgegeben: den Beruf, die Freunde, sogar die Familie. Das Leben mit Jesus war ganz schön hart: Man wusste nie, ob es etwas zu essen gab oder wo man schlafen würde, für die Jünger war es auch gefährlich, an Jesu Debatten mit den empörten Pharisäern teilzunehmen; und dann die Menschen in den Dörfern, durch die sie kamen: Weil die Jünger Jesus folgten, wurden sie häufig verspottet und ausgelacht. Leicht war es nicht, Jesu Jünger zu sein.
An dieser Stelle erzählt das Lukasevangelium folgendes:
Petrus sagte: „Jesus, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Jesus aber sprach zu ihnen: „Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“
“Was habe ich davon, Christ zu sein?” die Frage des Petrus haben wir alle schon gestellt. Christ zu sein, ist nicht immer einfach, manchmal ist es sogar richtig schwer, dafür einige Beispiele:
Da versucht einer, wie Jesus niemals Böses mit Bösem zu vergelten. Aber mit der Zeit merkt er, dass der andere nur noch gemeiner wird. Oder eine opfert viel Zeit für andere Menschen, weil sie Christin ist, und merkt irgendwann, dass sie selbst auf der Strecke bleibt. Und dann ist da noch der Jugendliche, der Christ sein will, aber von seinen ‘Freunden’ ausgelacht und so lange als Heiliger verspottet wird, bis es ihm selber peinlich wird.
Was bringt es, Christ zu sein? “Jeder, wird das, was er wegen mir verlassen hat, vielfach wieder empfangen in dieser Zeit und in der künftigen Welt”, hat Jesus damals zu Petrus gesagt.
Ich bin froh, dass Jesus nicht einfach gesagt hat: “Dafür bekommt ihr das ewige Leben.” Denn viele Nichtchristen machen uns ja zum Vorwurf, wir würden uns auf das Jenseits vertrösten lassen. Jesus hat dagegen gesagt: Wer mir nachfolgt, empfängt schon jetzt, in dieser Zeit, einen Teil von diesem Lohn.
Aber: Wie sieht dieser Lohn aus? Wie spüre ich etwas vom Lohn in diesem Leben, in dem es oft nur ums Geld geht und um Macht, Ansehen, Freizeit und Lebensgenuss? Vielfältig sollen wir wiederempfangen, was wir an Zeit und Arbeit für ihn opfern, hat Jesus uns versprochen - wie aber sieht das aus?
Es lässt sich nicht allgemein beantworten: Aber ich will gerne erzählen, wo ich von Gott etwas bekomme und was mir das bringt, Christ zu sein oder es zumindest zu versuchen:
Erstens habe ich gemerkt, wie wunderbar frei Gott uns macht, weil wir uns als Christen nicht abhängig machen müssen von Dingen wie Geld, Besitz, Zukunftsängsten oder Anderem.
Zweitens erlebe ich oft, welche Sicherheit mir das gibt, dass ich weiß: Wir sind nicht darauf angewiesen, dass uns viele Menschen zustimmen, sondern leben davon, dass einer Ja zu uns sagt, auf den wir all unsere Sorgen werfen dürfen.”
Drittens bin ich im Lauf meines Lebens von Gott immer wieder mit Menschen zusammengeführt worden, die genauso wie ich Christen sein wollen. So schafft Gott eine große, tragfähige Gemeinschaft, hier weiß ich Gott am Werke.
Als viertes bringt mir mein Christsein die Gewissheit: Mein Leben auf Erden ist nicht alles, was Gott mir zu bieten hat. Daher muss ich weder verpassten Gelegenheiten nachtrauern noch ständig Abenteuer erleben, ich muss nicht verzweifeln, wenn mir etwas nicht gelingt - denn ich Gott wird mir noch viel geben. Vielleicht machen Sie und macht ihr ähnliche Erfahrungen. Und ich denke, dass es sich für uns alle lohnt.
Auch wenn wir so leben wollen, wie Jesus es vorgegeben hat, geht es manchmal ziemlich daneben. Aber genau dann sagt Gott uns: “Das war zwar wirklich nicht gut, aber ich bringe das für dich wieder in Ordnung; lass mich machen und vertraue mir.” Auch das, liebe Gemeinde, heißt “alle Sorgen auf Gott zu werfen.”
Und trotzdem gibt es die Zeiten, in denen uns das alles zunächst nicht hilft. Zeiten, in denen wir Hilfe brauchen, aber nur Leere um und in uns spüren. Ich glaube fest, dass Gott uns auch dann ganz nahe ist, wenn wir diese Nähe gerade nicht spüren.
Was hilft in diesen Zeiten? Bestimmt nicht der Satz „Es wird schon wieder“. Aber vielleicht tut uns dann ein Mensch gut, der uns fragt, wie es uns geht; oder ein Mensch, der uns sagt: „Ich bete für dich“; oder jemand, der mit uns schweigt und unsere Traurigkeit zulässt; oder jemand, der Ähnliches erlebt hat; oder jemand, der uns einfach zuhört und erzählen lässt.
Und vielleicht breitet sich dann in uns die Gewissheit aus, dass auch uns selbst diese Einladung unseres Wochenspruchs gilt: “Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.”
Amen.
Liebe Gemeinde,
für eine Predigt gibt es wichtige Grundsätze. Einer heißt: Mache dich niemals selbst zum Thema der Predigt. Rede von Gott und von Jesus, erzähle von Menschen, die etwas erlebt haben, aber: Mach Dich selbst niemals zum Thema der Predigt. Niemals. Und genau dagegen verstoße ich heute. Das hat seinen Grund:
Lange vor meinem Urlaub hatte ich bereits die biblische Lesung, die für heute vorgegeben ist, weitergeleitet, damit sie von einem Mitglied des KGR vorgelesen wird. Vielleicht haben wir noch den ersten Satz der Schriftlesung im Gedächtnis, in dem es heißt:
Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu; darum will ich auf ihn hoffen.
Als ich letzten Freitag diese Worte nochmals las, habe ich mir gedacht: Mensch, genau das, was hier in der Bibel steht, hast Du in den letzten zwei Wochen erlebt, Wort für Wort.
Was war es nun, das ich erlebt habe? Ich war Bergsteigen, wie jedes Jahr. Hoch hinaus, steile Wände kein Hindernis, atemberaubende Tiefblicke. Dann kam die Tour, für die ich ein halbes Jahr trainiert hatte: Fineilspitze, ein hoher, steiler Dreitausender. Am ersten Tag steigt man zu einer Hütte auf, am zweiten Tag geht es über Fels und Schnee auf den Gipfel. So mein Plan.
Nun war ich also unterwegs zur Hütte. Kein Problem. Normalerweise. Aber nach zwei Stunden war nichts mehr normal. Da bekam ich heftige Bauchschmerzen. Ich sagte mir „Nur noch eine Stunde“ und zog das durch. Doch auf der Hütte bestand ich nur noch aus Schmerzen. Die Hüttenwirtin machte Kamillentee, gab mir Tabletten – doch es wurde immer schlimmer. Höllische Schmerzen. Null Kraft. Als ob einer den Stecker gezogen hätte. Die Wirtin musste die Bergrettung rufen, die mich ins Tal brachte. Es folgte eine Horror-Nachtfahrt in die Heimat, am Morgen unendliche Schmerzen, Notaufnahme, Untersuchungen, Entlassung, wieder Notaufnahme, Klinik und dabei immer wieder Momente, in denen ich dachte, dass jetzt das Ende kommt.
Aber ich bin noch da, und so hat diese Lesung für mich eine ganz neue Bedeutung gewonnen:
Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
Medizinisch ist die Sache nun diagnostiziert, eine OP wird Abhilfe schaffen. Aber seelisch wirken das immer noch schwer in mir nach. - Von einem Pfarrer erwartet man in einem solchen Moment vielleicht Stärke, Zuversicht, Mut; aber da, wo normalerweise mein Glaube sitzt und mich im Alltag stärkt – da war plötzlich nur noch Verzweiflung und Angst.
Doch trotz allem Kleinglauben habe ich erlebt, dass Gott mich nicht fallen lässt, so wie es auch in unserem Bibeltext heißt:
Der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
Diese Erfahrung will ich euch und Ihnen gerne weitergeben: Es gibt Momente, in denen wir uns gottverlassen fühlen. Alles dunkel. Und du fragst nach Gott, du rufst nach Gott, du suchst nach Gott – aber du spürst nichts. Das kann eine Krankheit sein, ein Todesfall, eine Trennung, eine Gemeinheit, ein Versagen – und
du nimmst nur Dunkel wahr. Diese Dunkel haben viele schon erlebt. Aber es ist nur unsere subjektive Wahrnehmung. Denn wo wir uns noch im ärgsten Dunkel wähnen, arbeitet ein ganz Anderer schon an unserer Rettung. Die habe ich erleben dürfen.
Dann steht da noch der Satz: "Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt."
Und so frage ich nach diesen zwei Horror-Wochen, ob Gott mir etwas sagen will, und wenn ja: was?
Unser Trauspruch fällt mir ein: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ Und ich denke an Momente in meinem Leben, in denen sich von jetzt auf nachher Pläne änderten. Viele von Ihnen und euch haben ja auch schon solche Momente erlebt. Und manchmal hebt sich nach einiger Zeit ja tatsächlich der Schleier und wir erkennen ganz neue Richtungen und Möglichkeiten für unser Leben.
"Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt."
Vielleicht ist das der Punkt. Eine Aufforderung an uns alle, Jung und Alt: dass wir immer wieder einmal in unserem Alltag Momente der Ruhe einlegen, unsere Sinne schärfen und offen werden für Gottes Wort und Willen. Ich bin überzeugt, dass Gott auch heute noch zu jedem und jeder von uns spricht – und dass wir etwas hören, wenn wir die vielen Stimmen und Lärmquellen um uns herum ausblenden.
Ob und wann wir hören? Das ist eines der vielen Geheimnisse Gottes. Unser Wissen über Gott, sagt die Bibel, ist Stückwerk. Aber eines ist sicher: Wie tief auch immer im Leben wir fallen, wir fallen in Gottes Hand.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben vorhin das Kinderevangelium gehört, das erzählt, wie Eltern ihre Kinder zu Jesus bringen, damit er sie segnet. Diese Geschichte ist festgehalten im mittleren Chorraum-Bild unserer Kirche – und dadurch, dass dieses Bild an dieser zentralen Stelle hängt, wird etwas Wesentliches gesagt, nämlich: Die Kinder gehören in eure Mitte! Was auch immer ihr in eurer Kirchengemeinde macht, vergesst die Kinder nicht!
Genau aus diesem Grund betreiben wir unseren Kindergarten, feiern einmal im Monat mit Kindern Kindergottesdienst und begleiten Kinder im Religions- und Konfirmandenunterricht. Und genauso sagen auch alle anderen Kirchengemeinden hier in unserer Region: Die Kinder gehören in unsere Mitte! Also, ein ganz schön aussagekräftiges Bild hier in unserer Kirche!
Jesus segnet die Kinder - ich kenne die Geschichte seit meiner Kindergartenzeit. Als Kind fand ich es großartig, dass Jesus da seine Jünger zusammenstaucht. Und dass, so verstand ich das damals, die Kinder Vorfahrt haben auf dem Weg ins Reich Gottes, Vorfahrt vor den Erwachsenen. Später, als Jugendlicher und junger Erwachsener, fand ich, dass Jesus da viel zu hart über die Erwachsenen urteilt, vor allem über die Jünger, die ihm doch eigentlich nur hatten Ruhe verschaffen wollen. Und ich habe mich dann geärgert, dass die Kinder so hochgelobt werden.
Erst in meiner Dienstzeit habe ich begriffen, dass Jesus damals gar nicht gesagt hat, Kinder wären die besseren Menschen. Und wer selber Kinder hat oder im Beruf mit Kindern zu tun hat, weiß: Kinder können anstrengend sein, sie können gemein oder brutal sein - wie Jugendliche und Erwachsene auch.
Jesus hat die Kinder nicht als bessere Menschen gepriesen, sondern als Beispiel dafür, wie wir Menschen mit Gottes Gnade und Segen umgehen können. Er meinte damit folgendes:
Wenn Kinder etwas wollen oder brauchen, dann sind sie auf Erwachsene angewiesen. Die Kinder selbst können allenfalls darum bitten. Und so lange sie Kinder sind, bleiben sie Empfangende, weil sie nicht für sich selber sorgen können.
Wir alle waren auch einmal Kinder. Später haben wir gelernt, dass wir uns so gut wie alles selber verdienen und erwerben können, wenn wir uns entsprechend ins Zeug legen. Und so leben wir in vielem nach dem Motto "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". So schaffen wir viel aus eigener Kraft.
"Aber mit der Liebe Gottes ist es anders", hat Jesus damals gesagt, als die Kinder vor ihm standen. "Die Liebe Gottes könnt ihr euch nicht verdienen. Schaut auf die Kinder. Die können nichts anderes als um etwas zu bitten und zu betteln - in der Hoffnung, dass sie etwas bekommen. Und so ist es mit euch und Gott."
Für uns erwachsene, gestandene Menschen ist das schwer nachzuvollziehen. Aber es ist so: Wir können noch so viel tun - Gottes Liebe verdienen können wir uns nicht. Aber da, wo wir nicht mehr krampfhaft versuchen, uns Gottes Liebe zu verdienen, da bekommen wir von Gott seine ganze Liebe geschenkt, umsonst, gratis.
Gott liebt uns, und wir müssen nicht einmal etwas für diese Liebe tun. Gott streckt seine Hand nach uns aus, und wir brauchen nur zuzugreifen. Das, so hat Jesus gesagt, dürfen wir von unseren Kleinen lernen.
Amen.
Liebe Festgemeinde,
am späten Freitagabend bin ich – am Bierstand beim Feierabend-Bier(!) - gefragt worden, ob ich heute über das 750-Jahre-Jubiläum und das Dorf predigen werde. „Natürlich, ja“ habe ich geantwortet, und die Lesung, die wir von Herrn Wetzel gehört haben, die führt uns ganz schnell hinein in unser Dorf. Denn da ist die Rede von den Jüngern, also von denen, die sich nach seinem Namen nennen, und wir haben uns ja heute auch versammelt als Menschen, die auf diesen Namen getauft sind.
Aus diesem Grund dürfen wir auch das, wofür Jesus vor 2000 Jahren für die Jünger gebetet hat, direkt auf uns beziehen. Jesus hatte dafür gebetet, dass sie bewahrt bleiben vor dem Bösen und dass sie eins seien untereinander. Und gerade, weil diese letzte Bitte gleich zwei Mal vorkommt, will ich heute in der Fest-Predigt über diese Bitte nachdenken und fragen: Was heißt das nach Jesu Willen, dass wir EINS sein sollen in unserem Dorf?
Dazu ist es ja interessant, wie ein Dorf funktioniert. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, war in zwei weiteren Dörfern Pfarrer und lebe nun also seit 13 Jahren in meinem vierten Dorf. Auch wenn die vier Dörfer auch in manchem unterschiedlich waren, eines war überall gleich: Zu jedem Dorf gehört ein Standard-Mainstream, also ein Denk- und Verhaltenskodex, der stillschweigend festlegt, was man macht und was nicht, was man sagt und was nicht, wohin man geht und wohin nicht, wer in ist und wer nicht, wie ein Haus auszusehen hat und wie nicht, wer etwas zählt und wer nicht usw.
Auch hier in Rheinbischofsheim ist das so. Jetzt könnte jemand sagen: „Prima, dann sind wir ja schon ganz schön weit in Rheinbischofsheim, denn hat Jesus nicht genau das gewollt, als er gebetet hat, dass alle eins seien?“ So könnte man fragen. Aber ich glaube nicht, dass es Jesus darum ging, dass in einem Dorf alle nach einem Mainstream leben müssen.
Ich denke statt dessen: Eins sein bedeutet, dass wir uns bewusst machen: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir uns in vielem unterscheiden. Aber diese Unterschiedlichkeit, diese Vielfalt, die ist gottgewollt und gut. Von Vielfalt wird oft geredet, wer in sein will, redet von Vielfalt; aber viel wichtiger als unser Reden ist unser tun. Und da stellt sich die Frage: Wie viel von dieser gottgewollten Vielfalt hält unser Dorf aus?
Also: Über einem Miteinander in der Vielfalt, da liegt Segen, und unser Dorf hat in seiner Geschichte unter anderem an folgenden zwei Punkten diese segensreiche Vielfalt erlebt: Da ist zum einen der Bereich der Ökumene. Schon vor mehr als 100 Jahren haben Katholiken und Protestanten hier am Ort ein gastfreundliches Miteinander gepflegt, und auf diesem Boden ist ein Miteinander entstanden, in dem die Unterschiede kein Gewicht mehr haben, weil wir die Gemeinsamkeiten feiern. Gott sei Dank! Und dann der zweite Punkt dieser segensreichen Vielfalt: Das waren und sind die Menschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die nach dem Krieg und in den Jahrzehnten danach in unseren Ort gezogen und ganz selbstverständlich Teil dieses Dorfes geworden sind.
„Auf dass sie eins seien“: Aus diesen Erfahrungen und aus Jesu Worten können wir einiges mitnehmen für das, wie wir nach Gottes Willen in unserem Dorf weiterleben könnten. Vier Punkte möchte ich uns allen ans Herz legen:
Erstens: Wer Vielfalt leben will, komme bitte einfach mal im Kindergarten vorbei: Dort haben wir auch Kinder aus Rumänien und der Ukraine, aus Russland und Afghanistan, aus Syrien und dem Iran, aus Eritrea und Nigeria: Aber wo tauchen diese Familien im Alltag im Alltag unseres Dorfes aus? Bei Festen? Auf dem Sportplatz? Wo reden wir ihnen, wenn wir ihnen begegnen? Was ist mit unserer Kraft, mit unserem Willen zur Integration? Wie sieht es aus mit unserer Willkommenskultur? Und die heißt ja nicht nur, die anderen haben sich hier einzufügen, möglichst geräuschlos. Sondern: Wir hoffen, dass sie sich einbringen und dass dieses Anderssein uns alle belebt!
Zum Willen zur Integration passt zweitens, und jetzt wage ich mich bewusst auf ganz, ganz dünnes Eis, dass es vielleicht einmal ein Gedanke wert wäre, ob bei der Vergabe von Bauplätzen das Kriterium „stammt aus Rheinbischofsheim“ wirklich noch zeitgemäß ist. Ganz abgesehen dass dieses Kriterium im Blick auf das Grundrecht auf Freizügigkeit gar nicht rechtens sein könnte.
Ich gehe vom ganz dünnen Eis runter und komme zum dritten: Eins sein in aller Unterschiedlichkeit – wenn ein Dorf das sein will, dann ist auch Raum für ganz andere Lebensentwürfe. Welche Form von Liebe jemand lebt, welche Familienform jemand hat, wie jemand wohnt, welchen Glauben jemand praktiziert, welchen Lebensrhythmus jemand hat, was jemand arbeitet, wie jemand sich verhält, das spielt in einem Dorf, in dem nach Gottes Willen gelebt wird, dann keine Rolle mehr. Alle gehören zusammen. Alle sind gleichermaßen von Gott zugelassen.
Der vierte und letzte Gedanke: Wenn Menschen so lange und eng zusammenleben, da gibt es auch Reibungen und Konflikte. Das ist normal und gehört zu unserem Menschsein dazu. Schlimm ist nur, wenn Konflikte und Urteile von einer Generation auf die nächste übertragen werden oder wenn unversöhnliche Positionen jahrelang einander gegenüberstehen – in einer Gemeinde nicht weit von hier ist das ja der Fall, da geht der Riss quer durch das Dorf. Und auch hier in Rheinbischofsheim gibt es viele über Jahre ausgetragene Unversöhnlichkeiten. Aber jetzt, bei diesem Fest, da bieten sich Möglichkeiten zum Händereichen, zum Neuanfang, selbst wenn es beim einen oder anderen dazu erst mal drei, vier Bier braucht.
So, jetzt komme ich echt zum Schluss! Wir schauen nach vorne: Spätestens im Sommer 2074 wird es das nächste Dorfjubiläum geben, nur wenige von uns werden es aus irdischer Perspektive mitfeiern. Aber schön wäre, wenn die, die 2074 noch am Leben sind, in der Rückschau auf das Dorfjubiläum 2024 sagen könnten: Nach dem Dorfjubiläum 2024 ist es noch schöner geworden, in Rheinbischofsheim zu leben.
Unserem Ort und jedem von euch und Ihnen wünsche ich auf dem Weg durch die Zeiten Gottes Segen.
Amen.
Ein Mann ging auf eine Reise. Er rief seine Knechte zusammen. Dem ersten gab er fünf Beutel Silber, dem zweiten zwei Beutel und dem dritten einen Beutel. Dann reiste er ab.
Der erste Knecht ging sofort daran, das Geld anzulegen, und konnte es schließlich verdoppeln. Auch der zweite Knecht verdoppelte das Geld. Der Dritte grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn, um es sicher zu verwahren.
Nach langer Zeit kehrte ihr Herr von seiner Reise zurück und rief sie zu sich. Sie sollten ihm berichten, was sie mit seinem Geld gemacht hatten.
Der erste Knecht sagte: "Herr, du gabst mir fünf Beutel Silber, und ich habe sie verdoppelt." Der Herr freute sich sehr. „Gut gemacht, mein guter und treuer Knecht. Du bist mit diesem Betrag zuverlässig umgegangen, deshalb will ich dir größere Verantwortung übertragen.“ Der zweite Knecht sagte: "Herr, du hast mir zwei Beutel Silber gegeben, und ich habe sie verdoppelt." Der Herr freute sich und lobte auch diesen Knecht.
Dann kam der dritte Knecht und sagte: "Herr, ich weiß, du bist ein strenger Mann. Ich hatte Angst, dein Geld zu verlieren, also vergrub ich es in der Erde. Hier ist es."
Aber der Herr erwiderte: "Du böser, fauler Knecht! Du hättest wenigstens mein Geld zur Bank bringen können, dann hätte ich immerhin noch Zinsen dafür bekommen. Nehmt diesem Knecht das Geld weg und gebt es dem mit den zehn Beuteln Silber.“
„Wer da hat, dem wird noch mehr gegeben; wer aber wenig hat, dem wird auch das Wenige genommen werden.“
(Matthäus 25, 14-30)
Liebe Gemeinde,
über dieses Gleichnis könnte man und frau sich gleich doppelt ärgern: Da ist einmal der harte Satz: „Wer da hat, dem wird gegeben; wer aber wenig hat, dem wird auch das Wenige genommen werden.“ Mich erinnert das an die Schere zwischen Satten und Hungernden weltweit, an geldgierige Fußballprofis und Fußballverbände, an Managerabfindungen, Diätenerhöhung und dergleichen mehr.
Noch ärgerlicher ist, was der dritte Knecht erlebt. Nicht einen Cent veruntreut er, trotzdem fällt sein Herr ein so hartes Urteil. Dieser Knecht ist erschrocken bei der Summe, die ihm anvertraut wurde - für einen Beutel Silber hätte er 40 Jahre lang arbeiten müssen. Dass er das Geld in Sicherheit bringt, ist doch verständlich! Von uns käme ja auch niemand auf die Idee, mit fremdem Geld Bitcoins oder Ähnliches zu kaufen. Wenn der dritte Knecht trotzdem so hart verurteilt wird, dann muss es Jesus bei diesem Gleichnis um anderes gegangen sein als um Geld.
Der Herr im Gleichnis ist Gott, klar, mit den drei Knechten sind wir Menschen gemeint. Und die vielen Beutel Silber? Im griechischen Urtext steht hier talanta, „Talente“. Das war eine Gewichtseinheit, aber das Wort hatte schon damals auch die Bedeutung „Begabungen“. Oder hier: Fähigkeiten, durch die wir unser Leben und die Welt nach Gottes Willen gestalten können. Eine Welt nach Gottes Willen nannte Jesus Reich Gottes und sagte, dass es schon dort anbricht, wo wir uns von Gott in Dienst nehmen lassen und seinen Willen tun. Um dieses anbrechende Reich Gottes geht es also. Schauen wir genauer hin:
Dass der Herr verreist und seinen Knechten die Verantwortung überträgt - das heißt: Gott ist nicht der Regisseur der Weltgeschichte, der uns Menschen dirigiert wie Marionetten. Sondern Gott vertraut uns seine Welt an und erwartet von uns dabei vor allem zwei Dinge: Zum einen sollen wir begreifen, dass er uns alle zu diesem Dienst mit ganz bestimmten Fähigkeiten ausgestattet hat - nicht alle mit den gleichen, auch nicht mit gleichviel, aber doch jede/n mit irgendwelchen; zum zweiten sollen wir aus diesen Begabungen auch etwas machen, sie einsetzen – zur Not auch etwas damit riskieren. Das bedeutet, auch einmal etwas zu tun, von dem wir nicht wissen, was dabei herauskommt. Was für eine Verheißung für unser persönliches Leben und auch unsere Gemeindearbeit ist das: Ihr dürft auch mal etwas riskieren! Es darf auch mal etwas schief gehen!
Mit den Begabungen und Talenten traut Gott uns etwas zu.“ Das ist der Schlüssel zu diesem Gleichnis! Gott traut jedem und jeder von uns zu, dass mit unseren Begabungen das Reich Gottes in dieser Welt ein Stück weit wachsen kann und sichtbar und erfahrbar wird.
Und genau das hat jener dritte Knecht bezweifelt. Er konnte nicht glauben, dass er etwas bewegen könnte mit dem Zentner Silber. Und er hielt seinen Herrn für hart, unbarmherzig. Das erboste den Herrn so richtig. Denn Gott ist kein harter Herrscher. Gott fordert von uns keine Leistungsnachweise, sondern sagt: „Du, Mensch, ich
traue dir etwas zu.“ Und das meint Gott ganz konkret, ich beziehe das einmal ausschließlich auf unsere Gemeinde:
Gott sagt: „Du, die so gut zuhören kann, dir traue ich zu, dass du Menschen besuchst, die so gerne von ihrem Leben und ihren Nöten erzählen und ein offenes Ohr dringend brauchen.“ „Und du mit deiner schönen Stimme hast - dir traue ich zu, dass du im Gottesdienst mein Lob singst.“ „Du, die so gut organisieren kann - dir traue ich zu, das Pfarrbüro zu managen.“ „Und du mit deinem gutem Geschmack – dir traue ich zu, dass du immer wieder einen ansprechenden Gemeindebrief produzierst.“ „Und du, die du so gut mit Kindern umgehen kannst - dir traue ich zu, dass du im Kindergarten oder Kigo Kindern von Jesus erzählst.“ „Und du, der du keine Menschenmengen fürchtest, dir traue ich trotz deines mäßigen Abi-Durchschnitts zu, dass du auf der Kanzel mit deinem Reden und Tun für das Reich Gottes und den Glauben eintrittst.“ „Du, dem lange Reden viel zu wenig sind - dir traue ich zu, dass du dich um ganz praktische und handwerkliche Dinge kümmerst.“ „Und du, die du meinst, von alledem nichts abbekommen zu haben - dir traue ich zu, dass du irgendwann einmal deine Stimme erheben wirst und alle werden dir zuhören, weil sie schon lange auf das warten, was du ihnen zu sagen hast.“
Vielleicht haben sich einige bei diesen Worten des Zutrauens wieder erkannt. Ich hatte jedenfalls einige aus unserer Mitte vor Augen. So können wir diesen einen Gedanken mit in die neue Woche und in unseren Alltag nehmen: „Gott traut dir etwas zu. Setze deine Fähigkeiten ein - für dich selbst, für andere Menschen und für das anbrechende Reich Gottes.“
Amen.
Station 1
Jede und jeder von uns hat schon Zeiten erlebt, in denen er oder sie so richtig unzufrieden war. Manchmal lag der Grund der Unzufriedenheit auf der Hand – er lag etwa im beruflichen Bereich oder im häuslichen Umfeld oder irgendetwas anderem Konkreten.
Manchmal aber war die Unzufriedenheit einfach da als ein unangenehmes Gefühl, das sich mit ziemlichem Gewicht auf unseren Tagesablauf legte.
Was sind das für Dinge oder Ereignisse, die mich unzufrieden machen? Und wenn ich mal unzufrieden war, wie kam es, dass die Unzufriedenheit wieder verschwunden ist?
(Lied: "Laudate omnes gentes")
Station 2
Eine von vielen Möglichkeiten, zufrieden zu sein mit dem, was ich bin und was ich habe, habe ich in einem Text entdeckt, der mir deutlich sagt: Ich darf Gott dankbar sein für alles, nicht nur für das Außergewöhnliche in deinem Leben.
Dieser Text heißt „Das 100-Seelen-Dorf“. Darin heißt es unter anderem:
Wenn man die Weltbevölkerung auf ein 100 Seelen zählendes Dorf reduzieren könnte und dabei die Proportionen aller auf der Erde lebenden Völker beibehalten würde, sähe es so aus:
80 Personen lebten in maroden Häusern, 70 wären Analphabeten, 50 würden an Unterernährung leiden, einer wäre dabei, zu sterben, einer wäre dabei, geboren zu werden. Einer besäße einen Computer, einer (ja, nur einer) hätte einen Universitätsabschluss.
Du solltest auch folgendes bedenken: Wenn Du heute Morgen aufgestanden bist und eher gesund als krank warst, hast Du ein besseres Los gezogen als die Millionen Menschen, die die nächste Woche nicht mehr erleben werden.
Wenn Du noch nie in der Gefahr einer Schlacht, in der Einsamkeit der Gefangenschaft, im Todeskampf der Folterung oder im Schraubstock des Hungers warst, geht es Dir besser als 500 Millionen Menschen.
Wenn Du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen hast, bist du reicher als 75 Prozent der Menschen dieser Erde.
Wenn Du Geld auf der Bank, in Deinem Portemonnaie und im Sparschwein hast, gehörst Du zu den privilegiertesten 8 Prozent dieser Welt.
Wenn Deine Eltern noch leben und immer noch verheiratet sind, bist Du schon wahrlich eine Rarität.
Wenn Du diese Worte in einem Gotteshaus hörst, bist du überdies gesegnet, weil Du nicht zu den drei Milliarden Menschen gehörst, für die es lebensgefährlich sein kann, einen Gottesdienst zu besuchen.
(Lied: "Herr, deine Liebe")
Station 3
Die Geschichte vom „100-Seelen-Dorf“ sagt mir:
Ich muss wirklich nicht unzufrieden sein. Und das nicht, weil es anderen noch schlechter geht, sondern deshalb, weil ich alles habe, was ich zum guten Leben brauche; weil Gott mir meine Bitte um das tägliche Brot in vielfacher Weise erfüllt hat:
durch Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin;
durch das Dach über dem Kopf und den vollen Teller auf dem Tisch;
durch das Zugehören zu einer Gemeinschaft, die mir Luft zum Atmen lässt und mich vor Unrecht schützt.
Diese Einsichten machen mich zufrieden im Blick auf die äußerlichen Lebensumstände. Aber wie ist das in meinem Inneren? Was kann mich da zufrieden machen?
(Lied: "Selig seid ihr")
Station 4
Die meisten von uns haben wahrlich keinen Grund, unzufrieden zu sein. Trotzdem wollen wir manchmal in unserem Leben den ganz großen Wurf, das totale Glück, praktisch den Himmel auf Erden. Aber wo und wie finde ich diesen Himmel auf Erden? Eine alte Legende erzählt:
Zwei Menschen lebten überaus glücklich miteinander. Sie waren zufrieden, mit dem was sie hatten und miteinander teilten. Ihre Liebe wuchs durch die Jahre ihres Zusammenlebens. Nichts und niemand konnte diese Liebe zerstören.
Eines Tages lasen sie in einem alten Buch, dass es da irgendwo, in weiter Ferne, vielleicht am Ende der Welt, einen Ort gäbe, wo unermessliches Glück herrsche. Ein Ort sollte dies sein, so sagte das alte Buch, an dem der Himmel die Erde küsst. Die beiden beschlossen, diesen Ort zu suchen.
Der Weg war lang und voller Entbehrungen. Bald wussten sie nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren; doch aufgeben wollten sie nicht. Fast am Ende ihrer Kraft, erreichten sie eine Tür, wie sie im Buch beschrieben war. Hinter dieser Tür sollte es sich befinden: Das große Glück, das Ziel ihres Hoffens und Suchens.
Welch eine Spannung war in ihnen – wie würde er aussehen, der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst, der Ort, an dem ein solches Glück herrscht? Sie klopften an. Die Tür öffnete sich. Sie fassten sich an der Hand und traten ein. Da standen sie nun – wieder mitten in ihrer Wohnung. Am Ende dieses langen Weges waren sie wieder bei sich zu Hause angekommen.
Und sie verstanden: Der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst, ist der Ort, an dem die Menschen sich küssen. Der Ort, an dem der Himmel die Erde berührt, ist der Ort, an dem Menschen sich berühren. Der Ort, an dem der Himmel sich öffnet, ist der Ort, an dem Menschen sich füreinander öffnen. Der Ort des großen Glücks ist der Ort, an dem Menschen sich glücklich machen.
(Lied: Da berühren sich Himmel und Erde")
Liebe Gemeinde,
„von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir.“ Dieses Psalmwort ist nicht nur der Taufspruch von Fiete, sondern steht als Überschrift über dem ganzen Gottesdienst.
Dieser schöne Bibelvers spricht von dem, was Sie als Eltern, Paten und Großeltern Fiete und seiner Schwester Alwine doch am meisten wünschen: dass es ihnen gut geht, dass sie beschützt sind und ihnen nichts passiert. Wer unter uns selbst Kinder hat, weiß, wie entlastend es ist, wenn wir immer wieder einmal auch die Hände falten und Gott bitten können: Hilf uns dabei, auf unser Kind aufzupassen. Ein schöner, ein wichtiger Wunsch am Anfang eines Menschenlebens!
Nun werden aber - schneller als wir ahnen – die Jahre kommen und gehen, die Kinder werden größer werden, vielleicht gar nicht mehr beschützt werden wollen, weil das dann uncool sein wird. Ob sie sich dann noch erinnern an Gottes Versprechen, sie zu schützen? Liebe Eltern und Paten, da könnt ihr viel dazu beitragen. Betet mit den Kindern und erzählt ihnen von Gott, der ihnen nahe ist und sie so lieb hat, wie nur eine Mama oder ein Papa ihre Kind lieben können.
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Dieses Versprechen gilt nicht nur Fiete, sondern uns allen: auch euch Konfirmanden und Konfirmandinnen. Heute beginnt eure Konfirmandenzeit. Wir werden oft in der Bibel darauf stoßen, was andere Menschen mit Gott erlebt haben. Und auch wenn ihr in ein Alter gekommen seid, in dem man gar nicht mehr so sehr beschützt und behütet sein möchte – nach wie vor gibt es Momente, in denen es gut tu, wenn ihr wisst: Gott ist da und passt auf mich auf.
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
In dieser Gewissheit und in der Hoffnung auf ein Wiedersehen haben wir in den letzten Wochen Abschied genommen von zwei Mitgliedern unserer Kirchengemeinde: von Barbara Ulrich und von Hanna Berger. Sterben und das Leben loslassen ist der letzte Akt unseres irdischen Lebens. Aber es ist ein Unterschied, mit welcher Perspektive ich meine Augen schließe. Wohl dem Menschen, der das tun kann in der Gewissheit: „In deiner Hand, Gott, bin ich geborgen.“ Und wohl den Trauernden, die Abschied nehmen können in der Gewissheit, dass die Verstorbenen in Gottes Armen geborgen sind!
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Wir alle wollen lieber etwas Bewegungsfreiheit und unser Leben selbst gestalten. Und so leben wir ab und zu etwas gottvergessen. Aber Gott bleibt uns nahe, unser Leben lang. Und wenn wir dann Gottes Nähe besonders brauchen, ist Gott da und hält seine Hand über uns: segnend, schützend, Mut machend. Es ist schön, dass wir durch die Taufe eines Kindes heute daran wieder erinnert worden sind.
Amen.
Liebe Gemeinde,
Anfang letzter Woche bekam ich einen Reiseprojekt der katholischen Jugend für eine Romreise in die Hand. Waren Sie schon einmal in Rom? – Ich war schon neun Mal dort. Für mich ist Rom die faszinierendste Stadt der Erde.
Weder Hitze noch weite Wege machen einem da etwas aus, wenn man unterwegs ist zu den vielen Zeugen der Vergangenheit. Oft stößt man dabei auf den gleichen Namen: auf Petrus: Ob in St. Pietro in vincolis, wo sich seine angeblichen Ketten befinden, oder in San Paolo, wo er als Riesenskulptur da steht und die Papstliste anführt, überall in Rom stößt man auf Petrus, nicht zuletzt im Petersdom: Errichtet über dem Ort, an dem Petrus nach seiner Kreuzigung begraben wurde, steht dort die größte Kirche der Welt.
Man ist fast geblendet vor lauter Pracht und Größe – alles zu Ehren des Petrus. War er der erste Mega-Star der Christenheit? In der Bibel können wir nachlesen, wie das angefangen hat mit Petrus, der ursprünglich Simon hieß und als Fischer am See Genezareth sein Brot verdiente. Wir lesen dazu im Lukasevangelium:
Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
Dann sprach er zu Simon: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Und Simon antwortete und sprach: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“
Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: "Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch."
Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: "Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen."
Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten Jesus nach.
Auf den ersten Blick sage ich mir: Toll, wie Petrus dem Jesus glaubt, ihm vertraut und nachfolgt. Jesus vollbringt ein Wunder, fordert Petrus auf: „Folge mir nach!“, und der geht mit. So weit, so gut.
Aber wenn ich dann genauer hinschaue, kommt mir die Frage: Wie war das denn wohl für die anderen, die das betraf?
Die Bibel erzählt, dass Petrus verheiratet war. Als Petrus mit Jesus wegging, wie mag das wohl für die Frau des Petrus gewesen sein? Der geht da einfach mit dem Fremden und lässt sie und wohl auch die Kinder alleine. Auch die Kollegen des Petrus werden erstaunt gewesen sein: Der lässt alles zurück – sein Boot, die Netze, vielleicht auch Schulden. Und die Eltern von Petrus, was werden sie empfunden haben angesichts der Tatsache, dass ihr Sohn einfach ausstieg aus seinem bisherigen Leben?
Jesus nachfolgen - für Petrus hieß das: mit dem bisherigen Leben brechen, alles aufgeben und mit Jesus bis zum Ende mitzugehen. Heute, 2000 Jahre später – da verlangt Jesus von uns heute entschieden weniger. Niemand muss sein bisheriges Leben aufgeben, niemand seine Arbeit an den Nagel hängen, niemand sich von seiner Familie trennen. Trotzdem haben sich in den letzten 2000 Jahren Menschen ganz radikal von allem getrennt, um Jesus nachzufolgen. Ich bewundere diese Menschen: Mutter Teresa gehört dazu, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, auch Mönche und Nonnen, und ich ziehe meinen Hut auch vor katholischen Priestern, die um der Nachfolge Jesu willen auf sehr, sehr vieles verzichten.
Von uns hier verlangt Jesus keinen Verzicht. Aber nach wie vor gilt uns Jesu Wort: „Folge mir nach“. Ich glaube nicht, dass es reicht, einmal im Leben Ja zu sagen. Jeder Tag unseres Lebens stellt uns vor die Entscheidung: ‚Lebe ich so, wie Jesus es vorgelebt hat?‘
Das hat auch sein Gutes: Mit jedem Tag gibt Gott uns die Chance, einen schlechten vergessen zu machen. An jedem Tag darf ich einen neuen Anlauf starten, um Jesus nachzufolgen. Manches gelingt dabei, und manches nicht. Gerade beim Misslingen, wenn wir wieder einmal in Verhaltensweisen zurückfallen, die sich mit der Nachfolge Jesu absolut gar nicht in Verbindung bringen lassen – gerade dann sollten wir auf Petrus schauen: Der hat nämlich auch ganz schön versagt, immer wieder. Er hat Jesus sogar verleugnet, und doch war er es, dem Jesus nach seiner Auferstehung den Auftrag gab: „Weide meine Schafe!“
Jesus hat zu Petrus nie gesagt: „So, das war’s jetzt, du Versager!“ Schon bei der jener ersten Begegnung am See Genezareth hat Jesus Petrus ermuntert: „Fahr noch einmal hinaus! Probier’s noch mal!“
Das ist ein ganz wichtiges Geleitwort für uns Christenmenschen: „Probier’s noch mal!“ Denn manchmal scheint alles für die Katz. Da sagen wir: „Herr, ich habe mir so viel Mühe gegeben, und ich habe nichts bewirkt.“ „Herr, jetzt wollte ich mich wirklich so verhalten, wie du es gesagt hast, und habe doch wieder alles verbockt.“ „Herr, ich habe mir den Mund fusselig geredet, und es geht zum einen Ohr rein und zum anderen raus.“ Das sind Zeiten, in denen wir die Flinte ins Korn oder sonst wohin werfen wollen. Und dann sagt Jesus: „Mach’s noch mal. Probier’s noch mal.“
Probier’s noch mal - weil selbst Petrus immer wieder eine weitere Chance bekommen hat. Eben dieser Petrus, der als einfacher Fischer von Jesus berufen wurde und an den so vieles in Rom erinnert. Dazu gehört auch eine Kirche an der Via Appia namens „Quo vadis Domine“. Ihre Geschichte will ich noch erzählen. Während der Christenverfolgung unter Nero sollen die Christen in Rom Petrus gedrängt haben, die Stadt zu verlassen, um sein Leben zu retten. Aber zu flüchten betrachtete Petrus als Verrat an Jesus. Doch die römischen Christen ließen nicht locker, bis Petrus sich widerwillig auf den Weg machte. An der Via Appia, kurz nach der Standmauer, begegnete Petrus einem Wanderer. „Quo vadis, Domine?“, soll Petrus gefragt haben – „Wohin gehst du, Herr?“ Und der Fremde antwortete: „Ich gehe nach Rom, um mich ein zweites Mal kreuzigen zu lassen.“ Da erkannte Petrus, dass der Fremde Jesus war, drehte sich um und kehrte zurück, obwohl er wusste, dass er würde sterben müssen. Und so kam es auch.
Über dem Grab des Petrus steht heute der Petersdom – für manche ein Zeichen der Pracht und Macht. Aber vor allem erinnert er an einen Menschen, der in Jesu Nachfolge oft versagte und doch immer eine neue Chance bekam.
„Probier’s noch mal“, hat Jesus zu ihm gesagt. „Probier’s noch mal.“ Das dürfen auch wir mitnehmen in die neue Woche. Wenn dein Glaube wackelt, gib nicht auf. Wenn du fragst, ob sich das alles lohnt, gib nicht auf. Wenn du an deinem eigenen Kleinglauben verzweifelst, verlier nicht die Geduld.
„Probier’s noch mal.“ Amen.
Liebe Gemeinde, und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
in diesem Jahr ist das Konfirmationsjubiläum für mich auch privat ein ganz besonderer Tag: Ich darf mich daran erinnern, dass ich vor 50 Jahren, am 31. März 1974, an Judica, konfirmiert worden bin. Ich habe das Jubiläum bereits gefeiert: Mitte März in der Martinskirche Neckarelz, zusammen mit meinen Mitkonfirmierten und sogar mit dem Pfarrer, der uns damals konfirmiert hat. Es war ein unglaublich schöner Tag – die Anderen sind zwar schon in die Jahre gekommen (die Anderen…), aber noch ganz gut geklappt hat es an mit dem Erinnern jene Zeit: 1974, liebe Goldene Jubilare, was für eine bewegte Zeit: Prilblumen in der Küche, alle hatten lange Haare, Abba mit Waterloo ESC-Sieger, im Mai Bayern München Europacupsieger und Deutscher Meister, im Juli Deutschland Fußball-Weltmeister, Musik von Sweet, den Rubettes, Deep Purple und Michael Holm, nicht zu vergessen „Seasons in the Sun“ und „Rock your Baby“– was für ein Jahr!
Und so hat jeder Jahrgang, Erinnerungen an die Konfirmation:
1954, da waren Sie, liebe Gnaden-Jubilare, der erste Jahrgang in der renovierten Kirche. Und die haben sie zur Konfirmation geputzt, unter den wachsamen Augen von Schwester Julien und der gütigen Schwester Marie. Und ein Vierteljahr später haben Sie ein richtig großes Wunder mitbekommen, vor allem die Buben: das Wunder von Bern.
Zu den Eisernen Jubilaren: Der Geburtsjahrgang 1943/44 ein sehr kleiner Jahrgang – Resultat einer vom Krieg und Terror erschütterten Welt. Aber als Sie im Jahr 1959 konfirmiert wurden, da ging es schon wieder bergauf, das Wirtschaftswunder begann langsam.
1964. Liebe Diamant-Konfirmanden, da war einiges los: erster Jahrgang von Pfarrer Wölfle – Konfi-Unterricht oben im Pfarramt unter der Dachschräge - Jede/r sollte 50 Pfennig bringen für die Putzfrau. Konfi-Ausflug auf die Hochkönigsburg bei Schneefall und Glätte. Und noch vieles mehr.
Von 1974 habe ich schon erzählt, bleibt noch 1999, Konfirmation unserer Silbernen Jubilarin, Frau Heindl: Damals wurde der Euro in elf Staaten als Buchgeld eingeführt; Günter Jauch ging mit seiner Sendung „Wer-wird-Millionär“ an den Start. Und am 11. August gab es eine Sonnenfinsternis.
Fünf Jahrgänge aus fünf ganz unterschiedlichen Zeiten – und eine große Gemeinsamkeit: Ihnen allen wurde der gleiche Segen Gottes zugesprochen, hier, in dieser Kirche, und Sie alle wurden hier, an diesem Altar, gestärkt für Ihren Weiterweg durchs Leben, nachdem Sie Ja gesagt hatten zu Ihrem Glauben.
Als Sie seinerzeit als junge Menschen diese Kirche verlassen haben, hat Jesus Ihnen versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Haben Sie diese Nähe Jesu gespürt in Ihrem Leben? Hat Gottes Segen sich auf Ihr Leben ausgewirkt?
Den Segen Gottes haben viele erlebt: in der eigenen Ehe, in den Kindern, im beruflichen Werdegang, im Aufbau des eigenen Wohlstandes, in Momenten des Glücks, in Freundschaften und in hoffentlich vielem mehr.
Aber es gab auch Schweres, und gerade an einem Tag wie heute denken Sie auch daran. Manchen ist im Lauf der Jahre der Ehepartner gestorben, vielleicht auch Geschwister, bei manchen war es gar das Kind. Wieder andere sind gesundheitlich angeschlagen, und da denken wir jetzt auch an die, die gerne heute gekommen wären, deren Gesundheit es aber nicht zulässt.
Bei all dem Schweren, was wir mitunter erleben, wie ist es da mit Jesus, der alle Tage bei uns bleiben will?
Jesus hat noch etwas gesagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Ein wunderbarer Satz! „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Dieser Satz sagt nicht, dass es für uns nur Glücksmomente gibt. Die dunklen, schweren Stunden gehören ebenso dazu, wie auch Jesus durch das Dunkel hindurchgehen musste. Aber es bleibt nicht dabei. „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Damit macht Jesus uns Mut für die Zukunft. Diese Zukunft, unsere Zukunft, sie beginnt nach diesem Gottesdienst, nach diesem Tag des Feierns, in unserem Alltag – in unseren Familien, in unseren Pflichten, in unseren gewohnten Wochenplänen.
Was die kommende Zeit uns bringen wird, wissen wir nicht. Aber gewiss dürfen wir uns dessen sein, dass Jesus uns nicht alleine lässt. „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, hat Jesus gesagt. Und wir dürfen auf dieses Versprechen Jesu antworten: „Ich singe dir mit Herz und Mund.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
Pfingsten ist das Fest im Kirchenjahr, das am schwersten zu erklären ist. Nicht einmal ein Viertel der Deutschen weiß, warum Pfingsten gefeiert wird.
Was können wir selber mit Pfingsten anfangen? Der Kern ist uns bekannt, wir haben in der Lesung davon gehört. Pfingstwunder wird das Ganze genannt. Aber woraus besteht das Wunder denn? Dass es vom Himmel braust? Dass Flammen auf den Häuptern der Apostel zu sehen sind?
Das sind nur die äußeren Anzeichen des Wunders. Denn eigentlich sind da gleich drei Wunder geschehen:
Das erste Wunder erfahren die Apostel an sich selbst: Sie, einfache Menschen aus Galiläa, die nichts anderes konnten als fischen; sie, die Jesus immer nur zugehört hatten; sie, die noch nie mehr als drei Sätze am Stück gesagt haben; ausgerechnet sie fangen nun an zu erzählen von Jesus.
Das zweite Wunder geschieht auf der Gegenseite. Da sind Menschen von überall her nach Jerusalem gekommen. Die sind natürlich neugierig und erleben nun, wie sie in ihrer eigenen Sprache diese Fischer hören und verstehen.
Das dritte Wunder erleben alle. Sie begreifen: Ob ich nun aus Israel komme oder aus Persien, ob ich Handwerker bin oder Gelehrter, ob ich ein guter Mensch bin oder ein Schlitzohr, ob ich klug bin oder dumm, arm oder reich - ich und all die anderen, wir gehören zusammen.
So geschehen an diesem Tag in Jerusalem gleich drei Wunder: Einfache Menschen trauen sich zu erzählen; Fremde verstehen die Botschaft; und alle spüren, wie sie miteinander verbunden werden zu einer großen Gemeinschaft.
O gute alte Zeit! Und heute werden die Kirchen immer leerer, Jesus spielt in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr. Am liebsten würde ich beten: "Lieber Gott, lass es noch einmal so krachen wie damals in Jerusalem; schenke uns ein zweites Pfingstwunder, damit wir Menschen wieder gottesfürchtiger und die Kirchen wieder voller würden."
Ich bete nicht wirklich so zu Gott. Obwohl - hat Gott uns nicht dazu ermutigt, ihm alles zu sagen, was uns bedrückt und wie es uns in den Sinn kommt? Eigentlich schon.
Die Frage bleibt auf jeden Fall: Warum geschah das Pfingstwunder damals und warum spüren wir heute nichts, obwohl diese glaubensarme, kirchenferne Zeit doch förmlich schreit nach einem zweiten Pfingstwunder?
Ich glaube, der Unterschied zu heute ist, dass die Jünger wirklich etwas von Gott erwartet haben. Jesus hatte ihnen versprochen: "Ihr werdet meine Kraft empfangen." Und so haben die Jünger gewartet, haben das Wunder er-wartet. Sie haben auf Gott vertraut und waren nicht so vermessen, sich selber mehr zuzutrauen als Gott.
Ist das vielleicht unser Manko? Dass wir vor lauter eigenen Ideen gar keinen Raum, keine Lücke lassen, in der Gottes Geist sich entfalten könnte?
Wenn ich wir sage, meine ich nicht nur uns vor Ort. Ich denke an die ganzen Kampagnen, mit denen unsere Kirchenleitung uns immer wieder reich segnet und überflutet, auch wenn wir nichts bestellt haben.
All diese Aktionen mögen ihre Berechtigung haben - aber findet denn dadurch ein Mensch zum Glauben? Nein. Die Apostel haben es uns vorgemacht, und wären sie da, dann würden sie uns drei Ratschläge geben.
Der erste: Erzählt euren Mitmenschen von eurem Glauben. Nicht nur in den schützenden Mauern der Kirche; nicht nur daheim. Was hindert euch daran, auch mit eurem Kollegen, eurer Nachbarin oder eurem Vereinskameraden über das zu reden, was euch trägt. Ihr müsst euren Glauben doch nicht verstecken wie eine ansteckende Krankheit!
Der zweite Ratschlag heißt: Redet Klartext! Verzichtet auf Floskeln oder vornehme Worte. Wenn ihr jemanden zum Glauben führen wollt, dann redet in einfachen, normalen Worten, damit dieser Mensch auch versteht, was er meint.
Der dritte Ratschlag heißt: Pflegt eure Gemeinschaft! Kümmert euch umeinander. Schaut, wie es dem Anderen geht. Ihr gehört alle zu der großen Familie der Kinder Gottes!
Schön ist: Für diese Ratschläge müssen wir nicht Unsummen an eine Unternehmensberatung zahlen; sie stehen in der Bibel, und wir können sie kostenlos übernehmen. Wo wir uns an den drei Ratschlägen der Apostel orientieren, könnte leicht ein neues Pfingstwunder geschehen. Auch ohne Brausen vom Himmel oder Flammen auf dem Kopf.
Wenn jemand zum Glauben findet, weil ihm jemand einfach von seinem Glauben erzählt hat; weil er gemerkt hat "Wir reden die gleiche Sprache"; weil er spürt "Da gehöre ich hin" - wenn da jemand zum Glauben findet - das ist ein weiteres Pfingstwunder; und das kann auch noch im Jahr 2024 geschehen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
„Rogate - Betet!“ Da passt das Vater Unser als Lesung. Es wird seit 2000 Jahren überall auf der Welt gebetet, und es lohnt, einmal die einzelnen Teile genau anzuschauen.
Da hat Jesus zuerst über das Beten gesagt: „Ihr sollt nicht so beten, dass es alle hören, sondern im stillen Kämmerlein. Ihr sollt auch nicht viele Worte machen beim Beten.“ - Diese beiden „Ihr sollt nicht“ tun gut. Denn da sagt Jesus: „Ihr müsst keine rednerischen Glanzleistungen vor Gott vollbringen, wenn ihr betet. Gott reicht ein schlichtes Vater Unser.“ Anders also als bei religiösen Gemeinschaften, in denen publikumswirksam frei und laut gebetet wird, wo viele die Frömmigkeit eines Menschen an seinem Gebet ablesen, das oft zur Selbstdarstellung missbraucht wird. „Ein Vater Unser reicht“, hat Jesus gesagt.
Schon die Anrede ist bemerkenswert: „Vater Unser“. So zeigt uns schon der Beginn: Gott ist kein Herrscher droben über unseren Köpfen, sondern er ist uns so nahe, wie Eltern es ihren Kindern sind, und steht an unserer Seite.
Danach geht es nicht weiter mit den Worten: „Vater, ich will ...“, sondern zunächst hat dreimal die Sache Gottes Vorfahrt.
GEHEILIGT WERDE DEIN NAME: Diese Bitte ist eine Absage an all das, was vielen Menschen heutzutage heilig ist: Geld, Ansehen, Genuss, Leistungsprinzip und heilloser Egoismus. Zu heiligen, sagt Jesus, ist einzig und allein Gottes Name – nur er kann unserem Leben bleibenden Halt geben.
DEIN REICH KOMME: Nie zuvor entstanden und zerbrachen so viele Reiche wie in den letzten 120 Jahren: Welt-Reiche, die aufgebaut waren auf Gewalt und die wieder verschwanden, wenn ein stärkeres Reich entstand. Aber das Reich, um das wir Gott bitten, wird nicht vergehen, weil es nicht von Menschen, nicht von Gewalt abhängig ist, sondern von Gott angelegt ist als letztes Wort, das er zu dieser Welt und ihren Menschen sprechen wird.
DEIN WILLE GESCHEHE WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN: Der schwerste Satz des Vater Unsers! Nur schwer kommt er uns über die Lippen, wenn wir mit etwas nicht fertig werden, wenn wir nicht verstehen können oder wenn uns Leid trifft. Eine große Anfechtung für unseren Glauben!
Nun geht es bei „Dein Wille geschehe“ nicht allein um Schicksalsschläge. Jesus meint hier auch: „Was bei Gott gilt, das gilt auch bei euch Menschen. Es gilt überall allein der Wille Gottes.“ Viele Menschen sehen das anders: im Himmel, ja; meinetwegen auch in der Kirche, ja - da darf der Wille Gottes schon geschehen. Aber in meinem alltäglichen Bereich - nein, da bestimme ich, und da ist dein Wille, lieber Gott, du wirst es sicher verstehen, etwas überholt. Viele spalten so ihr eigenes Leben auf. Entsprechend sind die Früchte, die sie hervorbringen: Da singt einer sonntags laut Halleluja, aber unter der Woche behandelt er seine Frau wie ein Stück Dreck. Eine sitzt mit frommem Gesicht im Gottesdienst, aber im Beruf schikaniert sie ihre Kolleginnen. Ein dritter hört von der Vergebung, weigert sich aber, dem Nachbar, mit dem er sich verkracht hat, die Hand zu reichen.
Das zeigt uns etwas ganz Wichtiges: Mit dem Vater Unser können wir nicht alle Verantwortung in Gottes Hand legen. UNSER Tun entscheidet mit, ob sich unsere Bitten erfüllen können.
Das gilt auch für die vierte Bitte: UNSER TÄGLICH BROT GIB UNS HEUTE: Das tägliche Brot meint alles, was wir zum Leben brauchen: ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Kleidung, Menschen, die wir lieben und die uns lieben, auch Zufriedenheit und Gesundheit. Aber auch andere bitten darum: Hungernde, Wohnsitzlose, Flüchtlinge, Kranke, Traurige. Ihre Gebete müssen Folgen für uns haben: Wenn wir Gott um das tägliche Brot für uns selbst bitten, können wir nicht tatenlos zuschauen, wenn andere Menschen das nicht haben.
VERGIB UNS UNSERE SCHULD, WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN: Auch dies erinnert uns daran, dass unsere Bitten sich nicht erfüllen, wenn wir nichts dazu tun. Gott vergibt mir meine Schuld, ja, aber ich muss auch selbst aufhören, anderen ihre Fehler vorzuhalten. So wie ich nur leben kann, weil Gott immer neu mit mir anfängt, so sollte auch ich meinen Mitmenschen die Möglichkeit zum Neuanfang gewähren. Viele Ehen, viele Freundschaften wären nicht zerbrochen, wenn Menschen die Vergebung, um die sie im Gottesdienst bitten, auch unter der Woche praktiziert hätten.
UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN: Die letzte Bitte sagt: Niemand unter uns ist dagegen immun, Böses zu tun. Diese Einsicht macht demütig und zeigt uns, wie sehr wir auf Gott angewiesen sind.
So nimmt das Vater Unser uns also hinein in den Willen Gottes, der darauf ausgerichtet ist, dass sich das erfüllt, worum wir zu Beginn dieses Gebetes bitten, nämlich dass sein Reich kommen möge. Gottes Reich wird spätestens am Ende der Zeit kommen. Aber im Kleinen kann es mitten in unserem eigenen Leben anbrechen, wenn wir unser Leben vom Vater Unser anregen lassen.
Amen.
Liebe große Festgemeinde, und ganz besonders: liebe Konfis Lea, Leonie, Emilie, Lennox, Jan, Silas und Maxim!
Die Schriftlesung, die wir gerade gehört haben, erzählt eine der bekanntesten Geschichten der Bibel, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ich habe es für heute ausgesucht, weil dieser jüngere Sohn etwas gemeinsam hat mit euch: Der will seinen eigenen Weg gehen, etwas erleben, Spaß haben. Und so habe ich euch erlebt: Sieben Menschen mit schon recht klaren Vorstellungen vom Leben, die in dem einen Jahr ziemlich gereift sind und gerne auch einmal Spaß erlebt haben, wie das Foto hinten auf dem Gottesdienstblatt zeigt.
Eigene Wege gehen, liebe Eltern, Großeltern und Paten, das ist für diese jungen Menschen jetzt dran – und dabei scheint es doch noch gar nicht so lange her zu sein, dass sie sich haben an die Hand nehmen lassen, wenn ihr sie vom Kindergarten abgeholt habt oder etwas mit ihnen unternommen habt.
Eigene Wege gehen – das wollte auch der junge Mensch in dem Gleichnis, und so zog er los, ging weit weg und machte dort Party ohne Ende, bis er pleite war. Da erst dämmerte ihm, dass er auf dem absolut falschen Weg war. Und nun tat er etwas, was er schon viel früher hätte tun sollen - nachdenken und überlegen: Wo soll denn eigentlich mein Weg hinführen?
Von euch, liebe Konfis, ist niemand auf dem Sprung in ein neues Leben. Aber: In den nächsten Jahren kommen verstärkt Situationen auf euch zu, in denen ihr Entscheidungen treffen müsst, wie der Weg weitergehen wird. Und natürlich werden euch eure Eltern bei vielem beraten. - Jener Sohn im Gleichnis hatte ja jegliche Beratung abgelehnt, es war gekommen, wie es kommen musste: ein böses Erwachen!
Ein böses Erwachen, weil man merkt: „Ich bin den absolut falschen Weg gegangen“ - jede und jeder von uns hier hat das schon erlebt, hat schon falsche Wege eingeschlagen, falsche Entscheidungen getroffen, vielleicht sogar so richtig Mist gebaut. Und auch euch wird das nicht erspart bleiben!
Als jener junge Mann gemerkt hat, welchen Mist er gebaut hat, hat er sich geschämt, dann aber den einzig richtigen Weg gewählt: zurück ins Elternhaus. Dort wurde er mit Freude aufgenommen, ohne Vorwürfe. Und dann haben sie kräftig gefeiert. Das war gut so.
In einigen Jahren werden auch die meisten von euch ihr Elternhaus verlassen. Ausbildung, Studium, mit Partner oder Partnerin zusammenziehen – vieles ist möglich. Wenn es gut geht, ist es erfreulich. Sollte es aber irgendwann schiefgehen, dann zeigt euch das Gleichnis den Weg. Denkt dann zurück an den Tag eurer Konfirmation und an das, was ihr heute vor Augen habt:
Hier sitzen in der Kirche sitzen eure Eltern – zu ihnen könnt ihr immer zurückkehren. Die Türen zu eurem Elternhaus und zum Herzen eurer Eltern, die bleiben offen, ein Leben lang.
Liebe Eltern, es gibt nichts Schöneres und Wichtigeres im Leben als Kinder. Und nichts Anstrengenderes! So eine richtige Pubertät geht an die Kräfte und Nerven. Sie geht vorüber, sagt man. Doch hinterher wird es auch nicht leichter. Ich glaube, als Eltern sollten wir einfach da sein, als Netz unter dem Drahtseil, auf dem manche junge Menschen ihr Leben führen. Und wir sollten unseren Kindern, auch wo sie längst ihre eigenen Wege gehen, immer wieder sagen, dass wir sie lieben, und wir sollten dafür sorgen, dass sie, wenn sie mal ausziehen, einen Schlüssel für unsere Haustüre haben. Ich habe meinen Schlüssel schon 48 Jahre, das tut gut.
Ihr Eltern, lasst nie zu, dass es zum Bruch mit einem eurer Kinder kommt. Und ihr Konfirmanden, brecht nie den Kontakt zum Elternhaus ab. Wenn Eltern und Kinder den Kontakt abbrechen, gibt es nur Verlierer, Tränen, Zorn und Leid, auf beiden Seiten.
Wir merken: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist zwar 2000 Jahre alt, aber es spricht hinein in die Gegenwart von euch Konfirmanden und euch Eltern und allen, die hier sind.
Natürlich hat Jesus das Gleichnis auch erzählt, weil er etwas über Gott sagen wollte. Der Vater im Gleichnis ist Gott, und wir Menschen sind Gottes Kinder, die ihre Lebens-Wege gehen. Für manche spielt Gott auf diesem Weg eine wichtige Rolle, für manche ist er eine Randfigur, viele haben sich von Gott abgewandt. Vielleicht, liebe Konfirmanden, wird einigen von euch ihr Glaube unwichtig, vielleicht treten manche sogar aus, wie viele andere. Aber es kann irgendwann eine Lebensphase kommen, in der ihr nach Gott sucht und Gott braucht. Wenn ihr euch dann auf den Rückweg zu Gott macht, werdet ihr erleben dürfen: Der Weg zurück in Gottes Arme ist immer offen.
Nach zehn Monaten Konfirmandenzeit trennen sich unsere Wege heute wieder. Wohin euer Weg auch führt, ihr geht ihn nie ohne Gott. Gott begleitet euch ganz unauffällig. Dass ihr von Gottes Segen immer wieder etwas spürt auf eurer Lebensreise, das ist mein großer Wunsch für euch, von Herzen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
eine Woche noch, dann feiern wir Konfirmation. Vieles ist anders als zu unserer Zeit. Zu dem, was geblieben ist, gehört, dass Konfis den 23. Psalm auswendig lernen, den wir vorhin gebetet haben und in dem von Gott gesagt wird: "Der Herr ist mein Hirte."
So schön das Bild von Gott als dem guten Hirten ist, es hat auch eine Kehrseite: Denn geführt zu werden, passt zwar gut zu einem Kind, aber als Jugendliche und Erwachsene, da wollen wir keinen, der uns sagt, wo es lang geht. Zu gerne bestimmen wir unsere Wege selbst, wir kommen - meist - auch ohne Hirten aus.
Ihr jungen Menschen erlebt das oft: Da wird euch gesagt "Tue dies und tue jenes nicht", "Gehe dahin, aber bleibe dort weg". Eure Eltern sagen das zum Beispiel. Oder eure Lehrkräfte. Oder der Pfarrer im Konfirmandenunterricht. - Und so wie euch, geht es uns Erwachsenen oft auch. Wir wollen unsere Wege selbst bestimmen - Hirten wollen wir eher nicht.
Die ersten Christen sahen das noch anders. Wenn sie beteten "Der Herr ist mein Hirte", meinten sie: "Ich will mich von Gott leiten lassen." Ihnen war auch wichtig, dass es in ihrer Gemeinde Menschen gab, die sich um das Wohl der Gemeinde so kümmerten wie Hirten um ihre Schafe. Man nannte diese Menschen Älteste, denn das waren lebenserfahrene Menschen, die auf ihre Gemeinde achteten. Sie kümmerten sich auch um die Armen in der Gemeinde und um alle, die von irgend welchen Nöten geplagt wurden. Den Ältesten schrieb nun ein Apostel, wie sie ihr Amt ausfüllen sollten, das steht im 1. Petrusbrief so:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott; nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
Da werden also die Ältesten der Gemeinde ermahnt: „Achtet auf die, die euch anbefohlen sind."
In vielen Gemeinden des 16. Jahrhunderts wurde dieser Auftrag wörtlich genommen. Da kümmerten sich die Ältesten um die Gemeinde - aber in einer Form, die für viele unangenehm war: Die Gemeinde wurde nämlich überwacht. Wer etwa nicht zum Gottesdienst kam, konnte damit rechnen, dass im Laufe des Sonntags ein Ältester bei ihm auftauchte und fragte: „Wo warst du heute Morgen?“ Wenn Ehepartner miteinander Streit hatten, wurde das von den Ältesten besprochen und entschieden. Auch auf Kinder und Jugendliche achteten die Ältesten: Damals wäre es undenkbar gewesen, dass Konfirmanden während des Gottesdienstes reden oder ihre Hausaufgaben nicht machen. Da wären sofort die Ältesten zur Stelle gewesen. Und wenn zwei junge Menschen etwas miteinander hatten, dann nur unter Aufsicht und so, wie es die Ältesten vorgaben. Und wer heiraten wollte, brauchte die Zustimmung der Ältesten zur Hochzeit.
So war das vor früher, und es ist gut, dass es heute nicht mehr so ist. Denn der Apostel hatte nicht gemeint, dass die einen die anderen überwachen sollten.
"Weidet die Herde Gottes." Natürlich versuchen wir im Kirchengemeinderat, uns um alle zu kümmern. Und in unserer Gemeinde tun ja noch viel mehr Menschen Dienst für die anderen: im Besuchsdienst etwa, in der Seniorenarbeit oder im Kindergottesdienst - überall sind Menschen für andere da und tragen Verantwortung für sie. Und überhaupt: Ob wir ein Amt haben in der Kirche oder nicht, an uns alle ergeht der Auftrag: "Weidet die Herde Gottes."
Wie kann das aussehen?
Zunächst einmal heißt das: Nimm den Menschen, der dir begegnet, wahr. Beachte ihn und achte ihn und denke daran, dass dieser Mensch genauso wie du selbst seine Sorgen und Probleme hat. Wenn du meinst, er braucht deine Hilfe, dann geh auf ihn zu - vielleicht bist gerade du derjenige, durch den Gott bei diesem Menschen Gutes wirken will.
Das heißt natürlich nicht, dass wir umeinander herumschleichen und jemanden, dem es eigentlich ganz gut geht, mit unseren Vermutungen nerven, es gibt ja auch Menschen ohne Sorgen und Nöte. Aber schlimmer ist, wenn wir gleichgültig miteinander umgehen nach dem Motto "Jeder ist sich selbst der Nächste".
Am anderen nicht achtlos vorübergehen, dieses Ziel hatte der Apostel vor Augen. Und als zweites Ziel: die Menschen zu dem zu führen, den die Bibel den guten Hirten nennt - zu Jesus Christus, der allein den Menschen Orientierung gibt.
Das klingt schön - aber ist es so? Von wem lassen wir uns leiten? Wer sind die Hirten unserer Zeit? Ist es wirklich Christus - oder machen ihm nicht schon längst andere den Platz streitig, die uns im Alltag als Leitfiguren und Idole angeboten werden? Etwa die Mächtigen, die Reichen und Schönen? Wenn ich an euch junge Menschen denke - ist es wirklich Jesus, von dem ihr euch leiten lassen wollt? Oder findet ihr die Leitfiguren, die Hirten eher bei tiktok und auf Youtube?
Ein wenig Jesus am Sonntag, aber ansonsten anderen Leitbildern zu folgen, ist zu wenig. Gott verbietet uns nicht, auch noch andere Vorbilder zu haben. Aber sie müssen sich an dem einen Hirten, an Jesus, messen lassen. Gottlose Hirten können wir nicht brauchen, und wir dürfen ihnen als Christen auch nicht folgen. Nicht nur für uns Einzelne hat das Folgen, sondern auch für unsere Gemeinde. Klar, auch wir wollen "in" sein mit dem, was wir anbieten. Aber alles sollte wenigstens entfernt mit Jesus zu tun haben. Der Apostel ermutigt uns und sagt: „Ihr müsst nicht jeder Mode nachlaufen; ihr müsst nicht große Veranstaltungen aufziehen, nur damit euch die Leute die Bude einrennen. Kümmert euch einfach nur darum, dass Menschen zum Glauben finden. Und was ihr nicht schafft, das erledigt dann Jesus."
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben es sicher noch im Ohr, was unsere Konfirmandengruppe uns am Ende gesagt hat: Das wichtigste Gebot ist nicht ein bestimmtes der Zehn Gebote, sondern Jesu Dreifachgebot der Liebe: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Es ist kein Zufall, dass ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden diesen einen Satz ganz am Ende Eurer Konfirmandenzeit hört. Er ist die Antwort auf das, worum es beim Konfirmandenunterricht eigentlich die ganze Zeit geht: „Was heißt das – als Christ / als Christin zu leben?“
Und auf diese Frage antwortet uns die Bibel mit Jesu Dreifachgebot der Liebe.
Gott lieben – den Mitmenschen lieben – mich selbst lieben. Das klingt so einfach. Und ist doch so schwer, weil wir es nicht immer schaffen, das alles im Gleichgewicht zu halten. Und weil vielen Menschen diese drei Richtungen von Liebe nicht gleich wichtig sind. Und das geht dann meistens schief. Dazu einige Beispiele:
Wer sagt: „Ich liebe nur Gott,“ lebt an seinen Mitmenschen vorbei und verkümmert, weil er nie an sich selbst denkt.
Wer sich ganz darauf fixiert, seinen Mitmenschen Gutes zu tun, wird irgendwann keine Kraft mehr haben, weil er sich weder Kraft von Gott schenke lässt noch für sich selber sorgt.
Und wer nur sich selbst liebt, nur an sich selbst denkt, der gehört zu den Egoisten, die es leider in Massen gibt – gleichgültig gegenüber dem Mitmenschen und ohne Glauben.
Aber was ist, wenn jemand seine Mitmenschen liebt und Gott liebt? Es gibt solche Menschen. Aufrichtige, ganz liebenswerte Menschen sind das! Aber sie stehen in der Gefahr, dass sie vor lauter Nächstenliebe und Hingabe an Gott sich selbst aus dem Blick verlieren und selber plötzlich keine Kraft mehr haben, weil sie sich immer aufgeopfert und nie an sich selbst gedacht haben. - Du sollst auch dich selbst lieben, du sollst auch an dich selbst denken: Das, liebe Gemeinde ist kein Vorschlag, sondern ein Gebot, und das sollen wir einhalten!
Wie ist es nun, wenn jemand sich selbst und Gott liebt? Das sind problematische Menschen. Sie leben an ihren Mitmenschen vorbei und vergessen ganz, dass Gott uns die Mitmenschen als Gabe und Aufgabe an die Seite gestellt hat.
Bleibt noch die Frage: Aber was ist, wenn jemand seine Mitmenschen und sich selbst im Blick hat? Das ist in unserer Zeit und Gesellschaft die größte Gruppe von Menschen. Ich kenne viele solcher Menschen. Alle liebenswürdig. So ziemlich alle jedenfalls. Die sind für ihre Mitmenschen da, helfen hier und dort, sagen aber auch mal Nein, wenn sie merken: „Ich brauche meine Zeit und Kraft jetzt für mich.“ Und dennoch fehlt ihnen etwas: der Bezug zu der Kraftquelle unseres Lebens. Ich kenne viele Menschen, die irgendwann ausgebrannt waren, weil sie immer für andere da waren und sich selbst aber keine neue Kraft geben konnten.
Gott lieben – den Mitmenschen lieben – mich selbst lieben. Die drei gehören untrennbar zusammen. Und deshalb macht es wirklich Sinn, wenn wir das Dreifachgebot der Liebe ernst nehmen. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Ich habe hier für uns eine Grafik: Die sieht aus wie ein Mercedes-Stern, ist aber keiner.
Der Kreis stellt unsere Fähigkeit zur Liebe da, die sich entfaltet in den drei Feldern: in der Liebe zu unseren Mitmenschen, zu Gott und zu uns selbst. Unser Leben wird gelingen, wenn diese drei Felder in etwa gleich groß bleiben.
Das ist das, was Jesus mit dem Dreifachgebot der Liebe ausdrücken wollte. Und weil wir es ab und zu vergessen werden, deshalb bekommt heute jeder und jede so eine kleine Erinnerung mit, die in jeden Geldbeutel passt und uns immer wieder daran erinnert, ausgewogen zu leben und zu lieben: die Mitmenschen, Gott und nicht zuletzt uns selbst.
Amen.
Liebe Gemeinde,
es tut gut, das Osterevangelium zu hören - die Geschichte von den Frauen, die den toten Jesus suchen und zu Zeuginnen seiner Auferstehung werden. Und gleichzeitig ist es schwierig, das mit dem Verstand zu fassen. Oft begegne ich Menschen, die sagen: “Jesus war ein besonderer Mensch. Ob er von den Toten auferstanden ist, weiß ich nicht. Aber dass auch wir Menschen auferstehen werden von den Toten, das glaube ich nicht.”
An Jesus glauben, ja; an seine Auferstehung, vielleicht; aber an unsere Auferstehung, nein – das Problem ist 2000 Jahre alt. Schon in der frühchristlichen Gemeinde in Korinth war das so. Dort gab es zwei Sorten Christen: Die, die bekannten: „Jesus ist von den Toten auferstanden, und uns wird Gott am Ende der Zeit auch auferwecken.“ Und es gab die, die in Jesus einfach nur ein Vorbild sahen und versuchten, wie er zu leben. Nun drohte die Gemeinde in Korinth, die der Apostel Paulus gegründet hatte, sich zu spalten. Der schrieb nun einen Brief.
Bevor ich daraus vorlese - was hätten wir geschrieben? Vielleicht so: ‚Streitet euch doch nicht deswegen. Denkt lieber an das, was was ihr gemeinsam glaubt. Spielt das nicht so hoch mit der Auferstehung. Lasst jeden glauben, was er will, und auf seine Art glücklich werden.‘ So hätten wir vielleicht geschrieben und uns dafür gelobt, dass wir einfühlsam und klug argumentiert hätten, nach dem Motto: Irgendwie glauben wir ja doch alle dasselbe und gehören unter das gleiche Dach.
Der Brief des Paulus ist da nicht so zurückhaltend. Er kommt sofort zum Punkt und schreibt:
»Christus wurde durch Gott von den Toten auferweckt. Wie können da einige von euch behaupten: ‚Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht!?‘ Angenommen, es gäbe keine Totenauferstehung: Dann wäre auch Christus nicht auferstanden. Und dann wäre es sinnlos, dass wir das Evangelium verkünden, und sinnlos, dass ihr daran glaubt. «
Ganz deutliche Worte hat der Apostel hier: Gott hat Jesus auferweckt - wer das nicht glauben kann, für den ist alles vergeblich: Glaube, Predigt, das Christsein überhaupt.
Und bis heute stellt uns die biblische Botschaft von Ostern vor die Glaubensfrage: „Woran glaubst du? Worauf hoffst du? Was ist die Perspektive DEINES Lebens?“
Unsere Perspektive als Christen heißt: Ich lebe im Angesicht Gottes, so gut ich kann; nach meinem Tod werde ich nicht ins Leere fallen, sondern in Gottes Hand, der mir ein neues Leben schenken wird, in dem es weder Traurigkeit noch Tod gibt. Das ist der Kernsatz unseres Glaubens. Ob in unserer Zeit die Mehrheit der Menschen noch diesen Satz mitsprechen kann?
Es gibt ja andere Angebote: So besagt etwa die Lehre von der Wiedergeburt, dass unsere Seele sich nach unserem Tod einen neuen Körper sucht. Diese Lehre hat einen Vorteil: Wir müssen uns nicht vorstellen, dass wir irgendwann nicht mehr hier leben werden. Im Gegensatz dazu leben manche ganz bezogen auf das Diesseits, nach dem Motto: ‚Schaffe etwas Bleibendes!‘ Und andere sagen sich: ‚Genieße dein Leben. Esse, trinke, suche Freuden in allen Bereichen deines Lebens – du hast nur ein einziges Leben, koste es aus bis zum letzten Tropfen!‘
Zwar laufen viele Menschen diesen Empfehlungen willig nach – die aber haben gar nichts mit dem zu tun, woran wir als Christen glauben: „Wenn wir nur für unser irdisches Leben auf Christus hoffen, sind wir bedauernswerter als alle anderen Menschen.“ Unser Glaube ist: dass dieses Leben nicht alles ist, sondern dass noch etwas kommt – das macht uns Christen aus.
Wenn wir als Christen uns dazu nicht bekennen würden; wenn wir in der Kirche, um alle bei der Stange zu halten, Jesus nur als ethisches Vorbild predigen, die Auferstehung aber verschweigen würden – dann könnten wir die Kirche dicht machen. Es gibt keinen christlichen Glauben ohne den Glauben an die Auferstehung. Unser Glaube reicht über dieses Leben hinaus!
Schon wenn ich an meinen Dienst als Pfarrer denke: Wie könnte ich es wagen, an einem Sterbebett zu beten oder auf nur einer einzigen Beerdigung Trost zu spenden, wenn ich nicht die Auferstehung von den Toten bekennen würde? Was wäre ich für ein Pfarrer? Ein kirchlich bezahlter Totenredner wäre ich, mehr nicht. Aber ich muss und ich will Zeugnis davon ablegen, dass wir aus Gottes Hand mehr zu erwarten haben als das, was dieses irdische Leben an Schönem und Schwerem mit sich bringt.
Und da sind wir bei dem, was überhaupt den Sinn der Kirche und unser Christsein ausmacht: dass wir einander Hoffnung machen in den Tiefs, in die uns unser Leben führt; dass wir einem anderen Menschen Mut schenken, wenn er zu verzweifeln droht; und dass wir Menschen herausziehen aus den Gräbern ihres Lebens und ihnen das Licht am Ende des Tunnels zeigen.
Das können wir nur, weil Jesu Tod nicht das Ende war, sondern der Beginn neuen Lebens. Auch unser Leben hat dieses Ziel. Zwar bleibt niemand von uns vom Leid verschont, zwar werden wir alle einmal sterben, aber ganz am Ende wartet auf uns neues Leben. Der Auferstandene hat uns den Weg gezeigt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
was für ein furchtbarer Moment muss das gewesen sein, als Jesus am Kreuz hing! Nicht nur, dass da ein Mensch hingerichtet wurde - noch schlimmer war, wer da unter grausamen Qualen starb:
- Am Kreuz hing der, von dem sie gehofft hatten, dass mit ihm Gottes Reich gekommen war.
- Am Kreuz hing der, der von einem Gott erzählt hatte, der nicht wie ein grausamer Rächer war, den es zu fürchten galt, sondern wie ein gütiger Vater.
- Am Kreuz hing der, der hoffnungslos Kranke geheilt, selbst Tote wieder auferweckt hatte; und sich selbst konnte er nun nicht helfen.
Selbst Jesu engste Freunde, die Jünger, hatten keine Hoffnung mehr. Sie waren geflüchtet und hatten sich versteckt.
Einzig ein paar Frauen, die mit Jesus nach Jerusalem gekommen waren, hielten unter dem Kreuz aus. Und einer aus dem Hinrichtungskommando war noch dabei, der Hauptmann, ein Heide. Der sagte etwas Merkwürdiges: "Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen."
Die Frauen und der Hauptmann, konnte es sein, dass sie mehr sahen, dass sie mehr begriffen als alle anderen? Erkannten sie hinter dem Leiden des Sterbenden noch etwas Anderes? Konnten sie hinter allem doch noch etwas erkennen von der Macht Gottes, über dessen Reich der Sterbende gepredigt hatte?
Mitten im Leid noch an Gott denken - hinter dunklem Leid Gott am Werk erkennen - können WIR das?
"Wenn Gott wirklich existieren würde, dann gäbe es kein Leid auf der Welt", sagen viele als Begründung dafür, dass sie nicht an Gott glauben. Vielleicht denken manche unter uns ähnlich. Es ist nicht verboten, so zu denken. Aber wenn wir nur an einen Gott glauben wollten, bei dem es kein Leid gibt - hieße das letztendlich nicht auch, dass Gott mit dem Leiden des Menschen nichts zu tun haben wolle?
Die Frauen unter dem Kreuz und auch der römische Hauptmann, die haben es anders gesehen. Sie glaubten an einen Gott, der auch dem leidenden Menschen noch nahe war. Bestimmt kannten die Frauen von Kindheit an das Lied des Propheten Jesaja über den leidenden Gottesknecht. Vielleicht hatte auch der Hauptmann während seiner Dienstjahre in Israel dieses Lied vom leidenden Gottesknecht schon einmal gehört. Darin heißt es:
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.
Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
"O, ihr Toren, zu träge war euer Herz, dem Propheten zu glauben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" Nur zwei Tage später würde der Auferstandene zweien seiner Jünger diese Frage stellen. Dann würden ihnen die Augen aufgehen und sie würden begreifen, dass der Weg durch Leiden und Tod die notwendige Vorstufe zu Jesu Auferstehung war. Und später würde anhand dieser Prophetenworte der Apostel Philippus den Schatzmeister aus Äthiopien zum Glauben bringen und taufen.
Aber so weit war es am Tag der Kreuzigung Jesu noch nicht. Wer zum Kreuz blickte, hatte nur das Ende vor Augen. Nur der Hauptmann und die Frauen, die waren weiter. Obwohl auch sie nur das Kreuz, das scheinbare Ende, vor Augen hatten, begriffen sie doch alles. Denn Gott gewährte ihnen Einblick in das große Geheimnis, das hinter dem Leiden Jesu und dem Kreuz stand. Dieses Geheimnis hieß und heißt bis heute: Wo ihr Menschen nur das Ende seht, ist Gott noch lange nicht am Ende. Für euch unsichtbar, hält Gott die Fäden in der Hand und hat längst schon damit begonnen, das Leiden in Freude zu verwandeln.
Das, liebe Gemeinde, ist und bleibt die Kernbotschaft des Karfreitages an uns, die wir lieber heute schon als übermorgen Ostern feiern würden. Der Karfreitag ist nicht umsonst unser höchster Feiertag, sagt er uns doch:
Wo euch kein Mensch mehr Hoffnung macht und ihr nur das Ende seht, da dürft ihr alle eure Hoffnungen auf einen Gott setzen, der es wieder hell werden lässt.
Wo ihr den Tod fürchtet, da tröstet euch die Gewissheit, dass das Leben die Oberhand behalten wird, weil Gott euch durch das Leid hindurch zu einem neuen, unvergänglichen Leben führen wird.
Die Frauen unter dem Kreuz konnten das damals schon glauben, zumindest ahnen, auch mitten in ihrem Leid. Unter dem Kreuz offenbarte Gott, dass er keinen leidenden Menschen alleine lässt. Und das ist bis heute so geblieben: Gott lässt den Leidenden nicht alleine, ja: Gott ist stärker als alles Leid der Welt. Die einfachen Frauen unter dem Kreuz haben das damals verstanden. Es ist kein Zufall, dass es auch die Frauen waren, die den Auferstandenen als erste sehen würden. Doch davon soll erst übermorgen die Rede sein. Amen.
Liebe Gemeinde,
der vorletzte Tag im Leben Jesu geht zu Ende. Noch einmal wendet er sich seinen Jüngern zu. Gemeinsam essen und trinken sie das Passahmahl. So feiert Jesus Abschied von seinen Jüngern. Und doch ist keine Spur von Trauer bei Jesus zu entdecken.
Jesus wehrt sich nicht gegen sein Schicksal. Er weiß, dass einer seiner Freunde ihn verraten wird. Jesus wehrt sich nicht - noch einmal ist er ganz für die Jünger da: Brot teilt er ihnen aus und Wein. Er macht sie satt, so wie er sie die ganze Zeit satt gemacht hat, seit sie ihre Arbeit aufgegeben und ihre Häuser verlassen hatten. Er macht sie satt, auch dieses letzte Mal.
Bei seinem Abschied macht Jesus keine großen Worte. Vielmehr gibt er den Jüngern etwas Neues: sich selbst in Brot und Wein. Brot und Wein werden von diesem Tag an die Zeichen der Nähe Jesu Christi sein. Er isst und trinkt mit den Jüngern. Und niemand von ihnen ist davon ausgeschlossen.
Und wer da alles mit am Tisch sitzt! Levi, der ehemalige Zöllner zum Beispiel. Er hat lange Zeit gemeinsame Sache mit den Römern gemacht und seine eigenen Landsleute betrogen. Auch Jakobus und Johannes sitzen am Tisch - die beiden, die auf Kosten der anderen Jesu Lieblingsjünger werden wollten. Natürlich ist auch Petrus dabei, der sich immer wieder selbst überschätzte; der übers Wasser gehen wollte und versank. Gleich wird er Jesus versprechen, immer zu ihm zu halten, um bald danach dieses Versprechen gleich dreimal zu brechen. Auch Thomas sitzt da - der, dem Jesu Worte nicht genügen; der nur glaubt, was er sehen oder anfassen kann. Und selbst Judas sitzt mit am Tisch, der Verräter. Nicht einmal ihn wirft Jesus hinaus. Ihm taucht Jesus sogar einen Bissen in die Schüssel.
Judas und Jesus haben viel gemeinsam. Sie haben den gleichen Todestag, beide sterben durch Gewalt, und beide haben den gleichen Traum: dass das Reich Gottes endlich anbrechen möge. Judas hat das zur Not mit Gewalt durchsetzen wollen; aber als Jesus dabei nicht mitgemacht hat, hat Judas sich von Jesus abgewandt. So wird er zum Verräter.
Auch Jesus hat gewusst, dass das Reich Gottes nicht gegen, sondern nur mit den Menschen wachsen kann. Und immer hat er erzählt, wo Gottes Reich wachsen kann unter den Menschen: wo die Reichen sich zu den Armen setzen, wo die Menschen Frieden haben untereinander; wo die Gesunden zu den Kranken kommen, wo die Erwachsenen mit den Kindern spielen; ganz besonders dort, wo sich alle einig sind. Und so leuchtet mit einem Mal an diesem Abend in Jerusalem das Reich Gottes genau dort auf, wo sie Brot und Wein miteinander teilen.
Wenn wir und viele Christen überall auf der Welt heute Abend dasselbe tun, dann ist auch uns versprochen, dass hier, in dieser Kirche, bei uns Menschen, ein kleines Stück Reich Gottes spürbar wird. Mit Brot und Wein schenkt Jesus uns seine Nähe, seinen Segen. Und jede/r von uns wird sich wiederfinden können in einem der Zwölf, die mit Jesus am Tisch saßen: der zweifelnde Mensch genauso wie der, der die anderen gerne übers Ohr haut; der Mensch, der sich selbst überschätzt und gerne prahlt genauso wie der, der die anderen ausbooten will. Selbst für den, der Jesus verrät, ist Platz am Altar. Und das ist gut so, denn niemand von uns ist davor gefeit, die Sache Gottes zu verraten. Der Verrat hat viele Gesichter: die Lüge; den Hass; den Betrug; die böse Nachrede; die Selbstgefälligkeit; unter vielen Masken werden wir zu Verrätern der Sache Jesu. Und trotzdem ist für uns Platz an seinem Tisch. Niemand ist ausgeschlossen, der sich nicht selbst ausschließt. Allen sagt Jesus: Ich esse und trinke mit euch, ich gebe mich auch hin für euch, denn ich will euch hineinnehmen in das Reich Gottes.
Und genau dieses Reich Gottes leuchtet nun auf, wenn wir Brot und Wein miteinander teilen. Jede/r darf spüren: Ich gehöre dazu - zu Gott und seinem großen Volk. Gott ist uns ganz nahe, und bei diesem Abendmahl, da berühren sich wirklich Himmel und Erde. Amen.
Liebe Gemeinde, ganz besonders: liebe Tauffamilie,
Emilia bekommt heute einen Taufspruch, den Sie, liebe Eltern, für Ihr Kind ausgesucht haben - einen Bibelvers aus dem Propheten Jesaja, in dem es heißt: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; ich weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.”
Ein sehr schöner Taufspruch ist das!
Zuallererst sagt er Emilia: „Fürchte dich nicht! Dein Gott ist bei dir, so wie deine Mama und dein Papa bei dir sind. Fürchte dich nicht, wenn du aufwachst – Mama oder Papa sind in der Nähe, und der liebe Gott auch.“
Schneller als wir denken, vergeht die Zeit, Emilia wird größer werden, es kommen die Kindergarten- und die Schulzeit. Und dann sagt der Taufspruch ihr, und natürlich auch allen anderen Kindern: „Fürchte dich nicht vor Größeren und Stärkeren – der liebe Gott stärkt dir den Rücken. Fürchte dich nicht, wenn du etwas nicht kannst, Gott hat dir die Gabe geschenkt, vieles zu erlernen. Und fürchte dich nicht vor schlechten Noten – uns Menschen macht nicht das wertvoll, was wir können, sondern dass Gott uns ins Leben gerufen hat.“
Was für ein wunderschönes biblisches Wort am Anfang eines Lebens! „Fürchte dich nicht!”
Auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen gilt dieses Versprechen Gottes. Es heißt dann: „Fürchte dich nicht, auch wenn du manchmal mit dir selbst nicht mehr klarkommst. Fürchte dich nicht, auch wenn die Noten nicht mehr stimmen oder du Angst hast vor der Mathearbeit oder einer Prüfung. Fürchte dich nicht davor, keine Freunde zu finden – Gott hat dich schon längst an die Hand genommen und lässt dich nicht los!“
„Fürchte dich nicht!“ Das gilt auch uns Erwachsenen. Viele erleben in ihren Berufen Druck und Unsicherheiten; Ältere kommen mit den vielen Neuerungen nicht mehr mit; und viele Alte sind einsam, digital abgehängt und haben nur noch den einen großen Wunsch, später einmal niemandem zur Last zu fallen.
Und wenn wir einmal von uns selbst wegschauen, den Blick nach draußen richten, dann stellen wir fest: Die ganze Welt, in der wir leben, ist zum Fürchten: Mehr und mehr steigt das Risiko, dass wir in einen dritten Weltkrieg hineingezogen werden; der Nahe Osten ist ein unberechenbares Pulverfass; unsere Gesellschaft bricht mehr und mehr auseinander, weil es immer mehr Unzufriedene, immer heftigere Proteste und immer weniger Rücksicht auf die Gesamtheit gibt; die Verbrechen an der Natur rächen sich mit Extremwettern; die Ampel gibt Geld aus, das künftigen Generationen fehlen wird – und und und – es ist vieles zum Fürchten.
Vor diesem Hintergrund hören wir nun Emilias Taufspruch als Angebot Gottes an uns: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; ich weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.”
Solche Worte stehen nicht in der Zeitung und kommen nicht in den Nachrichten. Sie sind nicht spektakulär genug. Aber genau diese Worte Gottes brauchen wir, braucht unsere Gesellschaft, braucht die Weltgesellschaft in dieser schlimmen Zeit. In einer Gesellschaft, die mehrheitlich nicht mehr an Gott glaubt, in einer Welt, die das Geld und den Spaß anbetet, da wird immer nur jeder seinen eigenen Vorteil suchen. Da gibt es immer Streit und niemals Frieden.
Jesus hat das vorausgesehen und deshalb vorgelebt, dass nur derjenige Mensch gut leben kann, der sich auf Gott verlässt. Deshalb konnte Jesus unter anderem predigen:
"Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. - Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. - Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott begegnen. - Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen."
So kann ein Leben mit Gott an der Seite aussehen, ein Leben, das nicht zum Fürchten ist, sondern auch in den dunkelsten Tiefen getragen ist von der Gewissheit: „Ich muss mich nicht fürchten, denn Gott hält mich an seiner Hand.“
Diese Gewissheit, die wünsche ich uns allen, Jung und Alt, jeden Morgen aufs Neue. Amen.
Liebe Gemeinde,
die letzten Tage war wunderbares Frühlingswetter. Und während draußen die Sonne schien, Vögel zu hören waren und sich die Osterglocken lautlos im Wind bewegten, saß ich drinnen, um den heutigen Gottesdienst mit Totengedenken vorzubereiten.
Irgendwie passte das nicht so recht zusammen. Totengedenken im November, das kennen wir und da hat es auch seinen Platz. Aber im Frühjahr, wenn die Natur zu neuem Leben erwacht – kann man da wirklich über den Tod reden?
Wir Menschen des 21. Jahrhunderts reden über so viele Dinge; die Medien beleuchten den letzten Winkel der Gesellschaft; auf facebook oder instagram werden wird jeder Sch…rott ausgebreitet. Aber ausgerechnet der Tod, die Begrenztheit unseres Lebens, ausgerechnet der Super-GAU jedes Menschendaseins, ausgerechnet der wird verschwiegen.
Wir haben den Tod eingesperrt in den Kalender. Im November, da darf er eine Rolle spielen, da denken wir an den Tod. Aber sonst bitte nicht. Bitte nicht außerhalb der gewohnten Zeiten. Da passt es nicht.
Dem Tod ist es egal. Der Tod ist eine Realität, die an jedem Tag eines Jahres und zu jeder Stunde eines Tages da ist, auch wenn wir ihn ignorieren. Und darum ist die Tradition des Totengedenkens im Frühjahr so wichtig: Sie erinnert uns nicht nur auch unter der Zeit an verstorbene Vereinsmitglieder, die zum Teil enorm dazu beigetragen haben, dass Kirchenchor, Musikverein und Gesangverein in vergangenen Jahrzehnten Bestand hatten; sondern sie erinnert uns auch an unsere eigene Begrenztheit.
Unsere Zeit ist begrenzt – viele wollen das gar nicht hören. Ich oft auch nicht. „Ja, später, da kann ich einmal an den Tod denken.“ So ticken wir doch ziemlich oft. Und ich verstehe, dass gerade beispielweise ihr jungen Menschen – Konfis, viele im Musikverein – das Thema „Tod“ gerne ausspart, weil es so viel Schöneres und Wichtigeres gibt, oder zu geben scheint. Aber wir sollten doch auf dem Schirm haben, dass unser Leben vergänglich ist - und dass niemand von uns garantiert bekommt, dass er oder sie 70, 80 oder 90 Jahre alt wird.
Ich will erzählen, wo ich das gerade selbst erlebt habe: Heute in zwei Wochen habe ich Goldene Konfirmation, zuhause in Neckarelz, und bin seit September damit beschäftigt, Adressen meiner Mitkonfirmand/inn/en herauszufinden. Überall in Deutschland leben die mittlerweile, eine sogar in Schottland. Bei ein paar Leuten musste ich so nicht lange suchen, sie wohnen noch oder wieder im Elternhaus. Einer von ihnen ist Guido. Obwohl wir in der gleichen Straße wohnten, haben wir uns seit der Konfirmation nie mehr gesehen. Umso schöner war, als wir im Herbst telefoniert haben. Ja, es gehe ihm ganz gut, gesundheitlich, na ja, wie es halt so sei mit über 60, erzählte mir Guido. Wir beendeten das Telefonat in der Freude auf das Wiedersehen.
Die Wochen und Monate vergingen, die Anmeldungen zur Goldenen Konfirmation gingen ein, aber auf Guidos Anmeldung wartete ich vergeblich. „Soll ich ihn nochmal anrufen?“ überlegte ich. Ich wollte ja niemanden nerven. Vorgestern habe ich ihn dann angerufen. Seine Frau war am Apparat und erzählte mir, dass im Dezember bei Guido ein Tumor und überall Metastasen gefunden worden sind und sie ihn am Donnerstag in das Hospiz nach Walldürn bringen musste. Guido wird nicht dabei sein, wenn wir Goldene Konfirmation feiern werden. Wir werden nicht mit ihm reden und lachen können, sondern seiner als drittem Verstorbenen unseres Jahrganges gedenken müssen.
Viele von uns hier könnten ähnliche Geschichten erzählen. Geschichten, die uns zeigen: Es kann ganz schnell gehen. Ein verschlossenes Gefäß, ein Defekt in der Niere; einmal zu schnell in die Kurve; einmal zur falschen Zeit am falschen Ort; einmal vergessen, den Strom auszuschalten; und schon passiert es.
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wollen sinnvoll leben. Und nichts verpassen. Wie kann das gehen?
Ich denke, der beste Ratschlag ist immer noch Jesu Satz: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Dieses Dreifachgebot der Liebe sagt uns: "Sieh zu, dass du mit deinem Glauben im Reinen bist. Achte darauf, dass du kein Egoist wirst, sondern auch etwas für das Wohlergehen deiner Mitmenschen tust. Aber achte auch darauf, dass du dich von niemandem ausnützen lässt und auch deutlich sagen kannst: 'Nein, jetzt geht es aber einmal nur um mich.' Und wenn Menschen dir diesen Freiraum nicht lassen, dann gehe ihnen künftig aus dem Weg."
In Verantwortung vor Gott die richtige Balance zu finden zwischen Leben genießen und Nächstenliebe, das ist es, was unserem Leben Qualität gibt. Und nicht die Anzahl der Jahre. Der Mann, der mit 90 Jahren erkennt, immer falsch gelebt zu haben, hatte weniger vom Leben als die Frau, die zwar 30 Jahre früher gehen musste, aber ein gefülltes Leben hatte.
Und wie ist es dann mit unserer Befürchtung, wir könnten Wesentliches verpassen? Die schrumpft, wenn wir weniger Dinge aufschieben als wir es bis heute getan haben. Liebe Anwesende, denkt jetzt bitte an einen Menschen, den ihr schon lange anrufen wolltet. Und den ruft ihr heute noch an. Oder ihr besucht ihn. Und dann lernt daraus, immer weniger Dinge aufzuschieben, die mit einem anderen Menschen zu tun haben.
Das heutige Gedenken an die Verstorbenen unserer Vereine lehrt uns, noch viel bewusster mit unserer Lebenszeit umzugehen. Ein Grund mehr, ihrer in Dankbarkeit zu gedenken.
Amen.
Liebe Gemeinde,
es ist ein schöner Taufspruch, den Jan zur Taufe bekommt. Er steht im Buch Josua und heißt: „Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe Dir bei, wohin Du auch gehst.“
Dein Taufspruch, Jan, soll dir zum Geleitwort für dein Leben werden, und Du wirst ihn auch heute in zehn Wochen als Konfirmationsspruch bekommen.
Es gibt zwei bedeutende Menschen, die nach diesem Bibelwort gelebt haben und die beide einen Bezug zu Deiner Taufe an diesem Tag haben:
Dein Name „Jan“ leitet sich ja von Johannes ab, und da fällt mir Johannes, der Täufer, ein. Dem war Gottes Wille das Wichtigste, daher rief er seine Zeitgenossen auf, ihr Leben wieder nach Gottes Willen auszurichten und zum Zeichen des Neubeginns sich taufen zu lassen. Johannes redete Klartext. Selbst seinem König Herodes gegenüber, dem er vorhielt, ein Unrecht nach dem anderen zu begehen. Ehrlich dem König gegenüber zu sein, das war lebensgefährlich. Und es kostete Johannes tatsächlich das Leben. So wie auch in Russland in der letzten Woche Alexei Nawalny sterben musste, weil er nachgewiesen hatte, was für ein schändlicher Verbrecher Putin ist.
„Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe Dir bei, wohin Du auch gehst..“
Ihr Mut hat sowohl Johannes, den Täufer, als auch Alexei Nawalny das Leben gekostet, weil zwei Tyrannen es nicht ertrugen, dass ihnen da ein ehrlicher Mensch schonungslos den Spiegel vorhielt.
Fast das Leben gekostet hätte der Mut zur Wahrheit bereits in jungen Jahren einen Menschen, der auf den Tag genai heute vor 478 Jahren gestorben ist, nämlich Martin Luther. Er hatte seine Kirche entlarvt als eine gottlose Institution, die aus ihren verängstigten Gläubigen Geld herauspresste und jeden auf dem Scheiterhaufen verbrannte, der anders glaubte oder dachte als die Kirche. Doch obwohl ihm der Tod drohte, machte Martin Luther seinen Mund auf vor Fürsten, Königen, Bischöfen und dem Kaiser. Ein einzelner, der dem geballten Machtapparat Mitteleuropas gegenüber mutig den Mund aufmachte!
Dein Tauftag, Jan, ist ein Gedenktag an Martin Luther. Und dein Name erinnert uns an Johannes, den Täufer, und schlägt eine Brücke über die Jahrtausende bis hin zu weiteren mutigen Menschen wie Alexei Nawalny und dazwischen zu den Menschen, die in den Staatsgefängnissen der Nationalsozialisten, der DDR und anderer totalitärer Staaten ermordet wurden und werden.
Was heißt das heute? Was heißt es für euch junge Menschen, was für uns Erwachsene?
„Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe Dir bei, wohin Du auch gehst..“
Für euch junge Menschen heißt das: hinstehen, wo jemand fertig gemacht wird; hinstehen zu der Mitschülerin, um die andere einen Bogen machen; dazwischen gehen, wenn zwei auf einander losgehen; den Mund aufmachen für den, der von einer Lehrerin oder einem Lehrer ungerecht behandelt wird. Also: aufstehen gegen das Unrecht - und eintreten für alle Menschen, denen Unrecht geschieht. Das könnt ihr, sollt ihr und dürft ihr!
Und was heißt das für uns alle?
„Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe Dir bei, wohin Du auch gehst.“
Wenn wir Erwachsene doch Gottes Versprechen haben, dass er bei uns ist – was, bitte, sollte uns dann noch Angst machen? Was sollte uns einschüchtern können, wo wir doch auf Jesu Namen getauft sind? Worauf wollen wir noch warten, wo wir doch schon Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit in uns tragen?
Gott traut es uns zu und fordert uns dazu auf, dass wir Nein sagen zu Unrecht und Ausgrenzungen, Nein zu Hass und zu Gewalt. Und gerade angesichts der zunehmenden Zerrissenheit und Verbissenheit in unserer Gesellschaft braucht es Menschen, die anderen vorleben, was alles möglich ist, wenn Gottvertrauen und Nächstenliebe groß schreiben, dafür aber Geld, Macht und Ansehen ganz klein.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben.
Lasst uns ans Werk gehen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Geschichte vom Zöllner Matthäus, die wir gerade in der Schriftlesung gehört haben, ist uns auch im Konfirmandenunterricht begegnet. Auf meine Frage „Warum ist es gut, dass diese Geschichte in der Bibel steht, haben unsere Konfirmanden folgendes geantwortet:
„Es zeigt, dass man bösen Menschen helfen soll, gut zu werden.“ --- „Zur Erinnerung, dass Jesus nicht kam, um die Gerechten zu belohnen, sondern um die zu bekehren, die einen falschen Pfad gehen.“ --- „Damit man auch in bösen Menschen das Gute sieht.“ --- „Weil damit gezeigt wird, dass Jesus auf die Menschen zugeht und dass es egal ist, mit wem man etwas macht, man soll sich nicht von anderen bestimmen lassen.“ --- „Weil damit gezeigt wird, dass Jesus jeden so liebt, wie er ist.“ --- „Weil so gezeigt wird, dass Jesus versucht, aus jedem das beste zu machen.“
Damit habt ihr Konfis schon die Hälfte der Predigt gehalten, vielen Dank. Ich mache jetzt die zweite Hälfte.
Was damals passiert ist, ist ja eigentlich eine schöne Geschichte: Ein Mensch sieht durch die Begegnung mit Jesus, dass er vieles falsch gemacht hat, und findet zu Gott.
Aber nicht alle haben sich über den Sinneswandel des Matthäus gefreut. Die Pharisäer zum Beispiel haben sich geärgert - über Jesus. Pharisäer waren Menschen, die Gott besonders ehren wollten und darauf achteten, dass alle Gebote eingehalten wurden und dass auch sonst alles in korrekten Bahnen verlief. Aber was sie nun sahen mussten, war zu viel: Dass Jesus den Zöllner Matthäus angesprochen hatte, das ging gar nicht! Zöllner waren verachtet und ausgestoßen, sie machten oft schmutzige Geschäfte.
Und dann aßen die auch noch miteinander - Jesus und Matthäus und andere Sünder. Jesus befand sich in absolut schlechter Gesellschaft. Zöllner und weitere fragwürdige Existenzen saßen am Tisch - Betrüger, Huren und Taschendiebe. Das ärgerte die Pharisäer, weil sie immer gottgefällig gelebt hatten - doch Jesus ließ sie links liegen und kehrte bei denen ein, die nicht mal ein Gebet kannten.
Jesus bei den Falschen, wie wäre das heute? Ich stelle mir vor, Jesus würde hierher kommen. Wir hätten einen Empfang der Kirchengemeinden vorbereitet, ökumenisch natürlich. Dann käme Jesus endlich, doch er würde zu Menschen gehen, die wir in unseren Kirchen noch nie gesehen haben. Da würden wir uns doch auch ärgern, oder?
Ich glaube, dieses Denken steckt in uns allen irgendwo drin: Erst einmal sind WIR dran, die Gerechten, die versuchen, ihr Leben so zu führen, wie Jesus es wollte.
Wie ist das in unserer Gemeinde? Laden wir mit dem, was wir bieten, auch die ein, die weit weg von Jesus sind? Oder sind wir ein geschlossener Kreis glaubender Menschen?
Jesus hat damals gesagt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Wo ist also bei uns Platz für die, die nicht glauben können; für die, denen Jesus unwichtig ist; für die, die nur an sich denken; für die, die lieber 1000 Euro verprassen als 10 Euro zu spenden?
Jesus will ALLE dabei haben, ohne Ausnahme.
Nun könnte ja der eine oder die andere von uns sich ärgern und denken: „Es geht heute nur um die, die nie da sind, und die werden fast heiliggesprochen.“ - Aber Moment mal, geht es wirklich nur um die Anderen? Sind die Zöllner, die Sünder wirklich nur die Anderen?
Ich glaube das nicht. Denn das würde ja voraussetzen, dass WIR IMMER die Guten sind. Wenn ich aber an mein eigenes Leben denke, da gibt es schon genügend Momente, in denen auch ich zu den Sündern gehöre; in denen auch ich so lebe, als wäre mir Gottes Wort noch nie begegnet. Bestimmt haben wir alle solche dunkle Flecken mehr als genug. Aber: Wo auch uns unsere Unvollkommenheit bewusst wird, da dürfen wir unheimlich froh sein, dass damals wie heute an Jesu Tisch Platz ist für alle. Wäre dort nur Platz für die Gerechten, dann müsste Jesus alleine essen.
Jesus ist also nicht nur für jene Sünder gekommen, sondern auch für uns, und zwar da, wo wir einsehen, dass auch wir diesen Arzt dringend brauchen. Deshalb muss diese Geschichte uns auch nicht ärgern, im Gegenteil: Sie tut unsagbar gut.
Und am Ende gehen meine Gedanken noch einmal zum Wochenspruch: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Unsere Gerechtigkeit - die ist mitunter sehr, sehr begrenzt. Aber von SEINER Barmherzigkeit, von Gottes Liebe ist genügend da, so viel, dass es für ALLE reicht - für uns selbst und für die Anderen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Lesung von Jesu Wunder in Kana sagt uns: Wo Jesus ist, da ist die Fülle des Lebens, da geht es allen gut, da kann und soll gefeiert werden.
Gefeiert haben wir auch vor vier Wochen. Aber nun ist Weihnachten vorbei, und daher wunderten manche sich vorhin, weil hier in der Kapelle noch der Weihnachtsbaum steht: „Ja, ist denn heut noch Weihnachten?“
Weihnachtsstimmung im Januar? Das ist eigentlich unmöglich. Allerdings finde ich im Brief des Apostels Paulus an die Römer Anregungen, wie wir Weihnachten verlängern können; Ideen, wie auch jetzt noch das wärmende Licht der Liebe Gottes weiterleuchten kann - in unserem eigenen Leben und in das anderer Menschen hinein. Da steht folgendes:
Die Liebe sei ohne Falsch; die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den geringen.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Ein unglaublich dichter Text: In acht Bibelversen finden wir satte 20 Ermahnungen und Forderungen: Tu dies, mach dies nicht usw. Aber diese Forderungen stehen ja nicht für sich alleine. Sie zeigen uns den Weg, wie das funktionieren kann, dass die Liebe Gottes, die damals in Bethlehem so hell aufleuchtete, auch im neuen Jahr in unserem Leben Fuß fassen kann. Dieser Bibeltext präsentiert uns 20 Ideen, wie wir dabei mitwirken können, dass das Weihnachtslicht auch weiterhin scheint.
20 Ideen – viel zu viel für eine einzige Predigt! Ich beschränke mich darauf, nur über eine einzige Anregung ganz besonders nachzudenken, nämlich: Die Liebe sei ohne Falsch; die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich.
Zur Falschheit unter Christen könnte ich aus fast 40 Jahren Dienst in vier Gemeinden einiges erzählen, und Sie und Ihr sicherlich auch. Aber ich will lieber auf das schauen, wozu Paulus uns bewegen will: zur geschwisterlichen Liebe.
Von der Liebe hört man ja häufig in der Kirche, es klingt ja auch so gut, so harmonisch. - Wer allerdings mit Geschwistern aufgewachsen ist oder aufwächst, weiß: Nirgendwo knallt es so oft wie unter Geschwistern. Doch er weiß auch: Wenn es drauf ankommt, halten Schwestern und Brüder zusammen. Denn es gibt da unter Geschwistern etwas, das stärker ist als alles Trennende, nämlich das Wissen: Wir gehören zusammen.
Und vielleicht wird so deutlicher, was das heißt, dass die Bibel uns als Schwestern und Brüder sieht. Das heißt dann: Der Mensch, den ich auf der Straße treffe oder neben dem ich gerade sitze oder mit dem ich zusammen arbeite oder zur Schule gehe - dieser Mensch ist nicht nur ein Nachbar oder eine Klassenkameradin oder ein Kollege oder eine Nervensäge. Nein, das sind alles Menschen, die durch uns etwas von Gottes Liebe erfahren und spüren sollen. Das ist Jesu Wille.
Klar, manche haben wir gar nicht gerne. Manche, die betrachten wir nur kritisch. Die können machen, was sie wollen, haben bei uns nicht den Hauch einer Chance, sind unten durch. Da läuft nichts mit geschwisterlicher Liebe.
Es sei denn, wir lassen uns von Jesus den Blick ändern. Er sagt uns: "Nehmt einander so wahr, dass ihr den Segen seht, der auf dem anderen ruht, und das Licht, mit dem Gott das Leben des Anderen hell macht." Das ist manchmal sehr viel verlangt. Aber nirgendwo in der Bibel hat Jesus gesagt, dass es einfach sei, ihm nachzufolgen. Wo es uns aber gelingt - überlegt mal, was für Veränderungen da möglich sind! Da tut dir einer ständig weh, und du kannst in ihm trotzdem den gesegnete Menschen sehen. Da nervt dich einer bis zum Anschlag, und du erkennst trotzdem, dass auch auf diesem Menschen Gottes Segen ruht. Da sagt einer ständig Nein zu deinen Ideen, und trotzdem weißt du, dass auch sein Leben vom Licht Jesu hell gemacht wird.
Den Segen sehen, der auf dem Anderen ruht - wer sich von Gott diese Gabe schenken lässt, erlebt selbst einen besonderen Segen und sieht die Mitmenschen in einem neuen Licht. Und wer dann noch genauer hinschaut, merkt: Es ist das Licht, das vor über 2000 Jahren von Bethlehem aus diese Welt hell erleuchtet hat. Und so lange die Erde steht, wird dieses Licht scheinen, auch in unseren manchmal so grauen Alltag hinein.
Amen.
Liebe Gemeinde,
eigentlich sollte ich heute über unsere Kirchengemeinde und unser Miteinander hier predigen. Eigentlich.
Aber gleichzeitig denke ich, wir Christen können nicht so tun, als ob wir unser eigener Kosmos wären und uns das, was außerhalb der Kirchen- oder Gemeindehaus-Mauern geschieht, nichts angehen würde.
Deshalb heißt es in der Barmer Theologischen Erklärung, einer unserer Bekenntnisschriften: Die Kirche „erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“ Auf deutsch: Die Kirche darf sich nicht raushalten aus unbequemen Vorgängen in der Gesellschaft. Die Kirche und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer haben Farbe zu bekennen und Gottes Willen zu verkündigen.
Was ist Gottes Wille in der Situation, in der unsere Gesellschaft sich gerade befindet? Was ist Gottes Wille für eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen unzufrieden sind? Eine Gesellschaft, in der manche Berufsgruppen derart ungerecht behandelt und bezahlt werden, dass sie keinen anderen Ausweg sehen als den, Zig Millionen Menschen ihre Alltagswege zu beschweren, um endlich wahr- und ernstgenommen zu werden. Was ist Gottes Wille für unsere Gesellschaft, in der der Regierung Handlungsunfähigkeit und ein Schlingerkurs vorgeworfen wird, die aber beim genauen Hinsehen vieles ausbaden muss, was die Vorgänger-Regierungen an Hypotheken hinterlassen haben? Was ist Gottes Wille für eine Gesellschaft, in der Gottes Wort nur noch eine einstellige Prozentzahl kümmert? Was ist Gottes Wille für eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen nur nach ihrem eigenen Wohlergehen und Bauchgefühl fragen und das Wort ICH absolut setzen, ohne auf ihre Mitmenschen zu achten?
Mit all diesen Fragen und mitten in einer zerrissenen Gesellschaft und Welt begegnet uns als Gottes Antwort zum Jahresanfang ein kurzer Satz aus dem 1. Korintherbrief als Jahreslosung: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe."
Und wieder tauchen Fragen auf:
Was heißt Liebe angesichts der Herausforderungen unserer Zeit? Was heißt Liebe im Blick auf die vielen Kriege, in die inzwischen die halbe Welt verwickelt ist? Was heißt Liebe im Blick auf die Horrorvision, dass einer AfD zur stärkster Partei in unserem Land werden könnte? Was heißt Liebe im Blick auf blockierte Kreisel und Bundesstraßen – was heißt das für Blockierer und Blockierte? Was heißt Liebe für Lokführer und für Bahnkunden? Was heißt Liebe im Blick auf die neue Armut bei uns und die Flüchtenden, die an den Toren unseres Kontinents um Einlass bitten?
Lauter Fragen! Wichtige Fragen, die nicht ich für Euch und Sie beantworten kann, sondern jede und jeder für sich selbst beantworten muss.
Gerne gebe ich aber meine Antwort auf die Frage, was das denn nun hier vor unserer eigenen Haustüre heißen kann: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe."
Für unsere Kirchengemeinde heißt das, dass sie offen bleibt für jeden Menschen, der auf seinem Weg des Glaubens Station macht bei uns.
Für unser Miteinander in unseren Familien, in unseren Ehen und unseren Beziehungen hoffe ich, dass wir LIEBE, ACHTUNG und ZUSAMMENHALTEN immer GROSS schreiben und Gott uns unsere Verbundenheit erhält.
Für unser Dorf heißt es: Schaut einander mit Barmherzigkeit an. Beteiligt euch nicht am unwürdigen Gerede über-einander, sondern redet mit-einander und nehmt an-einander Anteil.
Und für uns persönlich auf dem Weg durch das Jahr 2024 hoffe ich, dass uns durch die Jahreslosung klar wird: Ich lebe nicht allein auf der Welt. Was ich tue und nicht tue, es wirkt immer auch in das Leben der anderen hinein. Ich bin nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Mitmenschen verantwortlich.
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe."
Gebe Gott, dass uns dieser Satz durch ein gutes, gesegnetes und hoffentlich friedlicheres Jahr geleitet.
Amen.
Liebe Gemeinde,
"Du bist ein Gott, der mich sieht." So hieß die Jahreslosung für das Jahr 2023. Ich forme sie ein wenig um: „Du bist ein Gott, der uns sieht“, heißt es dann.
Was hat Gott gesehen, wenn er uns angeschaut hat?
Ich denke, Gott hat uns als Menschen gesehen, die versucht haben, so einigermaßen nach seinen Geboten zu leben; und die aber manchmal dort, wo ein Gebot Gottes eher hinderlich war, sich gegen das Gebot entschieden haben und ihr Verhalten vor sich selbst mit dem gesunden Menschenverstand rechtfertigten.
Ich denke, Gott hat uns auch gesehen als Menschen, die mitunter stolz auf sich selbst waren, statt Gott zu danken; aber gleichzeitig auch als Menschen, die, wenn sie an Grenzen kamen, sehr wohl die Hände falten konnten.
Und schließlich denke ich, dass Gott uns gesehen hat als Menschen, die sich immer wieder auch um andere und deren Wohlergehen gekümmert haben – und gleichzeitig als Menschen, die wenn es in ihrem eigenen Interesse war, das Wörtchen „ICH“ sehr, sehr groß geschrieben haben.
"Du bist ein Gott, der mich sieht."
Dieser Gott sieht nach uns, schaut nach uns, sorgt sich um uns, weil wir ihm am Herzen liegen.
Wahrscheinlich – falls ich so menschlich über Gott reden darf – findet Gott einiges an unserem Denken und Tun zum Haareraufen. Doch es ist der Gott, über den der Psalm sagt: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ Es ist der Gott, der keinen Menschen aufgibt und auch die Menschen auf den Abwegen des Lebens nicht im Stich lässt, sondern ihnen die Türe offen hält.
Ich glaube fest daran, dass Gott uns trotz all unserer Unzulänglichkeiten immer noch gleich ansieht: als die Wesen, die er nach seinem Bild geschaffen hat; als die Wesen, die immer wieder ohne ihn leben wollen und die er doch immer lieben wird wie am ersten Tag.
Wenn wir nun den Blick auf das neue Jahr richten, dann begleitet uns dorthin Gottes Wort auf zweierlei Weise.
Zum einen durch das wunderbare Versprechen aus dem Römerbrief, das wir traditionell am Silvesterabend hören. Der Apostel Paulus schreibt:
"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn."
Und das zweite Geleitwort ins Neue Jahr ist die neue Jahreslosung. Sie steht im 1. Korintherbrief und enthält wieder ein wunderschönes Jesu-Wort: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe."
Unter diesem Geleitwort lasst uns zuversichtlich das neue Jahr angehen, Gottes Segen spüren und anderen zum Segen werden.
Amen.
Liebe Gemeinde,
im letzten Jahr bin ich auch hier an dieser Stelle gestanden …
Damals habe ich gepredigt über die Engelbotschaft: „Ehre sei Gott und Friede auf Erden“ und habe gesagt, dass immer weniger Menschen Gott die Ehre gegeben und dass der Friede auf Erden immer unwahrscheinlicher wird.
Viel geändert hat sich in dem einen Jahr nicht. Im Gegenteil.
Zu „Ehre sei Gott“ fällt mir ein, was ich am Mittwoch im Radio gehört habe: „Wenn Sie gerne Weihnachtslieder singen, brauchen Sie nicht mehr in die Kirche zu gehen. In vielen Fußballstadien in Baden-Württemberg gibt es an diesem Wochenende Weihnachtsliedersingen.“ Ja, so ist das. Nicht verwunderlich in einem Land, in der die größte Konfession die der Ausgetretenen ist. Stadion statt Kirche; „Let it snow“ statt „O du fröhliche“; auf den Weihnachts-Briefmarken Eichhörnchen statt dem Christuskind; Coca-Colas Weihnachtsmann statt dem Bischof Nikolaus; Rudolf, das Rentier statt Jesus. Ganz ehrlich: Für die Mehrzahl derer, die heute in unserem Land Weihnachten feiern, hat das Ganze mit Gott oder Jesus nichts mehr zu tun. Soweit zu „Ehre sei Gott“.
Und dann der zweite Teil der Weihnachtsbotschaft: „Friede auf Erden“. Seit elf Wochen ist sogar im Heiligen Land Krieg; und immer noch in der Ukraine; und in unserer Gesellschaft steigt die Verbitterung.
Eine traurige Bilanz am Heiligabend. Aber der Heiligabend verträgt das. Denn der Heiligabend lässt uns nicht in Trübsal oder Verzweiflungen stehen. Der Heiligabend will in uns Lichter der Hoffnung entzünden, will, dass wir sie weitergeben.
Und genau das will ich jetzt tun. Lasst uns gemeinsam Hoffnung schöpfen aus einem Text von Traude Zupan:
Es begab sich aber zu der Zeit, dass das Gebot der Vernunft es erforderlich machte, nach dem Sinn der Welt zu fragen. Das war neu in der Geschichte der Menschheit und geschah zu der Zeit, als Wissenschaft, Machtgelüste und Habgier die Erde regierten.
Und jedermann schickte sich an, seinen eigenen Standort zu bestimmen und um sich mit dem anderen zu messen in Hinblick auf sein Wissen, seinen Einfluss und seinen Besitz.
Da machte sich auf auch die Sehnsucht aus dem tiefsten Inneren des Menschen, denn sie war heimatlos geworden und einsam in der Kälte der Lichter und Mauern.
Und sie machte sich auf die Suche nach einer neuen Welt, die da heißt „Welt Gottes“, denn die Wurzeln der Sehnsucht liegen in Eden. Sie machte sich auf, um die Möglichkeiten einzuschätzen, zusammen mit der untrennbar zu ihr gehörenden Angst.
Und als sie über der Erde kreisten, war es höchste Zeit zu entscheiden, welche Möglichkeiten das Leben auf der Erde noch haben soll.
Und die Sehnsucht schuf eine Vorstellung von Gottes neuer Erde, und sie irrte um die Welt und fand keinen Platz, an dem sie sich hätte niederlassen können. Denn die Herzen der Menschen waren besetzt durch die Sucht nach Geld, Wissen und Macht; da war für Fremdlinge kein Platz. Und zwischen Stacheldrahtzäunen hatte sich die Angst eingenistet.
Und es waren Menschen in den Städten und Dörfern, beschäftigt mit ihren alltäglichen Pflichten und von der Sorge um ihre Zukunft gequält, die suchten nach Zeichen der Hoffnung. Und siehe, sie entdeckten die Fantasie, geboren aus Sehnsucht und Angst. Und sie erkannten, dass sie zum Bilde des Schöpfers geschaffen waren. Und sie erschraken sehr. Und das Wort des Herrn geschah zu ihnen und sprach: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Ihr werdet auferstehen ins Leben hinein, wenn ihr die Erde an den Schöpfer zurückgebt, euer Machtstreben beendet und eure Grenzen anerkennt. Und dass habt zum Zeichen: Ihr werdet Gottes neue Welt entdecken, wo immer ihr seid; und eure Angst wird aufhören, und ihr werdet überall zu Hause sein.
Und die Menschen in den Städten und Dörfern ruhten aus von Ihren alltäglichen Pflichten und der Sorge um ihre Zukunft, denn ihre Hoffnung hatte die Angst besiegt. Und sie lobten Gott und sprachen: Ehre Sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden für alle Menschen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
liebe Tauffamilie,
Leni bekommt einen wunderschönen Taufspruch, den ihre Eltern ausgesucht haben. Er steht in den Psalmen und heißt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Das ist ein sehr schöner Bibelvers, weil er von dem spricht, was die Eltern und Großeltern, als Onkel und Tanten diesem kleinen Mädchen doch am meisten wünschen: dass es Leni gut geht, dass sie beschützt ist und ihr nichts passiert.
Wer unter uns selbst Kinder bzw. Enkel hat, weiß, wie entlastend es ist, wenn wir immer wieder einmal auch die Hände falten und Gott bitten können: Hilf uns dabei, auf unser Kind aufzupassen. Ein schöner, ein wichtiger Wunsch am Anfang eines Menschenlebens.
Nun werden aber - schneller als wir ahnen – die Jahre kommen und gehen, Leni wird größer werden, vielleicht gar nicht mehr beschützt werden wollen, weil das dann uncool sein wird. Ob Leni sich dann noch erinnert an Gottes Versprechen, sie zu schützen? Liebe Eltern und Paten, da könnt ihr viel dazu beitragen. Betet mit ihr, kommt hierher und zeigt ihr ihren Taufstein. Erzählt Leni von Gott, der ihr nahe ist und sie lieb hat, so wie eine Mama oder ein Papa ein Kind nur lieben kann.
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Dieses Versprechen gilt nicht nur Leni, sondern uns allen: auch euch Konfis, auch uns Erwachsenen, Jung und Alt.
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Einmal ganz ehrlich: Wollen wir das überhaupt, dass Gott uns so nahe ist? Wollen wir >>von allen Seiten von Gott umgeben<< sein? Ich denke, wir wollen lieber etwas Bewegungsfreiheit und brauchen die auch. Wir wollen unser Leben ja schließlich selbst gestalten, nach dem Motto „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“. Und so leben wir ab und zu etwas gottvergessen, überwiegend fixiert auf unser eigenes Lebensglück. An diesem Punkt sind wir uns alle ziemlich ähnlich.
Aber ich baue darauf: Gott ist uns deswegen nicht böse. Gott bleibt uns nahe, unser Leben lang, und – wenn ich das so sagen darf – Gott lässt uns nicht aus den Augen.
Und wann immer wir Gottes Nähe besonders brauchen, ist Gott da und hält seine Hand über uns: segnend, schützend, Mut machend.
Gott ist näher, als wir glauben – und öfter als wir denken.
Das sind wesentliche Eckpunkte unseres Glaubens. Es ist schön, dass wir durch Lenis Taufe heute daran wieder erinnert worden sind.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wenn Sie auf den Adventskranz sehen, was sehen Sie? --- Richtig. Da brennt eine Kerze. Aber nur eine von vieren.
Obwohl es am Adventskranz vier Mal so hell sein könnte, fällt uns die trotzdem die eine Kerze mehr auf als die, die nicht brennen. Und beim Nachdenken darüber kam mir der Gedanke, dass das ein gleich dreifaches Gleichnis sein kann.
Zum einen ein Gleichnis für alle, die mit Kindern zu tun haben. Ihnen, liebe Taufeltern, und allen, die Kinder, Enkel oder Urenkel haben, sagt es uns: Freut euch über das Helle! Freut euch über das, was euer Kind kann! Lobt es für das, was es kann, und liegt ihm nicht in den Ohren, was alles es NICHT kann! Wer Kinder in der Schule hatte oder hat, weiß, dass das leicht gesagt ist. Und doch stimmt es: Schaut auf das Licht, nicht auf das Dunkel!
Ich glaube, dass Gott uns, seine Kinder, auch in diesem barmherzigen Licht betrachtet. Und so können wir überall, wo Menschen begegnen und mit ihnen zu tun haben, uns Gott zum Vorbild nehmen: nicht auf die Defizite eines Menschen zu schauen, sondern auf das, was jemanden zum Leuchten bringt.
Dass zwar nur eine von vier Kerzen brennt, diese aber viel Licht verbreitet, ist nun zweitens auch ein Gleichnis für die Gegenwart, in der wir leben: Kriege überall, soziale Spannungen in unserem Land, Hass-Demonstrationen, die dahinsiechende Umwelt, aufwühlende Verbrechen, dazu bei manchen noch persönliche Schicksalsschläge – das verdunkelt in diesen Wochen und Monaten das Leben von vielen von uns. Wenn wir dann Angst vor der Zukunft haben, lasst uns an diesen Adventskranz am heutigen 1. Advent denken. Er weist uns hin auf das große Licht, das in unserem Leben selbst dann noch scheint, wenn allerfinsterste Wolken aufgezogen sind. Dieses Licht ist Christus, der uns bei unserer eigenen Taufe gesagt hat: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
Nur eine von vier Kerzen brennt, aber wir wissen, dass bald alle vier Kerzen brennen werden, das bringt uns zur dritten Art und Weise, wie dieser Adventskranz uns zum Gleichnis wird:
Weil wir wissen, dass es noch heller wird und dass dieses Licht auch ins Dunkel eines jeden Lebens hineinscheint, deshalb können und sollen wir dieses Licht verstärken. Das beginnt bei uns selbst, dass wir uns immer wieder nach Gottes Willen ausrichten. Das geht weiter, wo wir auf Menschen begegnen, die an ihrem Leben zu zerbrechen drohen und denen wir beistehen können, indem wir ihnen von diesem tröstlichen Licht erzählen. Und schließlich können wir selbst mitwirken, dass es heller wird, indem wir uns einsetzen und auch kämpfen für eine bessere, gerechtere, friedlichere und vor allem gottgefälligeres Welt.
Gerade Letzteres ist mühevoll, aber die Verheißung Gottes, dass er uns Kraft genug gibt, die leuchtet überall in der Bibel auf – und in unseren Alltag nehmen wir eine der schönsten Verheißungen Gottes mit, und das ist der Taufspruch der kleinen Nora aus dem Buch Josua. Der sagt uns:
„Sei tapfer und entschlossen.
Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut;
denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
Volkstrauertag – wörtlich genommen heißt das: ein Volk trauert. Aber einmal ganz ehrlich: Trauern wir heute? Sie? Ihr? Ich? - Wir sollten in der Tat trauern, liebe Gemeinde. Und das in dreifacher Hinsicht:
Zum einen sollten wir immer noch traurig sein, wenn wir allein an die zwei Weltkriege denken: 80 Millionen Tote, das Doppelte an Verwundeten und weit über eine Milliarde trauernder Menschen, die in den Kriegen einen Menschen verloren haben. Diese Opfer dürfen nie vergessen werden.
Zum zweiten ist heute für uns ein Tag der Trauer, weil er uns daran erinnert, wie viele Kriege im Moment unvorstellbares Leid für Menschen mit sich bringen, überall auf der Welt, und unser Land ist – zumindest indirekt – an zweien dieser Kriege beteiligt.
Der dritte Grund, der uns zum Trauern bringen sollte, ist, dass in unserer Gesellschaft der Zusammenhalt, die Solidarität und viel vom Anstand verloren geht.
Wir merken das im Kleinen, auch hier: Immer weniger Menschen sind bereit, sich zu engagieren: in Vereinen, in Institutionen, in Kommunen und natürlich auch in den beiden Kirchen. Hand in Hand mit diesem nachlassenden Engagement fordern viele immer mehr vom Staat, von den Ämtern und Kommunen. Weniger tun und mehr fordern, das geht nicht mehr lange gut.
Schlimm an der Situation in unserem Land ist auch der wieder erstarkte Rechtsextremismus. Ja, es stimmt, die Ampelregierung könnte ihre Arbeit wirklich besser machen; etwas weniger grün und dafür etwas mehr Realismus. Ja, sicher. Aber nur weil die Regierenden grobe Fehler machen, ist das noch keine Rechtfertigung dafür, dass mittlerweile fast ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes die AfD wählen würden. Nur zur Abgrenzung: Rechtsextrem ist ab einschließlich der AfD, diese steht schon jenseits der roten Linie jeglicher Demokratie. Das ist eine Partei, die den Holocaust derart verharmlost, dass der Zentralrat der Juden in einer Erklärung sagte: „Wenn Juden auf die AfD als Garant für jüdisches Leben in Deutschland angewiesen wären, wäre es um das jüdische Leben hier schlecht bestellt. Die AfD ist eine Partei, in der Judenhass und die Relativierung bis zur Leugnung der Schoa ein Zuhause haben.“
Wir haben eine besondere Verantwortung für jüdisches Leben als Deutsche, aber auch als Christen. Denn das Judentum ist unsere Mutter-Religion, auf ihr fußen wir. Und deshalb gehört zum Christsein auch dazu, dass wir Christen uns in diesen Tagen genauso deutlich vernehmbar abgrenzen von jeglichem Islamismus.
Ob der Islam zu Deutschland gehört, will ich nicht beurteilen; aber ich weiß ganz genau, dass der Islamismus und der Antisemitismus in unserem Land NICHTS zu suchen haben.
Mit Sicherheit gehört NICHT zu Deutschland, dass wir schweigen, wenn unter Berufung auf den Koran in Israel Menschen im Schlaf abgeschlachtet werden.
Mit Sicherheit gehört NICHT zu Deutschland, dass hier für die Vernichtung Israels demonstriert werden darf.
Mit Sicherheit gehört NICHT zu Deutschland, dass hier hochbezahlte Fußballprofis spielen, die in sozialen Medien zur Vernichtung Israels aufrufen.
Mit Sicherheit gehört auch NICHTzu Deutschland, dass Diktatoren wie der türkische Präsident hier etwas zu suchen haben, solange sie die Verbrechen der Hamas gutheißen.
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Heute ist Volkstrauertag. Und wir haben viel Grund zu trauern.
Und jetzt? Was tun?
Vielleicht sollten wir uns zunächst einmal klar machen, dass wir Menschen es nicht mehr selbst schaffen. Fast überall, wo regiert wird, ist Chaos – in Brüssel, in Berlin wie in Stuttgart, weil es oft nicht mehr um die Menschen geht, sondern vor allem um die Erhaltung der Macht und was weiß ich, um was noch.
Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir heute unseren Staat, unser Volk, unsere Dörfer Gott ganz besonders ans Herz legen und uns von ihm leiten lassen.
Es ist sinnvoll, dass wir heute beten für die Regierenden und die Regierten, für alle Völker der gesamten Erde, für unser Land, unser Dorf, unsere Vereine, unsere Familien – und vor allem für den Frieden.
Und sinnvoll ist schließlich auch, dass wir uns durch die Worte der Heiligen Schrift daran erinnern lassen, wie wir nach Gottes Willen leben sollen. Dazu lesen wir im Neuen Testament im Brief an die Römer:
Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Seid untereinander herzlich.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den geringen.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Gebe uns Gott seinen Geist, seine Kraft und seinen Segen, dass wir lernen, diese Weisungen wenigstens ansatzweise wieder zu befolgen.
Amen.
Jesus sprach:
"Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater."
Liebe Gemeinde,
in der Schriftlesung haben wir von Jesu Aufforderung gehört, uns ohne Furcht zu unserem Glauben zu bekennen. Nur wenige Menschen haben das so konsequent in die Tat umgesetzt wie Martin Luther, an den wir am Reformationsfest besonders denken.
Am 10.11.1483 wurde er geboren und wuchs auf in einer Zeit, in der die Menschen nur noch Angst hatten - Angst vor Gott, den sie sich als einen grausam strafenden Richter vorstellten, der die Schuld eines jeden Menschen heimsucht. 34 Jahre hatte Martin Luther alles versucht, um diesen Gott – wie er meinte - gnädig zu stimmen. Aber je größer seine Bemühungen waren, desto mehr wuchs seine Angst vor Gott. Denn Luther spürte: Ich bin zu klein, zu schwach, zu unvollkommen, als dass ich jemals Gott uns durch meine eigenen Leistungen und Werke gnädig stimmen könnte. Doch eines Tages traf Luther wie ein Blitz die Erkenntnis: Gott fordert von mir ja gar nicht die guten Werke; Gott fordert ja gar nicht meine Fehlerlosigkeit. Nein - Gott nur eines verlangt von mir: dass ich an ihn glaube; und dass ich darauf vertraue, dass seine Liebe größer ist als alle Schuld, die zwischen mir und Gott jemals stehen kann.
Von diesem Tag an verstand Martin Luther, was Gnade ist. Gnade ist, so schrieb er später einmal, auf den gekreuzigten Christus zu schauen und zu wissen, dass durch dieses Kreuz auch unsere Sünden und Fehler überwunden und machtlos geworden sind.
Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, das ist bis heute das Bekenntnis eines jeden Christen. Umso mehr erstaunt es mich, wie oft und wie gerne noch immer manche Menschen von Gottes Gericht reden. Als habe es Luther nie gegeben, geht man dann um 500 Jahre zurück, um wieder den strafenden, den zornigen, den Richter-Gott hervorzukramen. Woran liegt das, dass manchmal mehr über Gottes Gericht als über seine Gnade gesprochen wird?
Vielleicht liegt es daran, dass wir selbst das "Auge um Auge" wesentlich häufiger praktizieren als die Gnade. Wahrscheinlich können wir Menschen uns auch nicht ansatzweise vorstellen, wie umfassend und wie gewaltig Gottes Gnade ist - bis wir sie an uns selbst erfahren. Aber wer Gottes Gnade erlebt und erfahren hat, der muss von ihr erzählen.
Von Gottes Gnade erzählen, das ist der wichtigste Auftrag, den Jesus uns gegeben hat. Wer aber macht das schon? Wer preist Gott für seine Güte im Alltag? Und wer preist und lobt Gott so, dass man ihn hört?
Ich fürchte wir reden zu wenig von unserem Glauben, wir treiben zu wenig Mission. Und ich glaube, dass genau da das Übel liegt: Wir sind so zufriedene, träge Christen, dass wir uns kaum noch heraus wagen aus den schützenden Kirchenmauern anstatt auf die zuzugehen, die nicht an Gott glauben.
Das ist mir vor vielen Jahren einmal ganz bewusst geworden, als ich mich mit meiner früheren Deutschlehrerin über Kirche und Mission gesagt unterhielt. Und da sagte sie etwas, was mir seither nie mehr aus dem Kopf gegangen ist: "Wenn sich jemand in der Wüste befindet und weiß, wo die Oase ist, der muss die anderen dort hinführen." Dieser Satz saß. Und seither denke ich mir: Ja, es ist wirklich so. Wir müssen uns wieder daran erinnern, dass das Christentum einen missionarischen Grundgedanken hat: "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker!" Im KU lernen wir es gerade auswendig, und das mit gutem Grund. Christsein und Mission, an Gott glauben und von diesem Glauben weiter erzählen, das gehört zusammen, wir sind es unseren Mitmenschen schuldig.
Niemand verlangt von uns, dass wir in der Manier der Zeugen Jehovas nun die Haustüre abklappern. Aber wenn wir selbst die Erfahrung machen, wie uns unser Glaube durch Gottes Gnade trägt - wollen wir das wirklich anderen vorenthalten? Nur weil wir vielleicht ausgelacht werden könnten, wenn wir unseren Klassenkameraden zum Gottesdienst einladen? Nur weil hinter unserem Rücken getuschelt werden könnte, wenn wir einem Arbeitskollegen von unserem Glauben erzählen? Da hat einer wie Martin Luther wesentlich Schlimmeres erfahren und erdulden müssen, und was ist doch daraus an Großem entstanden?!!
Wir haben eine Verantwortung für die in der Wüste. Wir wären selber noch in den Wüsten unseres Lebens, wenn andere uns nicht zum Glauben gebracht hätten. Denken wir einmal nach, ob wir dieser Verantwortung nicht doch nachkommen können. Und nehmen wir uns doch vor, im Lauf der Woche zu irgend einem Menschen zu sagen: "Ich gehe am Sonntag zum Gottesdienst, und ich würde dich gerne mitnehmen."
Vielleicht kann so ein Gespräch für einen anderen Menschen der erste Schritt zum Glauben werden - wie ein Stein, der ins Wasser fällt und seine Kreise zieht.
Amen.
Liebe Gemeinde, ganz besonders: liebe Tauffamilie,
Sie haben sich als Taufspruch für Mila den Bibelvers ausgesucht: „Alles ist möglich dem, der da glaubt.” Diesen Satz hat vor 2000 Jahren Jesus zu einem Mann gesagt, der sein krankes Kind zu ihm gebracht hatte – und das Kind wurde tatsächlich gesund.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.” Ein schöner Satz. Fast zu schön. Da kommen leicht Zweifel auf. Denn manche von uns haben schon erlebt, dass trotz allem Glauben nicht alles möglich ist; wenn zum Beispiel Schwerkranke sterben; oder wenn Sorgen immer mehr Gewicht bekommen; oder ganz aktuell: wenn wir in jedem Gottesdienst um Frieden bitten und trotzdem inzwischen die halbe Welt direkt oder indirekt an einem Krieg beteiligt ist.
Wie passt das nun zu dem Satz: „Alles ist möglich dem, der da glaubt”? Nun - da steht ja nicht: Wer glaubt, erlebt nichts Böses. Auch nicht: Wer glaubt, dem gelingt alles. Es gibt keine Garantie für Lebensglück.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.” Ich glaube, dieser Satz Jesu will uns einschärfen, dass kein Moment unseres Lebens so aussichtslos ist, dass wir jegliche Zuversicht verlieren müssen.
Und wenn ich nachdenke, dann fällt mir ein, dass ich in meinem Leben schon einige Situationen durchgestanden habe, in denen ich gedacht habe: Jetzt hilft mir nichts und niemand mehr. Und vielleicht fallen Ihnen und euch auch Situationen ein, in denen tatsächlich etwas geschah, das vorher unmöglich erschien.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.” Jesu Worte sind das passende Gegengift gegen die vielen Sätze, die uns Hoffnung und Mut rauben. Sie lauten zum Beispiel:
"Das kannst du noch nicht. – Da habe ich meine Bedenken. – Mute dir nicht zu viel zu. – Das glaubst du doch selber nicht. – Vergiss es!"
Diese Sätze rauben uns allen Mut: Wir geben auf, bevor wir überhaupt etwas versucht haben. Und so bekommen wir es wirklich nicht mehr hin.
Jesus aber ist kein Mut-Räuber, sondern ein Mutmacher! Jesus sagt: „Es geht doch! – Versuche es. – Habe Vertrauen zu Gott und zu dir selbst. – Lass dich nicht entmutigen!“
Und das braucht jeder Mensch, ständig: Ermutigung und Bestätigung. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in Gottes Hilfe.
Das ist auch eine wichtige Aufgabe für euch Eltern und Paten im Blick auf Mila: dieses doppelte Vertrauen immer wieder in Spiel zu bringen und Mila zuzusprechen: Du kannst das, und Gott ist auf deiner Seite!
Und es gilt auch für euch Jugendliche wie für uns Erwachsene:
- Manchmal schaffst du Großes von ganz alleine – und Gott schaut zu, und ist stolz darauf, dass er sich so geschaffen hat.
- Manchmal kommst du zwar an deine Grenzen, kämpfst aber weiter, und am Ende erkennst du: Ich hab´s geschafft, aber irgendwie muss da Gott seine Finger im Spiel gehabt haben.
- Und manchmal hast du eigentlich schon fast kapituliert, weil die eigenen Kräfte nie reichen – und dann gelingt es doch – so unerwartet, dass man das Wort „Wunder” verwenden kann.
So … oder so … oder so … Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!
Amen.
Und der HERR sprach zu Mose: „Haue dir zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, welche du zerbrochen hast. Und steige morgen früh auf den Berg Sinai, dort zu mir trittst auf dem Gipfel des Berges. Und lass niemand mit dir hinaufsteigen.“
Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai.
Da kam Gott hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und Gott ging vor seinem Angesicht vorüber, und Mose rief aus: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.“ Und er neigte sich eilends zur Erde und betete: „Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte.“ Und Gott sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.
(aus 2. Mose 34)
Liebe Gemeinde,
gerade haben wir eine spannende und rätselhafte Geschichte gehört. Und ich frage mich zunächst: Hat Mose Gott wirklich gesehen? Ist ihm Gott direkt begegnet? Die Antwort der Bibel ist ein klares Ja. Und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln.
Etwas neidisch könnten wir da werden. Uns ist noch kein Gott begegnet. Ich habe mir letzte Woche die Bibel durchgeschaut mit der Fragestellung: Was für Situationen sind das, in denen Gott Menschen begegnet? Dabei habe ich entdeckt, dass allen Geschichten, in denen Gott einem Menschen begegnet, eines gemeinsam ist - alle diese Begegnungen finden auf Bergen statt:
Der müde Prophet Elia bekommt auf dem Berg Horeb durch die Begegnung mit Gott neue Kräfte; auch der Tempel, in dem Jesaja Gott begegnete und Zacharias dem Gottesboten, steht auf einem hohen Berg; Jesu neue Gebote erfahren die Jünger auf einem Berg - die Bergpredigt; auf einem hohen Berg erleben drei Jünger die Verklärung Jesu mit; wiederum auf einem Berg beauftragt der auferstandene Christus die Jünger, sein Werk fortzusetzen; und auch ein Berg, nämlich der Berg Zion, ist es , von dem aus Gott alle Völker den Friedens lehren wird.
So sind Berge Stätten der Begegnung zwischen Gott und Menschen.
Nun ist ja bekannt, dass ich meine Urlaubswochen fast nur in den Bergen zubringe. Natürlich würde ich lügen, wenn ich behauptete, ich würde deshalb über Grate und durch Wände steigen, um Gott zu begegnen. Und es wäre auch vermessen, ja schon gotteslästerlich, wenn ich nun sagte, ich hätte Gott da auch schon gesehen. Aber eines habe ich mit Gewissheit schon mehrmals dabei erfahren, vor allem dann, wenn ich alleine unterwegs war: das Gefühl, dass Gott mir gerade unbeschreiblich nahe war.
Und in solchen Momenten, meist auf dem Gipfel, entsteht in mir das Bedürfnis, diesen Moment festzuhalten, ihn einzuatmen und aufzutanken.
Vor vielen Jahren bin ich auch auf dem Gipfel des Berges Sinai gestanden, auf dem die Mose Gott begegnet ist. Und es herrscht dort oben in der Tat eine ganz besondere Atmosphäre.
Natürlich sind nicht alle Bergerlebnisse von solcher Intensität. Aber alle unter uns, die schon einmal in den Bergen waren, dürften dies gespürt haben - dass hier Raum ist für Stille, für Dankbarkeit und für das Lob Gottes, der uns manchmal unsagbar nahekommen kann.
Was bringt nun Ihnen das, die Sie nicht bergsteigen und das auch nicht vorhaben? Gott wohnt nicht auf dem Berg. Aber auf dem Berg findet man etwas, das unverzichtbar ist für Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen: Ruhe und Frieden mit sich selbst. Und mir stellt sich eine Frage, die ich an uns alle weitergeben will: Haben wir diese Ruhe? Haben wir in unserer alltäglichen Betriebsamkeit feste Zeiten zum Ruhigwerden, zum Innehalten in unseren Geschäften, zum Loslassen unserer Sorgen und schweren Gedanken, zum Hören, zum Reden mit Gott?
Ich denke, dass wir an diesem Punkt etwas von den Mönchen und Nonnen in den Klöstern lernen können. Dort gilt der Leitsatz: „Ora et labora - bete und arbeite“. In unserem Leben heißt es doch meist: labora, labora, labora, arbeite, arbeite, arbeite, und wenn du dann noch Zeit hast und Lust, dann nütze und genieße deine freie Zeit und deine Mitmenschen, und vielleicht bleibt auch noch Raum und Zeit für Gott. Doch viele haben die Zeit nicht – genauer gesagt: nehmen sich diese Zeit nicht.
Oft wird unsere Zeit als eine gottlose und glaubenslose Zeit bezeichnet; ich glaube nicht, dass das so ist. Ich glaube viel eher, dass wir in einer ruhelosen Zeit leben. Um dieser Unruhe zu entfliehen, gehen manche Menschen zu Einkehrtagen und -wochen in Klöster. Denn dort ist Gelegenheit, in sich ruhig zu werden, Stille zu erleben und abseits aller Ablenkungen sich zu öffnen. Viele Menschen machen dort genauso dichte Erfahrungen wie andere auf den Bergen.
All dies sind aber Ausnahmesituationen. Der Normalfall - von einigen Lebenskünstlern einmal abgesehen - sieht für die meisten von uns so aus, dass wir abgehetzt sind und deshalb auch nur selten Zeiten der Stille, des Hörens, des Betens und des Atemholens finden.
Und eine Weile geht das ganz gut, nach dem Motto zu leben: „Ich habe vor lauter Arbeit und Stress zwar keine Zeit für Gott, aber ich weiß, dass er mich liebt und auf mich aufpasst.“ So wahr dieser Satz sein mag, er kann er nicht verhindern, dass wir mit der Zeit immer mehr Kräfte verlieren und innerlich ausdorren und verkümmern. Wo wir nur auf uns selbst setzen und auf unser eigenes Leistungsvermögen, wo wir uns speisen lassen von der Bewunderung durch andere und durch den Dank, auf den wir hoffen, dort ermatten wir mit der Zeit und gehen kaputt.
Das einzige, das uns den leergelaufenen Akku wiederaufladen kann, ist, dass wir in unserem Leben Raum für Gott schaffen. Es gibt da viele Wege: Für manche gehört der Gottesdienst zu diesen Räumen, für andere ist es geistliche Musik, wieder für andere die Bibel. Nicht alle müssen wie Mose auf einen Berg steigen, um Gott zu begegnen. Die Möglichkeiten, Ruhe zu finden und sich in Gottes Nähe aufzutanken, sind sehr vielfältig. Wichtig ist, dass wir sie finden- und nutzen.
Amen.
Predigt zu Erntedank
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand.
Und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«
So ging es viel Jahre, bis lobesam
der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
trugen von Ribbeck sie hinaus.
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«
So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
der wußte genau, was damals er tat,
als um eine Birn' ins Grab er bat.
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
und in der goldenen Herbsteszeit
leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
so flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«
So spendet Segen noch immer die Hand
des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Liebe Gemeinde,
ich glaube, das Gedicht vom „Herrn von Ribbeck“ passt sehr gut zu Erntedank. Denn der Herr von Ribbeck erntet ja auch. Birnen. Er könnte nun sagen: „Die Birnen lagere ich bei mir ein, dann habe ich lange noch etwas davon.“ Stattdessen verschenkt er sie an Kinder. Bestimmt, weil er Kinder mag. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er weiß: Diese Birnen und alle anderen Köstlichkeiten, die ich ernte, sind einer von vielen Wegen, wie Gott unser Leben segnet.
Und wie es in der Bibel von Anfang an erzählt wird, handelt nun auch der Herr von Ribbeck: Er gibt den Segen weiter. Den Segen weitergeben – nicht alle sind dazu bereit. Der Sohn von Ribbeck will alles für sich behalten. Da heißt es im Gedicht: „Der knausert und spart, hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.“
Genau das hatte der alte Herr von Ribbeck vorausgesehen und sich deshalb eine Birne ins Grab legen lassen. Über diesen merkwürdigen Wunsch des alten Mannes hatten sicher viele den Kopf geschüttelt. Doch Jahre später zeigte sich dann, was der Alte damit bezweckt hatte: Er konnte durch die Birnen über seinen Tod hinaus Gottes Segen weitergeben an andere Menschen.
Welchen Segen geben eigentlich WIR weiter? Da ist einiges: die Liebe, die wir als Eltern unseren Kindern schenken oder als Großeltern unseren Enkeln; oder das Erbe, das einmal in die Hände der Generation nach uns wandert. Auch ihr jungen Menschen könnt Segen weitergeben – etwa wenn ihr jemandem aus der Klasse etwas erklärt, das er / sie nicht verstanden habt; oder wenn ihr jemandem Traurigen Mut macht: Da gebt auch ihr Segen weiter.
So sind wir alle also zusammen als Menschen, die Segen weitergeben, und doch reicht mir das noch nicht ganz. Ich frage nun etwas weiter: Was geben wir Menschen des 21. Jahrhunderts noch weiter an die Generationen, die nach uns kommen? Das ist eine sehr, sehr unbequeme Frage, weil die Antwort furchtbar ist: Den Generationen nach uns geben wir einen in vielem kaputten Planeten in die Hände, mit verseuchtem Boden, plastikschwangeren Meeren, kaputte Atmosphäre, sterbenden Gletschern und ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten – von den ständig und überall aufflammenden Kriegen der Menschheit ganz zu schweigen.
Ja, und wer sind diejenigen, die daran schuld sind? Natürlich auch die, die den Regenwald abbrennen; natürlich auch die Staaten, die jeglichen Umweltschutz ablehnen; die tragen große Mitschuld. Aber genauso auch wir hier in Deutschland. Wir Deutschen tragen auch zur Zerstörung von Gottes Schöpfung bei. Wir kaufen auch Plastik und meinen, es sei damit getan, Müll zu trennen; auch viele Deutsche fliegen um die halbe Welt in Urlaub; oder fahren auch über die Ozeane auf Kreuzfahrtschiffen, von denen jedes täglich so viel CO2 ausstößt wie 84000 Autos. Apropos Autos: Unglaublich, wie viele Kinder unnötig per Auto in den Kiga oder zur Schule chauffiert werden; unnötig, wie viele von uns innerhalb des Orts selbst für kürzeste Strecken das Auto nehmen. Die lange Liste soll niemanden vor den Kopf stoßen, sondern ein Weckruf sein, der uns daran erinnert, dass wir alle, in jeder Generation, gerade auch in der letzten Generation, eben NICHT Gottes Segen weitergeben und weit entfernt sind vom verantwortungsvollen Herrn von Ribbeck.
Lasst uns versuchen, es anders zu machen. Lasst uns von diesem schönen Erntedank-Altar die Verpflichtung mitnehmen, es künftig besser zu machen, jeder und jede in seinen eigenen Lebensbereichen. Lasst uns zu Anwälten der Schöpfung Gottes werden und mutig auch einmal den Mund aufmachen, wenn wir an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Schulklassen, in unseren Vereinen oder hier im Ort wahrnehmen, dass wieder einmal durch menschliche Gedankenlosigkeit die Umwelt leiden muss.
Es ist fünf vor zwölf, wir müssen es endlich begreifen. Begreifen werden wir es allerdings nicht dadurch, dass andere sich auf die Straßen setzen. Auch nicht durch die grünen Oberlehrer*innen, die uns sagen wollen, wie wir zu reden und zu leben haben. (Ich habe hier extra gegendert, ausnahmsweise.)
Stattdessen sollten wir uns an den Anfang der Bibel erinnern. „Ihr sollt die Erde bebauen und bewahren“, hat Gott die ersten Menschen beauftragt. Bebaut haben wir sie schon zur Genüge. Jetzt lasst sie uns endlich bewahren und beschützen.
In unserer Gemeinde werden wir von heute an bis in den Juli die Bewahrung der Schöpfung zum Dauerthema machen, überall: im Kindergarten, im Konfi-Unterricht, in den Gemeindegruppen, im Pfarramt, im Gottesdienst. Die Bewirtschaftung unserer Gebäude wird ein großes Thema werden. Wir werden auch beim Dorfjubiläum einen nachhaltiges Müllkonzept einfordern.
Ganz bewusst beginnen wir mit alledem heute am Erntedankfest. Denn die Dankbarkeit für die Gaben macht bereit, die Schöpfung zu bewahren, die Gott uns Menschen, und zwar überall auf der Erde, als Lebens-Grundlage zur Verfügung gestellt hat.
Und vielleicht können wir ja noch einiges zum Guten wenden und auf diese Weise auch den kommenden Generationen Segen weitergeben, so wie damals der Herr von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland.
Amen.
Liebe Gemeinde,
der Wochenspruch dieses Sonntages fordert uns auf: „Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Dazu passt die Lesung, wo wir Jesus sagen hören: „Sorgt euch um nichts.“
Aber mal ganz ehrlich: Bekommen wir das hin? Dass wir keine Sorgen haben? Uns um nichts Sorgen machen?
Wenn ich mir nur überlege, wo ich überall Vorsorge treffen soll: Altersvorsorge, Gesundheitsvorsorge, Bausparverträge, Lebensversicherungen – und, und, und. Wenn ich dann das Bibelwort vom Nicht-Sorgen höre, frage ich mich: „Erwartet Gott ernsthaft, dass wir sorglos in den Tag hinein leben?“ Tatsache ist: Ich mache mir um vieles Sorgen und Gedanken, und ich glaube, den meisten hier geht es ähnlich.
Aber die Frage bleibt: Wie ist das nun gemeint, was da in der Bibel steht mit dem „Nicht-Sorgen“?
Ich finde einen Weg zu der Antwort im Psalm, den wir vorhin gebetet haben und in dem es heißt: „Denn den Seinen gibt er es im Schlaf.“ Dies ist keine Einladung zum Nichtstun und zur Faulheit. Aber haben wir es nicht schon alle erlebt, dass wir uns wochen-, monatelang mit einer großen Sorge herumschlagen? Und dass alles Grübeln nichts bringt? Und so nehmen wir Abend für Abend diese Sorge mit in die Nacht und in einen schlechten Schlaf. Aber manchmal, da geschieht dann das Wunder. Da gehen wir mit einer Sorge in die Nacht– und am nächsten Morgen liegt der Ausweg, die Lösung, deutlich sichtbar vor uns.
„Den Seinen gibt er es im Schlaf.“ Ein ganz wichtiger Satz! Er funktioniert nicht auf Knopfdruck. Ich kann nicht, von Sorgen erdrückt, in die Nacht gehen und sagen: „Lieber Gott, mach bis morgen früh alles weg.“ So einfach geht das nicht.
Doch ein Beispiel aus der Landwirtschaft erschließt uns den Sinn besser: Wenn ein Landwirt Getreide anbaut, hat er viel zu tun: planen, pflügen, aussäen, bewässern. Aber wenn er das getan hat, braucht er sich nicht mehr zu sorgen um das, was da kommt, weil er weiß: Ich habe das Meinige getan und kann den Rest Gott überlassen. Und das ist wohl das Geheimnis mit dem „Nicht-Sorgen“, dass wir unterscheiden können zwischen dem, was unsere Sache ist, und dem, was wir Gott anvertrauen können.
Unterscheiden – das Zauberwort. Wenn wir nicht unterscheiden können zwischen unseren Aufgaben und dem, was Gott übernimmt, dann geht das schief.
Es gibt da zwei Extreme:
Zum einen: Wenn ich meine, ich müsste alles selbst machen, dann werde ich von Sorgen aufgefressen und finde gar nicht mehr zur Ruhe. Wer unter und Kinder und Enkel hat, kann zum Beispiel immer wieder fragen: „Habe ich alles für mein (Enkel-) Kind getan?“ Wir können aber auch sagen: „Ich habe meinen Teil an diesem Kind getan, nach bestem Wissen und Gewissen, mit Liebe und Herzblut – und was noch fehlt, lieber Gott, mach du das bitte!“
Und umgekehrt ist es auch nicht gut: Wenn ich meine, Gott wird schon alles richten, dann werde ich faul – und leichtsinnig. Ich erinnere mich, wie in unserer letzten Gemeinde zwei kleine Kinder an der Hauptstraße spielten. Als ich die Mutter fragte, ob das nicht zu gefährlich sei, antwortete sie: „Der liebe Gott wird schon auf sie aufpassen.“ Ich bin mir sicher, dass Jesus das so gemeint hat mit dem Nicht-Sorgen.
Unterscheiden – das ist das Zauberwort. Unterscheiden zwischen dem, wofür wir selbst sorgen können, und dem, was wir getrost und beruhigt in Gottes Hand legen dürfen.
In Gottes Hand legen durften auch Sie Ihre Verstorbenen, liebe Trauerfamilien. Sie haben Ihre lieben Verstorbenen betreut, begleitet, gepflegt – bis zuletzt. Mehr konnten und mehr mussten Sie auch nicht tun. Jetzt dürfen Sie alle Sorgen und alles Kümmern loslassen – für Ihre lieben Verstorbenen sorgt nun Gott.
Wer unterscheiden kann, wird die eine oder andere Last in seinem Leben los und etwas unbeschwerter leben. „Sehet die Vögel unter dem Himmel“, hat Jesus gesagt. „Sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser himmlischer Vater nährt sie doch.“ Ich wünsche mir für mich und für uns alle ein wenig von der Leichtigkeit der Vögel: „Die Vögel unterm Himmel, die Spatzen und die Raben, die sagen uns, wir sollen nicht so viel Sorgen haben.“
Nun klingt das gut. Aber wie ist es, wenn uns trotzdem Sorgen zernagen? Wenn Zukunftsängste an uns nagen? Wenn wir den Weiterweg nicht sehen?
Es gibt kein Rezept. Aber ein guter Weg wäre, dass wir in unserem Leben noch mehr Gott überlassen. Dass wir öfter die Hände falten und sagen: „Guter Gott, ich weiß nicht mehr weiter und ich kann nicht mehr weiter. Jetzt mach du.“
Einer, der das getan hat, war Georg Neumark vor 400 Jahren. In tiefer Not hat er sich, weil er selber nur noch Sorgen und Nöte hatte, Gott anvertraut. Nachdem dann eines Tages Gott ihm den Weg heraus aus Elend und Not gezeigt hat, schrieb Georg Neumark voller Freude ein Lied, in dem es heißt:
„Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“
Ich wünsche uns, dass jede/r von uns in der kommenden Woche ein Stück Ballast abwerfen und etwas von der Geborgenheit spüren kann, in der wir als Kinder Gottes leben dürfen. Amen.
Liebe Gemeinde,
haben Sie schon mal etwas so richtig falsch gemacht? Es sich mit anderen nachhaltig verscherzt? Wenn nicht, seien Sie froh. Wenn doch, dann können Sie sich gut hineinversetzen in den Menschen, um den es in der heutigen Predigt geht.
In biblischer Zeit lebte er. Ein Betrüger. Dem blinden Vater gegenüber hatte er sich als der ältere Sohn ausgegeben und das ganze Erbe an sich gerissen. Als das herauskam, war der Vater untröstlich, der ältere Sohn so zornig, dass er seinen Bruder umbringen wollte. Doch der Jüngere hatte, verschlagen, wie er war, schon die Flucht ergriffen. Sein Name: Jakob.
Er hatte es sich mit allen verscherzt: mit dem Vater Isaak, dem Bruder Esau - und die Mutter Rebecca, die ihm beim Betrug geholfen hatte, ließ er einfach im Stich. Auch mit Gott wollte Jakob nichts zu tun haben. So floh er also nicht nur vor dem Bruder, sondern vor auch vor Gottes Angesicht.
Der Abend kam. Den ganzen Tag lang war Jakob nun unterwegs gewesen, nun im Dunkeln konnte er sich endlich sicher sein. Im ersten Mosebuch lesen wir, was in jener Nacht geschah:
Jakob nahm einen Stein, legte ihn unter den Kopf und schlief ein. Und ihm träumte von einer Himmelsleiter, auf der die Engel Gottes auf und nieder stiegen. Und oben stand Gott und sprach: „Ich bin der HERR, der Gott Abrahams und deines Vaters Isaak; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen.“
Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte! Hier ist Gottes Haus und die Pforte des Himmels. Und Jakob nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, richtete ihn auf zu einem Denkmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel, das heißt: „Haus Gottes“.
Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte! Hier ist Gottes Haus und die Pforte des Himmels. Und Jakob nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, richtete ihn auf zu einem Denkmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel, das heißt: „Haus Gottes“.
Eine geheimnisvolle Geschichte: Jakob hat in dieser Nacht etwas erlebt, das sein ganzes weiteres Leben prägte: eine Begegnung mit Gott. "Aber er hat alles doch nur geträumt", mögen Sie jetzt einwenden. Das ist richtig. Nur – wer sagt denn, dass ein Traum weniger Wahrheit enthält als das, was wir wach erleben? Ich traue Gott zu, dass er in Träumen zu uns Menschen spricht. Irgendwer hat einmal den Traum als "Gottes vergessene Sprache" bezeichnet, ich glaube, da ist viel dran. Die Bibel erzählt von vielen Menschen, zu denen Gott in Träumen sprach und deren Lebensweg durch einen Traum verändert wurde.
Ich glaube, dass Gott uns an bestimmten Stationen unseres Lebensweges im Traum einholen, uns neue Aufträge und neue Orientierung geben kann. An Jakob wird das sehr deutlich:
Er hat großen Mist gebaut, kann nie wieder in sein bisheriges Leben zurückkehren; alles, was ihm Halt gegeben hat, hat er selbst zerstört; und nun flüchtet er. Sicher hat er auch Angst vor dem Gott. Vielleicht meint er, dass er auch vor Gott flüchten kann. Aber es holt ihn alles wieder ein: die böse Tat, die Erinnerung und auch Gott. Oder ist Gott Jakob vorausgeeilt und hat auf ihn gewartet?
In dieser Lage erlebt Jakob in seinem Traum Wunderbares: Zuerst sieht er die Himmelsleiter, genauer: eine Rampe, auf der Gottes Boten auf und ab steigen. Und dann redet Gott. Kein Wort des Vorwurfes, keine Strafe für Jakob, sondern Gott erneuert das Versprechen, das er schon Jakobs Großvater Abraham und Jakobs Vater Isaak gegeben hat: "Ich bin mit dir, wohin du auch gehen wirst, ich will dich segnen und behüten."
Was für ein Gott ist das! Einer, der neu anfängt mit einem Menschen, wo der nur das Ende sieht; einer, der nicht Worte des Gerichts, sondern Worte der Verheißung spricht. Jakob muss fassungslos gewesen sein; aber am nächsten Morgen hat er es begriffen und einen Gedenkstein aufgestellt. Und später erfüllten sich in der Tat Gottes Versprechen an Jakob, allerdings nicht sofort. Vielleicht hat er ab und zu daran gezweifelt, aber noch häufiger haben ihm Gottes Worte Halt und neuen Mut gegeben.
Diese Geschichte gehört zu den ältesten der Bibel, ja sogar der Menschheit überhaupt. Und während ich sie nacherzähle, denke ich mir: Wie oft hat sich das wiederholt in den seither vergangenen 4000 Jahren? Wie oft in all diesen Jahren ist für Menschen ihr bisheriges Leben, ihr ganzes Weltbild zusammengebrochen? Wie oft wollten oder mussten Menschen neu anfangen? Wie oft flüchteten Menschen vor Gott, weil sie fürchteten, Gott werde sich an ihnen für ihre Fehler rächen? Wie oft fanden Menschen sich in vollkommen neuen Lebenslagen wieder, in denen sie sich von Gott verlassen fühlten?
Viele von uns gehören zur ein oder anderen Gruppe. So steckt in jedem / jeder von uns ein Stück Jakob und daher gilt auch uns Gottes Versprechen, das da heißt: Es gibt keinen Moment, in dem Gott weit weg von dir ist; keinen Moment, an dem Gott nicht neu mit dir anfangen wollte, wie viel an Ballast und unerledigter Schuld auch immer du mit dir herum schleppst.
Vor Gott muss niemand Angst haben. Gott will das Gute für uns. Gott zeigt uns Auswege aus Momenten der Schuld und auch der Verzweiflung. In Zeiten der Mutlosigkeit gibt er uns neue Kraft und kann uns aus aller Lethargie reißen.
Nicht immer geschieht das in Träumen. Aber umgekehrt denke ich, warum sollte Gott nicht auch zu uns in Träumen reden? Und wer sagt denn, dass hinter einem Geistesblitz oder einer plötzlichen Einsicht, die uns neuen Auftrieb gibt, nicht eben auch dieser Gott steckt? Falls wir uns nun denken, dass wir selbst das nicht erleben: Kann es vielleicht umgekehrt daran liegen, dass wir taub geworden sind für Gottes Wort, blind für Gottes Zeichen, unempfänglich für Gottes Wirken in unserem Leben?
So müssen wir manchmal also aufbrechen aus den vielen liebgewordenen Trägheiten unseres Alltages, müssen Neues beginnen und unser Leben ganz neu ordnen. Die Geschichte von Jakob verspricht uns: Wenn wir aufbrechen, wenn unsere Lebenswege uns in eine neue Richtung führen, dann müssen wir Gott nicht mitnehmen, denn Gott geht eh mit uns mit. Und gibt uns an jedem Tag, an jedem Ort und in jeder Situation von neuem seinen Segen. Amen.
PREDIGT AM 6. August 2023 (9. n. Trin.)
Ein Mann ging auf Reisen und vertraute zuvor seinen Knechten sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem anderen zwei, dem dritten einen.
Der Diener, der fünf Zentner erhalten hatte, legte es an und gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der einen Zentner erhalten hatte, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Silber.
Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück und wollte sehen, welchen Gewinn jeder bei seinen Geschäften erzielt hatte.
Der, der die fünf Zentner erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: „Sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.“
Sein Herr sagte zu ihm: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger Knecht!“
Dann kam der Knecht, der zwei Zentner erhalten hatte, und sagte: „Herr, ich habe noch zwei dazugewonnen.“ Auch er wurde von seinem Herrn gelobt.
Zuletzt kam auch der Diener, der den einen Zentner erhalten und vergraben hatte, und sagte: „Herr, weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.“
Sein Herr antwortete zornig: „Du bist ein schlechter und fauler Knecht! Darum nehmt ihm den einen Zentner weg und gebt es dem, der die zehn Zentner hat!“
Liebe Gemeinde,
über das Gleichnis, das wir gerade gehört haben, könnte man sich ärgern - bei dem, was der dritte Knecht erlebt! Nicht einen Cent veruntreut er, trotzdem fällt sein Herr ein so hartes Urteil. Dieser Knecht ist ganz einfach erschrocken bei der Summe, die ihm anvertraut wurde - und als er das Geld in der Hand hat, tut er etwas, das nachvollziehbar ist: Er bringt es in Sicherheit.
Wir würden Geld, das uns nicht gehört, wohl auch so versorgen, dass es sicher aufgehoben ist. Niemand von uns würde doch mit fremdem Geld an der Börse spekulieren!
Nun ging es Jesus in diesem Gleichnis um etwas anderes als um unseren Umgang mit Geld. Was meint das Gleichnis also?
Der Herr in dem Gleichnis ist Gott, und mit den drei Knechten sind wir Menschen gemeint. Und die vielen Zentner Silber? Im griechischen Urtext steht hier „Talente“. Ein Talent war eine Gewichtseinheit, aber das Wort Talent hatte schon damals auch die Bedeutung, die uns geläufig ist: Talente sind Begabungen. Also Fähigkeiten, die Gott uns gegeben hat und durch die wir unser Leben und diese Welt nach Gottes Willen gestalten können.
Vor diesem Hintergrund wird dann das Gleichnis klarer:
Dass der Herr seinen Knechten die ganze Verantwortung für seinen Besitz überträgt, das heißt: Wir Menschen sind keine Marionetten. Sondern Gott vertraut uns Menschen seine Welt an und erwartet von uns dabei vor allem zwei Dinge: Zum einen sollen wir begreifen, dass er uns alle mit ganz bestimmten Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet hat - nicht alle mit den gleichen, auch nicht mit gleichviel, aber doch jeden und jede mit ganz bestimmten Begabungen; zum zweiten erwartet Gott von uns, dass wir aus diesen Begabungen auch etwas machen, dass wir sie einsetzen und nicht für uns behalten.
Und während die ersten beiden Knechte aus den Talenten etwas gemacht haben, hat sie der dritte nicht eingesetzt, sondern vergraben, und dies machte den Herrn so traurig.
Ich versuche, das einmal auf uns selbst zu übertragen:
Am wichtigsten ist, dass wir die Gaben und Fähigkeiten, die wir von Gott bekommen haben, zu unserer eigenen Freude und zum Wohl anderer einsetzen können und sollen.
Und da denke ich an Ihren Verstorbenen, liebe Trauerfamilie, der seine Zeit in den Dienst der Familie gestellt hat, der seine handwerkliche Begabung für seine Familie eingesetzt und an seine Kinder weitergegeben hat, der durch seine Gabe des Gestaltens von Holz viel Freude bewirkt hat, und der seine Liebe zum Fußball an junge Menschen weitergegeben hat.
Und wenn ich mich dann hier umschaue in der Kapelle, dann sehe ich lauter Menschen, die Begabungen haben, um ebenso das Leben ihrer Mitmenschen zu bereichern. Solche Gaben können ganz unspektakulär sein: der Blick für die Not des Mitmenschen etwa; oder Zeit für andere; oder ein offenes Ohr; oder ein Mund voller guter Worte, die Mut machen; oder … oder … oder. So viele Gaben stecken in uns, mit denen wir das Leben anderer Menschen bereichern können; denken Sie mal darüber nach, welche Gaben das bei Ihnen sein könnten.
Nun haben Begabungen aber noch eine Kehrseite, und die hängt damit zusammen, dass sich die Menschheit auch selbst immer neue Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat. Und dieses neue Wissen ist nicht ohne Gefahren:
So wurde vor etwa 80 Jahren die Kernspaltung entdeckt – ein Meilenstein der Energiegewinnung. Doch sofort machten sich die Militärs in vielen Ländern diese Entdeckung zu Nutze, um die schrecklichsten Waffen herzustellen, die die Welt je gesehen hatte. Und am heutigen 6. August ist es auf den Tag genau 78 Jahre her, dass die erste Atombombe von Hiroshima 200.000 Menschen in den Tod gerissen hat.
Dies passierte, weil Menschen ihre von Gott verliehenen Gaben nicht zum Nutzen der Menschheit eingesetzt hatten, sondern sich zu Herren über Leben und Tod gemacht hatten. Es ging immer so weiter bis heute, ein so genannter Fortschritt nach dem anderen. Und ganz aktuell ist es die weit fortgeschrittene Künstliche Intelligenz, die die Menschen kraft ihrer Fähigkeiten geschaffen haben und von der viele befürchten, sie könnte einmal die Herrschaft über die Menschheit übernehmen.
Als Gott uns Menschen mit Begabungen und Fähigkeiten ausstattete, hat er nicht gemeint, dass wir zu den neuen Schöpfern des Himmels und der Erden werden sollten.
Es gibt Menschen, die halten sich dafür.
Deshalb braucht es uns Christen, die bezeugen: Wir sind nicht Schöpfer, sondern Geschöpfe. Und mit unseren Gaben und Fähigkeiten dienen wir dem Leben und unseren Mitmenschen.
Diese Welt braucht uns. Dringend. Denn noch lässt sich manches in der Welt zum Guten wenden.
Amen.
Liebe Gemeinde,
in der Lesung haben wir eines der Gleichnisse Jesu gehört, der gesagt hat: Um ein standfestes Haus zu haben, braucht es ein stabiles Fundament.
Unser Kirchengebäude ist in der Tat auf einem stabilem Fundament gebaut worden. So steht es da als Monument des Glaubens und auch als in Stein gehauene Frage an jeden Christenmenschen: Auf welchen Grund baust du dein Leben? Auf dem verlässlichen Fundament des Wortes Gottes? Oder baust Du dein Lebenshaus auf Sand, der sich mit der Zeit als hilflos gegenüber jeglichem Sturm und Niederschlag erweist?
Machen wir uns nichts vor: Wir leben in einer Gesellschaft, in der die große Mehrheit ihr Leben NICHT mehr auf dem Glauben an Gott aufbaut. In deren Glaubensbekenntnissen musste der Gott der Bibel Platz machen für das Ich und Werte wie Geld, Besitz, Spaß, Genuss und Ansehen. Aber was sind das für Werte? Sie sind keine Fundamente, sondern wie Treibsand hilflos den Launen der Moden unterworfen.
Um so wichtiger ist, dass in unserem Land auch die nicht mehr mehrheitsfähige Stimme Gottes gehört wird und dass wir etwas sehen, das uns an Gottes Willen und seine Gegenwart in der Welt erinnert. An diesem Punkt ist diese Kirche eine großartige Dienerin der Verkündigung eines in Vergessenheit geratenen Gottes: Jeder Mensch sieht sie schon von weitem, unübersehbar stehen Turm und Langhaus für die ganz anderen Werte, zu denen wir Christen uns halten. Das feiern wir heute.
Aber eine schöne Kirche reicht noch nicht. Damit dieses Gotteshaus zu einem Leuchtturm Gottes wird, fehlt noch ein spürbares Innenleben. Und da kommen wir Menschen ins Spiel. Die Steine an sich, hat Paulus gesagt, sind tote Steine. Aber ihr Menschen, ihr könnt sie zu einem Haus der lebendigen Steine machen.
Das Haus der lebendigen Steine, das ist mein Lieblingsbild von Gemeinde. Und es gibt ja auch viele lebendige Steine in unsere Gemeinde, die von Gott erzählen und zu Gott einladen: der Besuchsdienst, unser Kindergottesdienst-Team, die Austräger/innen unseres Gemeindebriefes, die Mitglieder des Kirchenchors, die Erzieherinnen des Kindergartens und viele andere. Viele halten die Gemeinde in Bewegung, am Freitag beim Sommerfest der Mitarbeitenden werden wir das wieder erleben.
Und dennoch bleibt Nachbesserungsbedarf. Wir müssen uns klar machen, dass weit über die Hälfte unserer offiziellen Gemeindeglieder niemals hierherkommen.
Nicht, dass jemandem diese Kirche egal wäre. Sie passt ja schön ins Ortsbild. Und wehe, diese Kirche wäre im Rahmen der Klassifizierung der kirchlichen Gebäude zu einem roten Gebäude geworden. Da wären viele auf die Barrikaden gegangen.
Diese Kirche ist sehr, sehr vielen wichtig – als Gebäude. Aber eben oft nur als Gebäude.
So ist es bezeichnend, dass auf der einen Seite zwar mit unserer Kirche im Logo für das Dorfjubiläum 2024 geworben wird, aber das Organisationskomitee gleichzeitig wollte, dass zum Dorfjubiläum KEIN Gottesdienst stattfindet.
„Es ist halt hier so“, sagen viele. „Es ist aber nicht gut so“, antworte ich. Ich will mich nicht damit abfinden, dass wir eine schöne Kirche haben, für die Touristen zig Kilometer fahren, während viele Einheimische einen weiten Bogen machen.
Die Stiftung Schönau, der Oberkirchenrat, das Landesdenkmalamt, die Stiftung Denkmalschutz und unsere Spenderinnen und Spender – die haben uns nicht nur deshalb unterstützt, damit hier ein Gebäude erhalten bleibt, sondern damit hier Gottes Wort verkündigt und Gottes Wirken gefeiert werden kann.
Und deshalb ist es unsere Verpflichtung, schon aus Dankbarkeit, dafür zu sorgen, dass es hier noch lebendiger wird. Dafür sind zuerst Pfarrer und Kirchengemeinderat zuständig; aber eigentlich tragen wir alle Verantwortung für ein reges gottesdienstliches Leben. Lasst uns erkennen, dass wir selbst viel dazu beitragen können, dass sich noch ein paar lebendige Steine mehr in diesem Haus versammeln.
In diesen Monaten hören und lesen wir viel über Umwandlungsprozesse in den Kirchengemeinden überall in der Landeskirche. Niemand weiß, wohin diese Entwicklung führen wird. Manche sagen den Untergang der Kirche voraus, andere rechnen fest mit einem großen Zulauf. Niemand weiß, was kommt.
Aber wenn ich ab und zu am Ortsrand unterwegs bin und von weitem auf unsere Kirche schaue, dann denke ich mir: So fest und stark, wie die Kirche da steht, mindestens genauso fest und stark ist auch das Versprechen Jesu, das er seinerzeit seinen Jüngern gegeben hat und das auch für die Zukunft noch gilt: „Seht, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“
Amen.
Liebe große Gottesdienstgemeinde, liebe Abiturienten,
„Was sind die großen Steine in Ihrem Leben“, hat in der Geschichte, die wir gerade gehört haben, der Professor gefragt. Ich gebe die Frage an euch weiter: „Was sind die großen Steine in eurem Leben?“
Was trägt euch, was gibt euch Halt, was braucht ihr, um gut durchs Leben zu kommen?
Mir sind fünf große Steine eingefallen, die ich für wichtiger halte als alles andere. Es sind Steine, die Jesus uns Menschen sehr ans Herz gelegt hat – und egal, ob jetzt jemand Christ ist oder nicht, diese Steine helfen uns, gut durchs Leben zu kommen.
Was sind die großen Steine in unserem Leben? Der erste ist, dass wir nicht alleine leben, sondern mitverantwortlich sind dafür, wie es anderen geht, und deshalb gut mit unseren Mitmenschen umgehen. Ihr habt ja selbst erlebt, wie schnell man ungewollt Menschen verletzen kann. Im Umgang mit Menschen hilft mir oft und wird wohl auch euch helfen, zu beherzigen, dass jeder Mensch ein von Gott gewolltes Geschöpf ist, das das gleiche will wie ich: glücklich werden. Und wir können wählen, ob wir zum Glück oder zum Leid anderer Menschen beitragen.
Der zweite Stein heißt: Achte auf den Körper, den Gott Dir geschenkt hat. Einige von euch tun dies ja, achten auf Ernährung, treiben Sport oder gehen ins Studio. Wichtig ist, dass ihr etwas für eure Gesundheit tut. Nehmt nie als selbstverständlich, dass ihr gesund seid. Aber wenn ihr einmal schwerkrank werden solltet, dann werft eure Hoffnungen nicht weg. Verlernt nie zu beten, denn Gott kann große Wunder tun, glaubt mir: Ich weiß, wovon ich rede. Und meine große Bitte: Haltet euch von Drogen fern – noch nie haben Drogen ein Leben besser gemacht.
Der dritte Stein heißt: Mit eigenen Unfähigkeiten leben lernen. Jede/r kann irgendetwas besonders gut, aber niemand kann alles. Deshalb seid barmherzig zu anderen, schaut nie auf jemanden herab – aber seid auch barmherzig zu euch selbst, wenn ihr etwas nicht könnt oder mal Mist baut, denn Jesus hat gesagt, dass Gott uns alle Fehler verzeiht, die wir aufrichtig bereuen.
Stein Nummer vier: Vergiss nie, wie viel du deiner Familie verdankst. Eure Eltern, oft auch Großeltern, waren von Anfang an für euch da. Mit Geschwistern habt ihr leben, teilen und streiten gelernt. Eure Familien haben mit euch gehofft und sich gefreut über euer Abi. Nun werdet ihr immer selbstständiger leben, immer mehr Entscheidungen selbst treffen. Vielleicht gibt es dann auch mal richtig Krach zu Hause. Aber geht nie im Streit auseinander; schlagt zur Not mit den Türen, aber werft sie nicht zu; und brecht nie den Kontakt zu eurem Elternhaus ab.
Und dann ist da noch der letzte Stein. Der heißt: „Liebe dich selber und tu dir Gutes!“ Der alte Professor in der Geschichte hat am Ende einen Krug Wein in der Hand. Keine Aufforderung zum Sich-Betrinken, aber eine Aufforderung zum Genießen. Es ist wichtig, dass wir auch das Schöne in unserem Leben genießen: die Liebe zu einem Menschen; die Schönheit einer Gegend; das Abenteuer in einem Urlaub; die Ruhe nach der Arbeit; ein gutes Essen; Freundschaften und, und, und. Es gibt so vieles, was das Leben reich und genussvoll macht.
Auch heute ist so ein Tag zum Genießen. Und wir starten die Feier hier vor dem Angesicht Gottes. Dieser Gott hat euch ins Leben gerufen, hat euch und eure Familien bis heute mit seinem Segen begleitet. Dass ihr auf euren neuen Lebenswegen Gottes Segen und Nähe immer wieder spürt, das wünsche ich euch von ganzem Herzen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
ganz besonders: liebe Tauffamilie,
es sind zwei sehr schöne Taufsprüche, die Maxim und Amira heute bekommen.
Maxims Taufspruch ist ein Psalmwort, in dem über Gott gesagt wird: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Und Amira bekommt als Taufspruch einen Vers aus dem 1. Johannesbrief, in dem es heißt: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Diese beiden Taufsprüche erzählen uns in zwei wunderbaren Bildern von einem Gott, der uns unsagbar liebt und der uns umgibt mit Liebe, Schutz und Wärme.
Von diesem Gott hat vor 2000 Jahren Jesus erzählt. Auch an jenem Tag, als Eltern ihre Kinder zu ihm brachten, wir haben diese Geschichte vorhin als Lesung gehört.
Als Jesus damals über die Kinder redete und sie auch lobte, sagte er nicht, dass Kinder die besseren Menschen wären. Wer selber Kinder hat oder im Beruf mit Kindern zu tun hat, weiß: Kinder können anstrengend sein, sie können gemein oder brutal sein - wie Jugendliche und Erwachsene auch.
Jesus hat die Kinder nicht als bessere Menschen gepriesen, sondern als Beispiel dafür, wie wir Menschen mit Gottes Gnade und Segen umgehen können.
Wenn Kinder etwas wollen oder brauchen, dann sind sie auf uns Erwachsene angewiesen. Die Kinder selbst können allenfalls darum bitten. Und so lange sie Kinder sind, bleiben sie Empfangende, weil sie nicht für sich selber sorgen können.
Wir alle waren auch einmal Kinder. Später haben wir gelernt, dass wir uns so gut wie alles selber verdienen und erwerben können, wenn wir uns entsprechend ins Zeug legen. Und so schaffen wir vieles aus eigener Kraft.
"Aber mit der Liebe Gottes ist es anders", hat Jesus damals gesagt, als die Kinder vor ihm standen. "Die Liebe Gottes könnt ihr euch nicht verdienen. Schaut auf die Kinder. Die können nichts anderes als um etwas zu bitten und zu betteln - in der Hoffnung, dass sie etwas bekommen. Und so ist es mit euch und Gott."
Für uns erwachsene, gestandene Menschen ist das schwer nachzuvollziehen. Aber es ist so: Wir können noch so viel tun - verdienen können wir uns Gottes Liebe nicht. Aber wo wir darauf verzichten, da bekommen wir von Gott seine ganze Liebe geschenkt, umsonst, gratis.
Gott liebt uns, und wir müssen nicht einmal etwas für diese Liebe tun. Gott streckt seine Hand nach uns aus, und wir brauchen nur zuzugreifen.
Dies, hat Jesus gesagt, dürfen wir von unseren Kleinen lernen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
und ganz besonders: liebe Konfirmand/inn/en,
liebe Eltern, Geschwister, Paten und Großeltern,
für die erste Predigt in der Konfirmandenzeit suche ich immer nach etwas, das sich meine Konfis gut merken können: etwa ein Symbol, einen Gegenstand oder eine besondere Geschichte. In diesem Jahr hatte ich lange keine Idee – bis ich am letzten Donnerstag in der Kirche war, um etwas zu holen.
Und als ich dann nach vorne schaute, war da auf einmal die Idee: Ich lasse heute einmal den Kirchenraum predigen. Denn alles, was es zur Konfirmandenzeit zu sagen gibt, das haben wir hier vor Augen.
Und so lasse ich jetzt ein paar Gegenstände aus diesem Raum zu Wort kommen, die euch und uns allen jetzt einiges zu erzählen wollen – wer alles könnte da wohl zu uns sprechen ?
Zuallererst redet einmal der Taufstein: Einige von euch sind hier getauft worden, einige in einer anderen Kirche und einer wird hier getauft werden. „Wenn ihr mich seht“, sagt der Taufstein, „dann erinnere ich euch daran, dass Gott Ja zu euch gesagt hat, dass Gott euch durch gute und schwere Zeiten in eurem Leben begleitet und dass ihr immer zu Gott gehören werdet.“
Als nächstes lassen wir die zwei Männer auf diesen Kirchenfenstern zu Wort kommen. Beide haben vor etwa 500 Jahren gelebt. Der linke hieß Philipp Melanchthon und sagte: Es ist notwendig, dass jeder Christenmensch wenigstens einige biblische Geschichten kennt. Deshalb sollen alle Menschen lesen können, damit sie die Bibel verstehen. Der Mann auf dem rechten Kirchenfenster hieß Martin Bucer und lebte ganz in der Nähe, in Straßburg. Er hatte eine Idee, die bis heute noch unsere Kirche prägt: Junge Menschen, sagte er, sollen den christlichen Glauben kennenlernen und dann selbst Ja sagen können zu ihrer Taufe. Martin Bucer ist also der Erfinder des Konfirmandenunterrichts. Und ich hoffe, dass ihr euch am 28. April nächstes Jahr sagen könnt: „Ja, das war gut, dass der alte Bucer damals den Konfirmandenunterricht erfunden hat.“
Der nächste Gegenstand ist dieses Lesepult, der Ambo. Von hier aus wird in jedem Gottesdienst ein Bibelabschnitt vorgelesen, von hier aus predigt sonntags euer Pfarrer, im Schnitt zwölf Minuten lang. Die Lesung und die Predigt sind wichtig in einer Welt, in der so viele Stimmen uns Menschen in ganz unterschiedliche Richtungen locken. Ihr werdet in eurer Konfirmandenzeit 25-30 Predigten hören, in jeder wird für euch mindestens eine Idee dabei sein, was Christsein für einen 13- oder 14-jährigen Menschen bedeuten kann.
Ich lade auch Sie, liebe Eltern, ein, immer wieder mal mitzukommen zum Gottesdienst, sich 45 Minuten Auszeit aus dem Hamsterrad es Alltags zu genehmigen und sich die eine oder andere Anregung für den Alltag zu holen.
Nach dem Ambo hat uns auch noch der Altar etwas zu sagen:
„Bei mir bekommt ihr das, was ihr braucht“, sagt er. „Jeden Sonntag den Segen für die neue Woche. Und bei eurer Konfirmation wird euch hier der Segen für eure Lebensreise zugesprochen und jede und jeder von euch bekommt Brot und Traubensaft als Zeichen dafür, dass Gott uns immer wieder Kraft gibt und Mut macht auf unserem Lebensweg.
Ich finde, das ist eine nette Predigt, die uns da der Taufstein, die beiden Herren, das Pult und der Altar halten.
Einer will noch zu Wort kommen – wen könnte ich da meinen?
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( > Mittleres Fenster)
In diesem mittleren Fensterbild sehen wir Jesus, Erwachsene und Kinder. Die Eltern bringen ihre Kinder zu Jesus, der segnet die Familien und sagt: „Friede sei mit euch!“
Auf diesem Bild sind praktisch alle acht Konfirmandenfamilien versammelt. Und alle anderen Familien der Gemeinde. Und von diesem Bild im Zentrum des Chorraumes aus, ergeht nun die Zusage Jesu: „Friede sei mit euch!“
Diese Worte tun gut. Denn wir müssen uns ja nichts vormachen: In so gut wie jeder Familie geht es mitunter unfriedlich zu, da gibt es laute Worte, Streit, Ärger. Lasst uns umso mehr immer daran denken, dass es da einen gibt, der in unsere Familien hineinruft: „Friede sei mit euch!“ Lasst uns das als Versprechen Jesu verstehen, das dann heißt: „Auch wenn manchmal sehr dicke Luft ist, ihr bekommt das hin in euren Familien, irgendwann blickt ihr lächelnd auf alle unguten Momente zurück.“
Ganz schön viel, was uns diese wunderschöne Kirche erzählt. Und alle diese Worte haben eine große Gemeinsamkeit: Sie sprechen von Gottes Liebe zu uns Menschen und seinem Segen. Euch acht jungen Menschen, euch acht Konfirmandenfamilien und uns allen wünsche ich eine gesegnete, gute Zeit.
Amen.
Ein reicher Mann machte ein großes Abendessen und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
Aber der erste sagte: Ich habe einen Acker gekauft und muss ihn mir ansehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und muss sie jetzt ansehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
Als der Knecht das seinem Herrn ausrichtete, wurde dieser zornig und befahl ihm: „Geh hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten und Lahmen herein.“
Der Knecht tat dies und sagte dann zu seinem Herrn: „Es ist immer noch Platz.“
Und der Herr sprach zu dem Knecht: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Wahrlich, keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken!“
Liebe Gemeinde,
wir haben gerade eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu gehört.
Dass in diesem Gleichnis mit dem Menschen, der zu einem Festessen einlädt, Gott gemeint ist, ist klar. Die anderen, die im Gleichnis vorkommen - das sind wir Menschen. Aber mit welcher der Personen, die hier auftauchen, sind wohl wir gemeint? Wer sind wir? Diejenigen, die die Einladung missachten? Oder die, die am Ende mit dabei sitzen am großen Tisch?
Früher wurde dieses Gleichnis so ausgelegt: Die zuerst Eingeladenen seien Gottes zuerst erwähltes Volk, die Juden. Weil sie aber Jesus ablehnten und Gottes Einladung nicht gefolgt seien, deshalb habe Gott die Juden verworfen und die früheren Heiden weltweit zu seinem neuen Gottesvolk berufen.
Diese Art von Bibelauslegung hatte spätestens im Dritten Reich schreckliche Folgen. Wir sollten lieber auf uns selbst schauen.
Natürlich könnten wir es uns einfach machen und sagen: Sicher, es sind die gemeint, die Gottes Einladung nicht nachkommen. Aber ich bin nicht gemeint, ich bin ja hier im Gottesdienst und heute Morgen Gottes Einladung gefolgt.
Aber so bequem ist dieses Gleichnis nicht. Es ermahnt die unter uns, die regelmäßig zum Gottesdienst gehen, genauso wie die, die fast nie hier auftauchen. Und die Mahnung lautet: Sieh zu, dass es dir nicht genauso geht wie den dreien im Gleichnis.
Denn was ist da geschehen? Da gehen Menschen ihrem Alltag nach mit seinen vielfältigen Verpflichtungen. Sie werden eingeladen zu einem Festessen - aber ihr Alltag lässt ihnen keine Zeit, der Einladung zu folgen. Der eine hat einen Acker gekauft, der zweite Ochsen, und der dritte hat gerade geheiratet. So lassen sich alle drei entschuldigen, aber der Gastgeber erkennt sofort, wie billig er da abgespeist wird. Alles Ausreden! Als ob der Acker am nächsten Morgen nicht mehr da wäre! Als ob die Ochsen nicht noch einen Tag später angeschaut werden könnten! Als ob die frischvermählte Frau gleich durchbrennen würde, wenn ihr Mann mal einen Abend nicht da ist!
Wir lächeln vielleicht innerlich, denn wenn wir etwas Wertvolles kaufen, würden wir uns deswegen wohl keine Einladung zum Essen durch die Lappen gehen lassen. Und wenn schon frisch verheiratet, dann würden wir natürlich zu zweit dorthin gehen. Also schütteln wir über die Ausreden der anderen den Kopf.
Aber wenn wir mal auf unser eigenes Leben schauen, stellen wir fest, dass sich die Geschichte aus dem Gleichnis auch in unserem Leben wiederholt. Denn wie bringen wir unser Leben zu?
Fast alle sind wir eingebunden in Berufe und Verpflichtungen. Unser Terminkalender hat uns fest im Griff. So fehlt uns oft eines der wichtigsten Güter, eines, das nicht einmal mit Geld aufzuwiegen ist: Es fehlt uns die Zeit. Es fehlt uns die Zeit für uns selbst; es fehlt uns die Zeit für unseren Mitmenschen; es fehlt uns die Zeit, Unvorhergesehenes zu erleben; und manchmal, fürchte ich, fehlt uns auch ganz einfach die Zeit für Gott.
Zeit für Gott - wie könnte das aussehen? Natürlich kann der Gottesdienst ein Teil dieser Zeit sein.
Aber Zeit für Gott haben - das meint noch mehr. Es meint eben auch, dass wir in unserem ganzen Alltag Platz lassen für Gott und dem manchmal auch die Vorfahrt lassen. Der größte Fehler, den wir Christen begangen haben, ist der, dass wir Gott vielfach auf bestimmte Nischen unseres Lebens reduzieren. Für Gott ist vielleicht Platz am Abend, kurz vorm Einschlafen; vielleicht auch sonntags, wenn es zum Gottesdienst reicht; oder zumindest an bestimmten Feiertagen.
Aber ansonsten ist das Leben der meisten unter uns bestimmt von einer klaren Trennung: hier der Alltag - und dort Gott, falls wir Zeit für ihn haben. So leben viele von uns ihr Christsein. Und so passiert es, dass zum Beispiel ein treuer Gottesdienstbesucher zu Hause in der Familie ein brutaler Tyrann ist; oder dass eine engagierte Mitarbeiterin in der Gemeinde sich im Beruf als knallharte Geschäftsfrau erweist, die ohne Wimperzucken einen Konkurrenten aus dem Weg räumt; oder dass einer zwei Mal die gesamte Bibel gelesen hat, aber trotzdem mit Eifer an jeder Demonstration der AfD teilnimmt.
Ich denke, Sie verstehen, warum ich von diesen drei Menschen erzähle. Alle drei zogen eine Grenze zwischen ihrem Glauben und ihrem Alltag. Aber genau das wollte Jesus nicht:
Daher sagt eine unserer Bekenntnisschriften, nämlich die Barmer Theologische Erklärung, in der zweiten These: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“
Falls das zu kompliziert klingt, lässt es sich auch kürzer sagen: entweder immer Christ; oder gar kein Christ.
Amen.
Liebe Gemeinde, und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
es sind sicherlich zwiespältige Gefühle, die für Sie mit diesem Tag verbunden sind:
Da sind zum einen die Freude über das Wiedersehen mit den Mitkonfirmierten und Dankbarkeit für schöne, gute Jahre, die seither vergangen sind.
Aber Sie spüren heute wohl auch Wehmut angesichts der Tatsache, dass diese Zeiten unwiederbringlich vorbei sind; erst recht bei der Erinnerung an Mitkonfirmierte, die diesen Tag nicht mehr erleben dürfen.
Zu einem solchen Tag gehört auch das Sich-Erinnern:
1948, liebe Kronjuwelen-Jubilare, wurden Sie von Pfr. Reichert konfirmiert. Die wenigsten hatten Geld damals, kurz vor der Währungsreform. Manche tauschten Tabak gegen den Stoff für einen Anzug, einer konnte nicht konfirmiert werden, weil die Eltern nichts hatten.
1953, als Sie, liebe Gnaden-Jubilare, von Pfr. Fath konfirmiert wurden, da gab es im Vorfeld viel zu tun. Die Kirche putzen – das war damals nicht Aufgabe der Konfirmandeneltern, son-dern der Konfirmand/inn/en. Die Mädchen putzten, und die Jungen waren die Wasserträger, während der Kirchendiener nachschaute, ob Sie alles richtig machten.
Sie, liebe Eisernen Jubilare, wurden 1958 konfirmiert und waren der erste Jahrgang von Pfr. Scheel. Viel war auswendig zu lernen, ganz anders als in der heutigen Zeit - die Konfirmandenprüfung war die hohe Hürde vor der Konfirmation.
Als Sie, liebe Diamant-Jubilare, 1963 konfirmiert wurden, da hatte Pfr. Scheel bereits die neue Stelle als Militärpfarrer angetreten, und Konfirmandenunterricht war deshalb samstags. Sie mussten nicht ganz so viel auswendig lernen wie die Jahrgänge vor Ihnen und haben vor der Prüfung schon gewusst, wer mit welcher Frage drankommt.
1973 wurden Sie konfirmiert, liebe Gold-Jubilare, in einer bewegten Zeit: Die Musik war rockiger geworden, die Haare länger und die Röcke kürzer. Sie waren der letzte Jahrgang, den Pfarrer Wölfle konfirmierte, bevor er im Herbst die Stelle wechselte.
So viel zum Rückblick. Und nun sitzen wir hier im Jahr 2023 und feiern diesen Tag miteinander, drei Dutzend Menschen, deren Lebensläufe ganz unterschiedlich verlaufen sind. Doch bei allen Unterschiedlichkeiten gibt es eine Gemeinsamkeit: Hier, in dieser Kirche, wurde ihnen Gottes Segen für Ihren Lebensweg zugesprochen, und von diesem Gott bekennt unsere diesjährige Jahreslosung: „DU BIST EIN GOTT, DER MICH SIEHT.“
Als Kinder und Jugendliche hat uns dieses Gottesbild vielleicht verunsichert: ein Gott, der alles sieht und vor dem nichts verborgen ist.
Aber der Satz „Du bist ein Gott der mich sieht“ meint etwas ganz anderes, nämlich dass Gott Anteil nimmt am Leben eines jeden Menschen; dass kein einziger Mensch für Gott nur ein anonymes Mitglied der Menschheit wäre.
Jochen Klepper hat das in einem seiner tiefgehenden Lieder so formuliert:
Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah.
Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah,
mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar,
will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.
„Du bist ein Gott der mich sieht“, so dürfen wir von unserem Gott bekennen. Und dieser Gott hat Sie in Ihrem Leben immer wieder angesehen, voller Liebe und Zuneigung.
Sein Segen wurde Ihnen bei Ihrer Konfirmation versprochen, Sie haben Gottes Segen erleben dürfen in Ehe und Familie, im Beruf und allem Tun. Aber Gott ist auch an Ihrer Seite geblieben in Tagen der Krankheit und der Trauer, in Zeiten der Verzweiflung und der Leere.
Dafür dürfen wir Gott heute danken und wir dürfen Gott auch um seine Nähe auf unserem Weiterweg bitten.
Dass Sie Gottes Nähe und Segen immer wieder von Neuem spüren, das wünsche ich Ihnen von Herzen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
neulich habe ich eine Frau am Geburtstag besucht. Es war eine eigenartige Atmosphäre - nirgendwo in der Wohnung gab es einen Anhaltspunkt dafür, dass sie heute feiern würde - keine Blumen, keine festliche Tafel, keine Gläser, die darauf warteten, gefüllt zu werden. “Es besucht mich ja das ganze Jahr über niemand, wieso sollte dann jemand mit mir Geburtstag feiern wollen?” sagte die Frau, und viel Enttäuschung und Bitterkeit lagen in diesen Worten.
Es stimmt schon: Wenn jemand Geburtstag hat, wird der Tag erst dann zu einem Fest, wenn Menschen kommen, um mit dem Geburtstagskind zu feiern und ihm auf diese Weise auch zu zeigen: “Du bist mir etwas wert.”
WIR feiern heute, an Pfingsten, auch einen Geburtstag, den der Kirche. Und ein klein wenig erinnert mich Pfingsten an den Geburtstag jener Frau. Viele wissen gar nichts von diesem Geburtstag, und von denen, die es wissen, kommen nur wenige zur Geburtstagsfeier.
Darüber ließe sich jetzt klagen. Aber ich will das nicht! Denn was vor knapp 2000 Jahren in Jerusalem begonnen hat, geht immer noch weiter. Weltreiche und Mächte sind in diesen 2000 Jahren gekommen und wieder verschwunden; Moden haben sich gewandelt; Meinungen haben sich weiter- oder zurückentwickelt. Aber die Kirche ist bestehen geblieben, und das ist für mich ein Grund, heute Gott zu danken.
Ich will die Augen nicht verschließen vor der Wirklichkeit: 42% Konfessionslose in unserem Land. Massenhaft Kirchenaustritte, Austritte aus der evangelischen Kirche vor allem wegen ein paar Euro Kirchensteuer. Gottesdienstbesuch im freien Fall. Und selbst von denen, die in der Kirche mitarbeiten, kommt die Mehrheit sonntags nie zum Gottesdienst. Das sieht nicht gut aus.
Es ist aber nur die eine Seite der Medaille.
Auf der anderen Seite steht: Die Kirche ist unverzichtbar. Dass solch ein Satz von einem Pfarrer kommt, mag ja verstehbar sein. Aber stimmt er auch? Braucht es heute noch die Kirche?
Da meine ich nicht die Kirche als Institution, als Behörde, an die man und frau Kirchensteuer bezahlt.
Vielmehr habe ich vor Augen, was Dietrich Bonhoeffer einmal sagte, nämlich: „Die Kirche ist nur da Kirche, wenn sie für andere Menschen da ist.“
An diesem einen Satz muss jede Kirchengemeinde sich messen lassen.
Ich denke, dass unsere Kirchengemeinde wirklich Ernst macht damit: für andere da zu sein. Da lässt sich einiges aufzählen:
Wir teilen die Freude von Eltern und feiern mit ihnen die Taufe ihres Kindes. Wir entlasten Eltern, indem wir ihre Kinder bei uns in der Krippe und im Kindergarten versorgen. Wir stellen uns den großen und kleinen Themen von Kindern im Religions- und Konfirmandenunterricht. Wir begleiten Paare in die Ehe und bieten Hilfe bei Problemen an. Wir besuchen Kranke, wenn wir darum gebeten werden. Zu unseren älteren Gemeindegliedern halten wir über den Besuchsdienst Kontakt. Wir helfen materiell, wenn jemand in finanzieller Not ist. Die, die sich mit anderen treffen wollen, laden wir zu vielfältigen Angeboten ein. Wer Sorgen hat, bekommt sieben Tage in der Woche und rund um die Uhr ein offenes Ohr. Wer gestorben wird, wird mit Würde verabschiedet und bestattet.
Unsere Kirchengemeinde macht mit der Forderung von Dietrich Bonhoeffer Ernst. Und weil das in anderen Kirchengemeinden vergleichbar ist, ist Kirche in der Tat etwas Unverzichtbares.
Nun ist „Kirche“ aber nicht nur das, was der Pfarrer und die Mitarbeitenden anbieten. Kirche, Gemeinde, das sind wir alle. Auch jede Familie ist eine Art von Gemeinde, nach Gottes Willen berufen zur Gemeinschaft, zum Zusammenhalten, zum Beten und Singen, berufen zum Feiern in guten und zum Einander-Trösten in schweren Zeiten.
Für Menschen da sein, das gilt auch an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Vereinen, in unserer Freizeit.
Auf diese Weise kann jeder und jede von uns in seinen eigenen Alltag Linien der Menschenliebe ausziehen, die in jener ersten Gemeinde in Jerusalem ihren Anfang nahmen und sich bis heute durch unser eigenes Leben hindurchziehen.
Und wenn wir nun gleich Abendmahl miteinander feiern, dann bestärken uns Brot und Wein darin, weiterzugehen auf unserem Weg zu mehr Liebe unter uns Menschen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
an gleich vier kürzlich Verstorbene aus unserer Gemeinde denken wir heute in unserem Gottesdienst. - Wenn ein Mensch stirbt, zwingt uns das, nachzudenken über unseren eigenen Tod, über Gott und über das, was nach dem Tod kommt.
Wir haben zwar Jesu Versprechen: „Ich werde euch zu mir holen!“ Aber es gibt nichts, was uns diese Worte beweisen könnte. Wir haben nur Jesu Versprechen.
Wir hören das heute, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, und damit sind wir in der etwa gleichen Situation wie die ersten Christen in Jerusalem vor etwa 2000 Jahren: Diese hatten durch Jesu Auferstehung zum Glauben gefunden, aber dann war Jesus zurückgekehrt in Gottes Welt. Geblieben war ihnen nicht mehr als Jesu Versprechen: „Ich gehe zwar weg zu meinem himmlischen Vater, aber ich werde euch meinen Geist und meine Kraft schicken.“ Dieses Versprechen hatten sie, und so warteten sie nun.
Und eines Tages geschah dann tatsächlich das große Wunder, das Pfingstwunder. Sie spürten plötzlich eine Kraft und Stärke in sich, wie sie sie noch nie besessen hatten. Da wussten sie ein für alle Mal: Jesus ist bei uns, er hat Wort gehalten.
Und zudem hatte Jesus den Jüngern noch etwas versprochen, wir haben das vorhin in der Lesung gehört: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ Liebe Gemeinde, das ist ein ungeheurer Satz, denn heißt das nicht: Was auch immer du dir von Gott erbittest - du wirst es bekommen?
Mit dem Erhören von Gebeten habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, davon will ich kurz erzählen:
Die Angehörigen einer schwerkranken Frau kommen zu mir, sagen „Jetzt hilft nur noch beten“ und bitten mich, mit ihnen zu beten. Wir beten zusammen, die Angehörigen haben neue Hoffnung, und trotzdem stirbt in der kommenden Nacht die Frau. Hat Gott unser Gebet nicht erhört? Anderes Beispiel: Ich bitte Gott für zwei Bekannte, die Schwierigkeiten in ihrer Ehe haben. Und trotz allem Beten trennen sie sich. Wo ist Gott in solchen Momenten? Was ist mit Jesu Versprechen?
Es gibt Gott sei Dank - das meine ich durchaus wörtlich - auch andere Erfahrungen, die ich mit dem Beten gesammelt habe, wo das, was wir erbeten haben, eingetreten ist. Aber nicht jede Bitte an Gott, wir haben es alle schon erlebt, erfüllt sich: So gibt es Kranke, für die gebetet wird, und die trotzdem sterben. Es gibt Kinder, für die ihre Eltern beten, und die trotzdem auf Abwege geraten. Es gibt Milliarden, die um Frieden beten, und trotzdem ist Krieg.
Warum ist das so? Ich weiß nicht, warum Gott uns die eine Bitte erfüllt, die andere nicht. Ich weiß nicht, wann Gott gibt oder nicht gibt. Und ich weiß auch nicht, nach welchem Maß uns Freude und Leid zugeteilt wird,
Aber eines ist mir klar geworden in all den Jahren: Wenn wir beten, dann setzen wir keinen Automatismus in Gang. Wir können Gott nicht verfügbar machen, weder uns selbst noch unseren Bitten und Wünschen. Wäre das so einfach - die ganze Welt würde ohne Unterlass beten; aber Gott wäre dann ja nur mehr der Wunschonkel der Welt, der alle Wünsche erfüllt.
Was heißt dann aber Beten? Ich glaube, es heißt: Ich vertraue mich mit meinen Bitten Gott an, traue Gott alles zu; und dann versuche ich, das, was Gott mir gibt, und auch das, was sich nicht erfüllt, zu akzeptieren. Das gelingt uns wohl nur ab und zu; doch kann es in uns die Gewissheit schaffen: Ich bin nicht alleine, sondern Gott hört mich. Mein Gebet verschwindet nicht in der Leere des Weltalls, sondern kommt bei Gott an.
Und wie passt das alles nun zu dem, was Jesus gesagt hat? „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ Vielleicht können drei kleine Worte in diesem Satz des Rätsels Lösung sein - die Worte „in meinem Namen“. Jesus hat nicht gesagt: Betet, und Gott wird euch eure Wünsche erfüllen. Gott bitten im Namen Jesu Christi - das heißt wahrscheinlich: Ich versuche, mit meinem eigenen Leben Jesu Weg nachzugehen. Wenn wir dann im Namen Jesu beten, tun wir gut daran, an Jesu Gebet im Garten Gethsemane zu denken: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“, betete Jesus damals, fügte aber hinzu: „Doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Ich denke, das heißt in Jesu Namen beten: dass wir Gott vertrauen, unsere Anliegen vor ihn bringen - aber Gott allein die Freiheit zugestehen, unsere Bitte zu erfüllen oder nicht. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass in dem Gebet, das Jesus seine Jünger lehrte, dieselbe Bitte enthalten ist: „Dein Wille geschehe.“
Was auch immer geschehen mag in unserem Leben, bei allen erfüllten und unerfüllten Gebeten bleibt eines bestehen: die Gewissheit, dass wir in keinem Moment unseres Lebens aus Gottes guter Hand fallen können.
Amen.
Drei kurze Impulse für Mütter und Väter
Wir haben heute viele Mütter und Väter unter uns. Mütter und Väter von ganz kleinen oder von pubertierenden oder von längst schon erwachsenen Menschen. Eines ist uns allen gemeinsam: Unsere Kinder bestimmen zu einem großen Teil unser Leben, unsere Befindlichkeit, unser Denken.
Da ist oft Belastendes dabei, und deshalb von meiner Seite zum Mutter- und Vatertag drei Gedanken zu unser aller Entlastung:
· Wir alle erleben Momente, in denen wir wieder einmal gegenüber vollkommen falsch gehandelt haben: ungerecht oder ungeduldig oder unangemessen oder alles zusammen. Und dann packt uns das Gewissen. Das geschieht uns zwar vielleicht recht. Aber Gott will, dass wir irgendwann auch barmherzig zu uns selbst sind und uns eingestehen, dass kein Mensch perfekt sein kann.
· Wir alle erleben Momente, in denen uns Sorgen um unsere Kinder fast auffressen und wir diesen Sorgen hilflos gegenüber stehen. Ich habe im Lauf von 22 Jahren als Vater gelernt, wie wohltuend es ist, dann einmal ruhig zu werden, die Hände zu falten und zu sagen: „Gott, ich kann nichts mehr machen. Mach du es und nimm die Sache in die Hand.“ Das tut unglaublich gut!
· Jesus hat einmal gesagt, dass das höchste Gebot so heißt: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Wie dich selbst:“ Dies ist das pure Evangelium, weil uns da erlaubt wird, an uns selbst zu denken; ab und zu nicht funktionieren zu müssen; ab und zu sagen zu dürfen: „Nein, das geht jetzt nicht.“
Mutter oder Vater zu sein, ist der schwerste Job der Welt, und gleichzeitig der schönste! Ich wünsche allen von euch Müttern und Vätern alles Gute Zum Muttertag und zum Vatertag. Amen.
Liebe Gemeinde, ganz besonders: liebe Konfirmand/inn/en,
in der Lesung haben wir ein Gleichnis von Jesus gehört. Da geht es um Diener, die von ihrem Herrn etwas anvertraut bekommen, nämlich wertvolles Silber, aus dem sie etwas machen sollen.
Was bedeutet dieses Gleichnis nun? Mit den Knechten hat Jesus uns Menschen gemeint, und seine Botschaft war: Jeder Mensch hat von Gott Gaben und Fähigkeiten anvertraut bekommen, aus denen er etwas machen kann.
Jeder Mensch, also auch jede und jeder von euch, liebe Konfis. Um das deutlich zu machen, habe ich bei eurer Konfirmandenvorstellung am 3. Juli jedem und jeder von euch etwas anvertraut, euch jeweils 10 Euro in die Hand gedrückt, und dann kam der Auftrag: „Mach etwas daraus!“
Einige von euch erzählen nun, was sie daraus gemacht haben:
(Jana: Projekt für geistig und körperlich eingeschränkte Pferde)
(Johanna: Engagement für einen Wohnsitzlosen)
(Luzie: Tierheim - wie fünf weitere Konfis)
(Mariella: Engagement für Diakonie Kork)
(Jannik: Projekt für Kinder mit Lippen- und Gaumenspalte)
Vielen Dank! Niemand von euch hat die 10 Euro für sich behalten, alle haben sie eingesetzt, um zu helfen und Gutes zu tun. Dafür habt ihr unseren großen Respekt, und ich denke, das ist einen großen Applaus wert.
Dass wir etwas aus unseren Gaben und Fähigkeiten machen – das ist es, was Gott von uns erwartet. Aber viel zu viele Menschen kümmert das nicht:
Es gibt zu viele Menschen, die mit ihren PCs und Smartphones verwachsen sind und den Kontakt zu Menschen reduzieren.
Es gibt zu viele Menschen, deren Welt nur noch aus Insta, Tiktok und Snapchat besteht und denen egal ist, was in der Welt um sie herum geschieht.
Es gibt zu viele Menschen, deren Welt nur aus ihnen selbst besteht und die sich nie für andere engagieren würden.
Das sind keine schlechten Menschen – es sind eher arme Menschen, weil sie ihre Gaben verkümmern lassen und weder sich noch ihre Umwelt damit bereichern.
Versucht ihr bitte, anders zu leben. Geht den anderen Weg. Erkennt, welche Gaben und Fähigkeiten ihr habt. Ich habe euch gut kennengelernt und weiß, was für fantastische Begabungen in euch angelegt sind. Die dürft und sollt ihr entwickeln – und lasst euch dabei ruhig von euren Eltern helfen.
Eine Gabe, die ihr alle habt, ist die Fähigkeit, für andere etwas zu tun; für andere da zu sein; mit anderen etwas zu bewegen; jemandem zuzuhören; jemanden zu trösten oder zum Lachen zu bringen; jemandem bei einer Entscheidung zu helfen.
Ihr könnt so viel tun!
Ihr könnt und sollt vor allem für eure Zukunft etwas tun, und da fallen mir vier Punkte ein:
Da ist zum einen die Schule. Die überwältige Mehrheit hier in der Kirche hat NICHT „Hurra“ geschrien, wenn es zur Schule ging; aber Schule ist unser großes Privileg, Grundlagen für eine gute materielle Versorgung zu legen. Nützt es!
Da ist zum zweiten unsere bedrohte Umwelt. Tut etwas gegen ihre Zerstörung. Ihr müsst ja nicht bei diesem Unsinn mit dem Straße-Kleben mitmachen, es geht auch eine Nummer kleiner und sinnvoller: sich selbst bewegen statt sich fahren lassen; von Red-Bull-Dosen auf Tee umsteigen; Obst essen statt Big Macs. Ihr könnt viel bewirken; ihr könnt es besser machen als wir.
Das dritte, was ich euch ans Herz legen will: Tut etwas für eure Gesundheit. Seid misstrauisch gegenüber allen, die euch Alkohol oder Nikotin als etwas Cooles anpreisen. Ernährt euch gesund; seht zu, dass ihr Bewegung habt; hört auf eure Körper.
Und dann das vierte: die Menschen, die euer Leben teilen. Eure Familie ist ein hohes Gut. Auch wenn es mal Ärger gibt: Eine Familie, das sind Menschen, die Gott einander anvertraut hat. Brecht den Kontakt zueinander niemals ab, was auch immer geschehen mag. Und geht sorgsam mit anderen Kontakten um. Pflegt Freundschaften, lasst niemanden fallen. Werdet nicht oberflächlich, sondern seht in Freundinnen und Freunden Menschen, die Gott euch als Begleiter an euren Lebensweg gestellt hat.
Ganz viele Imperative: Tut dies, vermeidet jenes! Aber es sind keine Ermahnungen. Betrachtet diese Ratschläge als Wegweiser für ein Leben, in dem Gott eine Rolle spielt und in dem ihr die Gaben, die Gott euch gegeben hat, zur Entfaltung bringen könnt.
Diesem Gott legen wir heute jede und jeden von euch ans Herz. Gottes Segen komme auf euch. Gottes Segen begleite euch euer Leben lang.
Amen.
ABLAUF DES GOTTESDIENSTES:
Stille – Begrüßung - Votum - Psalm
Gesang: „Meine Hoffnung und meine Freude“
Rückblick auf die vergangene Woche
Wenn wir in dieser Stunde zurückblicken auf die vergangene Woche, dann fällt jedem und jeder sicher vieles ein. In drei Schritten bringen wir diese Woche vor Gottes Angesicht:
Da ist manches, was uns gelungen ist und worauf wir stolz sein dürfen: etwas, das uns im Beruf gelungen ist; eine gute Leistung in der Schule oder im Sport; ein Gespräch, das uns gut getan hat; eine Nachricht, über die wir uns gefreut haben.
Die Kerze, die nun entzündet wird, erinnert uns an all das Helle, für das wir Gott danken dürfen.
(Kerze – Stille - „Laudate omnes gentes“)
Es gab auch das Gegenteil. Es gab Begegnungen, in denen wir Menschen enttäuscht haben; es gab Gespräche, die ungut verlaufen sind; wir haben Worte benutzt, die jemand anderen verletzt haben.
Mit all unserer Fehlerhaftigkeit stehen wir jetzt vor Gott.
Die Kerze, die nun entzündet wird, erinnert uns an daran, dass Christus allem Dunkel und allen Sünden die Macht genommen hat und uns vergibt, was wir aufrichtig bereuen.
(Kerze – Stille – „Laudate omnes gentes“)
Da und dort sind uns vielleicht Menschen begegnet, die ein schweres Los zu tragen haben; es kann auch sein, dass wir heute Abend an Menschen denken, um die wir uns Sorgen machen.
Die Kerze, die nun entzündet wird, erinnert uns daran, dass wir für diese Menschen Gott bitten dürfen, damit er ihr Leben wieder heller werden lässt.
(Kerze – Stille – „Laudate omnes gentes“)
Lesung (Vom barmherzigen Samariter)
Stille
Gesang: „Halleluja“
Ansprache
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Jana und Viktoria uns vorgelesen haben, kennen die meisten von uns von klein auf. Ich habe schon oft darüber gepredigt, habe es oft schon Kindern und Jugendlichen ausgelegt – und mittlerweile sind mir drei Gedanken besonders wichtig.
Zum einen sagt Jesus uns durch diese Erzählung:
„Halte Augen und Ohren offen. Schau gut hin, wenn du jemandem begegnest. Hör gut zu und nimm auch Zwischentöne wahr, die dir erzählen von Freuden und Traurigkeiten, von Hoffnungen und Verzweiflungen, von Lebenslust und Deprimiertheit.“
Zum zweiten sagt uns Jesus:
„Es ist schön, dass du in die Kirche gehst und Gottesdienst feierst in dem Haus, das zur Ehre Gottes dient. Doch denke daran, dass der Gottesdienst auch unterhalb der Woche, auch außerhalb der Kirche, auch weit weg von der Kapelle, stattfinden kann. Es gibt auch einen Gottesdienst im Alltag, und der beginnt dann, wenn ein Mensch deine Hilfe, die gutes Wort oder deine Nähe braucht. Sonntags im Gottesdienst und unter der Woche am Mitmenschen Anteil zu nehmen – das gehört zusammen.“
Und dann sagt uns Jesus noch ein drittes:
„Verzweifle nicht. Wenn du selbst am Boden liegst, wenn du selbst zum Opfer geworden bist, wenn du selbst nicht mehr aufstehen kannst – verzweifle nicht. Denn es sind noch andere Menschen unterwegs, die Augen und Ohren offen halten und deiner Not mit einem offenen Herzen begegnen werden. In ihnen schickt Gott dir Hilfe.“
Amen.
Gesang: „Bei Gott bin ich geborgen“
Fürbittgebet und Vater Unser
Am Ende dieser Woche sagen wir Dir Dank, Herr, für Dein Geleit durch die letzten Tage. In unserem geschäftigen Alltag haben wir Dich manchmal vergessen, manchmal überhört, manchmal übersehen. Du hältst trotzdem an uns fest.
Im Blick auf die neue Woche macht uns heute schon dies oder jenes Sorgen. Gerade deshalb, Herr, lehre uns unterscheiden zwischen dem, was wir selbst tun können und sollen, und dem, was wir einfach Dir in die Hand legen dürfen.
Der Sonntag steht vor uns. Ein Tag, den Du uns geschenkt hast – zum Ausruhen, zum Kräftesammeln und zum Zusammensein mit unseren Mitmenschen. So stärke Du uns an Deinem Tag für die neue Woche.
Was uns jetzt noch beschäftigt, dürfen wir in der Stille vor Dich bringen und es an Dich abgeben:
(Stilles Gebet)
All unsere Bitten lassen wir einmünden in das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat: (Vater Unser im Himmel…)
Gesang: „Behüte mich, Gott“
Segen
Mögest du Ruhe finden,
wenn der Tag sich neigt und
deine Gedanken noch einmal die Orte aufsuchen,
an denen du heute Gutes erfahren hast.
Auf dass die Erinnerung dich wärmt
und gute Träume deinen Schlaf begleiten.
So segne und behüte dich der barmherzige und menschenfreundliche Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
wenn der Tag sich neigt und
deine Gedanken noch einmal die Orte aufsuchen,
an denen du heute Gutes erfahren hast.
Auf dass die Erinnerung dich wärmt
und gute Träume deinen Schlaf begleiten.
So segne und behüte dich der barmherzige und menschenfreundliche Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Gesang: „Mögen sich die Wege“
Wort in den Alltag
Liebe Gemeinde,
da ist ein Wort, das sich wie ein roter Faden durch diesen ganzen Gottesdienst zieht. Im Eingangsspruch kam es vor, im Eingangslied, im Psalm, im Gebet und in der Schriftlesung
- ein kleines, Wort von gerade 5 Buchstaben,
- das unsere Eltern uns früh beigebracht haben,
- das wichtig ist und doch viel zu selten gesagt wird
DANKE, heißt das Wort, das ich meine.
Vom Danken handelte die Lesung, und wir schütteln den Kopf über die neun Geheilten, die Jesus nicht einmal dankten, dass er sie von ihrem schlimmen Aussatz befreit hatte.
Aber bevor wir nun denken "So undankbar!" – geht die Frage an jede/n von uns: Habe ich Gott heute Morgen schon gedankt?
Habe ich gedankt für den schönen neuen Morgen, den Gott uns schenkt? - für meine Lieben, die mein Leben so reich machen? - für das Frühstück, mit dem ich mich stärken kann? - für den Gottesdienst, dass wir ihn in Frieden feiern können?
Habe ich gedankt? Haben Sie gedankt? Habt ihr gedankt?
Es ist so eine Sache mit dem Danken. Danken kommt ursprünglich von: "an etwas denken". Und weil wir alle oft etwas vergesslich sind und dann manchmal nicht mehr ans Danken denken, gibt es – Gott sei Dank – das Lied "Danke für diesen guten Morgen" gibt. Es ist eines der bekanntesten geistlichen Lieder überhaupt, wir haben es zum Eingang gesungen.
Manche von uns haben es so oft gesungen, dass es ihnen irgendwann fast zum Hals raushing. Und gerade, weil es so bekannt ist, übersehen wir Details an diesem Lied. Und deshalb schauen wir heute genau hin.
Für den guten Morgen haben wir schon gedankt - aber das Lied will noch mehr: "Danke für jeden neuen Tag!", heißt es da. Für jeden Tag! Auch für den, an dem dir vor irgendetwas graust. "Danke für jeden neuen Tag!" Gott schenkt ihn dir, und deshalb ist er gut.
Die zweite Strophe:
"Danke für alle guten Freunde, danke, o Herr, für jedermann!"
Für alle guten Freunde und Freundinnen danken - das können wir, klar. Aber können wir für jedermann und für jede Frau danken? Auch für die, die uns auf den Wecker gehen? Auch für die, die uns Böses wollen? Martin Gotthard Schneider, der Verfasser des Liedes, stand mitten im Leben, und deshalb hat er angefügt: "Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann!" Es gibt sie, die Feinde in unserem Leben; die Menschen, die uns ans Leder wollen; die triumphieren, wenn wir am Boden sind. Und wer wirklich einmal Feinde hatte, der weiß, wie schwer das ist mit der Feindesliebe. Und deshalb heißt es hier nicht: Danke, dass ich verzeihen kann. Nein, es heißt: "Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann!" Das ist ein Geschenk Gottes, das nicht selbstverständlich ist. Und wer wirklich verzeihen kann, der hat wahrhaft Grund zum Danken.
Die dritte Strophe ist wichtig, zumal bei Millionen Menschen ohne Arbeit in unserem Land: "Danke für meine Arbeitsstelle!" Natürlich hat jeder und jede von uns schon erlebt, dass die Arbeit manchmal weniger Freude macht. So ist es nicht immer leicht, zu sagen: "Danke für meine Arbeitsstelle". Gerade deshalb steht das hier so in dem Lied: Danke, dass ich für mich oder auch für die Meinen unser täglich Brot und etwas mehr verdienen kann. Und wir dürfen diesem Dank auch die Bitte anfügen: „Gott, lass mich Erfüllung in meinem Beruf erleben und einen Sinn in meinem Tun entdecken; und Gott, bitte gib den großen Bossen wenigstens ein klein wenig von Deinem guten Geist, damit sich das Los der Menschen ohne Arbeit zum Guten wendet.“
"Danke für meine Arbeitsstelle!" Das gilt auch für euch Konfis. Ihr solltet sagen können: „Danke für die Schule“. Ich weiß, auf so einen Satz kommt kaum ein/e Schüler/in. Aber bedenkt, was in vielen Ländern der Welt Kinder und Jugendliche erleben, die keine Chance auf Bildung haben: Prostitution, Verbrechen, Drogen, Kriminalität, Tod. Da dürft ihr froh sein, dass ihr in ein Land hineingeboren seid, das jedem jungen Menschen Bildung und eine Ausbildung bietet. Denkt daran, wenn ihr morgen wieder zur Schule geht; denkt daran, wenn es übermorgen im Unterricht langweilig wird. Dankt Gott für die Schule.
"Danke für jedes kleine Glück", geht es weiter. Es heißt nicht: Danke für das große Glück oder für den Jackpot im Lotto oder für das Einserzeugnis oder für den Traumurlaub oder Ähnliches. "Danke für jedes kleine Glück!" Das heißt: Halte auch mal inne in deinem Alltag, renne nicht vorbei an den vielen kleinen Momenten, in denen du glücklich sein könntest. Und vor allem: Verschiebe deine Sehnsucht nach Glück nicht immer auf später. Glück und glückliche Momente, die gibt es in unserer Gegenwart genug - wenn wir sie beachten und würdigen wollen.
"Danke für alles Frohe, Helle und für die Musik!" Für Fröhlichkeit danken, das will ich, sehr, sehr gerne! Denn manchmal erleben wir, gerade in der Christenheit, viel zu ernste, freudlose Gesichter und Menschen. Aber wenn wir Lebensfreude erleben, dann ist das ist schön und ganz schön ansteckend. Lasst uns fröhliche Menschen bleiben, so lange Gott uns Grund dazu schenkt.
"Danke für alles Frohe, Helle - und für die Musik!" Ja, für die Musik dürfen wir wirklich danken. Unserer Organistin. Und auch einander als Gottesdienstgemeinde, die sich mit Liedern Gottes Wort zu singt. Danke für die Musik!
Das waren jetzt drei Strophen - sechs hat das Lied insgesamt. Über die fehlenden drei Strophen lässt sich noch viel sagen - doch das gäbe ja eine ellenlange Predigt!
Nun sind wir ja mündige Christen, und deshalb können wir uns selber unsere Gedanken machen über die anderen drei Strophen. Es lohnt sich, nachzudenken über den Dank und die Dankbarkeit.
Amen.
Zwei Jünger gingen damals in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt und heißt Emmaus.
Und als sie so redeten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber sie erkannten ihn nicht.
Er sprach aber zu ihnen: Worüber redet ihr? Da blieben sie traurig stehen und sagten: „Bist du der Einzige, der nicht weiß, was in Jerusalem geschehen ist? - Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten; den haben sie gekreuzigt.“
Und der Fremde sprach zu ihnen: „O ihr Toren! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Und er erklärte ihnen, was in der Bibel von ihm gesagt war.
Später kamen sie nach Emmaus. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Aber sie baten ihn: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er blieb bei ihnen. Und als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und erzählten ihnen, was geschehen war.
(aus Lukas, Kapitel 24)
Liebe Gemeinde,
viele von uns kennen die Emmaus-Erzählung, von der wir in der Lesung gehört haben. Deshalb wissen wir von Anfang an, dass der Fremde, der sich unterwegs zu den Jüngern gesellt, Jesus ist. Aber die beiden Jünger wissen es nicht. Sie sind zu sehr beschäftigt mit Jesu Tod. Froh, dass jemand ihnen zuhört, erzählen sie dem Fremden die Geschichte. Dass der Fremde Jesus sein könnte, darauf kommen sie nicht. Als dieser sie in Emmaus verlassen will, bitten sie ihn „Bleibe bei uns“, und er geht mit ihnen ins Haus.
Dort geschieht nun Merkwürdiges: Der Fremde, den sie eingeladen haben, wird selbst zum Gastgeber und eröffnet die Mahlzeit. Als er betet, das Brot nimmt und es teilt, erkennen sie in dem Fremden den Auferstandenen. Und im gleichen Moment ist er weg. - Die beiden brechen sofort auf. Obwohl der Weg nach Jerusalem weit und im Dunkeln gefährlich ist, hält sie nichts davon ab, den anderen Jüngern ihr Erlebnis weiterzuerzählen. Voller Freude gehen sie den Weg zurück, ganz anders, als sie vorher den Weg nach Emmaus gegangen sind.
Den Weg nach Emmaus, den gibt es auch in Ihrem, in eurem und in meinem Leben. Auch wir sind schon Emmaus-Wege gegangen. Damit meine ich die Wege unseres Lebens, die wir in ähnlicher Stimmung gehen wie jene beiden Jünger. Und wer unter uns ist sie nicht schon gegangen, die Wege, die man geht als mutloser, alleingelassener, gescheiterter oder von Menschen enttäuschter Mensch? Wer unter uns hat nicht auch schon einmal seine Hoffnungen begraben müssen und sich allein auf weiter Flur wiedergefunden auf einem Weg, der ihn in unsagbare Traurigkeiten führte?
Wenn wir die traurigen Wege nach Emmaus kennen - kennen wir auch Emmaus selbst, den Ort, an dem die Traurigkeit weicht? Viele von uns haben es schon erlebt: Da sitzen wir traurig an einem vermeintlich unbedeutenden Punkt unsres Lebensweges, und plötzlich fällt es uns von einem Moment zum anderen wie Schuppen von den Augen, weil wir plötzlich spüren: „Auf diesem ganzen schweren Weg war ich nicht alleine, sondern da Gott hat mich begleitet.“ Emmaus - der Ort, an dem ein Mensch wieder auftanken und frei durchatmen kann. Ich kenne solche Emmaus-Erlebnisse aus meinem eigenen Leben und von anderen Menschen; von denen will ich jetzt kurz erzählen:
Da ist die junge Frau, deren Großvater am Ostersamstag beerdigt wird. So gerne hätte sie an das ewige Leben geglaubt und zweifelte doch immer mehr. Am Morgen nach der Beerdigung geht sie zur Osternachtsfeier, sie weiß selbst nicht, warum. Und mitten in einem Choral dämmert ihr: Die Sache mit der Auferstehung ist zwar nicht beweisbar, aber ich spüre neue Kräfte. Und fortan wird ihr Leben wieder froh, sie kennt jetzt die Kraftquelle, aus der sie lebt, und das tut sie bis heute.
Und dann fällt mir noch ein Witwer ein. Nach dem Tod seiner Frau hat er sich zurückgezogen, hat für keinen Menschen mehr ein gutes Wort, hadert mit seinem Los, will sterben. Da besucht ihn eines Tages ein alter Freund, er sagt: „Du darfst dein Leben nicht wegwerfen. Es ist Gottes Geschenk.“ Und die Worte des Freundes fruchten, der einsame und verzweifelte Mann nimmt sein Leben von neuem an und beginnt wieder zu leben.
Emmaus-Erlebnisse haben nicht immer mit dem Tod zu tun. Eine Mitarbeiterin fällt mir ein, die begeistert eingestiegen war und doch herbe Enttäuschungen erlebt hat. Ernüchtert will sie schon aufgeben, aber da spürt sie auf einmal: „Gott erwartet von mir, dass ich weitermache – er schenkt mir neue Kraft.“
Vielleicht erklären diese Begebenheiten am besten, was das ist, ein Emmaus-Erlebnis; nämlich die Erfahrung: Es geht weiter.
Vielleicht sind Ihnen und euch jetzt eigene Emmaus-Erlebnisse eingefallen. Momente, in denen wir neue Kraft spüren, neuen Mut fassen; manchmal ausgelöst durch eine Eingebung Gottes, manchmal durch einen Menschen, den Gott uns als stillen Begleiter auf unserem Emmaus-Weg an die Seite gestellt hat und den wir erst im Nachhinein als solchen erkannt haben; denn oft haben wir vor lauter Not keine Augen für die, die uns begleiten, und für Hände, die sich uns entgegenstrecken, um uns herauszuziehen aus der Tiefe.
Da wir gerne auch anderen helfen, könnten wir verstärkt auf Menschen achten, die auf Emmaus-Wegen sind. Jesu Umgang mit den beiden Jüngern gibt uns eine gute Anregung, wie wir sie begleiten können: klagen und weinen lassen, zuhören, den Weg mitgehen, eine Weile bei ihnen bleiben - und irgendwann ihnen dann auch zumuten, wieder ins Leben zu gehen.
Vielleicht haben sie eine Osterpredigt erwartet, in der mehr vom ewigen Leben die Rede ist. Nun hat Auferstehung aber sehr viele Gesichter. Und dort, wo verzweifelte Menschen noch einmal Ja sagen zu ihrem Leben und seinen ganzen Herausforderungen, dort ereignet sich auch eine Auferstehung. Und wo Menschen aus ihrer Trauer und Mutlosigkeit erwachen, weil ihnen neuer Lebensmut gegeben wird, wo sie aufstehen - dort ist der Auferstandene ganz nah. Ganz bestimmt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Geschichte von Jesu Kreuzigung erzählt von dem, der zu Unrecht leiden muss, und von vielen Menschen, die in ganz unterschiedlicher Weise beteiligt sind.
Da ist zuerst Pontius Pilatus. Als Statthalter ist er verantwortlich für alles, was in Judäa geschieht. Er spürt, dass die Anklagen gegen Jesus erfunden sind, traut sich aber nicht, Jesus freisprechen. Da kann er noch so publikumswirksam seine Hände in Unschuld waschen - Pilatus ist es, der die Kreuzigung Jesu auf dem Gewissen hat. Und dabei wird Pilatus ungewollt zum Botschafter Gottes: “König der Juden” lässt er ans Kreuz schreiben - und damit wird Pilatus für alle Zeiten zum Verkündiger. Denn “König der Juden” heißt auch “König von Gottes Volk”.
Einige haben das gemerkt - die obersten Priester. Sie bestürmen Pilatus, diese Aufschrift entfernen zu lassen. Aber Pilatus weigert sich. Ansonsten verfolgen die obersten Priester das Geschehen am Kreuz mit Zufriedenheit: Da hat einer versucht, die Welt zu verändern, ihre Welt, und der stellt nun keine Gefahr mehr dar für sie, die Etablierten und gut Eingerichteten.
Dann sind da noch die Soldaten des Hinrichtungskommandos: Sie tun korrekt ihre Pflicht; niemand hat sie je nach ihrer Meinung gefragt; und sie haben es sich abgewöhnt, eigenständig zu denken. So sind sie gut zu haben, als Machtinstrumente in den Händen der Großen und Mächtigen. Ihre Wünsche sind leicht zu befriedigen: Regelmäßigen Sold erwarten sie für ihr Tun, mehr nicht. Dass sie aber nicht nur Handlanger der Mächtigen, sondern auch Werkzeuge Gottes bei der Erlösung der Welt und der Menschen, das wissen sie in jenem Moment nicht.
Am Kreuz selbst - Jesus: Er hat erlebt, wie der Jubel der Menschen umgeschlagen ist in Hass. Er weiß, dass er zu Unrecht leiden muss. Und gleichzeitig weiß er sich in Gottes Hand geborgen, in die er seinen Geist befehlen wird.
Und dann stehen noch fünf Menschen, die Jesus lieben, unterm Kreuz: Johannes, der einzige Jünger, der bis zum Ende bei Jesus blieb; neben ihm steht Jesu Mutter - wer selbst ein Kind hat, wird nachempfinden können, wie Maria leidet; ihre Schwester steht dabei, daneben die Frau des Klopas,; und eine weitere Jüngerin, steht unter dem Kreuz: Maria Magdalena - sie, deren Leben sich durch die Begegnung mit Jesus vollkommen geändert hatte; die in Jesu Nähe all ihre Sehnsüchte und Hoffnungen Wirklichkeit werden sah. Für Johannes und diese vier Frauen bricht, als Jesus stirbt, eine Welt zusammen.
So sind sie alle versammelt am und unter dem Kreuz: der Leidende, der das Unrecht, das an ihm geschieht, mit dem Leben bezahlen wird; die, die sein Leid in die Abgründe der Trauer stürzen wird; die, die sich in treuer Pflichterfüllung in den Dienst des Unrechtes stellen; der, der das Unrecht hätte verhindern können; und die, deren Welt sich durch das Unrecht wieder in den gewohnten korrekten Bahnen drehen soll.
Aus der Sicht der Menschen ist es ein Justizmord - in Wirklichkeit aber beginnt hier die Erlösung der Menschheit. Mitten in diesem traurigen Geschehen steuert Gottes Geschichte mit seinen Menschen dem Höhepunkt zu. Es ist ein großartiger und für die Menschen aller Zeiten unfassbarer Weg, den Gott hier einschlägt: Indem der einzige Sündlose stirbt, nimmt er stellvertretend Leid und Sündhaftigkeit aller Menschen mit ans Kreuz. Und wo die Menschen unter dem Kreuz nur das Ende sehen, da weiß Gott schon, dass das nicht das Ende ist. Gottes Weg mit seinen Menschen kennt kein Ende - selbst der Tod kann einen Menschen nicht von Gott trennen.
Jesu Jüngerinnen und Jünger begriffen das erst, als der Gekreuzigte ihnen wieder erschien. Und wir? Wir wissen natürlich um die Auferstehung Jesu. Aber es wäre falsch zu sagen: Es war ja gar nicht so schlimm - Gott hat Jesus ja neues Leben geschenkt. Wenn wir am Karfreitag schon an Ostern denken, dann tun wir das, was heute üblich ist: Leid und Unangenehmes aus unserem Leben verdrängen. Aber das ist nicht der Sinn des Karfreitages.
Denn unser höchster Feiertag, nimmt das ernst, was unser Leben immer wieder prägt: die Erfahrung von Leid - an uns selbst und an anderen Menschen.
Leid erfahren wir in vielfältiger Form - in Krankheit, im Sterben eines geliebten Menschen, in Abschieden und Trennungen, in Enttäuschungen, in eigenem Schuldigwerden und in hilflosen Augenblicken. Ich glaube, am meisten hilft in solchen Momenten der Blick zum Kreuz. Denn wer zum Kreuz schaut, kann Gottes Botschaft hören, und die lautet: Es gibt keinen noch so dunklen Moment in deinem Leben, in dem ich dich verlasse. Ich bin dein Gott, und ich halte dich fest auch in den dunklen und schweren Momenten deines Lebens. Und es gibt keine Tiefe, aus der ich dich nicht wieder herausholen würde.
Mit diesem Blickwinkel merken wir: Es geht an Karfreitag nicht nur um Jesu Kreuzigung. Sondern gekreuzigt, also machtlos gemacht, wurde auch alles Leid und Sünde in unserem Leben. Sie haben seither keine Macht mehr über uns. Nur einer hat Macht über unser Leben, und das ist der, der Jesus aus dem finsteren Tal herausführte und auch uns immer wieder aus den Tiefpunkten unseres Leben herausholt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
ein letztes Mal hat Jesus seine Jünger um sich versammelt. Er weiß, dass es das letzte Mal sein wird; aber die Jünger sind ahnungslos. Sie wollen miteinander das Passahmahl feiern, so, wie sie es gewohnt sind von Kindesbeinen an. Und alles ist gerichtet wie bei einem Passahmahl: das ungesäuerte Brot, das Jesus unter ihnen austeilen wird; und der Kelch mit dem Wein, über dem er den Tischsegen sprechen wird. Es sieht alles so aus wie in den Jahren zuvor. - Aber es sieht nur so aus.
Jesus weiß, dass dieses Mahl sein letztes sein wird. Ein paar Stunden noch, dann werden sie ihn gefangen nehmen und abführen wie einen Verbrecher; und einen Tag später wird er nicht mehr am Leben sein.
Gesang: „Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 789.2)
Keiner der Jünger ahnt, wie es in Jesus aussieht. Dass Jesu sich von ihnen verabschieden will, kommt ihnen nicht in den Sinn. Und vor allem begreifen sie nicht, dass derjenige, der immer für sie da war, jetzt selber Trost braucht; es entgeht ihnen, dass Jesus in diesem Moment ihre Zuwendung bitter nötig hat.
So ist Jesus einsam, mitten unter seinen Freunden. Er sagt ihnen, dass das Brot und der Wein Sinnbilder sind für sein Leben, das er opfern wird, aber sie begreifen es immer noch nicht. Sie spüren nicht, dass da einer nach einem letzten Moment der Geborgenheit sucht, bevor er an seine Henker ausgeliefert wird.
Gesang: „Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 789.2)
Die Jünger versagen. Nicht, weil sie schlechte Menschen wären; sondern weil es nicht in ihr Bild passt, dass Jesus auch einmal sie brauchen könnte. Einsam unter seinen Freunden, teilt Jesus mit ihnen Brot und Wein. Und niemand ist für ihn da. Die Jünger lassen Jesus einfach im Stich. Genauso werden sie ihn später im Garten Gethsemane im Stich lassen.
Heute Abend sind wir hier zusammengekommen und erinnern uns an dieses erste und letzte Abendmahl Jesu. Wir erinnern uns daran, indem wir miteinander Brot und Wein teilen, genauso wie das damals war bei Jesus und seinen Jüngern. Auch bei uns ist Jesus mit dabei. Unsichtbar, und doch spürbar. Denn er ist es, der uns zu diesem Mahl einlädt.
Wenn wir dabei gewesen wären, damals, ob wir uns anders verhalten hätten als seine Jünger? Ob wir ihm diese Nähe vermittelt hätten, die Jesus, der Mensch, in diesen Stunden so dringend benötigt hätte?
Gesang: „Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 789.2)
Jesu Abendmahl mit den Jüngern macht uns deutlich, dass das Abendmahl nicht nur ein Ritus ist, den wir einfach so begehen. Wenn wir Abendmahl feiern, ohne den Blick zu richten auf die, die mitfeiern, dann machen wir den gleichen Fehler wie die Jünger. Dann denken wir nämlich nur an uns selbst.
Wir feiern das Abendmahl nicht alleine. Andere feiern mit uns, teilen mit uns Brot und Wein. Diese anderen, die werden uns zu Schwestern und Brüdern. Und wir dürfen nicht gleichgültig aneinander vorbei gehen und aneinander vorbei leben.
„Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 789.2)
Jesu Botschaft an uns, die wir miteinander das Abendmahl feiern, heißt:
So, wie ich euch Anteil am Heil gebe, so nehmt auch ihr aneinander Anteil. Vergebt einander, wenn ihr bisher im Unfrieden miteinander gelebt habt. Gebt den Nöten und Sorgen des anderen Raum. Lasst nicht zu, dass ein Mensch aus diesem Gottesdienst geht, ohne ein gutes Wort erhalten zu haben. Segnet einander, wo ihr euch bisher bekämpft habt. Und werdet einander zu Freunden, denn das ist eure Bestimmung als Menschen, die auf den Namen Jesu getauft sind.
Ich habe eingangs von den Jüngern erzählt, die blind für Jesu Nöte waren und ihn dadurch im Stich ließen. Ich bitte uns alle, dass es bei uns anders ist oder zumindest anders werden wird.
Wenn wir jetzt gleich miteinander das Brot und den Wein teilen, dann soll das geschehen, was Jesu Wille ist: dass wir als Einzelne zum Abendmahl kommen, aber vom Tisch weggehen als Teil einer großen Gemeinschaft, in der sich alle einander verbunden wissen.
Amen.
Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde,
es ist ein sehr schöner Taufspruch, den Lena heute bekommt, einen Satz aus dem 1. Mosebuch. Dort steht: „Gott, der Herr, wird dir seinen Engel mitschicken und deine Reise gelingen lassen.“
Reisen, das erinnert uns an Urlaub, an Wegfahren, an schöne Erlebnisse. Vor ein paar Tausend Jahren aber war eine Reise für viele Menschen ein Weg ins Ungewisse. Und deshalb beteten die Menschen, bevor sie sich auf Reisen begaben.
Eigentlich tun wir heute Morgen das Gleiche. Wir beten zu Gott am Anfang der Lebensreise von Lena. Wir bitten Gott, dass Lenas Lebensreise sie glücklich machen wird und dass sie an Leib und Seele gesund bleibt. Und in unser Beten hinein hören wir als Antwort das Versprechen an Lena: „Gott, der Herr, wird dir seinen Engel mitschicken und deine Reise gelingen lassen.“
Lene ist auf ihrer Lebensreise nicht allein. Von Anfang an hat sie ihre Mama und ihren Papa um sich. Sie lächelt glücklich, wenn sie euch sieht. Ihr beide, Daniela und Hannes, seid die ersten Engel, die Gott eurer Lena an die Seite gestellt hat. Es gibt noch mehr Engel: Ihr Großeltern begleitet euer Enkelkind als Engel, als Boten der Liebe Gottes und als Beschützer. Fünf weitere Engel kommen heute dazu. Sie heißen Bianca, Manuela, Ramona, Adrian und Jan und übernehmen als Paten Verantwortung. Elf Engel, eine komplette Fußballmannschaft, den Papa freuts.
Lena wird wunderbar behütet sein. Irgendwann kommt die Zeit, da wird Lena den einen oder anderen Weg selber gehen. Und irgendwann wird sie auf sich selber aufpassen wollen. So wie ihr Konfis zum Beispiel. Aber je selbständiger junge Menschen ihre Wege gehen, umso mehr dürfen wir sie dann Gott ans Herz legen, der sie mit seinem Segen und seinem Geist begleitet.
„Gott, der Herr, wird dir seinen Engel mitschicken und deine Reise gelingen lassen.“
Wir alle sind auf unserer Lebensreise nicht alleine. Jeder und jede von uns wird vom einen oder anderen Engel begleitet: das kann der Ehe- oder Lebenspartner sein, gute Freunde oder eine gute Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen. Diese stellt Gott uns an die Seite als Engel, und gibt ihnen drei Aufgaben mit:
Als Schutz-Engel bewahren sie uns vor Fehlern und falschen Wegen. Die nerven manchmal ganz schön, sind aber unverzichtbar, denn wer von uns geht schon immer die richtigen Wege?
Als Trost-Engel bauen sie uns auf, wenn es uns schlecht geht, wenn uns etwas traurig macht oder unsere Lebensfreude trübt.
Und dann sollen sie auch noch als Tritt-Engel tätig werden. Denn manchmal brauchen wir einen Tritt oder zumindest einen Schubser, um in die Gänge zu kommen.
Schutz-Engel, Trost-Engel und Tritt-Engel. Es ist wichtig, dass die jeder und jede von uns hat. Wir brauchen sie. Und umgekehrt brauchen andere uns. Gott will, dass auch wir den anderen als Schutz-Engel, Trost-Engel und Tritt-Engel beistehen.
Vielleicht schaffen wir es, in der neuen Woche einmal darauf zu achten, wer unsere Engel-Dienste braucht. Und wenn wir ganz genau hinschauen, merken wir, dass da und dort auch uns der eine oder andere Engel zur Seite steht.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben der verstorbenen Vereinsmitglieder gedacht und uns noch einmal daran erinnert, wie sie ihre Vereine unterstützt haben: durch ihre Mitgliedsbeiträge, manche durch ihre Aktivität beim Singen und Musikmachen, manche auch dadurch, dass sie eine Leitungsfunktion im Verein übernommen haben.
Alle drei Arten, sich zu engagieren, sind wichtig: Es braucht jeder Verein eine Vorstandschaft, in der Verantwortungen übernommen und Entscheidungen getroffen werden; es braucht die Aktiven, an denen der Verein sichtbar und hörbar wird; und es braucht diejenigen, die den Verein durch Dienste im Hintergrund, durch Spenden und durch Beiträge unterstützen.
Wir dürfen Gott dankbar sein, dass er den Vereinen immer wieder Menschen schenkt, die bereit sind, in der Vorstandschaft mitzuarbeiten, und vor allem dürfen wir auch den betreffenden Menschen danken, die viel Zeit, Energie und Nerven für ihren Verein investieren.
Wir dürfen Gott auch dafür danken, dass er Menschen musikalische Begabungen schenkt – und genießen das heute.
Ganz besonders allerdings denke ich heute an die, die nie in der Öffentlichkeit auftreten: die zum Beispiel bei den Festen auf- und abbauen; oder Hunderte von Brötchen schmieren; oder Kuchen backen; oder eine Spende überweisen; oder, oder, oder.
Es gibt auch keine Kirchengemeinde, die ohne die Menschen in der zweiten oder dritten Reihe am Leben bleiben könnte: Die Kuchenbäckerinnen der Kaffeezitt fallen mir ein; unser Kirchendiener und unsere Kirchendienerin, die die Gottesdiensträume vorbereiten; unsere Reinigungskräfte, die die Gebäude in Schuss halten; nicht zu vergessen die Spender und Spenderinnen, die uns Geld anvertrauen, das uns hilft, unsere Projekte zu stemmen. Ob in der Kirche oder in der Kommune oder in den Vereinen: Wir alle kennen diese Menschen im Hintergrund und sind froh, dass es sie gibt.
Menschen im Hintergrund: Da denke ich auch an die, die für einige Zeit im Beruf kürzer treten, um sich noch stärker ihrer Verantwortung für ihr Kind oder ihre Kinder zu widmen. An diesem Punkt ist unser Staat noch sehr unsozial: Elternzeit muss man oder Frau sich erst einmal leisten können. Und deshalb ist es hoch zu würdigen, wenn Menschen ihren Beruf für einige Zeit hintenanstellen und tätig sind als das, was in unserer Gesellschaft immer noch ungestraft und unverschämt als „Nur-Hausfrau“ oder „Nur-Hausmann“ bezeichnet wird.
Überall gibt es die Menschen im Hintergrund: die, die niemals in der Zeitung auftauchen; die, die nur wenige bis gar keine Worte machen; die, die sich ihre eigenen Gedanken machen und ganz unspektakulär leben. An diese Menschen im Hintergrund will ich heute besonders denken.
Ein Leben im Hintergrund, das führte auch einer, der vor 2000 Jahren lebte und dem der heutige Tag gewidmet ist. Heute, am 19. März, ist nämlich Josefstag. Gewidmet dem Gatten Marias. Und damit dem – irdischen – Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Gut, die Bibel erzählt nicht viel von Josef. Und wenn, dann agiert er eher im Hintergrund. Bei jeder Krippendarstellung stehlen ihm Maria und Jesus die Schau. Auch sonst kommt Josef nur selten vor, z. B. als der, der zusammen mit Maria den 12-jährigen Jesus in Jerusalem sucht.
Ist Josef nur eine Randfigur? Das mag schon so sein – aber wenn, dann ist Josef eine ganz wichtige Randfigur!
Ohne Josef kein Jesus, und ohne Jesus kein Heil, so einfach ist das! Denn was wäre gewesen, wenn Josef Maria verlassen hätte, die auf eine ihm nicht nachvollziehbare Weise schwanger geworden war? Gut, dass er auf Gottes Boten hörte, der ihm sagte: „Bleib bei Maria, hier hat Gott die Hand im Spiel!“
Und was wäre aus Jesus geworden, wenn Josef nicht ein zweites Mal auf die Warnungen des Engels gehört hätte? Gut, dass Josef es tat, so konnte er seinen Sohn gerade noch vor den Killern des Herodes in Sicherheit bringen.
Ohne Josef kein Jesus – so viel steht für mich fest.
Ich will deshalb im heutigen Gottesdienst ganz bewusst und ganz ökumenisch auch den Josefstag begehen. Josef hat auch uns Menschen im 21. Jahrhundert noch einiges zu sagen. Wäre er unter uns, würde er sicherlich nicht vorne sitzen. Seine Predigt könnte etwa so heißen:
„Lasst ab und zu einmal einfach Gott in eurem Leben wirken. Lasst euch da und dort auch ruhig mal auf das Unglaubliche ein. Und ihr brecht euch keinen Zacken aus der Krone, wenn ihr mal zurücktretet in die zweite Reihe. Ich habe das auch getan und war trotzdem ein wichtiges Werkzeug Gottes. Auch aus der zweiten Reihe kann man einiges bewirken. - Lasst ab und zu einmal einfach Gott in eurem Leben wirken.“
Ich denke, den Worten des Josef ist nichts hinzuzufügen. Lasst sie in uns weiterwirken und sie mitnehmen in unseren Alltag, der immer segensreich sein kann, ob in der ersten, der zweiten oder der hintersten Reihe.
Amen.
Ansprache vor der Gemeindeversammlung
Was ist eine „gute“ Kirchengemeinde?
Wenn in ihr gelacht wird?
Wenn Menschen sich wohl fühlen?
Wenn Menschen sich dort zu Hause fühlen?
Wenn man nett miteinander umgeht?
All das – ganz bestimmt.
Aber das kann natürlich auch auf jeden Verein zutreffen. Für eine gute Kirchengemeinde ist eines noch unverzichtbar wichtig: Dass sie ihre Aufgaben erfüllt.
Was aber sind Aufgaben der Kirche? Da hole ich mir in ökumenischer Verbundenheit gerne eine Anregung aus der Ökumene. Der Erzbischof von Freiburg, Stephan Burger, hat in der vergangenen Woche bei der Deutschen Bischofskonferenz folgendes gesagt: „Wir müssen aufpassen, dass die eigentliche Aufgabe der Kirche nicht aus dem Blick gerät. Die Kirche hat sicherlich nicht irgendeinem Machterhalt zu dienen, nicht den gesellschaftlichen Einflüssen und dem Prestige…, sondern sie bleibt allein dem Evangelium verpflichtet, und damit Jesus Christus. Vom Weg der Nachfolge ist da die Rede, nicht von einem Thriumphzug.“
Das heißt für mich: Die Kirche muss nicht immer voll sein. Wir Christen müssen auch nicht in der Mehrheit im Land sein. Wir Christen müssen nicht immer ängstlich darauf erpicht sein, von allen Zustimmung zu finden.
Ja, die Kirche darf es sich sogar da und dort mit anderen verderben:
- um der Wahrheit willen, die sie zu sprechen hat;
- um der Menschen willen, für die sie einzutreten hat;
- um des Wortes willen, das sie weiterzugeben hat;
- um Gottes Willen, der der alleinige Herr der Kirche ist.
Wenn wir nun heute darüber nachdenken, was in unserer Kirchengemeinde lief und läuft, was bleiben und was kommen soll, dann dürfen wir uns leiten lassen von Gottes Wort und unseren Bekenntnisschriften. Aus drei dieser Bekenntnisschriften will ich uns jeweils einen Satz vorlesen:
Im Augsburger Bekenntnis heißt es: Die Kirche ist „die Versammlung aller Gläubigen …, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“
Das Bekenntnis der Synode von Barmen hält fest: „Die Kirche erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und an Gottes Gerechtigkeit.“
Und ganz auf den Punkt bringt es der Katechismus unserer Landeskirche mit den Worten: „Die Kirche hat die Aufgabe, das Wort Gottes zu verkündigen und mit der Tat der Liebe zu dienen.“
Diese wenigen Sätze beschreiben unser „Kerngeschäft“.
Allein daran muss eine Kirchengemeinde sich messen lassen. An nichts anderem. Mich beruhigt das, dass wir in dieser Freiheit der Kinder Gottes unser Gemeindeleben gestalten können.
Und vor dieser Hintergrund halten wir heute unsere Gemeindeversammlung ab, für die Gott uns gute Gedanken geben möge.
Amen.
Bericht des Kirchengemeinderates
Da in den Jahren 2021 und 2022 wegen der Pandemie keine Gemeindeversammlung stattfinden konnte, blicken wir zunächst in kurzen Worten auf die Jahre 2020 und 2021 zurück und danach schwerpunktmäßig auf das vergangene Jahr.
In fast jeder Sitzung standen auf der Tagesordnung: Dienstplan des Kirchengemeinderats; Personalia; Kindergarten; Kirchensanierung.
Wir kommen nun zum Jahr 2020:
Im ersten halben Jahr musste Corona-bedingt unser Gemeindeleben sich auf das Notwendigste beschränken: Seelsorge, Bestattungen, Haustür-Besuche, Predigtgedanken per Mail und Homepage. Auch die Konfirmation musste verschoben werden.
Unsere Gemeinde war eine der ersten, in der es wieder Gottesdienste gab. Mit einem klugen Hygienekonzept und vollkommen neuer Anordnung der Kirchenstühle konnten wir nicht nur Gottesdienste, sondern rechtzeitig vor der zweiten Welle auch noch die Konfirmation feiern. Für die Gottesdienste in der Weihnachtszeit und an Silvester musste man sich anmelden – es waren sehr eindrucksvolle Feiern.
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Fast das ganze Jahr 2021 war durch die Einschränkungen geprägt, zu denen uns die Pandemie zwang. Wieder musste die Konfirmation in den Herbst verschoben werden. Mit Ausnahme von Konfirmandenunterricht, Treffpunkt Bibel und Kirchengemeinderat konnten sich keine Gruppen treffen. Immerhin waren in den Phasen zwischen den Corona-Wellen einige besondere Veranstaltungen möglich. Ein absoluter Höhepunkt war der Homerun, an dem alle Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie alle Konfirmanden teilnahmen. Dieses Projekt wurde komplett von den Konfirmandeneltern organisiert. In zwei Gottesdiensten im September wurden dann die insgesamt 19 Mitglieder der Konfirmandengruppe konfirmiert.
Während des Sommers konnten auch wieder Trauungen und Taufen gefeiert werden.
Im März 2021 begannen die umfangreichen Arbeiten an der Außensanierung des Kirchturmes, die im November erfolgreich abgeschlossen waren.
Weitere Themen waren: Neue Homepage /// Kiga-Ausbau /// Haushaltsplan /// Nutzungsordnung für Vergaben des Hans-Schwindt-Hauses /// Hygienemaßnahmen in Gottesdiensten und im Hans-Schwindt-Haus /// Hausmeistertätigkeiten /// Beendigung des Kinderhort-Angebots /// Einbau einer neuen Heizung im Hans-Schwindt-Haus und im Pfarramt.
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Sie erhalten nun einen Überblick über wichtige Themen im Jahr 2022:
· Wir werden für die Kirche in Rheinbischofsheim die Titel als Radwegekirche verliehen bekommen.
· Die gleiche Qualifizierung streben wir für die Nikolauskapelle in Hausgereut an. Es fehlt dazu nur noch eine Toilette. Wir haben diese mehrfach schon beim Ortschaftsrat beantragt und werden dies auch in diesem Jahr wieder tun, nachdem sich herausgestellt hat, dass dort bereits eine Abwasserleitung liegt.
· Im Blick auf Holzhausen machen uns das nicht existierende Gemeindeleben sowie die Zukunft der Thomaskapelle Sorgen. Wir haben uns deshalb dort mit 20 interessierten Menschen aus Holzhausen getroffen. Bei diesem Treffen wurden sehr interessante Ideen entworfen, die zum Teil schon umgesetzt wurden.
· Während es für die ältere Generation früher zwei immer kleiner werdende Gruppen ausschließlich für Frauen gab, beschreiten wir seit Oktober 2022 mit der Seniorenrunde Neuland. Es ist eine Gruppe von über 20 Personen, darunter fünf Männern, zusammengekommen, die sich immer am zweiten Montag im Monat trifft.
· In den 60er Jahren wurde unsere wertvolle Kirchenorgel bei einer grundlegenden Modernisierung vollkommen verändert – aus heutiger Sicht: verschandelt. Der Orgelsachverständige der Landeskirche gibt unserer Orgel im jetzigen Zustand nur noch ein paar Jahre Spielzeit. Eine Kirchengemeinde in Singen würde uns ihre hervorragende Orgel für günstiges Geld verkaufen. Das Landesdenkmalamt aber verlangt, die neue Orgel in die jetzige Fassade zu integrieren. Der Orgelsachverständige prüft derzeit, wie sich das umsetzen lässt. Voraussichtliche Kosten: 130.000 €. Eine Neuanschaffung würde zwischen 600.000 und 800.000 € liegen.
· Für die künftige Bestuhlung der Kirche haben wir festgelegt, dass wir nicht zur steifen Konzertbestuhlung zurückkehren wollen. Die Bestuhlung soll sich weiterhin in 2er, 3er und 4er Blöcke gliedern.
· Erfreulich ist ein Blick auf die Finanzen der Kirchengemeinde: Die in den Jahren 2000 bis 2010 entstandene, bedenkliche Schieflage der Gemeindefinanzen ist endgültig überwunden.
· Eine Raumakustikberatung führte zur Anschaffung neuer und passender Mikrofone, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die ursprünglichen Mikrofone sich für eine Kirche überhaupt nicht eignen.
· Pfarrer Grab hatte in seinem Nebenamt als zertifizierter Milieu- und Lebensweltberater ein Jahr lang zehn Kirchengemeinden in der Ortenau auf dem Weg zu einer milieusensiblen Gemeinde begleitet. Im Sommer und Herbst konnten dann auch unser KGR, die Kindergartenleitung und weitere Interessierte an zwei Abenden im Rahmen einer ausgiebigen Milieuberatung ganz neue Einblicke in die vielen Milieus bekommen, die derzeit das Leben unserer kirchlichen Realität prägen.
· In einer großen Sonderaktion hat der KGR im Herbst fast 200 verschmutzte Kirchenstühle aussortiert. Diese werden wir im Mai alle reinigen und auf diese Weise viele Tausend Euro einsparen können. Für diese Putzaktion werden im nächsten Glöckl, das noch im März erscheint, Helferinnen und Helfer gesucht. Bitte melden Sie sich direkt beim Pfarramt.
· Die nötigen Energiesparmaßnahmen haben auch bei uns zu einem neuen Nachdenken über unseren Energieverbrauch geführt. Wir haben in diesem Winter sehr viel Energie eingespart.
· Im Lauf der nächsten Jahre wird es zu einer Umstrukturierung der Pfarrstellen kommen. Näheres teilt Ihnen nachher Pfarrer Grab mit.
· Im Herbst stellte uns Pfarrer Grab seine Ideen zu der letzten Phase seiner Dienstzeit vor. Wir dürfen bis zum Finale noch einiges erwarten.
Aus unserem Taizé-Gottesdienst am 25. Februar 2023
Einsingen
Gesang: „Laudate omnes gentes“
Lesung (Matthäus 5, 3-10)
Und Jesus tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“
Gesang: „Halleluja“
A: Gebet in Kriegszeiten
Seit genau einem Jahr gibt es in Europa einen Krieg. Einige Auswirkungen dieses Krieges spüren wir direkt; niemand weiß, wie nahe der Krieg an unser Land herankommen wird.
Aber was wir wissen, ist das, was der Ökumenische Rat der Kirchen schon 1948 gesagt hat: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Denn die Bibel hat ganz andere Visionen für das Zusammenleben der Völker. Eine der schönsten Visionen hat Gott den Propheten Micha sehen lassen. Er schreibt folgendes:
In den letzten Tagen aber wird der Berg, auf dem das Haus des HERRN ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.
Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: „Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!“
Dann wird Gott unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.
Es wird kein Volk gegen das andere eine Waffe erheben, und sie werden hinfort den Krieg nicht mehr lernen.
Gebet
Du Gott des Friedens, mit Sorgen blicken wir seit einem ganzen Jahr in die Ukraine und nach Russland. Wir und Millionen anderer Menschen haben Angst vor Krieg, Leid, Gewalt und Tod.
(„Kyrie eleison“)
Wir bitten Dich um Deinen Geist des Friedens für die Machthaber im Osten Europas. Wir bitten Dich aber auch um Frieden in Myanmar, in Syrien, im Jemen, in China und in vielen weiteren Ländern der Erde. Gib, dass die Vernunft stärker ist als alle Gewalt.
(„Kyrie eleison“)
Wir bitten Dich für uns selbst. Komm Du mit Deinem Geist des Friedens in die vielen Kleinkriege, in denen wir manchmal Opfer sind, manchmal aber auch Täterinnen und Täter.
(„Kyrie eleison“)
Gesang: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“
B: Gebet für die Rettung der Schöpfung und ihrer Menschen
Unsere Erde ist dem Zusammenbruch nahe, vielleicht noch viel näher als wir denken. Mit welchem Recht zerstören wir Menschen die Natur, die Umwelt? Als Glaubende bekennen wir, dass diese Welt Gottes Schöpfung ist und alleine Gott gehört.
Zusätzlich kommt es immer wieder zu Naturkatastrophen. Erschreckend waren für uns alle die Bilder, die wir gesehen haben über die Auswirkungen des furchtbaren Erdbebens in der Türkei und in Syrien.
Gebet
Gott, Du hast uns unser Leben auf diesem wunderbaren Planeten geschenkt. Wir danken Dir dafür. Erhalte uns den Blick dafür, dass wir nicht Schöpfer, sondern Geschöpfe sind.
(„Kyrie eleison“)
Dass wir Deine Erde bebauen und bewahren, das war und ist Dein Wille. Lass uns die Schöpfung bewahren. Lass uns sorgsam umgehen mit Pflanzen und Tieren, mit Wasser und Luft, mit Bodenschätzen und anderen Ressourcen.
(„Kyrie eleison“)
Wir bitten Dich für die Opfer von Naturkatastrophen: Hochwasser, Waldbrände, Erdrutsche und vieles andere. Ganz besonders bitten wir Dich für die Erdbebenopfer, die in der Türkei und in Syrien um das Überleben kämpfen. Lass sie Zusammenhalt und wirkliche Hilfe erfahren.
(„Kyrie eleison“)
Gesang: „Meine Hoffnung und meine Freude“
C: Gebet für unsere Kranken
Immer wieder erschrecken wir, wenn jemand aus unserem eigenen Umfeld schwer erkrankt: ein Angehöriger, ein Freund oder eine Bekannte. Menschen auch aus unseren Dörfern Menschen sind so schwer krank, dass wir um ihr Leben bangen müssen. Ihnen gelten die folgenden Worte des Römerbriefes:
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Gefahr oder Schwert?
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Gebet
Herr Jesus Christus, Du bist kranken Menschen nicht ausgewichen, sondern hast immer wieder den Weg zu ihnen gesucht. Du bist ihnen beigestanden in ihrer Angst und hast viele wieder gesund gemacht.
(„Kyrie eleison“)
Auf Dich hoffen wir, wenn wir an unsere Kranken denken. Wir denken an Menschen aus unserer Mitte, an Menschen aus unseren Orten. Manche unter ihnen ringen mit dem Tod.
(„Kyrie eleison“)
Wir bitten Dich, sei ihnen ganz nahe. Bewahre die Angehörigen vor Verzweiflung. Und lass uns immer wieder im Großen wie im Kleinen das Wunder erleben, wenn ein kranker Mensch wieder gesund wird.
(„Kyrie eleison“)
Gesang: „Behüte mich, Gott“
Fürbittgebet
Am Ende dieser Woche sagen wir Dir Dank, Herr, für Dein Geleit durch die letzten Tage. In unserem geschäftigen Alltag haben wir Dich manchmal vergessen, manchmal überhört, manchmal übersehen. Du hältst trotzdem an uns fest.
(„Herr, erhöre uns.“)
Im Blick auf die neue Woche macht uns heute schon dies oder jenes Sorgen. Gerade deshalb, Herr, lehre uns unterscheiden zwischen dem, was wir selbst tun können und sollen, und dem, was wir einfach Dir in die Hand legen dürfen.
(„Herr, erhöre uns.“)
Der Sonntag steht vor uns. Ein Tag, den Du uns geschenkt hast – zum Ausruhen, zum Kräftesammeln und zum Zusammensein mit unseren Mitmenschen. So stärke Du uns an Deinem Tag für die neue Woche.
(„Herr, erhöre uns.“)
(Stilles Gebet, Vater Unser).
Gesang: „Bei Gott bin ich geborgen“
Segen
Mögest du Ruhe finden,
wenn der Tag sich neigt und
deine Gedanken noch einmal die Orte aufsuchen,
an denen du heute Gutes erfahren hast.
Auf dass die Erinnerung dich wärmt
und gute Träume deinen Schlaf begleiten.
So segne und behüte dich der barmherzige und menschenfreundliche Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Schluss-Gesang: „Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen“
Liebe Gemeinde,
im Konfirmandenunterricht haben wir begonnen, über das Thema „Jesus“ zu sprechen – das werden interessante Wochen werden. Auch für uns Erwachsene wäre das interessant, vor allem deshalb, weil jede und jeder von uns so ganz eigene Vorstellungen über Jesus mitbringt – und manchmal ist es interessant, unser eigenes Jesus-Bild zu vergleichen mit dem, was die Bibel in den Evangelien über Jesus erzählt.
Ich nehme an, wir alle haben von Jesus ein ganz positives Bild – der Helfer, Heiler, Retter, Tröster. Doch bei seinen Zeitgenossen war Jesus sehr umstritten: Er hatte Feinde; unter anderem, weil Jesus manchmal ganz radikal zeigte, wie weit Gottes Liebe geht – und damit konnten vor allem die Frommen nicht umgehen, die glaubten, dass nur die frömmsten, gewissenhaftesten Menschen in den Himmel kämen.
Aber Jesus hat von einem Gott erzählt, der nicht einfach die Guten und Fleißigen belohnt und die Schlechten und Faulen bestraft. Damit nicht genug, ist Jesus noch einen Schritt weitergegangen und hat über die ganz andere Gerechtigkeit Gottes nicht nur gepredigt, er hat sie auch getan und andere Menschen spüren lassen. Davon erzählt uns zum Beispiel Matthäus im 9. Kapitel seines Evangeliums folgendes:
Als Jesus wieder einmal unterwegs war, sah er einen Men-schen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und Matthäus stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als Jesus zu Tisch saß im Hause des Matthäus, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: „Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Als das Jesus hörte, sprach er: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
Damals haben sich einige geärgert über Jesus, besonders die Pharisäer, die darauf achteten, dass alles in korrekten Bahnen verlief. Aber was sie jetzt hatten mitansehen müssen, das konnte nicht sein: Dass Jesus auf den Zöllner Matthäus zuging, war unmöglich. Zöllner waren verachtet und ausgestoßen, sie machten oft unsaubere Geschäfte.
Damit nicht genug: Nun aßen sie auch noch miteinander - Jesus und Matthäus und auch andere Sünder. Wer die waren, wird nicht gesagt, auf jeden Fall befand Jesus sich in absolut herunter gekommener Gesellschaft. So saßen neben den Zöllnern noch weitere ortsbekannte fragwürdige Existenzen am Tisch - etwa Betrüger, Säufer, Prostituierte und Taschendiebe. Das war es wohl, was die Pharisäer am meisten ärgerte: Da hatten sie immer ein gerechtes, gutes Leben geführt - doch Jesus hatte sie links liegen lassen und war bei denen eingekehrt, die nicht einmal ihre Gebete konnten.
So, liebe Gemeinde, finden sich in Jesu Gesellschaft die Anderen und nicht die Frommen. Das ist ein ganz empfindliches Thema; sogar so empfindlich, dass mir der Satz „Jesus liebt auch die Säufer“ vor 35 Jahren eine Anzeige beim Dekan eingebracht hat, anonym, wie unter Christen nicht unüblich…
Jesus in der Gesellschaft der Anderen, das hätte uns doch auch geärgert, oder? Ich stelle mir vor, Jesus käme hierher, nach Rheinau. Wir hätten einen Empfang der Kirchengemeinden vorbereitet, ökumenisch natürlich. Dann käme Jesus endlich, doch er würde auf Menschen zugehen, die wir hier in unseren Kirchen noch nie gesehen haben. Da würden wir uns doch auch ärgern, oder?
Jesus hat damals gesagt: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Deshalb MÜSSEN wir fragen: Wo ist bei uns Platz für die, die nicht glauben können; für die, denen Jesus unwichtig ist; für die, die nur das eigene Wohl vor Augen haben; für die, die lieber 1000 Euro verprassen als 10 Euro zu spenden?
Vielleicht müssten wir als Gemeinde ganz andere Wege gehen - vielleicht kämen dann auch noch andere. Dass Jesus ALLE dabei haben will, zeigt jedenfalls diese Geschichte.
Nun könnte der eine oder die andere von uns sich ärgern und denken: „Es geht nur um die, die nie da sind, und die werden fast heiliggesprochen.“ - Aber Moment mal, geht es wirklich nur um die? Sind die Sünder wirklich nur die Anderen?
Ich glaube das nicht. Denn das würde ja voraussetzen, dass WIR immer nur die Guten, die Gerechten sind. Nun muss das jeder und jede für sich selbst klären, aber wenn ich an mein eigenes Leben denke, da gibt es schon genügend Momente, in denen auch ich zu den Sündern gehöre; in denen auch ich das Gegenteil dessen tue, was Jesus uns geboten hat; in denen auch ich so lebe, als wäre mir Gottes Wort noch nie begegnet. Wahrscheinlich gibt es bei uns allen solche dunkle Flecken mehr als genug. Und wo wir an solchen dunklen Punkten unseres Lebens sind, wo uns wieder einmal unsere eigene Unvollkommenheit bewusst wird, da dürfen wir doch unheimlich froh darüber sein, dass damals wie heute an Jesu Tisch Platz ist für alle. Wäre an Jesu Tisch nur Platz für die Vollkommenen, dann müsste Jesus alleine essen.
Jesus ist also nicht nur für jene Zöllner und Sünder gekommen, sondern ist auch für uns da, und zwar da, wo wir einsehen, dass auch wir seine Vergebung brauchen. Deshalb ärgert mich diese Geschichte auch nicht, sondern sie tröstet und ermutigt mich ungemein.
Und am Ende gehen meine Gedanken noch einmal zum Wochenspruch: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Unsere Gerechtigkeit - die ist mitunter sehr, sehr begrenzt. Aber von SEINER Barmherzigkeit, von Gottes Liebe, davon ist genügend da – so viel, dass es für ALLE reicht: für uns selbst und für die Anderen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben eben eine Kirchengemeinderätin in ihr Amt eingeführt. Wären wir heute mit dem Gottesdienst in der Kirche, würden dort die roten Paramente am Altar hängen, die signalisieren: Wir feiern ein Fest der Kirche. Ein Fest, weil Menschen, die sich zur Mitarbeit im Kirchengemeinderat bereit erklären, immer seltener sind, fast schon vom Aussterben bedroht, und das hat drei Gründe:
Zunächst ist in unserer Gesellschaft die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, in den letzten 25, 30 Jahren extrem zurückgegangen. Bei sehr vielen Menschen lässt das Wort „Ich“ dem Wort „Wir“ meist nur noch wenig Raum. Nicht nur die Kirchen erleben das. Auch jeder Verein.
Weiter ist im Amt des Kirchengemeinderates eine kontinuierliche Mitarbeit gefragt. Es ist ein Amt, das auf eine längere Zeit ausgelegt ist; ein Amt, in dem vieles im Verborgenen geschieht; ein Amt, das Zeit kostet und Kräfte bindet.
Und schließlich ist es eben ein Amt in der Kirche in einer Zeit, in der massenhaft Menschen ihrer Kirche den Rücken zukehren, nicht wenige treten aus, manche haben zumindest innerlich mit der Kirche abgeschlossen, viele glauben einfach nicht mehr an Gott.
In dieser Zeit trotzdem bereit zu sein, in der Kirche mitzuarbeiten, das nötigt Respekt ab.
Es ist eine nicht einfache Aufgabe, aber es ist lohnend, in dieser Zeit diese Kirche mitzugestalten im Miteinander von gewählten Gemeindegliedern und dem Gemeindepfarrer dort die vier wesentlichen Aufgaben der Kirche erfüllen:
Die erste Aufgabe: an Gott erinnern.
„Die Kirche erinnert an Gottes Reich und an Gottes Willen.“ So heißt das in einer unserer Bekenntnisschriften. In einer immer orientierungsloseren Welt, in der der eigene Geschmack und das eigene Gutdünken für immer mehr Menschen zum einzigen Richtwert geworden ist, braucht es mehr denn je die Erinnerung an Gottes Willen und an Gottes heilsame Gebote.
Die zweite Aufgabe: Gott Dank sagen.
„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, sagt der Volksmund. Und oft meinen wir, dass wir selbst es sind, die es in der Hand hätten. Gerne sind wir stolz auf uns selbst, wenn uns etwas gelingt, und das dürfen wir fürwahr sein. Und doch, wir haben es nicht selbst in der Hand. Einige unter uns haben es selbst schon erlebt, wie unverfügbar unsere Gesundheit ist, und dass nicht ein Mensch seinem Leben auch nur eine Stunde hinzufügen kann. Aus diesem Grund sagen wir Woche für Woche – auch heute Morgen – im Gottesdienst Gott Dank für alles Gute, das war, und bitten ihn am Ende um seinen Segen und sein Geleit in die neue Woche.
Die dritte Aufgabe: in Freud und Leid da sein.
Unser Leben steht in der Spannung zwischen Glück und Leid. Und während die meisten Menschen ihr Glück gerne hinausposaunen, weitersagen oder in den social media posten, sind sie doch ganz allein, wenn ihnen Trauriges und Leidvolles geschieht. In unserer Gesellschaft der Erfolgreichen, Starken und Schönen haben Leid und Tränen keinen Platz. Aber hier, in der Kirche, in der Gemeinschaft der Getauften, da ist Raum für beides: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“ – dieser Satz aus dem Römerbrief ist eine 2000 Jahre alte und noch immer gültige Regel für das Miteinander in einer christlichen Gemeinde. Uns so, wie wir uns mitfreuen mit Taufeltern, Brautpaaren und Jubilaren, so nehmen wir gleichermaßen Anteil am Leid unserer Trauerfamilien, begleiten die Familien bei der Bestattung und beten für sie im Gottesdienst, so wie nachher auch für Sie und Ihren Verstorbenen, liebe Familie Bäuerle.
Die vierte Aufgabe: an die Schwachen denken.
„Kirche ist nur da Kirche, wo sie für andere da ist“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Die Kirche lebt vom Teilen und von der Diakonie, also vom Dasein für die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Deshalb wuchsen auf dem Boden der Kirche Einrichtungen wie „Brot für die Welt“ oder die Christoffel-Blinden-Mission, die wir beide im Konfirmandenunterricht kennengelernt haben. So lange es noch Arme auf der Welt gibt, müssen wir in der Kirche jeden Reichtum hinterfragen, auch unseren eigenen, so unbequem das sein mag.
An Gott erinnern - Gott Dank sagen - in Freud und Leid da sein – und an die Schwachen denken: vier Aufgaben, vier starke Argumente, warum es diese Kirche gerade jetzt braucht in einer gottloser und gottvergessener gewordenen Welt.
Wir tun das Unsrige dazu, investieren Zeit, Kraft, Ideen und auch Geld. Aber wir alleine bewegen nichts. Wir sind angewiesen auf Gottes Segen. Um diesen bitten wir immer wieder. So lasst uns nicht aufhören, miteinander Kirche und Gemeinde zu sein in einer Welt, die Gottes Nähe und seinen Geist des Friedens und der Gerechtigkeit dringender nötig hat als jemals zuvor.
Gebe Gott seinen Segen zu all unserem Tun!
Amen.
Liebe Gemeinde,
in der letzten Woche haben mehrfach Leute, die ich erstmals seit längerer Zeit traf, mir ein gutes neues Jahr gewünscht. Und jedes Mal habe ich gemerkt, wie weit für mich der Jahreswechsel schon weg ist und wie tief ich schon im Alltag des neuen Jahres stecke. Vor lauter Arbeit vergesse ich schon meist am 2. oder 3. Januar, dass gerade erst das neue Jahr begonnen hat. Und dass mich der Alltag so vergesslich macht, das ärgert mich. Denn, mal ganz ehrlich: Die Tage nach Neujahr wären doch ideal dafür, dass wir uns einmal grundsätzlich Gedanken machen über unser Leben und unsere Lebenszeit, die ja deshalb so kostbar ist, weil sie begrenzt ist.
Genau deshalb ist jetzt, am Anfang des neuen Jahres, ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten und zu überlegen: "Wie gehe ich mit der Zeit um, die Gott mir geschenkt hat?"
Was mir oft begegnet und worüber ich vor allem dann entsetzt bin, wenn ich es an mir selbst merke, ist, wie gerne wir Dinge in die Zukunft verschieben. Irgendwann, so sagt jemand, will ich einmal eine Weltreise machen. Irgendwann, sagt ein anderer, will ich einmal eine Woche lang nur in der Natur verbringen. Irgendwann, meint der dritte, will ich alles hinter mir lassen und neu anfangen.
Alles irgendwann - aber mit welchem Recht gehen wir davon aus, dass wir dieses "Irgendwann" tatsächlich erleben, wenn wir nicht heute damit anfangen? Wer sagt denn, dass nach Gottes Willen unser Leben dauert, bis wir steinalt sind? Nur
wenige von uns werden so alt werden wie Frau Geier und Frau Ehrhardt, derer wir heute gedenken.
Nun hat Gott uns Menschen so geschaffen, dass auch das Sich-Sehnen und das Wünschen dazugehört. Aber gleichzeitig hat uns Gott unser irdisches Leben nur befristet gegeben, und deshalb dürfen wir auch unser Leben dadurch bereichern, dass wir uns Wünsche erfüllen, oder es zumindest versuchen. Und zwar jetzt, in der Gegenwart.
Es geht wohl uns allen ähnlich: Wir leben zwar in der Gegenwart, aber viele Gedanken verbringen wir in der Zukunft. Das fängt schon von klein auf an. Wenn ein Kind geboren wird, achten wir schon bald auf seine Entwicklung, denken nach, wann die ersten Zähne kommen werden, wann es seine ersten Schritte machen, seine ersten Wörter plappern wird. Das ist alles gut so, aber bedenklich ist, wenn darüber der Augenblick, meinetwegen das Genießen vergessen wird.
Irgendwann werden die Kinder älter, sind gefüttert worden mit Sätzen wie "Wenn du einmal groß wirst", und deshalb haben viele von euch jungen Menschen vor allem eines im Sinn: möglichst bald 18 zu werden, um endlich zu dürfen, was die Welt der Erwachsenen ihnen verbietet. Ich denke, es geht euch ähnlich. Aber dann werdet ihr einmal 18 sein, werdet den Führerschein haben, Geld verdienen, werdet neue Wünsche und Träume haben, und dann kommt wieder dieser Ungeist und sagt dieses schreckliche Wort: "Später." Aber wenn ihr nur an später denkt, verpasst ihr die unbeschwerteste Zeit eures Lebens: Eure Jugend.
Irgendwann, längst erwachsen, entdecken wir, dass wir da und dort uns gar nicht hätten auf später vertrösten müssen, dass da und dort Gott uns tatsächlich Möglichkeiten angeboten hat, das Hier und Jetzt zu genießen, aber in unserem Wahn, alles zu verschieben, haben wir dieses Angebot Gottes ausgeschlagen.
Ich weiß wirklich, wovon ich rede. Zu viele Menschen habe ich schon beerdigt, die ihr Leben lang auf dieses ominöse "Später" hin gelebt haben, es aber nicht mehr erleben durften.
Bitte nicht falsch verstehen! Ich will niemandem einreden, dass jede Stunde seine letzte sein könnte. Aber da die Predigt ja auch Lebenshilfe sein darf, will ich das weitergeben, was ich bei so vielen Menschen beobachte.
Wir haben nur ein irdisches Leben, und Gott lädt uns ein, unsere Zeit bewusster zu leben und zu erleben.
Vielleicht hilft es uns dabei, wenn wir den Morgen - ob im Urlaub oder während der Arbeits- und Schulzeit - nicht damit beginnen, dass wir fluchend den Wecker ausschalten, sondern uns noch eine Minute nehmen, um den Tag mit einem Gebet zu beginnen, in dem wir Gott danken für diesen neuen Tag und für das Leben, das uns auch heute wieder geschenkt wird.
Genauso tut es uns gut, wenn wir - gewissermaßen als Gegenmittel gegen diese schnell-lebige Zeit - jeden Abend noch einmal innehalten, den Tag an uns vorbeiziehen lassen und im Gebet Gott für den Tag danken und ihn um Kraft bitten für den neuen Tag.
Wahrscheinlich ist keine Zeit im Jahr besser dazu geeignet, damit anzufangen, als diese ersten Wochen des Jahres. Und vielleicht merken wir sehr bald, wie Gott in unserem Leben wirkt und uns Zeit schenkt: Zeit zum Staunen, Zeit zum Genießen, Zeit zum Neu-Werden, Zeit zum Kräftesammeln - Zeit zum Leben. Ich wünsche es uns allen.
Amen.
KURZPREDIGT AM 8. JANUAR 2023
(Vorbemerkung: Diese Predigt bezieht sich auf die in diesem Gottesdienst verlesene Erzählung "Kabals Traum" von Maria Herrmann. Au Copyright-Gründen kann sie hier nicht abgedruckt werden.)
Liebe Gemeinde,
ich will nun keine lange Predigt halten. Ich will Ihnen und euch nur kurz erzählen, warum ich uns diese Geschichte ausgesucht habe, und da gab es ganz verschiedene Gründe:
- Dass die Menschen aus dem Osten nicht als Könige dargestellt werden, dass sie nicht Kaspar, Melchior und Balthasar heißen, und dass keiner von ihnen schwarz ist — denn im Irak lebten damals keine Schwarzen - dass unsere Geschichte also von diesen traditionellen Dreikönigs-Hinzudichtungen befreit ist, das macht sie mir schon einmal sympathisch.
- Dass die Weisen die heilige Familie in einer Felsenhöhle finden und nicht im Stall, das ist auch bemerkenswert; und in der Tat wird nirgendwo in der Bibel ein Stall erwähnt.
- Mir gefällt es auch, dass die unangenehmen Kehrseiten von Kabals spontanem Aufbruch nicht verschwiegen werden. Der hat Frau und Kind zu Hause, und macht sich einfach davon.
- Aber gleichzeitig gefällt mir Kabals Eifer. Er hat seine Überzeugung gefunden, und das zieht er jetzt durch.
- Cimbal, der andere Magier, beeindruckt mich: Der hat die Myrrhe für das neugeborene Kind dabei - und benutzt einen Teil davon, um einem Mitmenschen etwas Gutes zu tun, nämlich dem fieberkranken Kabal.
- Und diese Erfahrung bringt Kabel nun zu einer ganzen Reihe von Einsichten. Zunächst einmal erkennt er, dass der neugeborene König nicht im Palast zur Welt gekommen ist. Dann lernt er, dass er dem Kind nichts Gutes tun kann und muss; es ist nicht auf ihn angewiesen. Und Kabal schließlich versteht auch, dass es zwar schön ist, nach den Sternen zu schauen und vor dem neugeborenen König zu knien, aber dass das nicht alles sein kann. Bei den Menschen, mit denen er unter einem Dach lebt, da, so begreift er, ist sein Platz.
Und das ist es, was ich uns allen ans Herz legen will: dass wir die Weihnachtszeit nun wieder langsam loslassen. Wenn wir uns an dem orientieren, was das kleine Kind später gepredigt hat, dann wird auch uns, ähnlich wie dem Kabal, gesagt: Es ist zu wenig, wenn dein Blick nur zwischen Himmel und Krippe her pendelt. Gottes Liebe ist in Jesus als Mensch erschienen, damit wir diese Liebe und Wärme aus der Krippe weitergeben an möglichst viele, die uns begegnen. Und dazu ist nun wieder fast ein Jahr lang Zeit.
Amen.
DAS JAHR IM RÜCKBLICK
Das große Thema in unserer Gemeinde war auch 2022 die Kirchensanierung. Leider hat ein Gewerk sich nicht an vereinbarte Zeitabläufe gehalten – so steht das Gerüst immer noch.
Das Wichtigste an der Sanierung ist, dass es keine Unfälle gab. Natürlich ist auch gut, dass die Kosten sich im veranschlagten Rahmen hielten. Sehr viele Menschen haben für die Sanierung gespendet – vielen herzlichen Dank dafür.
Ebenso wichtig wie das Gebäude ist das Innenleben unserer Gemeinde. Bei uns ist jeder und jede willkommen. So machen wir Ernst der Jahreslosung 2022, die mit Worten Jesu sagte: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."
Alle sind hier willkommen – von der Kinderkrippe bis zur Seniorengruppe, im Konfi-Unterricht wie im Gottesdienst.
Wir feiern unsere Gottesdienste in bunter Vielfalt und gehen immer wieder neue Wege. Dabei freuen wir uns über die Mitfeiernden, nehmen die Zahl derer, die um die Gottesdienste einen großen Bogen machen, zur Kenntnis – und schließen sie in unsere Gebete mit ein.
Immer wieder schenkt Gott uns Menschen, die einen Teil ihrer Freizeit nutzen, um an einer oder mehreren Punkten im Gemeindeleben mitarbeiten. Dafür bin ich dankbar.
Es werden bald große Umstrukturierungen auf alle evangelischen Kirchengemeinde, auch unsere, zukommen. Ich persönlich habe meine eigene Meinung dazu. Aber wie auch immer, ich bin überzeugt: Gott als der Herr der Kirche wird unser Schiff Gemeinde mit Sicherheit nicht untergehen lassen.
Wenn wir nun den Blick von unserer Kirchengemeinde weg und hin auf die weltweiten Themen des Jahres 2022 richten, dann sind da viele Katastrophen, an ein paar davon erinnern wir uns ganz besonders:
· Da sind die Kriege auf der Erde, ganz besonders der Überfall Russlands auf die Ukraine; Krieg ist auch in Myanmar, im Jemen und in vielen Ländern Afrikas.
· Da ist das entsetzliche Unrecht in mehreren islamischen Ländern, wo gewalttätige Religionsfanatiker den Frauen all ihre Grundrechte geraubt haben und keine Frau mehr ihres Lebens sicher ist.
· Da sind die brutalen Diktatoren, die ihre Völker knechten und jegliche freie Meinungsäußerung brutal bestrafen.
· Da ist die Corona-Pandemie, die auch nicht dadurch harmloser wird, dass verantwortungslose Politiker sie für beendet erklären. Die Nachrichten, die zurzeit aus China kommen, sollten uns hellhörig machen.
· Da sind die weltweiten Wetter- und Klimaveränderungen, die sich zeigen in Waldbränden, in sintflutartigen Hochwassern, in sterbenden Gletschern und aussterbenden Tierarten.
· Da sind bei uns auch die explodierenden Kosten zu nennen, die viel zu viele Menschen in unserem Wohlstandsland an den Rand des Existenzminimums gedrängt haben.
· Und da gibt es schließlich bei vielen Menschen ein Grundgefühl des Protestes, das sich in Gewalt entlädt, in Hass, in zerstörerischen Aktionen und bei vielen extremen Gruppierungen mittlerweile fast selbstverständlich dazugehört. Klar, Protest ist ein demokratisches Grundrecht; aber Gewalt ist immer ein Verbrechen.
Soweit die großen, öffentlichen Katastrophen – nicht zu vergessen die persönlichen Katastrophen, die manche unter uns in diesem Jahr erleben und durchleben mussten.
All diesen Katastrophen stehen wir hilflos und machtlos gegenüber. Was hilft?
Mir wurde in diesen Tagen ein Gedicht von Norbert van Tiggelen geschickt, das uns die Hoffnungen das Jahr 2023 erhält:
Hoffnungslicht
Gerade jetzt in diesen Zeiten
brauchen wir verdammt viel Mut;
Hoffnung, dass sich manches wendet,
Einklang fließt statt Menschenblut.
Weisheit, um korrekt zu handeln,
rücksichtsvoll zum Nächsten sein,
dass die kleine schwache Seele
spürt, sie ist nicht ganz allein.
Optimismus, um zu handeln,
dass der Glaube niemals bricht.
Darum möchte ich euch bitten:
Reicht es weiter, dieses Licht!
Lichter der Hoffnung brauchen wir – und alle anderen. Solche Lichter lasst uns jetzt entzünden und in den großen Lichterbaum zu stellen. Während wir die Hoffnungslichter entzünden, spielt die Orgel Taizé-Melodien, wir können natürlich gerne mitsingen.
Gott segne unsere Hoffnungen für das Jahr 2023! Amen.
PREDIGT ZU DEN WEIHNACHTSFEIERTAGEN 2022
Liebe Gemeinde,
von Kindesbeinen an gehört es für mich neben Essen und Geschenken zum Heiligabend dazu, dass unterm Weihnachtsbaum gesungen wird. Bei uns zu Hause war meinem Vater sehr wichtig, dass ein bestimmtes Lied immer gesungen wurde, nämlich „Süßer die Glocken nie klingen“. Als Kind habe ich dieses Lied gemocht, später fand ich es lange Zeit kitschig und peinlich. Erst im reiferen Alter habe ich verstanden, warum meinem Vater dieses Lied so viel bedeutete: Er, Jahrgang 1928, war mit nicht einmal 16 Jahren in den Krieg eingezogen worden und musste an der Westfront um sein Leben kämpfen. Vermutlich saßen er und seine Kameraden an Heiligabend 1944 in irgendeinem Schützengraben oder aufgelassenen Gebäude – und in solch einem Moment, stelle ich mir vor, wird die Sehnsucht wach nach einem Ende des schrecklichen Tötens und Getötet-Werdens, die Sehnsucht nach Frieden.
Und diese Sehnsucht nach Frieden atmet mehr noch als andere Weihnachtslieder eben dieses eine Lied: „Süßer die Glocken nie klingen“.
Die Melodie stammt von einem thüringischen Volkslied. Den Text verfasste der Theologe Friedrich Wilhelm Kritzinger aus Droyßig, einem thüringischen Dorf, nicht größer als Rheinbischofsheim. Am besten verstehen wir das Anliegen dieses Liedes, wenn wir in die Zeit seiner Entstehung hineinschauen:
Über 60 Jahre lang herrschte damals schon Unfrieden in Deutschland: Erst waren Napoleons Soldaten zwei Mal plündernd durch Deutschland gezogen, dann gab es überall in Deutschland Unruhen und Revolutionen; Krieg drohte zwischen Deutschland und Frankreich; und im Jahr 1866 hatte der sogenannte Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich fast 100.000 Menschen das Leben gekostet. Dann wurde Frieden geschlossen. Die Bevölkerung atmete auf. Alle hatten den Krieg satt, sehnten sich nach einem dauerhaften Frieden. Und genau in diesem Jahr der Friedenssehnsucht, zu Beginn der Adventszeit, veröffentlichte Friedrich Wilhelm Kritzinger den Text von „Süßer die Glocken nie klingen“.
Gleich in der ersten Strophe heißt es: „Ist, als ob Engelein singen wieder von Frieden und Freud.“ Diese Hoffnung trägt das ganze Lied.
„Klinget mit lieblichem Schalle über die Meere noch weit“, heißt es in der dritten Strophe. Nun liegt Thüringen ja alles andere als am Meer. Wieso ist dann hier vom Meer die Rede? Ich kann es mir am besten so erklären: Die Menschen in jener Zeit hatten auch ohne Internet mitbekommen, dass vier Jahre lang über dem Meer, in Amerika, ein blutiger Bürgerkrieg gewütet hatte, mit einer dreiviertel Million Toten. Die Sehnsucht nach einem dauerhaften Frieden war also sehr, sehr groß.
Doch die Hoffnung auf Frieden erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil: es folgten seither die blutigsten Kriege der Menschheitsgeschichte. Und in diesem Jahr ist der Krieg erschreckend nahe an unsere Grenzen gekommen und hat hier bei uns ein Gesicht bekommen durch die Gesichter vor allem der Kinder und Frauen aus der Ukraine. Dass es der erste Krieg in Europa seit 70 Jahren ist, heißt es oft. Das stimmt nicht. Es gab vor 30 Jahren den Balkankrieg – der war aber für uns nicht spürbar, so dass selbst Politiker oft diesen Krieg und seine 150.000 Toten vergessen.
Auf jeden Fall haben wir nun wieder, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, eine Kriegsweihnacht in Europa. - Wir haben Krieg in Europa, und alle haben wir Sehnsucht nach Frieden – im Adventskonzert und an Heiligabend, liebe Chor-Mitglieder, haben Sie uns mit Ihren Liedern eindrucksvoll diese Sehnsucht spüren lassen.
Dieser Friedenswunsch wird auch im Lied „Süßer die Glocken nie klingen“ am Ende noch einmal laut, wenn es dann heißt: „dass sich erfreuen doch alle seliger Weihnachtszeit“.
Ein ganz kleines Wort ist da ganz wichtig: „alle“. Alle sollen Frieden haben, und es wollen ja auch alle Frieden haben: Ukrainer und Russen, Israelis und Araber, Türken und Kurden, Myanmarer und Rohingya, in jedem Volk der Erde wünscht die große Mehrheit der Menschen sich den Frieden.
„Frieden auf Erden“ haben die Engel verkündet, bitten wir Gott, dass sich Wege dorthin öffnen.
Friede soll auch werden in unserem eigenen Land, das zerrissen ist wie nie zuvor. Frieden möge sein in unseren Dörfern, in unseren Familien, an unseren Arbeitsplätzen, in unserem eigenen Alltag.
Ein Friede, den Gott uns versprochen hat; ein Friede, den der Engel verkündet hat; lasst uns die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben und selbst Frieden schaffen, wo auch immer wir dazu in der Lage sind.
Amen.
PREDIGT AN HEILIGABEND 2022
Liebe Gemeinde,
selten ist mir im Vorfeld von Heiligabend so viel Nachdenklichkeit begegnet wie in diesem Jahr. Einige dunkle Wolken haben uns das Leben in diesem Jahr recht schwer gemacht: Viele fürchten sich vor einem Krieg; nicht weniger Menschen fragen sich, ob sie das teure Leben überhaupt noch bezahlen können; immer massiver wird die Umwelt zerstört; und, und, und.
Auf die Frage nach der Zukunft zucken viele resigniert die Schultern und sagen: „Die Zukunft steht in den Sternen.“
Dieser Satz klingt traurig, aber er ist so vollkommen richtig: Die Zukunft steht in der Tat in den Sternen. Klar und deutlich ist sie an den Himmel gemalt mit dem Gesang der Engel bei Christi Geburt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
Das ist seit 2000 Jahren Gottes Weihnachtsbotschaft an seine Menschen, und nie war sie nötiger als jetzt und heute, an Heiligabend 2022.
Sie hat drei Kerngedanken:
Botschaft 1: „Ehre sei Gott in der Höhe!“
Die erste Botschaft wird kaum noch gehört in dieser Gott vergessenden Zeit. Die an Gott glauben, sind in unserem Land zur Minderheit geworden. Gott wird nicht geehrt. Gott hat nur noch wenige Fans, Jesus nur noch wenige Nachfolger, Follower. Heute muss es zum Beispiel eher heißen: „Ehre sei Messi!“ Eine halbe Milliarde Follower und 58 Millionen Likes in zwei Tagen sprechen eine deutliche Sprache.
„Ehre sei Gott!“ Aber wer ehrt Gott heute noch? Wem ist Gott noch wichtig? Uns hier zum Beispiel, hoffe ich. Und Millionen Anderer, die heute durch ihren Kirchgang bezeugen, dass Weihnachten mehr ist als Geschenke und Essen. Millionen, die heute nicht Feliz Navidad singen, sondern wie nachher auch wir bekennen: „Welt ging verloren, Christ ist geboren.“
Liebe Gemeinde, die Welt geht wirklich vollends verloren, wenn der Glaube untergeht; wenn die Menschen vergessen, woher der Segen kommt; wenn sie nur noch nach eigenen Regeln leben; wenn sie meinen, alles selbst in der Hand zu haben.
Weil wir Heiligabend also in einem überwiegend Gott-losen Land feiern, bekommen wir heute den gleichen Auftrag wie damals die Hirten: nämlich anderen Menschen zu erzählen, was wir erleben an der Krippe; erzählen, wer uns Halt und Kraft gibt, und wie gut es tut, auf einen Gott zu vertrauen, der mich nicht bewertet nach Stärken und Schwächen, sondern Ja zu mir sagt ohne jegliches Wenn und Aber. „Ehre sei Gott!“
Botschaft 2: „Friede auf Erden!“
Wo Menschen gottlos geworden sind, sehen sie im anderen nicht mehr das Mitgeschöpf, sondern immer öfter den Konkurrenten. Im Fremden wird dann nicht mehr die Vielfalt der Geschöpfe Gottes entdeckt, sondern eine Bedrohung. Und auf diesem Nährboden entstehen Streit und Krieg.
„Friede auf Erden“ – in der Bibel steht da oft >Schalom<. Das bedeutet mehr als „kein Krieg“. Schalom heißt: Es soll uns an nichts fehlen; kein Streit soll sein; und wir sollen gut leben können, in Gerechtigkeit, Zuversicht und Lebensfreude.
Der 3. Teil der Weihnachtsbotschaft des Engels wird oft vergessen: „Menschen seines Wohlgefallens“ sind wir für Gott. Gott freut sich, dass es uns gibt. Gott liebt Sie und Dich und mich, uns alle, mit der ungemeinen Kraft, wie nur eine Mutter oder ein Vater zu lieben im Stande sind.
Ein Beispiel: Wenn euer Kind oder Enkelkind aus der Schule eine gute Note heimbringt, freut ihr euch. Bei einer schlechten Note - liebt ihr es dann weniger? Nein, ganz bestimmt nicht. Und genauso ist es mit Gottes Liebe zu uns: Bei allem, was uns gelingt, freut Gott sich mit uns mit. Aber Gott sagt auch Ja zu aller Unfähigkeit, Verlogenheit, Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit unseres Lebens; Gott steht auch da hinter uns, wo wir Unrecht tun; Gott hält uns fest auch in Momenten der Traurigkeit und Bitterkeit. Gott weicht nicht, sondern hält uns fest und hält uns aus – jeden Tag unseres Lebens.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ - die Weihnachtsbotschaft. Wir können sie Wirklichkeit werden lassen in unserem Alltag in ihren drei Schritten:
· Wir begnügen uns nicht mit dem Jesuskind in der Krippe, sondern lassen Gott von neuem in unserem Leben zur Welt kommen.
· Wir leisten ganz bewusst EINEN Beitrag zum biblischen Frieden, zum Schalom, so dass irgendwer neu und besser leben kann, egal ob hier oder in der weiten Welt.
· Wenn wir nachher hinausgehen in die Christnacht, lassen wir das Ja Gottes weiterwirken, indem jede und jeder von uns ganz bewusst Ja sagt zu all seinen Mitmenschen, auch zu denen, von denen mich manches trennt.
Auf diese Weise können wir heute Abend am Himmel der Ungewissheiten drei Sterne leuchten lassen, die uns auf unserem Weiterweg durchs Leben leiten. Sie heißen Ja zu Gott; Ja zum Frieden; Ja zum Mitmenschen.
Und in dem Moment, da diese drei Sterne an unserem Himmel erstrahlen, da kann es endlich richtig Weihnachten werden.
Amen.
PREDIGT AM 4. ADVENT (18.12.2022)
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben Sie noch den Wochenspruch im Ohr, den wir auch in der Schriftlesung gehört haben: „Freuet euch in dem Herren allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Denn der Herr ist nahe!“
Sich freuen – wo doch Menschen in der Ukraine vor den russischen Raketen und vor der Kälte in U-Bahn-Schächten Weihnachten feiern müssen? Sich freuen – angesichts von Inflation, Kriegsangst und Energieknappheit in unserem eigenen Land? Sich freuen – in einem Land, in dem nicht einmal genügend Medizin für Kinder da ist?
Vieles kann uns in dieser Zeit die Vorfreude trüben. Und dennoch hören wir in der Bibel: „Freut euch!“ Und die Bibel gibt auch gleich die Antwort, warum wir uns freuen sollen und dürfen: „Der Herr ist nahe!“
Sechs Tage vor Heiligabend darf man das sagen; und da darf und muss man als Predigender seine Gemeinde daran erinnern, dass dieses Kind, um das es an Heiligabend geht, an Leib und Leben bedroht war, von Anfang bis zum Tod am Kreuz. Vor allem dürfen wir uns daran erinnern: Dieser Jesus ist bis heute auch da, wo Menschen leiden, weinen, alles verlieren. Und daher in der Tat: „Freuet euch! Denn der Herr ist nahe!“
Aber wie ist das eigentlich mit der Freude? Ist sie schon in uns, diese Adventsfreude, die Vorfreude auf Weihnachten?
Oder steuern wir routiniert wie jedes Jahr durch den Dezember zwischen Vorbereitungen und Planungen auf den Heiligabend zu, an dem wir dann wohl „O du fröhliche“ singen, aber uns nur wenig von dieser Fröhlichkeit und Freude anzumerken ist? Wie ist das mit unserer Weihnachtsfreude? Ist sie schon in uns? Ist sie in einer stillen Stunde am Adventskranz schon gekommen? Oder am Mittwoch mit dem ersten Schnee? Oder wird sie erst mit der Heiligabendausgabe der Tageszeitung kommen?
Als Kinder mussten wir nicht zur Freude ermuntert werden. Denn als Kinder hatten wir die Gabe, etwas mit uns geschehen zu lassen, etwas auf uns einwirken zu lassen. Und so waren wir vom ersten Adventssonntag an offen für das, was da kommen sollte: nicht die Geschenke, sondern all das Geheimnisvolle, das in der Luft lag und das Paul Gerhardts Lied so beschreibt: „Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren.“ So konnte die Freude ohne Hindernis bei uns einziehen - weil wir offen waren und uns faszinierte, was da mit uns geschah.
Doch nun, als Erwachsene, lassen wir es kaum mehr zu, dass etwas mit uns geschieht oder mit uns gemacht wird. Wir sind gewohnt, die Kontrolle über alles zu behalten, auch über unsere Gefühle, auch über unseren Glauben.
Doch die Weihnachtsfreude wird nur den ergreifen können, der die Kontrolle über sich selbst abgibt und sich ganz ausliefert an Gott und an das Geheimnis von Weihnachten, das in dem denkbar einfachen Satz besteht, dass Gott uns Menschen so sehr liebt, dass er uns in Jesus zum Bruder geworden ist.
Das mit dem Verstand zu begreifen, scheitert; der sagt uns nämlich: „Das ist doch ein alter Hut.“ Recht hat er, der Verstand, denn für ihn wiederholt sich alle Jahre wieder nur die Geschichte mit der Krippe und den Hirten. Mehr von Gottes Wahrheit wird der Verstand nie ergreifen können, und deshalb reicht es ihm auch nicht zur Weihnachtsfreude.
Aber wo wir an die ganze Geschichte herangehen wie ein Kind, offen und erwartungsvoll, da kann etwas geschehen; und es wird etwas geschehen.
Wo wir still werden können in aller Hektik, wo wir nicht mehr alles selber unter Kontrolle behalten wollen, sondern Raum schaffen für Gottes Tun, da lässt Gott uns auf einmal Teil haben an jenem wunderbaren Geschehen; da spüren wir, dass Gott zu uns selber gekommen ist; da wächst in uns langsam die stille Vorfreude, um an Weihnachten überschäumend zu bekennen: „Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden uns werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!“
Sechs Tage noch bis Heiligabend, ich wünsche uns, dass wir angesteckt werden – nicht mit Corona oder der Grippe, sondern mit der Freude auf Weihnachten.
Amen.
PREDIGT AM ZWEITEN ADVENT (BARBARATAG, 4. Dezember 2022)
Lebenslauf Barbara
Barbara lebte wohl am Ende des 3. Jahrhunderts im heutigen Izmit in der Türkei. Da ihr Vater wohlhabend war, ließ er sie gut ausbilden und ihr dafür ein Zimmer in einem Turm einrichten, das sie nicht verlassen durfte. Als hübsche, junge Frau sollte sie nach dem Willen ihres Vaters heiraten.
und davon abgehalten werden, den christlichen Glauben anzunehmen.
Durch ihre Lehrer lernte Barbara das Christentum kennen, ließ sich heimlich taufen und sich ein Badezimmer bauen, das sie als Betraum nutzte. Ihr Vater erfuhr von ihrem Glauben, als er sie mit einem reichen, jungen Mann verheiraten wollte. Barbara floh aus dem Turm und versteckte sich zwischen Felsen. Ein Hirtenjunge verriet sie an den Vater. Dieser folterte seine Tochter und brachte sie zum Burggrafen Martian, der Barbara zum Tod durch Enthauptung verurteilte.
Barbara blieb ihrem Glauben trotz Folter treu. Auf dem Weg zum Gefängnis blieb sie mit ihrem Gewand an einem Zweig hängen. Sie stellte den abgebrochenen Zweig in ein Gefäß mit Wasser. Er blühte an dem Tag auf, an dem sie für ihren Glauben sterben musste, am 4. Dezember 306.
Liebe Gemeinde,
Barbara ist eine besondere der vielen Heiligen der katholischen Kirche, denn sie wird zu den 14 Nothelferinnen gerechnet, ganz besonders als Helferin für Sterbende und für Bergleute. Für uns Protestanten gibt es weder Heilige noch Nothelfer/innen – und doch bin ich so fasziniert von jener Frau namens Barbara, dass ich ihr heute einen eigenen Gottesdienst widme.
Zum einen, weil sie für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau war, die sich von ihrem patriarchalischen Vater weder den Ehemann noch den Glauben vorschreiben ließ und sich dem eigenen Vater sogar massiv widersetzte, indem sie floh.
Zum anderen begeistert mich an Barbara, dass sie zu ihrem Glauben stand, gerade als es schwierig wurde. Sie musste von Anfang an damit rechnen, ihr Leben zu verlieren, wenn sie sich als Christin outete. Und obwohl sie diese Risiken kannte, obwohl der eigene Vater sie folterte, obwohl ihr der sichere Tod drohte – Barbara blieb standhaft in ihrem Glauben.
Als Protestanten fällt uns natürlich Martin Luther ein, der vor dem Kaiser auf dem Reichstag genauso fest zu seinem Glauben stand: „Hier stehe, ich kann nicht anders.“ Auch denke ich an die ungezählten Christinnen und Christen, die in der Nazi-Zeit mutig zu ihrem christlichen Glauben standen, bis zu ihrer Hinrichtung. Und an unsere Landsleute aus der damaligen DDR – wie viele bezahlten für ihren Glauben in den Stasi-Folterkammern in Bautzen, Hohenschönhausen und anderswo mit dem Leben!
Dass Menschen für ihren Glauben leiden müssen, ist kein Relikt aus der Vergangenheit, leider. Weltweit müssen 340 Millionen Christen mit erheblichen Verfolgungen rechnen, die von sozialer Ächtung über Gefängnis bis zur Todesstrafe reichen. Und es gibt darüber hinaus auch Nicht-Christen, die massenhaft für ihren Glauben sterben müssen: Es trifft ebenso die muslimischen Uiguren in China und die Rohingya in Myanmar.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was hat das alles mit der Adventszeit zu tun? Es ist eine ganze Menge:
Da ist zum einen die Tatsache, dass von Anfang an eine wesentliche Botschaft der Adventszeit an Menschen ging, die in Angst und Not lebten und denen gesagt wurde: „Auch wenn es jetzt noch so dunkel und traurig um euch und in euch ist, Gott verlässt nicht. Haltet an der Hoffnung und an eurem Glauben fest, der Glaube und die Hoffnung werden euch zum Licht in dunkler Nacht!“
Zum zweiten, und da komme ich wieder auf Barbara zurück, ist da noch die Sache mit dem Zweig. Im Dunkel des Gefängnisses, gerade in der tiefsten Finsternis, an ihrem Sterbetag, beginnt er zu blühen, wird der zum Tode verurteilten Barbara zu einem Zeichen und einem Versprechen dessen, dass am Ende das wahre Leben siegt, das Leben in den Armen Gottes.
Und deshalb, das ist nun die dritte Berührung mit der Adventszeit, sind viele der schönen Adventslieder, die wir kennen, von Menschen geschrieben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen. Das gilt auch für alle Lieder, die wir in diesem Gottesdienst zum Barbara-Tag gesungen haben und singen:
„Macht hoch die Tür“ und „Nun jauchzet all ihr Frommen“ entstanden mitten im 30-jährigen Krieg. Paul Gerhardt schrieb „Wie soll ich dich empfangen“, nachdem ihm Frau und Kinder durch die Pest entrissen worden waren. „Die Nacht ist vorgedrungen“ schrieb Jochen Klepper während der Zeit, als die Nationalsozialisten ihn zwingen wollten, seine jüdische Frau zu verlassen; und im Advent 1944 schrieb Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis in Tegel, wo er täglich mit seinem Tod rechnen musste, mit „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ etwas, das wie ein Licht aus finsterster Nacht bis heute strahlt.
Gott schenkt uns Licht in Dunkeln, Hoffnung in Aussichtslosigkeit und neues Leben im Angesicht des Todes – das ist die bleibende Botschaft der mutigen Barbara und unserer Vorfahren im Glauben, die so tröstliche Adventslieder geschrieben haben.
Ich wünsche uns die Erfahrung, dass Gott auch in unserem Leben jede Dunkelheit in eine neues Licht verwandeln kann und jedes Leid in neue Hoffnung.
Amen.
PREDIGT AM 1. ADVENT (27.11.2022)
So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.
(Jesaja 63, 15 - 64, 3)
Liebe Gemeinde,
der Bibeltext, den wir gerade gehört haben, klingt anders als das, was unseren Advent bestimmt: keine Rede von Kerzen, Tannenzweigenduft usw. Und doch führen diese Bibelverse uns genau da hin, worum es im Advent ursprünglich geht: Gottes Ankunft in dieser Welt.
Um das zu verstehen, gehen wir gedanklich 2500 Jahre zurück, ins biblische Israel. Die Menschen dort waren verzweifelt. Denn immer war für sie der Tempel in Jerusalem der Ort gewesen, an dem sie Gottes Gegenwart spürten. Aber dann zerstörten die Babylonier den Tempel und viele Israeliten mussten in die Verbannung nach Babylon. Da fühlten sie sich im wahrsten Sinn des Wortes von Gott und der Welt verlassen.
Erst hofften sie noch, dass Gott sie wieder in die Heimat führen werde. Aber die Jahre vergingen, und nichts tat sich. So wurden die Zweifel stärker, und viele fragten sich, ob es einen Gott, von dem man nichts hört und sieht, überhaupt gibt.
Vor diesem Hintergrund entstand das Gebet, das wir in der Lesung gehört haben. Es ist bis heute das Gebet derer, die von Gott ein Zeichen brauchen, weil sie dann leichter glauben können.
Dieses Gebet hat auch mit uns zu tun. Auch wir erleben Momente, in denen wir uns wünschen, dass Gott eingreift ins Weltgeschehen und unser eigenes Leben: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!" So einen Gott hätten wir gerne. An so einen Gott, der für Gerechtigkeit sorgt in der Welt und kein Leid zulässt, könnten wir auch leichter glauben.
Denn eine und dieselbe Frage steckt hinter dem alten Gebet genauso wie hinter den Zweifeln, die in vielen heute stecken: Wenn es Gott wirklich gibt, warum gibt es dann so viel Leid?
Manchmal ist diese Frage berechtigt: Ich denke an die, die über den Verlust eines Menschen nicht hinwegkommen; und an die, die noch so viel vorhatten, denen aber ein Schlag alles zunichte machte; an Angehörige von Unfall- und Verbrechensopfern. "Wenn es Gott wirklich gibt, warum gibt es dieses Leid?" Fragen, auf die niemand in ein paar Sätzen antworten kann. Aber am Ende der Zeit, wenn wir in Gottes ewigem Reich ankommen, werden wir die Antworten finden.
Nun höre ich oft auch ganz andere Fragen: Wieso lässt Gott es zu, dass Menschen in anderen Ländern gefoltert werden? Kann es einen gerechten Gott geben, wo doch weltweit Menschen verhungern? Warum lässt Gott die Menschen in diesem Elend alleine? Manche sagen sogar: "Ich kann nicht an einen Gott glauben, der all das zulässt."
Aber dürfen wir Gott ALLES in die Schuhe schieben? Ist etwa Gott verantwortlich für den Hunger in der Welt? Ist etwa Gott schuld daran, dass Menschen gefoltert und getötet werden? Hat etwa Gott Putin damit beauftragt, Krieg zu führen?
Liebe Gemeinde, nicht weil Gott es so wollte, sondern weil viele wegschauen - deshalb gibt es Hunger, Leid und Krieg gerade in armen Ländern. Es ist nicht richtig, Gott dafür verantwortlich zu machen.
Gehören wir auch zu denen, die wegschauen?
Manchmal könnten wir schon dadurch Not lindern, dass wir uns für jemanden Zeit nehmen. Oder dass wir denen, die materielle Nöte haben, da und dort auch etwas abgeben.
Vielleicht beten gerade jetzt hungernde Menschen in Afrika: 'Fahre vom Himmel herab und greife in mein Leben ein'. Vielleicht betet gerade jetzt ein verzweifelter Mensch in unserer Gemeinde: 'Gott, hilf mir in meiner Einsamkeit und lass mich deine Liebe spüren.' Vielleicht betet gerade jetzt ein Schüler: 'Gott, hilf mir, dass sie mich morgen in der Schule nicht wieder mobben.' Ich traue Gott zu, dass er diesen Menschen helfen kann - aber nicht vom Himmel herab, sondern durch andere Menschen, vielleicht durch jemanden von uns.
Denn dass Gott vom Himmel herabfährt auf die Erde, dass Gott in das Leben eines notleidenden Menschen eingreift, das erledigen oft Gottes Boten. Engel werden diese Boten genannt, aber Engel müssen keine geflügelten Wesen sein. Ein Engel kann sehr menschliche Züge annehmen, und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Gott auch Sie oder dich oder mich für die neue Woche beauftragt, einem anderen Menschen ein Engel zu werden und ihn so Gottes Liebe spüren zu lassen.
Ich wünsche in dieser Adventszeit allen, die von irgendeiner Not geplagt werden, einen solchen Engel; und ebenso wünsche ich uns, dass viele von uns irgendwo selbst einem anderen Menschen zum Engel werden können.
Amen.
PREDIGT AM TOTENSONNTAG (20.11.2022)
Liebe Gemeinde, und ganz besonders:
liebe Angehörige unserer Verstorbenen
an 19 verstorbene Menschen haben wir vorhin noch einmal gedacht: an Menschen ganz unterschiedlichen Alters, jede und jeder mit einer eigenen Lebensgeschichte, die durch den Tod beendet wurde. Und in all der Unterschiedlichkeit, haben diese 19 Menschen eines gemeinsam: Sie fehlen, sie haben eine Lücke hinterlassen, sie werden beweint, betrauert und schmerzvoll vermisst.
Trauern ist ein schmerzhafter Weg, liebe Angehörige. Und diesen Weg kann uns niemand abnehmen, ihn auch nicht verkürzen. Trauer tut manchmal derart weh, als ob uns mit dem Verstorbenen ein Stück Fleisch aus dem Leib gerissen worden wäre, riesengroß ist die Sehnsucht nach dem Menschen, den wir so sehr vermissten.
So erleben wir mitunter schwere, schwere Zeiten, die wir auf diesem Weg verbringen. Da sind Tage dabei, die beginnen in dunklem Grau, bleiben grau und gehen nahtlos wieder über in die Nacht. Und niemand kann uns sagen, wie lange es dunkel bleibt.
Hilft der christliche Glaube beim Trauern? Dürfen wir Christinnen und Christen mit einem etwas milderen Verlauf rechnen? Ich fürchte: nein.
Aber umgekehrt glaube ich auch nicht, dass Christenmenschen beim Trauern besonders vorbildlich sein müssen. Ich glaube, dass Gott großes Verständnis für uns hat, auch wenn wir uns mit den Tatsachen nicht abfinden wollen, auch wenn wir mit ihm hadern und nach dem „Warum?“ fragen, und auch wenn wir den ganzen Cocktail aus Wut, Ohnmacht, Zorn und Schmerz ihm entgegenhalten.
Wenn wir Christen also nicht anders trauern als andere und wenn wir genauso schmerzhaft von der Trauer gepackt werden wie die ärgsten Atheisten – was bringt uns unser Glaube dann eigentlich?
Ich möchte es an einem Bild festmachen: Gestern Nachmittag waren wir auf dem Weg zurück von Nordbaden. Dort war der Himmel dunkel gewesen, es regnete auch bei Karlsruhe immer noch herzhaft. Aber auf einmal kam am Südwesthorizont, also wirklich genau in Richtung Hanauerland, ein ganz schmaler heller Streifen zum Vorschein, er wurde ganz langsam immer größer. Das war zwar ein wunderbarer Anblick, aber es regnete immer noch. Der Regen war zwar noch da, aber es war klar, dass er nachlassen würde. Und in der Tat schien uns in Achern schon eine wunderschöne, tiefstehende Sonne.
Und ich glaube, das kann uns Christen so ähnlich gehen, wenn wir um einen Menschen trauern: So wie der Regen trotz des Lichtstreifens am Horizont noch in Strömen fiel, so ist es auch mitunter mit unserer Trauer: Die verschwindet nicht! Aber wir bekommen durch unseren Glauben eine neue Perspektive auf den Tod. Und diese neue Perspektive, die wirft ab und zu einen tröstenden, wärmenden Lichtstrahl in unser Leben, auch an dunklen Tagen.
Denn das zarte Licht der Hoffnung erinnert uns an die drei wichtigsten Gewissheiten, auf die wir auch angesichts des Todes fest vertrauen dürfen. Und diese drei Gewissheiten heißen:
Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen, unzerstörbaren Lebens.
Wir landen nicht im leeren Nichts, sondern sind geborgen in Gottes Hand.
Und dann noch die dritte, die größte Gewissheit: In Gottes Hand werden wir uns alle wieder finden.
Das sind keine Erfindungen von mir. Nein, Jesus selbst hat das verkündet. Er hat es gepredigt, geglaubt und an sich erlebt – als erster; und um uns immer daran zu erinnern, welch eine Herrlichkeit auf uns wartet.
Amen.
PREDIGT AM BUSS- UND BETTAG (16.11.2022)
Liebe Gottesdienstgemeinde,
für dieses Jahr hatten die Verantwortlichen für die Friedensdekade in unserem Land ein starkes Motto gewählt: Zusammen:Halt. Mit diesem Motto beabsichtigt war, auf zwei Möglichkeiten hinzuweisen, es zu lesen. Zum einen Zusammenhalt, als enges Miteinander von Menschen; zum anderen als „Zusammen Halt machen, Stopp sagen, nach dem Motto: Es geht so nicht weiter.“
Beide Lesarten haben wir an den vier Abenden der Friedensdekade gehört und uns ins Bewusstsein gerufen, wo überall Zusammenhalt gefragt ist und wo in dieser Zeit der Punkt erreicht ist, an dem wir unüberhörbar und deutlich rufen „Stopp – es muss anders werden!“
Es muss anders werden – mit diesem Gedanken sind wir schon tief im heutigen Buß- und Bettag drinnen, der ja auch unseren Blick auf das lenkt, was sich ändern muss.
Und wenn ich diesen Blick auf unsere Gesellschaft richte, auch auf unsere Dörfer und Gemeinden, dann kommt mir in der Tat zuallererst der Zusammenhalt in den Sinn.
Manche Menschen sagen „Früher war alles besser.“ Das stimmt so sicher nicht. Wahr ist eher, dass früher manches besser war. Und dazu gehört auf jeden Fall, dass die Menschen zum Beispiel vor 50 Jahren noch richtig zusammengehalten haben. Es wurde nicht nur häufiger wir gesagt als ich; nein, es wurde auch das WIR gelebt. Es gab bei aller Verschiedenheit der Menschen die Einsicht, dass Glück nur erreichbar ist, wenn auch die anderen gut leben können. In jenen Zeiten war allen noch klar, dass wir Menschen nicht auf eigene Rechnung leben, sondern eine Verantwortung füreinander tragen. Ihr habt Verantwortung füreinander – das haben die Propheten der Bibel und später Jesus immer und wieder gepredigt. „Ihr habt Verantwortung füreinander“ – das gilt auch heute noch im November 2022 hier in unseren Gemeinden, in unserem Land, auf der ganzen Welt.
„Ihr habt Verantwortung füreinander, und die lebt ihr am besten, wenn ihr Zusammenhalt praktiziert.“ So lasst uns zusammenhalten und füreinander da sein: hier am Ort, in unseren Familien, in unseren Kirchengemeinden, in unseren Vereinen – aber lasst uns nicht den großen Fehler begehen, dass wir nicht über den Horizont unserer eigenen Kirchtürme hinausschauen: Wir haben Verantwortung auch für das, was in unserem ganzen Land geschieht und sollten, wo immer wir können, versöhnen statt spalten, Gräben zuschütten, die durch Stammtisch-Parolen aufgerissen wurden. Wir haben Verantwortung auch jenseits unserer Grenzen: für die 110 Millionen Flüchtlinge zum Beispiel, die an unseren und anderen Grenzen stehen; aber auch für die 900 Millionen hungernder Menschen; auch für die mundtot gemachten Millionen und Milliarden von Menschen in autoritären Staaten, die entmündigt, weggesperrt, gefoltert, gedemütigt und getötet werden. Manchmal fühlen wir uns machtlos, können nur wenig tun; aber immerhin können wir beten und spenden, Herzen und manchmal auch Türen öffnen.
Diese Welt braucht uns Christenmenschen; denn wenn auch wir nur noch tatenlos zuschauen, wird sie untergehen.
Und gleichzeitig braucht diese Welt unseren ‚Zusammen:Halt‘ insofern, dass wir immer wieder laut „Halt!“ rufen und „Stopp!“ zu allem, was Menschen das Recht auf Leben beschneidet; Stopp zu allem, was Menschen ihre von Gott verliehene Würde nimmt; Stopp zu allem gottlosen Leid und aller Gewalt, die Menschen einander antun.
Im Moment rufen viele Menschen „Stopp!“, wenn sie nach Katar schauen. In Katar sind die Menschenrechte ausgesetzt, wie in jeder Diktatur. Es ist richtig, das im Vorfeld der Fußball-WM jetzt zu benennen. Es ist richtig, dass wir jetzt „Nein!“ sagen zu unwürdigen Arbeitsbedingungen; dass wir „Nein!“ sagen zu einem Frauenbild, das unserem christlichen Menschenbild nicht standhält; und hoffentlich sagen wir alle auch „Nein!“ zu jeder Form von Homophobie. Also, ganz eindeutig: „Nein!“
Aber genauso lasst uns auch mutig „Nein!“ sagen, wenn in Europa oder in unserem Land oder in unserem eigenen Ort Menschen entwürdigend behandelt werden. Lasst uns laute Christen und Christinnen werden. Denn wer zu Unrecht schweigt, stimmt zu.
Der Buß- und Bettag 2022 lädt uns ein auf einen verheißungsvollen Weg: Wir halten ganz fest zusammen – und zu allem Lebensfeindlichen sagen wir zusammen: Halt.
Amen.
PREDIGT AM VOLKSTRAUERTAG (13.11.2022)
Liebe Gemeinde,
Volkstrauertag heißt: Wir denken an Menschen, die wir überwiegend nicht kannten, die aber eines gemeinsam hatten: sie hingen genauso am Leben wie wir; wurden geliebt und liebten, wie wir; waren auf der Suche nach Lebensglück wie wir; doch anders als uns war ihnen das nicht vergönnt.
Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein. Und deshalb ist der Volkstrauertag ein Tag, an dem wir im Gottesdienst für die Opfer von Krieg und Gewalt beten und danach uns auf den Friedhöfen versammeln und damit bekennen: „Nie wieder Krieg!“
In all den Vorjahren haben wir „zur Kenntnis genommen“, dass es trotzdem noch Krieg gibt auf der Erde. Aber diese Kriege waren so angenehm weit weg von uns: im Sudan und in Mali, in Afghanistan und in Syrien, in Aserbeidschan und in Myanmar, all das ließ sich aushalten.
Erst jetzt, durch den Krieg in der Ukraine, haben wir begriffen, wie bedroht der Frieden ist, und zwar auch in unserem eigenen Land. So sehr bedroht, dass mittlerweile niemand mehr ausschließen kann, dass irgendwann und irgendwo die erste Atombombe fällt, die dann wohl nicht die letzte sein wird.
So treffen wir uns vor Gottes Angesicht als Teil einer Menschheit, die das mit dem Frieden einfach nicht hinkriegt. Zwar sind wir auf den Namen von Christi getauft, von dem die Bibel sagt: „Und er wird der Friede sein.“ - Aber nichts ist friedlich, Unfriede herrscht auf der Erde, auch in unserer Gesellschaft, in unseren Wohnorten, in vielen Familien, an vielen Arbeitsplätzen.
Wenn wir nun Gott fragen würden: „Gott, warum schaffen wir das nicht mit dem Frieden?“ – was würde Gottantworten? Ich weiß es natürlich nicht, aber vielleicht würde Gott sagen: „Wäre für euch die Bibel noch die Heilige Schrift, müsstet ihr nur dort nachlesen und würdet merken, was ihr falsch macht.“
An dieser Stelle denke ich nun selber weiter und frage: „Was machen wir Menschen falsch? Warum gibt es die vielen großen und kleinen Kriege auf der Welt und in unserem Leben?“ Mir fallen drei Dinge ein, die zum Unfrieden beitragen:
Zum ersten: Während die Menschen früher sich zu Gott als dem Allmächtigen bekannten, trauen ihm das heute nicht mehr viele Menschen zu; aber viele trauen es sich selbst zu. Macht ist alles, Macht zählt – das müssen wir weltweit beobachten in diesem Jahr, in dem Diktatoren wie Putin, Xi, Lukaschenko, Erdogan und andere so lange das Recht beugen und verändern, bis sie auf ihren Machtpositionen schalten und walten können, wie sie wollen. Doch auch wir selbst sind nicht frei von Machtgier, verwechseln mitunter Mandate, durch die wir der Allgemeinheit Gutes tun sollen, mit einem Freibrief für den eigenen Willen.
Das zweite betrifft uns alle gleich: nämlich dass der Satz „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ nicht mehr gilt. Seit Jahrzehnten schon laufen wir einem anderen Götzen nach, und das ist das Geld. Mit Geld rechtfertigt mittlerweile jede Regierung fragwürdige Entscheidungen, wegen des Geldes töten Menschen einander, Streit um Geld lässt Familien auseinanderbrechen und – nicht zu vergessen, als ganz aktuelles Beispiel – wegen des Geldes wird vier Wochen in der Wüste gekickt; dort entsteht ein nie wieder zu reparierender ökologischer Schaden, ein homophobes Regime wäscht sich durch das Geld für die WM rein – und wir Esel bezahlen diese WM auch noch, indem wir teure Abos kaufen. Wir haben keine anderen Götter – außer dem Geld.
Und schließlich die dritte Ursache für allen Unfrieden: An die Stelle von Gott setzen immer mehr Menschen das Wort ICH. Es wird nicht mehr gefragt, was nun gerade Gottes Wille ist; es ist nicht mehr wesentlich, was Gottes Wort mir gebietet; nein, es zählt nur, was ICH will und was MIR gut tut und nützt. Und von Gott einmal ganz abgesehen: Früher gab es so etwas wie einen Minimalkonsens in jeder Gesellschaft: Was ist gut für die Allgemeinheit? Danach fragt heute fast niemand mehr. Die Schlüsselfrage heißt: Was ist gut für mich?
Liebe Gemeinde, das Geld, die Macht und das Wort Ich. Weil uns das am wichtigsten geworden ist, bekommen wir es einfach nicht hin mit dem Frieden. Und so wenden wir uns in der laufenden Friedensdekade als evangelische und katholische Christen ganz besonders an Gott und bitten ihn nicht nur um Frieden in der Welt, sondern darum, dass sein Geist des Friedens mitten in unserem eigenen Leben zu wirken beginnt und überall auf der Welt Menschen ergreift, damit diese Welt wieder nach Gottes Wort lebt und weltweit der Friede eine Chance hat.
Die Lage ist ernst, aber sie ist nicht aussichtslos, so lange wir noch zu Gott um Frieden beten und auf ihn hoffen.
Amen.
PREDIGT ZUR REFORMATION (06.11.2022)
wir haben in der Lesung gerade das Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört, das wir übrigens genauso gut „Gleichnis vom barmherzigen Vater“ nennen könnten.
Auch Martin Luther kannte dieses Gleichnis, von Kindheit an. Und da stellt sich für mich die Frage, warum er dann noch Angst vor Gott hatte. Denn Jesus hatte ja diese Geschichte erzählt, um uns Menschen die Angst vor Gott zu nehmen. Und um uns zu sagen: Gott ist kein zorniges Himmelswesen, sondern ist wie ein Vater oder eine Mutter, die immer neu mit ihrem Kind anfangen, was auch immer es ausgefressen hat.
Wie gesagt, eigentlich hätte Martin Luther keine Angst vor Gott haben müssen. Und alle anderen Menschen seiner Zeit auch nicht.
Und doch hatten sie große Angst, weil damals ausgerechnet die Kirche – also die Priester und Mönche, die Bischöfe und der Papst – den Menschen große Angst vor Gott machte. Mit furchtbaren Worten beschrieben sie, welche Qualen diejenigen Menschen in der Hölle erwarten würden, die Sünden begingen. Das taten die deshalb, weil Menschen, die Angst hatten, sich schon immer leichter beherrschen lassen. Und weil sie aus den verängstigten Menschen Geld für die Ablassbriefe herauspressen konnten.
Die Angst unter den Menschen war derart groß, dass selbst die klare Botschaft des Gleichnisses vom verlorenen Sohn nicht mehr bei den Menschen ankommen konnte. Und das kann ich nachvollziehen, weil ich, als ich im Alter von euch Konfirmanden war, genau die gleiche Angst vor Gott hatte. Immer, wenn ich etwas Verbotenes getan hatte, und das geschah relativ oft, kam dann plötzlich der beunruhigende Gedanke: Was wird Gott mit mir später einmal machen? Reicht es mir noch in den Himmel oder komme ich wegen meiner vielen Sünden dann doch in die Hölle?
Das waren ganz beunruhigende Fragen, und sie kamen immer wieder auf, obwohl ich doch das Gleichnis vom verlorenen Sohn so gut kannte!
Das ging mir so noch lange Zeit. Erst als ich in Wien studierte, änderte sich etwas. Da hatten wir nämlich einen Professor, der schon unheimlich alt war, für unsere Begriffe. Und er hat uns – vielen meiner Mitstudenten ging es ja mit der Angst vor Gott ähnlich wie mir – die Angst vor Gott ein für alle genommen. „Gott liebt uns Menschen, weil er gar nicht anders kann und will“, sagte der Professor. „So wie der Vater in dem Gleichnis: Der schließt seinen Sohn fest in die Arme, damit der niemals mehr weg muss vom Vater. Und genauso liebt uns Gott und vergibt uns jede – wirklich jede – Sünde, wenn wir sie nur bereuen.“
Das war für mich und meine Mitstudenten das reine Evangelium. Ich habe seit dieser Zeit in Wien nie mehr Angst vor Gott gehabt. Ich weiß seither: Gott will von uns nur eines: dass wir seiner Liebe vertrauen. Unsere Fehler, unsere Sünden – wenn wir sie einsehen, wischt Gott die einfach weg.
Und damit ihr Konfirmand/inn/en das nie vergesst, bekommt jede/r von euch aus diesem Gottesdienst mit: einen Radiergummi in bunten, lebensfrohen Farben. Er sagt euch: So wie ein Radiergummi ungezählt viele schwarze Striche einfach wegmachen kann, nimmt Gott auch die Last all der Fehler von uns, die wir in unserem Leben anhäufen.
Und deshalb steht auf dem Radiergummi auch noch ein wichtiger Satz, den wir alle – Jung und Alt – uns einprägen sollten: „Gott liebt mich MIT meinen Fehlern.“
Amen.
PREDIGT AM 18. SONNTAG NACH TRINITATIS (16.10.2022)
Haltet den Glauben frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in euren Gottesdienst ein reicher Mann kommt, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, dann sprecht ihr zu dem, der herrlich gekleidet ist: „Setz dich hierher auf den guten Platz!“ Und zu dem Armen sagt ihr: „Stell du dich hinten hin!“ Da macht ihr dann Unterschiede!
Aber hat nicht Gott die Armen erwählt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs sind, das er verheißen hat? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?
Wenn ihr den Nächsten liebt wie euch selbst, tut ihr Recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde. Wer das ganze Gesetz hält, aber gegen ein einziges Gebot sündigt, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzige Menschen aber werden im Gericht bestehen.
Liebe Gemeinde,
wir können diesem Bibeltext, den wir gerade gehört haben, entnehmen: Von der Liebe hören und sie auch tun, das sind oft zwei Paar Stiefel. Das funktionierte wohl auch schon bei der Gemeinde nicht, an die sich der Jakobusbrief richtet.
Harte Worte stehen da. Offenbar wurden die Reichen bevorzugt. "Ihr habt dem Armen Unehre angetan!" hält der Schreiber den sicher entsetzten Gemeindegliedern entgegen. Gut, dass wir uns da heute zurücklehnen können! Denn WIR sind's ja nicht, die den Armen Unehre antun. Schließlich sammeln WIR für Bethel und für Brot für die Welt, und wenn jemand in Not ist, dann helfen wir auch, unbürokratisch und effektiv.
Aber, aber, aber - leider kommen wir doch nicht ungeschoren davon. "Ihr habt dem Armen Unehre angetan!" - das müssen auch wir uns sagen lassen, drei Beispiele:
Ihr jungen Menschen zum Beispiel! Gehört bei euch in den Schulklassen auch der zur Clique, der seine Klamotten im Kik oder bei Aldi kauft? Macht ihr euch etwas aus mit einem, der weder Handy noch Spielkonsole zu Hause hat? Wird in euren Klassen auch der akzeptiert, dem seine Eltern nur 10-Euro-Sportschuhe kaufen können?
"Ihr habt dem Armen Unehre angetan!" Auch wir Erwachsenen kommen dran. Reiche bevorzugt behandeln? Wir? Niemals - unser Herz schlägt für die Armen! Von wegen, liebe Gemeinde. Auch dafür ein Beispiel: Unsere Kirchensanierung kostet viel Geld. Und nun stelle ich mir vor, ein Milliardär entdeckt seine Liebe zu unserer Gemeinde, kommt zu mir, füllt einen Scheck aus über eine Million Euro und sagt: "Hier, renovieren Sie Ihre Kirche." Ja, und nun stelle ich mir weiter vor, dieser Wohltäter käme dann zum Gemeindefest. Ich höre mir gerade die Sorgen einer alten Frau an, da flüstert mir jemand zu: "Kommen Sie schnell, unser Sponsor ist gerade gekommen." Pfarrer, was nun? Angenommen, ich würde noch bei der alten Frau bleiben, bis sie fertig ist mit dem Erzählen: Manche Leute - entscheiden Sie selbst, ob Sie dazugehören - wären doch empört über einen Pfarrer, der nicht sofort stramm steht vor dem Sponsor! "Ist's recht, dass ihr solche Unterschiede macht?" fragt die Bibel.
Drittes Beispiel: Seniorenrunde. Der große Saal im Hans-Schwindt-Haus ist schon gut gefüllt, als Sie rein kommen. Sie wollen auf Ihren gewohnten Stammplatz, aber da sitzt schon jemand - ein Obdachloser, der zufällig durch Rheinau gekommen ist. Setzen Sie sich direkt neben ihn?
"Ihr habt dem Armen Unehre angetan!" Merken Sie, wie dieser alte Satz auch uns noch meint? Ganz ehrlich: Wie viel Platz haben Arme in der Kirche? Und zwar nicht nur bei Sammlungen. Sondern in unserem Alltag. Was tun wir für Arme? Für Leute ohne Lobby, die arm dran sind ? Was tun wir denn wirklich, wenn wir sehen, dass jemandem geholfen werden könnte und müsste, aber Gelder für sinnlose Projekte zum Fenster hinausgeworfen werden? Schweigen auch wir, nur um es uns mit niemandem zu verderben? Die Bibel sagt: "Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind." Wir kennen Gottes Willen, und all unsere Ausflüchte entlarven sich selbst.
Zu diesen Ausflüchten gehört auch, wenn wir sagen: "Es geht halt nicht immer, nach christlich handeln." Wie schnell haben wir da von den Politikern gelernt! Aber haben wir noch im Ohr, was wir vorhin im Jakobusbrief gehört haben? Da hieß es: "Wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einzelnes Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig."
Gebote halten, Gottes Willen tun, das geht also entweder ganz oder gar nicht. Der Jakobusbrief ist knallhart: Alles oder nichts. Und wenn ich alle Gebote halte und noch so ein guter Christ bin, aber meinen Ehepartner betrüge, dann habe ich das ganze Gesetz gebrochen. Und wenn ich noch so schön den Glauben bekenne, aber Böses über einen anderen rede, dann habe ich Gottes ganzen Bund gebrochen. Und wenn ich den Katechismus rauf- und runterbeten kann, aber im Beruf einen anderen über den Tisch ziehe, dann bin ich nicht besser als der ärgste Heide. Ganz oder gar nicht; alles oder nichts; es gibt kein Kompromiss-Christentum; ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn.
Als wäre das noch nicht genug, kommt der Jakobusbrief nun auch noch auf das Jüngste Gericht zu sprechen: "Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat." Haben Sie es gehört? Ein unscheinbares, aber ganz wichtiges Wort folgt auf die Barmherzigkeit: "getan". Wenn sie nicht getan wird, meine eigene Barmherzigkeit, wenn der Mitmensch sie nicht spüren darf - dann sollte ich dies Wort erst gar nicht in den Mund nehmen. Wer aber die Barmherzigkeit im Blick hat, wer sie nicht nur fordert, bekennt und besingt, sondern sie auch tut, der ist schon weit. Der wird, so steht es hier, am Ende selber Barmherzigkeit erfahren.
Am Ende, beim Gericht. Nun glauben und hoffen wir ja, dass Gott am Ende irgendwie doch barmherzig zu uns sein wird. Auf diese Barmherzigkeit vertraue ich, liebe Gemeinde. Aber zuallererst wird Gott uns nach unserer eigenen Barmherzigkeit fragen. Und für den, der zu Lebzeiten barmherzig gegenüber seinen Mitmenschen war, der es zumindest immer wieder versuchte, für den hat auch unser Herr noch Barmherzigkeit genug übrig, um ihn trotz all seiner Fehler, Versäumnisse und Sünden hineinzulassen in sein ewiges Reich.
Amen.
PREDIGT ZUM ERNTEDANKFEST
Liebe Gemeinde,
schön ist er geworden, unser Erntedankaltar. Bunte Früchte, kräftig gewachsenes Gemüse, ein echter Hingucker. Und dabei haben wir in diesem Jahr viel Bedrohliches erlebt: extreme Hitze und Trockenheit; die immer schlimmer verpestete Luft; und das verschmutzte Wasser der Flüsse, Seen und Meere.
Wenn sich trotz alledem unseren Augen dieser schöne Altar präsentiert, dürfen wir umso aufrichtiger und lauter uns Gott zuwenden und sagen: „Gott sei Dank!“
Aber ganz unbeschwert kommt mir das Lob Gottes nicht über die Lippen, weil ich nämlich Bilder vor Augen habe, die ich nicht loswerde: etwa die sterbenden Gletscher in den Alpen, durch deren Schrumpfen unser Trinkwasser zu einem knappen Gut werden kann; die Maisfelder im Juli, auf denen verdorrte Pflanzen von Hitze und nie dagewesener Dürre erzählten; die Überflutungen in Österreich, in Tschechien, in Bangladesch; Ernteausfälle überall; Kriegsschiffe im Schwarzen Meer, die Schiffe mit lebensrettender Nahrung für Zig Millionen Menschen blockierten; zerstörte Häuser in den Kriegsgebieten; so sieht die Rückseite des Erntedankaltars aus.
Ich zähle dies nicht auf, um die Stimmung zu verderben; aber in diesem Jahr haben wir deutlicher als je zuvor gesehen, dass niemand die Garantie hat, dass er zu essen und trinken sowie ein Dach über dem Kopf hat, unter dem er in warmen Zimmern in Frieden leben und sich am Leben freuen kann.
Im letzten Jahr habe ich in der Erntedank-Predigt gesagt: „Für manche mag dieses Fest etwas in die Jahre gekommen.“ Wer hätte gedacht, dass ein Jahr später wir bereits deutlich gespürt haben, wie bedroht alles ist, was wir zum Leben brauchen!
Nichts ist selbstverständlich – unsere Vorfahren lebten in genau dieser Haltung. Deshalb haben sie sehr bewusst im Vater Unser gebetet: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Und mit dem täglichen Brot meinten sie nicht das, was heute für viele Menschen einfach nur noch die Unterlage für die Wurst oder die Marmelade darstellt. Nein, mit dem täglichen Brot meinten unsere Vorfahren das, was Martin Luther im Katechismus so ausgedrückt hat: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“
Das tägliche Brot ist das, was unser Leben lebenswert macht – und was gleichzeitig uns jegliche Lebensfreude rauben kann, wenn wir es nicht haben.
Und nur wenig können wir selbst zum täglichen Brot beitragen: Machtlos stehen wir einem kriegslüsternen Psychopathen in Moskau gegenüber; hilflos sehen wir Früchte des Feldes verdorren; haltlos erleben wir mit, wie schnell durch eine Krankheit von einer Sekunde zur anderen alles anders werden kann.
Deshalb, liebe Gemeinde, brauchen wir alle – Erwachsene, Jugendliche und Kinder – eine neue Haltung zum Leben. Eine, die gar nicht neu ist, weil sie seit 2000 Jahren in der Bibel steht.
Diese Haltung besteht aus drei Pfeilern:
Der erste ist die Dankbarkeit gegenüber Gott. Wir machen uns bewusst, was alles wir Gott verdanken: Hab und Gut; Frieden und Arbeit; Wasser zum Trinken und Luft zum Atmen; unsere Familie und unsere Freunde.
Das führt uns zum zweiten Pfeiler, und jetzt kommt ein altes Wort: die Demut. Demut heißt, anzuerkennen, dass wir vieles eben doch nicht selbst bewerkstelligen können; dass wir abhängig und manchmal auch machtlos sind. Demut ist schwer, weil unser Menschenbild davon ausgeht, dass der Mensch alles kann. Aber das ist ein Trugschluss, und wir erkennen das zum Beispiel dann, wenn Krankheiten nicht heilbar sind oder wenn manche Leben von einer Sekunde zur anderen zu Ende gehen, ohne dass wir auch nur irgendetwas machen könnten.
Der dritte Pfeiler heißt „Umkehr“. Wir müssen unser Leben und Denken, aber auch unsere Lebensgewohnheiten ändern, am dringendsten den Umgang mit der Natur, die die wir viel zu lange geplagt, geschunden, ausgenutzt und ausgebeutet haben. immer noch bezweifeln einige – leider wichtige – Staaten, dass unsere Erde bedroht ist. Aber Leugnen hilft nichts.
Und das Schlimme ist: Wir wissen nicht, ob es noch fünf VOR 12 ist oder schon fünf NACH 12.
Aber sollte es tatsächlich noch fünf VOR 12 sein, zur Not auch eins vor 12, dann gibt es vielleicht eine ganz kleine Chance, um die Zerstörung von Gottes guter Schöpfung noch aufzuhalten.
Und an diesem Punkt gibt’s nicht nur einen Appell von der Kanzel, sondern ganz konkrete Änderungen in unserer Gemeinde:
- Wir werden sowohl im Konfirmandenunterricht als auch im Kindergarten „Bewahrung der Schöpfung“ zu einem Dauerthema machen.
- Wir werden im Hans-Schwindt-Haus nicht nur den Müll verringern, sondern auch den Heizaufwand drastisch reduzieren, indem unser Kinderhort nicht mehr im großen Saal, sondern im Gruppenraum essen wird.
- Viele Gottesdienste der nächsten Monate feiern wir nicht in der Kirche, sondern im Hans-Schwindt-Haus.
- Und im Advent werden wir unsere Kirche nur am Samstag- und Sonntagabend beleuchten.
- Klar sparen wir da auch Geld – aber die wichtigere Auswirkung ist, dass wir die knappen Ressourcen unserer Natur schonen.
Und Sie, liebe Gemeindeglieder, machen Sie bitte mit. Alle können mit nur wenig Aufwand so viel tun, um Gottes Schöpfung zu schonen.
Lasst uns damit beginnen. Nicht irgendwann. Nicht morgen. Sondern heute, gleich nachher. Es ist Zeit, höchste Zeit. Vielleicht eine letzte Frist, die Gott uns noch einräumt. Eine allerletzte Frist. Gott gibt uns die Chance, wir können sie nutzen. Gott sei Dank.
Amen.
PREDIGT AM 25. SEPTEMBER2022
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben wir vom Beginn des Gottesdienstes noch den Wochenspruch im Ohr, in dem es hieß: "Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium."
Wenn ich diesen Satz höre, denke ich: Ja, am Ende der Zeit wird der Tod besiegt werden. Aber ich weiß auch, dass der Tod immer noch mächtig ist in der Welt. Liebe Trauerfamilien, Sie haben es erst jüngst erlebt, und fast alle von uns auch schon, dass wir in der eigenen Familie oder sonst in unserem Umfeld Menschen hergeben müssen. Da merken wir nur wenig von Christi Macht, die stärker ist als der Tod. Der Tod ist auch sonst überall gegenwärtig: Kein Tag ohne Todesanzeigen in der Zeitung; die Nachrichten berichten täglich, dass Menschen sterben - durch Kriege, Krankheiten, Hunger, Naturkatastrophen, Unfälle oder andere furchtbare Umstände.
Nicht zu vergessen die kleinen Tode, die uns mitten in unserem Leben ereilen, wenn wir Hoffnungen begraben müssen, wenn Träume platzen, wenn Menschen uns enttäuschen, wenn Abschiede bevorstehen und viele mehr:
Wie mächtig ist er denn da, Jesus, der Christus? Wo ist er - der Gott des Lebens? Und was bewirkt sein Geist, der Tröster?
Ähnliche Fragen hat sich ein Missionar namens Timotheus gestellt. Er hatte im Dienst für Gott herbe Rückschläge erlitten; und dann schrieb ihm der Apostel Paulus folgende Worte, die wir heute noch in der Bibel im Timotheusbrief finden:
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben und offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands. Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
Fast 2000 Jahre alt ist dieser Brief - aber spricht er nicht auch direkt zu uns?
Manchmal machen ja auch wir mit dem Christsein entmutigende Erfahrungen. Die einen werden ausgenutzt; andere als weltfremd verspottet; andere werden erst gar nicht mehr ernst genommen, weil sie versuchen, Christen zu sein. Da legt es sich natürlich nahe, sich als Christ zurückzuziehen in das kleine Kämmerlein - dorthin, wo einem niemand weh tun kann.
"Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn" - sagt Paulus dagegen. Hab keine Angst davor, Farbe zu bekennen!
Der Apostel schreibt weiter: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." Wie kann das in unserem Leben konkret aussehen? Mir sind drei Beispiele eingefallen:
Ich denke an euch Konfirmand/inn/en: In euren Schulklassen werden immer wieder andere ausgegrenzt, verspottet, manchmal auch misshandelt. Zeugnis vom Glauben an Gott ablegen, hieße in dieser Situation, sich gegen die Mehrheit der Klasse zu stellen und Partei für das Opfer zu ergreifen. Wer das fertigbringt, der hat wirklich den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Natürlich ist das ungeheuer viel verlangt von einem jungen Menschen, aber Mut ist unabhängig vom Alter.
"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und Besonnenheit." Das gilt auch für unsere Kirche. Es sind immer weniger, die sich zur Gemeinde bekennen; immer weniger treten in den Dienst der Kirche, Stellen in Gemeinden und in der Diakonie müssen gekürzt werden, und überall überlegen wir, wie es weitergehen wird. Bei diesen Beratungen sitzt oft der Geist der Furcht mit am Tisch. Wo bleibt aber das, was uns Christen auch ausmacht, die Zuversicht, der Mut, das Vertrauen auf die Kraft seines Geistes?
"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." Wir hören diesen Satz auch als Mitglieder einer Gesellschaft, in der viele Angst vor der Zukunft haben, Angst vor dem Krieg, vor Corona, vor Beschränkungen. Wir sehen, wie auch den Politikern die Ideen und Lösungen ausgehen. An diesem Punkt sollten wir Christen Gott bitten, mit seinem Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit in allen zu wirken, die Verantwortung tragen und Entscheidungen zu treffen haben.
Überall braucht unsere Welt Menschen, die von diesem Geist angetrieben werden. Menschen, die nicht resignieren angesichts der momentan so harten Zeiten; Menschen, die nicht mutlos werden, wenn ihre Vorstellungen sich nicht verwirklichen; Menschen, die sich nicht zurückziehen in ihre private Frömmigkeit, sondern sich einbringen mit ihren Gaben; Menschen, die um ihre Toten wohl trauern, sie aber auch Gott anbefehlen können mit der Gewissheit, dass Gott zu seinen Verheißungen steht.
Und an die größte dieser Verheißungen Gottes – an die dürfen wir uns immer wieder erinnern. Sie heißt: "Siehe, ich bin bei euch an allen Tagen bis an der Welt Ende."
Amen.
Liebe Gemeinde,
auch in diesem Jahr beginnt meine erste Predigt nach den Sommerferien mit einer Erzählung aus den Bergen der Alpen. Über drei Wochen war ich in den Bergen, und ganz am Ende kam die heikelste Tour: 11 Stunden auf Achse, unterwegs keine Hütte, dafür aber Steinschlag und viele plötzliche Felsabbrüche.
Am Abend zuvor hatte ich auf der Hütte zwei jüngere Leute kennengelernt, die die gleiche Tour geplant hatten, und so schlossen wir uns zusammen – eine gute Idee, wie sich im Lauf der Tour zeigen sollte.
Frühmorgens auf der Hütte stärkten wir uns mit einem guten Frühstück, und dann ging es los. Es war kein Spazierweg, der da hoch hinaufführte, schon bald mussten wir immer wieder mal Hand an den Fels legen und vor allem mussten wir die Route suchen. Da und dort war sie mit rot-weißen Punkten markiert.
Im Lauf der Tour wurden die Markierungen immer weniger – gut, dass sechs Augen mehr erkennen als zwei! Manchmal wunderten wir uns, wohin die Markierungen uns leiteten, aber wir stellten hinterher fest, dass wir gut vorankamen, wenn wir der Markierung folgten. Umgekehrt schien uns manchmal eine andere Richtung sinnvoller, aber die, auch das erkannten wir erst im Nachhinein, hätte uns in einen Steilabbruch oder in steinschlaggefährdetes Gelände geführt. Und wenn wir keine Markierung mehr fanden, blickten wir weit nach vorne und entdeckten dann doch die eine oder andere knallrote Markierung.
Was hat das nun zu tun mit dem Bibeltext über Gottes Geist, den wir in der Schriftlesung gehört haben?
Auch für uns Christen gibt es Markierungen: Markierungen für einen guten Weg durchs Leben, Gottes Weisungen, die wir in der Bibel finden. Diese wollen uns aber nicht knechten: „Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht“, schreibt der Apostel. Das heißt für mich: Wer sich von Gottes Geist leiten lässt, darf mit Gottes Geboten und Weisungen manchmal auch etwas freier umgehen. Wer einer Markierung einmal nicht punktgenau folgt, sondern ein wenig abweicht, ist ja immer noch auf gutem Weg und muss nur darauf achten, dass er weitere Markierungen nicht aus dem Blickfeld verliert.
Das ist mir deshalb wichtig, weil ich in meiner langen Dienstzeit viel zu viele Leute sagen hörte: „Nur, wenn du dich genau so und so verhältst, bist du ein Christ.“ Das ist falsch, denn der Weg zu Gott ist wie der Anstieg auf einen Berg: mehrere Möglichkeiten nebeneinander, mit unterschiedlicher Gestalt, aber doch gleicher Richtung und vor allem mit dem gleichen Gipfel als Ziel.
Dass es so verschiedene Routen zu Gott gibt und wir zwischen ihnen wählen dürfen, gehört für mich zu den wunderbaren Freiheiten, in denen Gott uns unseren Lebensweg gehen lässt.
Nun hat diese Freiheit auch eine Grenze, und da komme ich noch einmal zu meiner Bergtour: Manchmal wären wir, wenn wir nur unserem Gefühl gefolgt wären, in ganz schwieriges Gelände gekommen. Die Markierungen haben uns mehrfach davor bewahrt und wir haben ihnen vertraut. Auch das erinnert mich an unser Christen-Dasein: Ich kann Gottes Wort immer vertrauen. Gottes Gebote – die sind wirklich gut! Die schützen mich vor Fehltritten in meinem Leben, oft jedenfalls.
Wie aber sehen die Markierungen für unseren Lebensweg eigentlich konkret aus? Mir sind fünf grundlegende Markierungen eingefallen, die jeder Christ, jede Christin befolgen muss:
Die erste heißt: Ich lebe nicht auf eigene Rechnung, sondern bin ein von Gott geliebtes Geschöpf mit vielen Freiheiten.
Markierung 2: Gott will, dass alle Menschen gut leben können, in Frieden und Gerechtigkeit, ohne Gewalt und ohne Hunger. Damit dies geschieht, halten wir uns an die Zehn Gebote.
Die dritte Markierung: Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen, Wasser und Luft sind Schöpfungswerke Gottes, und wir tragen die Verantwortung, sie zu bewahren.
Die vierte Markierung: Wo wir an den ersten drei Markierungen vorbeileben, geschehen üble Dinge. Und dennoch gibt Gott nicht auf. In Jesus Christus ist Gottes grenzenlose Liebe für immer zu uns gekommen, wir können jederzeit neu beginnen.
Schließlich noch die letzte Markierung: Gott schenkt uns Kraft, Energie, und Mut. Sein guter Geist, der Heilige Geist, wirkt mitten in unserem eigenen Leben, Tag für Tag.
Fünf Markierungen für unseren Lebensweg. Und zwischen denen haben wir ganz viele Freiheiten, unser Leben zu gestalten. Gott sei Dank.
Amen.
auch in diesem Jahr beginnt meine erste Predigt nach den Sommerferien mit einer Erzählung aus den Bergen der Alpen. Über drei Wochen war ich in den Bergen, und ganz am Ende kam die heikelste Tour: 11 Stunden auf Achse, unterwegs keine Hütte, dafür aber Steinschlag und viele plötzliche Felsabbrüche.
Am Abend zuvor hatte ich auf der Hütte zwei jüngere Leute kennengelernt, die die gleiche Tour geplant hatten, und so schlossen wir uns zusammen – eine gute Idee, wie sich im Lauf der Tour zeigen sollte.
Frühmorgens auf der Hütte stärkten wir uns mit einem guten Frühstück, und dann ging es los. Es war kein Spazierweg, der da hoch hinaufführte, schon bald mussten wir immer wieder mal Hand an den Fels legen und vor allem mussten wir die Route suchen. Da und dort war sie mit rot-weißen Punkten markiert.
Im Lauf der Tour wurden die Markierungen immer weniger – gut, dass sechs Augen mehr erkennen als zwei! Manchmal wunderten wir uns, wohin die Markierungen uns leiteten, aber wir stellten hinterher fest, dass wir gut vorankamen, wenn wir der Markierung folgten. Umgekehrt schien uns manchmal eine andere Richtung sinnvoller, aber die, auch das erkannten wir erst im Nachhinein, hätte uns in einen Steilabbruch oder in steinschlaggefährdetes Gelände geführt. Und wenn wir keine Markierung mehr fanden, blickten wir weit nach vorne und entdeckten dann doch die eine oder andere knallrote Markierung.
Was hat das nun zu tun mit dem Bibeltext über Gottes Geist, den wir in der Schriftlesung gehört haben?
Auch für uns Christen gibt es Markierungen: Markierungen für einen guten Weg durchs Leben, Gottes Weisungen, die wir in der Bibel finden. Diese wollen uns aber nicht knechten: „Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht“, schreibt der Apostel. Das heißt für mich: Wer sich von Gottes Geist leiten lässt, darf mit Gottes Geboten und Weisungen manchmal auch etwas freier umgehen. Wer einer Markierung einmal nicht punktgenau folgt, sondern ein wenig abweicht, ist ja immer noch auf gutem Weg und muss nur darauf achten, dass er weitere Markierungen nicht aus dem Blickfeld verliert.
Das ist mir deshalb wichtig, weil ich in meiner langen Dienstzeit viel zu viele Leute sagen hörte: „Nur, wenn du dich genau so und so verhältst, bist du ein Christ.“ Das ist falsch, denn der Weg zu Gott ist wie der Anstieg auf einen Berg: mehrere Möglichkeiten nebeneinander, mit unterschiedlicher Gestalt, aber doch gleicher Richtung und vor allem mit dem gleichen Gipfel als Ziel.
Dass es so verschiedene Routen zu Gott gibt und wir zwischen ihnen wählen dürfen, gehört für mich zu den wunderbaren Freiheiten, in denen Gott uns unseren Lebensweg gehen lässt.
Nun hat diese Freiheit auch eine Grenze, und da komme ich noch einmal zu meiner Bergtour: Manchmal wären wir, wenn wir nur unserem Gefühl gefolgt wären, in ganz schwieriges Gelände gekommen. Die Markierungen haben uns mehrfach davor bewahrt und wir haben ihnen vertraut. Auch das erinnert mich an unser Christen-Dasein: Ich kann Gottes Wort immer vertrauen. Gottes Gebote – die sind wirklich gut! Die schützen mich vor Fehltritten in meinem Leben, oft jedenfalls.
Wie aber sehen die Markierungen für unseren Lebensweg eigentlich konkret aus? Mir sind fünf grundlegende Markierungen eingefallen, die jeder Christ, jede Christin befolgen muss:
Die erste heißt: Ich lebe nicht auf eigene Rechnung, sondern bin ein von Gott geliebtes Geschöpf mit vielen Freiheiten.
Markierung 2: Gott will, dass alle Menschen gut leben können, in Frieden und Gerechtigkeit, ohne Gewalt und ohne Hunger. Damit dies geschieht, halten wir uns an die Zehn Gebote.
Die dritte Markierung: Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen, Wasser und Luft sind Schöpfungswerke Gottes, und wir tragen die Verantwortung, sie zu bewahren.
Die vierte Markierung: Wo wir an den ersten drei Markierungen vorbeileben, geschehen üble Dinge. Und dennoch gibt Gott nicht auf. In Jesus Christus ist Gottes grenzenlose Liebe für immer zu uns gekommen, wir können jederzeit neu beginnen.
Schließlich noch die letzte Markierung: Gott schenkt uns Kraft, Energie, und Mut. Sein guter Geist, der Heilige Geist, wirkt mitten in unserem eigenen Leben, Tag für Tag.
Fünf Markierungen für unseren Lebensweg. Und zwischen denen haben wir ganz viele Freiheiten, unser Leben zu gestalten. Gott sei Dank.
Amen.
PREDIGT AM 24. JULI 2022
Ein alter Bauer hatte ein altes Pferd für die Feldarbeit. Eines Tages entfloh das Pferd in die Berge, und als alle Nachbarn des Bauern sein Pech bedauerten, antwortete der Bauer: „Pech? Glück? Wer weiß?“
Eine Woche später kehrte das Pferd mit einer Herde Wildpferde aus den Bergen zurück, und diesmal gratulierten die Nachbarn dem Bauern wegen seines Glücks. Seine Antwort hieß: „Glück? Pech? Wer weiß?“
Als der Sohn des Bauern versuchte, eines der Wildpferde zu zähmen, fiel er vom Rücken des Pferdes und brach sich ein Bein. Jeder hielt das für ein großes Pech. Nicht jedoch der Bauer, der nur sagte: „Pech? Glück? Wer weiß?“
Ein paar Wochen später marschierte die Armee ins Dorf und zog jeden tauglichen jungen Mann ein, den sie finden konnte. Als sie den Bauernsohn mit seinem gebrochenen Bein sahen, ließen sie ihn zurück. War das nun Glück? Pech? Wer weiß?
Liebe Gemeinde,
die chinesische Geschichte vom Bauern sagt uns: Manchmal erwächst aus vermeintlich Segensreichem etwas Gefährliches – und manchmal entsteht aus einem Verlust etwas sehr Segensreiches.
Vielleicht ist diese Geschichte erfunden. Aber nicht erfunden ist die nächste Geschichte, die ich erzählen werde: nämlich die Geschichte von Andrea Weis. Niemand kennt Andrea Weis? Dann wird es Zeit für die Geschichte:
Es war im Frühjahr 1971. In die 6. Klasse eines süddeutschen Gymnasiums kam eine neue Schülerin, sie war aus Hessen zugezogen. Ihr wurde ein Platz in der zweiten Reihe zugewiesen. Dort saß sie dann direkt hinter dem Kleinsten und Jüngsten – und damals noch Schlauesten – der Klasse. Der drehte sich um, blickte in Andrea Weis' sommersprossiges Gesicht – und schon war es um ihn geschehen. Dem Unterricht folgen konnte er nicht mehr. Umso mehr konzentrierte er sich auf einen kleinen Spiegel, den er – warum auch immer – dabei hatte. In diesem Spiegel konnte er fasziniert den Neuzugang hinter sich beobachten.
Die Wochen vergingen. Die beiden kamen immer wieder ins Gespräch miteinander, mehr war nicht, logo.
Dann, kurz vor den Ferien, ging es darum, die zweite Fremdsprache zu wählen. Nach den Ferien würde entsprechend eine Französisch- und eine Latein-Klasse gebildet. Der Junge wollte eigentlich Französisch. Aber Andrea Weis tendierte zu Latein. Also wählte der Junge natürlich auch Latein.
Es kam der erste Schultag in Klasse 7. In der neu gestalteten Latein-Klasse suchte der Junge natürlich gleich nach seinem großen Schwarm. Aber stellt euch vor, Andrea Weiske hatte sich doch noch für Französisch entschieden. Der Junge war traurig. Und sauer. So stocksauer, dass er sich monatelang weigerte, in Andreas Poesie-Album zu schreiben.
Dieser elfjährige Junge – das haben wohl alle schon erkannt – war ich. Und ich bin Gott dankbar, dass damals alles so gelaufen ist.
Denn hätte ich nicht Latein genommen, wäre mein Studium zwei Semester länger gegangen. Dann wäre ich nicht 1986, sondern erst 1987 ins Vikariat gekommen. Da wäre aber die Pfarrstelle Niedereschach/Dauchingen nicht mehr frei gewesen. Dann wäre ich also nie nach Dauchingen gekommen. Dann hätte ich nie meine Frau kennengelernt. Dann gäbe es unsere drei tollen Kinder nicht. Unvorstellbar!
„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“
Vielleicht haben Sie und habt ihr Ähnliches erlebt. Vielleicht gehen euch und Ihnen ähnliche eigene Lebensgeschichten durch den Kopf. Geschichten, in denen zunächst ein Lebensplan scheitert, dem wir hinterhertrauern – und erst im Rückblick können wir sagen: „Es war gut, dass alles so gekommen ist. Gott sei Dank!“
Eine biblische Person erlebte Ähnliches: Josef. Seine eifersüchtigen Brüder verkauften ihn in die Sklaverei nach Ägypten. Der machte dort dann aber Karriere, stieg zum Kanzler des Pharao auf und konnte am Ende, als er auf seine Brüder traf, ihnen vergeben und sagen: „Gott hat alles zum Guten gewendet.“
Wenn Pläne scheitern, sind wir oft traurig. Umso mehr wünsche ich, dass wir – im Rückblick und mit zeitlichem Abstand – diese Enttäuschungen in neuem Licht sehen und sagen können: „So traurig ich damals auch war, es wurde Gutes daraus. Gott hat alles zum Guten gewendet. Gott sei Dank!“
Amen.
PREDIGT ZUR TAUFE
Liebe Gemeinde,
es ist ein sehr schöner Taufspruch, den Leevi heute kommt, der letzte Satz aus dem letzten Kapitel des Matthäus-Evangeliums, also Matthaei am Letzten. Da hat Jesus gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“
Das verspricht Gott heute diesem kleinen Buben für sein ganzes Leben, von dem wir hoffen, dass es ein glückliches und zufriedenes Leben werden wird, mit vielen hellen Momenten, mit Lachen und Freude, immer wieder.
Liebe Eltern und Paten von Leevi, ich wünsche Ihnen, dass Sie diesem Kind, das Gott Ihnen geschenkt und anvertraut hat, das immer wieder sagen: „Gott ist bei dir, Gott begleitet dich auf deinen Wegen und freut sich, dass es dich gibt!“
Nun hat Jesus ja nicht gesagt: „Siehe, ich bin bei DIR alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Sondern hier steht in der Bibel: „Siehe, ich bin bei EUCH alle Tage bis ans Ende der Welt.“
Also bei Dir, bei Ihnen, bei Ihnen, bei mir, bei jeder und jedem von uns.
„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“
Das ist ein sehr schöner Taufspruch – aber nicht nur ein Bibelvers für kleine Kinder, sondern auch für Jugendliche und genauso auch für uns Erwachsene. Uns allen gilt dieses Versprechen von Jesus.
Nun kann der eine oder die andere ja mit Recht dagegenhalten und sagen: „Also ganz ehrlich, bei mir war Gott noch nie. Ich hätte das ja mitbekommen!“ – Dann frage ich aber zurück: „Was macht dich da so sicher? Kannst du mit Sicherheit ausschließen, dass Gott dir noch nie nahe war?“
Könnten Sie, könntet ihr es mit Sicherheit ausschließen. Wahrscheinlich nicht.
Natürlich, klar, wir alle haben schon Momente, Phasen und Situationen erlebt, in denen wir uns von Gott und der Welt verlassen fühlten. Manche sind schon in Abgründen ihres Daseins gelandet, die dunkler und einsamer nicht hätten sein können. Und ich selbst weiß, wovon ich da spreche. Und natürlich kann man sich da fühlen wie Jesus am Kreuz, als er verzweifelt rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Ja, liebe Gemeinde, es gibt sie, diese ganz dunklen Momente. Momente, in denen wir uns nicht nur von Menschen, sondern auch von Gott verlassen fühlen.
Aber ich glaube, nein: ich bin mir dessen gewiss, dass Gott auch in diesen Finsternissen uns ganz nahe ist.
Das ist ein Glaubenssatz, bewiesen kann ich es nicht. Aber einen Hinweis darauf, wie sich das ganze verhalten kann, gibt uns eine wunderschöne Geschichte aus dem letzten Jahrhundert. Sie stammt nicht aus der Bibel, sondern ist von Margaret Fishback Powers. Vielleicht kennen einige die Geschichte schon, aber sie ist so schön, dass man/frau sie zig mal hören kann:
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Paar Fußspuren im Sand,
meine eigenen und die meines Herrn.
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Paar Fußspuren im Sand,
meine eigenen und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"
Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
Manchmal meinen wir, wir seien ganz alleine. Aber wir sind es nicht. Ich wünsche uns allen, dass wir immer wieder ein wenig von Gottes Gegenwart in unserem Leben spüren oder zumindest erahnen. Denn unerschütterlich gilt für alle Zeiten der wunderschöne Satz, den Leevi als Taufspruch bekommen hat, als Gottes Versprechen auch an jeden und jede von uns: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“
Amen.
PREDIGT ZUR KONFIRMANDENVORSTELLUNG
Liebe Gemeinde,
und ganz besonders: liebe Konfirmand/inn/en,
so in etwa hat jeder und jede von euch eine Vorstellung von dem, was euch in der Konfirmandenzeit erwartet: zum Beispiel Konfi-Unterricht und Gottesdienst, ab und zu auswendig lernen oder etwas schreiben, und natürlich, dass es um Gott geht.
Das sind alles richtige Vermutungen. Aber es fehlt noch etwas, nämlich: Es wird vor allem auch um uns Menschen gehen. Wir werden nachdenken, wie wir Menschen nach Gottes Willen zusammenleben können, was wir tun und was wir besser lassen sollen, und dann werden wir auch immer wieder auf biblische Geschichten stoßen, die uns zeigen, wer wir Menschen in Gottes Augen sind und wie Gott uns sieht. In jeder dieser vielen Geschichten der Bibel findet ihr ein und denselben Gedanken wieder: dass Gott euch so sehr liebt, wie ihr das sonst nur von eurer Mutter und eurem Vater kennt.
Acht Milliarden Menschen gibt es auf dieser Erde, und wir dürfen glauben, dass Gott jeden einzelnen dieser Menschen kennt und liebt. Acht Milliarden Menschen - kaum vorstellbar, eine 8 mit neun Nullen. Und jeder und jede davon ist für Gott ein einmaliges und unverwechselbares Wesen! Wie viele Menschen kennen wir denn? Keine 8 Millionen. Keine 8 Tausend. Wohl nicht einmal 800. Gott aber kennt 8 Milliarden!
Was wir wissen, das ist, wie gesagt: dass jeder Mensch in Gottes Augen ungemein wertvoll ist. Das hat kein Anderer so unvergesslich vorgelebt wie Jesus, in dem Gott zu uns Menschen gekommen ist. Wer mit Jesus zu tun hatte, der spürte sofort: Ich werde geliebt, in diesem Jesus ist Gott mir ganz nahe. Ja, es ist so, als ob Gott selbst vor mir stehen würde.
Unglaublich wertvoll für Gott, das seid auch ihr, liebe Konfis, eure Geschwister und Eltern, jeder und jede von uns hier in der Kirche und wo auch immer. Und wir werden nicht nur geliebt, sondern sind für Gott unglaublich viel wert und haben eine unendliche Würde.
Das will ich uns an einem Beispiel zeigen: Ich habe hier einen 50-Euro-Schein. Wisst ihr, was dem seinen Wert gibt? ---
Das ist ein Silberstreifen drin und ein Wasserzeichen. Die sagen uns, dass der Schein viel wert ist. Und an diesem Geldschein will ich uns etwas zeigen: Hier sind Wasserzeichen und Silberstreifen. Jetzt falte ich den Schein ganz klein, zerknicke ihn, ziehe ihn durch den Schmutz und öffne ihn dann wieder. Wenn ich ihn mir jetzt anschaue, bemerke ich: Das Wasserzeichen und der Silberstreifen sind immer noch da. Der Schein ist immer noch gleich viel wert.
Und das heißt im Blick auf auf euch und uns alle: Was auch immer geschieht, auch wenn das Leben uns zusammenfaltet, auch wenn harte Zeiten kommen, auch wenn wir nicht so leben, wie Gott es will, selbst wenn Fehler und Sünden unseren Lebensweg beschmutzt haben – niemals verlieren wir unsere Würde, unseren Wert für Gott.
Uns so wird dieser schöne Gedanke unser Leitspruch für eure Konfirmandenzeit sein: Es gibt keinen Tag, an dem Gott uns nicht voller Liebe anschauen würde.
Amen.
PREDIGT ZUR TAUFE
Es ist eine wunderschöne Geschichte vom kleinen Prinzen, die wir da VON Ihnen gehört haben, liebe Eltern von Alwine, und in dieser Geschichte steckt sehr vieles, was mit der Taufe zu tun hat:
Wenn Sie die inzwischen gar nicht mehr so kleine Alwine betrachten, dann sehen Sie sie so, wie der kleine Prinz die Rose: als ein einzigartiges Wesen, anders als alle anderen, und so, wie es ist, in seiner Einzigartigkeit von Gott gewollt. Das dürfen Sie Ihrer Tochter immer wieder sagen und sie spüren lassen.
Und gleichzeitig können Sie Alwine auch noch sagen: Du bist eines unter acht Milliarden einzigartigen Wesen. Mit ihnen darfst du in Kontakt treten. Du darfst reden und hören, sehen und gesehen werden. Du wirst Freunde und Freundinnen finden, und anderen wirst du zu einer guten Freundin werden. Du bist Teil eines Netzes: Du bist Haltepunkt, und du wirst selbst gehalten. Du wirst geliebt, und du wirst selbst lieben.
Ganz anders als das, was wir in unserer Gesellschaft hören und sehen. Dort gilt „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Dort wird so oft gelogen und betrogen, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Dort bauen Menschen Mauern und Zäune, die sie von anderen trennen, weil sie für sich bleiben wollen.
Liebe Eltern, Paten und Großeltern von Alwine und von anderen Kindern, wir geben uns nicht zufrieden mit Mauern und Zäunen. Lasst uns unseren Kindern und Enkelkindern die Türchen in den Zäunen und auch die Fenster und Tore in den Mauern zeigen. Lasst uns unsere Kinder wahrnehmen als einzigartige Wesen, uns von Gott anvertraut, und lasst uns dabei mitwirken, dass die Kinder schnell lernen, dass es neben dem Ich auch noch das Du und das Wir gibt.
Gebe uns Gott seinen Segen, dass all unser Erziehen auch Früchte trägt und dass unsere Kinder zusammen mit uns immer weiter am Reich Gottes bauen, in dem Platz ist für jeden Menschen, für Liebe und Gemeinschaft, und so immer wieder von Neuem Gottes Reich Gestalt annehmen kann mitten in dieser schönen Welt.
Amen.
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PREDIGT ZUM TOTENGEDENKEN IM FRIEDWALD
Wir haben gerade die Schriftlesung aus der Offenbarung des Johannes gehört. In diesem allerletzten Buch der Bibel Buch erzählt der Seher Johannes von den zukünftigen Geschehnissen am Ende der Zeit, in die Gott ihm Einblick gewährt hat.
Und was für ein unglaubliches Bild tut sich uns da auf! Eine neue Erde, ein neuer Himmel – und mittendrin Gott unter den Menschen!
Und dann der Schlüsselsatz, wahrscheinlich einer der eindrücklichsten Sätze der Bibel, der dann heißt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Was für ein unglaublich starkes Bild: Es kommt die Zeit, an der Gott selbst unsere Tränen abwischen wird, alle unsere Tränen.
Nirgendwo in der gesamten Bibel wird das beschrieben, etwas Tiefes und Faszinierendes: die Zärtlichkeit Gottes!
Dass unsere Tränen abgewischt werden – als Kinder haben wir es erlebt, immer wieder. Und meist war es die Mutter, die da war und uns, wenn uns die Tränen übermannt haben, diese zärtlich aus dem Gesicht gestrichen haben.
Unser Gott im Himmel – nicht der zornige Alte im Himmel, sondern das Wesen, das voller Zärtlichkeit Anteil nimmt an unserer Traurigkeit. Schon der Prophet Jesaja hatte dies beschrieben mit ebenfalls unvergesslichen Worten: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Wenn wir an unsere Kindheit zurückdenken, an die Mutter, die uns die Tränen abwischte – und natürlich war das manchmal auch der Vater – , dann erinnern wir uns auch daran, wie gut uns das getan hat. Natürlich, es war nichts besser dadurch, das, was uns zum Weinen gebracht hatte, war immer noch da (etwa ein Schmerz, eine Enttäuschung, eine Angst), aber das Entscheidende war, dass wir dann spürten: ‚Ich bin nicht alleine.‘
Viele Jahre und Jahrzehnte sind ins Land gegangen. Viele von uns haben keine Mutter oder keinen Vater mehr, die uns trösten.
Umso wichtiger ist das Versprechen, das Gott uns hier gibt: Ich bin bei dir. Und es wird die Zeit kommen, sagt Gott, in der Deine Tränen getrocknet sein werden und Deine Traurigkeit sich in ein Lachen verwandeln wird.
Die Zeit wird kommen, auch wenn wir in diesem Leben, in dieser Zeit immer auch traurige Momente und finstere Momente werden durchschreiten müssen. Aber wir wissen: Schon jetzt hat Gott den Arm um uns gelegt, drückt uns ganz fest an sich und flüstert uns zu: "Geh mit Zuversicht Deinen weiteren Lebensweg, auch da, wo Traurigkeiten auf dich warten. Weine um Deine Toten, aber wisse auch, dass ich für sie sorge. Und vergiss nicht: Es kommt der Tag, an dem werdet ihr euch wiederfinden: hier bei mir, in meinem Reich, in meinen Armen. So nimm getrost die weiteren Wege deines Lebens an."
Amen.
Liebe Gemeinde, und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
70, Jahre, 65, 60 und 50, Jahre sind vergangen seit Ihrer Konfirmation — aber heute, hier in dieser Kirche, da sind ihnen die Erinnerungen an Ihre Konfirmandenzeit wieder ganz nahe:
1952, liebe Gnaden—Jubilare, wurden Sie von Pfarrer Fath konfirmiert. Er hatte die Buben und Mädchen getrennt — sicher hatte er seine Gründe dafür. Konfirmandenunterricht war im jetzigen Singsaal im Rathaus, und mit dem Lehrer Sänger haben Sie die Lieder geübt.
Als 1957 Sie, liebe Eisernen Jubilare, konfirmiert wurden, da war das mit dem Gesang ganz anders. Viele Lieder übte Pfarrer Scheel mit Ihnen ein, mit Geige und Kopfnüssen. Und das hat wohl sehr gut funktioniert — in Erinnerung daran werden wir nachher Ihr Konfirmationslied singen: „Herr, wir stehen Hand in Hand".
1962 wurden Sie konfirmiert, liebe Diamant-Jubilare, als letzter Jahrgang von Pfarrer Scheel. Interessant ist, dass damals dieselbe große Angst herrschte wie heute, nämlich die vor einem dritten Weltkrieg, einem Atomkrieg alles Leben auslöschen würde. Das Schicksal der Erde lag damals in den Händen von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, und die Welt hielt den Atem an, als während der Kuba—Krise plötzlich russische Nuklearraketen über den Atlantik transportiert werden. Die Vernunft setzte sich durch - hoffen wir, dass sie auch dieses Mal die Oberhand behält.
Im Jahr 1972 wurden Sie, liebe Gold-Konfirmanden, von Pfarrer Wölfle konfirmiert, der einiges mit Ihnen unternahm. 1972, das war ein bewegtes Jahr. Die ganze Gesellschaft änderte sich; die Haare wurden länger, die Röcke kürzer, die Jugend begehrte gegen die Eltern auf. Und ganz Deutschland war im Olympiafieber anlässlich der Olympischen Spiele in München.
So sind Sie also vier Jahrgänge mit unterschiedlichen Lebenshintergründen und aus vier ganz unterschiedlichen Zeiten. Und nun treffen Sie heute zusammen im Jahr 2022. Dieses steht im Zeichen des Ukraine-Krieges und der Corona—Pandemie, aber nicht nur! Die kirchliche Überschrift über 2022, die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium, ist ein wunderschönes Jesus-Wort: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.”
Wir hören das als Menschen, die bei ihrer Konfirmation laut Ja gesagt haben zu einem Leben, das mit Gott rechnet, Gottes Gebote hält und Jesus nachfolgen will. Ist das gelungen? Vielleicht ja; wahrscheinlich nicht jeden Tag; und sicher hat es im Leben jedes und jeder Einzelnen von uns auch Momente gegeben, in denen wir weit weg waren von Gott. Aber Gott hält uns dies nicht vor. Es gibt für Gott keinen Tag der Abrechnung.
Statt dessen ist heute und jeder weitere Tag in unserem Leben eine beständige Einladung: Gott hält uns den Weg zu sich immer offen, woher auch immer wir kommen, wo auch immer wir uns aufgehalten haben. Bei Ihrer Konfirmation hier in der Kirche wurde es Ihnen gesagt, und heute darf ich es Ihnen in Jesu Namen noch einmal zusprechen, sein Versprechen, das uns allen gilt, unser Leben lang: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.”
Amen.
70, Jahre, 65, 60 und 50, Jahre sind vergangen seit Ihrer Konfirmation — aber heute, hier in dieser Kirche, da sind ihnen die Erinnerungen an Ihre Konfirmandenzeit wieder ganz nahe:
1952, liebe Gnaden—Jubilare, wurden Sie von Pfarrer Fath konfirmiert. Er hatte die Buben und Mädchen getrennt — sicher hatte er seine Gründe dafür. Konfirmandenunterricht war im jetzigen Singsaal im Rathaus, und mit dem Lehrer Sänger haben Sie die Lieder geübt.
Als 1957 Sie, liebe Eisernen Jubilare, konfirmiert wurden, da war das mit dem Gesang ganz anders. Viele Lieder übte Pfarrer Scheel mit Ihnen ein, mit Geige und Kopfnüssen. Und das hat wohl sehr gut funktioniert — in Erinnerung daran werden wir nachher Ihr Konfirmationslied singen: „Herr, wir stehen Hand in Hand".
1962 wurden Sie konfirmiert, liebe Diamant-Jubilare, als letzter Jahrgang von Pfarrer Scheel. Interessant ist, dass damals dieselbe große Angst herrschte wie heute, nämlich die vor einem dritten Weltkrieg, einem Atomkrieg alles Leben auslöschen würde. Das Schicksal der Erde lag damals in den Händen von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, und die Welt hielt den Atem an, als während der Kuba—Krise plötzlich russische Nuklearraketen über den Atlantik transportiert werden. Die Vernunft setzte sich durch - hoffen wir, dass sie auch dieses Mal die Oberhand behält.
Im Jahr 1972 wurden Sie, liebe Gold-Konfirmanden, von Pfarrer Wölfle konfirmiert, der einiges mit Ihnen unternahm. 1972, das war ein bewegtes Jahr. Die ganze Gesellschaft änderte sich; die Haare wurden länger, die Röcke kürzer, die Jugend begehrte gegen die Eltern auf. Und ganz Deutschland war im Olympiafieber anlässlich der Olympischen Spiele in München.
So sind Sie also vier Jahrgänge mit unterschiedlichen Lebenshintergründen und aus vier ganz unterschiedlichen Zeiten. Und nun treffen Sie heute zusammen im Jahr 2022. Dieses steht im Zeichen des Ukraine-Krieges und der Corona—Pandemie, aber nicht nur! Die kirchliche Überschrift über 2022, die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium, ist ein wunderschönes Jesus-Wort: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.”
Wir hören das als Menschen, die bei ihrer Konfirmation laut Ja gesagt haben zu einem Leben, das mit Gott rechnet, Gottes Gebote hält und Jesus nachfolgen will. Ist das gelungen? Vielleicht ja; wahrscheinlich nicht jeden Tag; und sicher hat es im Leben jedes und jeder Einzelnen von uns auch Momente gegeben, in denen wir weit weg waren von Gott. Aber Gott hält uns dies nicht vor. Es gibt für Gott keinen Tag der Abrechnung.
Statt dessen ist heute und jeder weitere Tag in unserem Leben eine beständige Einladung: Gott hält uns den Weg zu sich immer offen, woher auch immer wir kommen, wo auch immer wir uns aufgehalten haben. Bei Ihrer Konfirmation hier in der Kirche wurde es Ihnen gesagt, und heute darf ich es Ihnen in Jesu Namen noch einmal zusprechen, sein Versprechen, das uns allen gilt, unser Leben lang: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.”
Amen.
Liebe Gemeinde,
Pfingsten ist das Fest im Kirchenjahr, das am schwersten zu erklären ist. Nur ein Fünftel der Deutschen weiß, warum Pfingsten gefeiert wird!
Und wir? Was können wir mit dem Pfingstfest anfangen? Der Kern ist uns bekannt, wir haben in der Lesung davon gehört, die vom Pfingstwunder erzählt. Aber woraus besteht das Wunder denn? Dass es vom Himmel braust? Dass Flammen auf den Häuptern der Jünger zu sehen sind?
Sicher, das sind die äußeren Anzeichen des Wunders. Aber eigentlich sind da gleich drei Wunder geschehen:
Das erste Wunder erfahren die Jünger an sich selbst: Sie, einfache Menschen aus Galiläa, die nichts anderes konnten als fischen und Netze flicken; die Jesus immer nur zugehört hatten; die noch nie mehr als drei Sätze am Stück sprachen; ausgerechnet sie fangen nun an zu erzählen von Jesus.
Das zweite Wunder geschieht bei den Zuhörenden. Da sind Menschen von überall her nach Jerusalem gekommen. Die erleben nun, wie sie diese Fischer aus Galiläa in ihrer eigenen Heimatsprache hören und verstehen.
Das dritte Wunder erleben alle miteinander: Sie begreifen: Ob ich aus Israel komme oder aus Persien, ob ich Handwerker bin oder Gelehrter, ein guter Mensch oder ein Schlitzohr, ob ich gescheit bin oder dumm, arm oder reich - ich und alle anderen, wir gehören zusammen.
So geschehen da tatsächlich gleich drei Wunder: Einfache Menschen trauen sich von Jesus zu erzählen; Fremde verstehen die Botschaft; und alle merken, wie dieser Geist sie zu einer großen Gemeinschaft verbindet.
O gute alte Zeit, denke ich mir, in der alles noch in Ordnung war. Heute werden die Kirchen immer leerer und der Glaube spielt in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr. Gerne würde ich beten: "Lieber Gott, lass es doch noch einmal so krachen wie damals; schenke uns ein zweites Pfingstwunder, damit die Kirchen wieder voller und wir Menschen wieder gottesfürchtiger werden."
Ich bete nicht wirklich so zu Gott. Vielleicht sollte ich.
Die Frage bleibt auf jeden Fall: Warum geschah damals das Pfingstwunder und heute nichts, obwohl diese glaubensarme, kirchenferne Zeit doch so dringend eines zweiten Pfingstwunders bedürfte?
Ich glaube, der Unterschied ist, dass damals die Jünger wirklich etwas von Gott erwartet haben. Jesus hatte versprochen: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen." So haben die Jünger gewartet, das Wunder er-wartet. Sie haben allein auf Gott vertraut und waren nicht so vermessen, sich selber mehr zuzutrauen als Gott.
Vielleicht ist das unser Manko: dass wir selber die Kirche gestalten wollen; dass wir so viele eigene Ideen haben und gar keinen Raum, keine Lücke lassen, in der Gottes Geist sich entfalten könnte; dass wir zu viel reden, zu wenig schweigen und überhaupt nicht mehr Gott hören.
Wenn ich "wir" sage, meine ich uns hier, aber auch die ganzen Aktionen, mit denen unsere Kirchenleitung uns reich segnet und überflutet, auch wenn wir nichts bestellt haben. Transformation und Reduktion sind die neuen Schlagworte, vielleicht haben Sie in der Zeitung davon gelesen.
Das geht alles an dem vorbei, was notwendig ist. Denn die Kernfrage kirchlichen Handelns heißt doch immer noch: Wie findet ein Mensch zum Glauben?
Die Jünger haben es uns vorgemacht, und wären sie da, dann würden sie uns drei Ratschläge geben.
Der erste: Erzählt euren Mitmenschen von eurem Glauben. Nicht nur in den schützenden Mauern der Kirche; nicht nur daheim. Was hindert euch daran, auch mit eurem Kollegen, eurer Nachbarin oder eurem Vereinskameraden über das zu reden, was euch trägt. Ihr müsst euren Glauben doch nicht verstecken wie eine ansteckende Krankheit!
Der zweite Ratschlag der Jünger heißt: Redet Klartext! Verzichtet auf Floskeln. Wenn ihr jemanden zum Glauben führen wollt, dann redet in ganz normalen Worten, damit er auch versteht, was er meint.
Der dritte Ratschlag der Jünger heißt: Pflegt eure Gemeinschaft! Kümmert euch umeinander. Schaut, wie es dem Anderen geht. Und hütet euch davor, auf andere herabzuschauen. Ihr gehört alle zu der großen Familie der Kinder Gottes!
Für diese Ratschläge müssen wir nicht Unsummen an eine Unternehmensberatung zahlen; sie stehen in der Bibel, und wir können sie kostenlos in unsere eigene Gemeinde downloaden. Die drei Ratschläge der Jünger - wo wir uns an ihnen orientieren, könnte leicht ein neues Pfingstwunder geschehen. Auch ohne Brausen vom Himmel, ohne Flämmlein auf dem Haupt.
Wenn jemand zum Glauben findet, weil ihm jemand einfach von seinem Glauben erzählt hat; weil er gemerkt hat "Wir reden die gleiche Sprache"; weil er spürt "Da gehöre ich hin" - wenn dann jemand zum Glauben findet, - Sie ahnen schon, was das ist: ein weiteres Pfingstwunder; und das kann auch noch im Jahr 2022, auch in Rheinau geschehen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
es ist ein sehr schöner Taufspruch, den Anton heute bekommen hat: „Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht, und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“
Eigentlich könnte man diesen einen Satz sogar fast als Erziehungsziel für jedes Kind festlegen: ein Kind, das nicht ein Opfer seiner Ängste wird, sondern so viel Stärke aus der Liebe seiner Eltern und so viel Mut aus seinem Gottvertrauen bezieht, dass es gut durch das Leben kommt und sich nicht zum Duckmäuser oder Jasager entwickelt.
Liebe Eltern von Anton und David, ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Kinder auf einen solchen Weg setzen; dass Sie Ihren Kindern in Ihrem schönen Zuhause auch weiterhin Geborgenheit und Liebe geben, was sie später dazu fähig macht, aufrecht und ohne falsche Furcht durch das Leben zu gehen.
„Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht, und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“
Für mich ist das einer meiner absoluten Lieblings-Sätze in der Bibel. Woher kommt dieser Satz eigentlich ?
Er ist fast 3500 Jahre alt. Damals sollte Josua, der Nachfolger des Mose, das Volk Israel ins Gelobte Land führen. Doch plötzlich stand er vor einem fast unüberwindlichen Hindernis: dem Fluss Jordan. Da Josua außerdem von seinen Kundschaftern erfahren hatte, dass jenseits des Flusses gewalttätige Menschen lebten, begann er zu zaudern und zu zweifeln.
Und während er da stand – hinter sich das ungeduldige israelische Volk und vor sich das neue Land, das mit so viel Ungewissem behaftet war - , da hörte er in seine ganz Unsicherheit hinein Gottes Stimme: „Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht, und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“
Und das gab den Ausschlag. Mit neuer Kraft, neuem Mut und neuer Hoffnung raffte Josua sich auf und brachte sich und das Volk Israel ins Gelobte Land.
Liebe Gemeinde, mit Sicherheit ist das nicht einfach eine Geschichte aus lang vergangener Zeit. Nein, sie spielt auch heute noch, auch in unserem eigenen Leben. Haben wir nicht auch schon solche Jordan-Erlebnisse gehabt wie Josua? Standen wir nicht auch schon vor scheinbar unüberwindlichen Hindernissen? Vor einer Situation, die uns übermächtig erschien? Vor einer Herausforderung, die wir nicht annehmen wollten, weil wir uns zu schwach fühlten, zu klein, zu machtlos?
Doch, das haben wir. Und deshalb spricht dieses Gotteswort uns direkt an und sagt uns:
- Wenn du wieder einmal an deinem persönlichen Jordan der Herde der Gewohnheitstiere gegenüberstehst – dann vertrau auf Gott und geh den Weg, den DU verantworten kannst.
- Wenn dir wieder einmal die anderen einreden wollen, dass du zwar im Recht bist, aber um des lieben Frieden willens es besser sei, nichts zu sagen, dann überschreite mutig den Jordan des Schweigens und sage im Vertrauen auf Gott offen und frei das, was dein Gewissen dir sagt.
- Und wo sie dich als Christ zurückdrängen wollen zum Beten in deinem stillen Kämmerlein, da überquere die Wasser der Trägheit und packe mit an, um am Reich Gottes mitzubauen mitten in dieser Welt.“
Sei mutig und stark. Christen sind mutige Menschen. Sie machen den Mund auf, um Unrecht zu benennen, wie Martin Luther King. Sie nehmen die Hände nicht nur zum Beten, sondern auch zum Anpacken und Helfen, wie Mutter Teresa. Und sie schlagen ganz neue Wege ein, wenn die bisherigen die falschen sind, auch wenn sie mit der halben Welt Ärger bekommen, wie vor 500 Jahren Martin Luther.
Sei mutig und stark, weil Gott dich stärkt. Bleibe ehrlich, suche nicht nur die ausgetretenen Wege und lege Hand an, wo Hilfe benötigt wird.
Der Taufspruch eines Babys erinnert uns heute noch einmal an das, was unser Christsein ausmacht.
Ich wünsche uns, dass uns immer dann, wenn wir vor einem wie auch immer gearteten Jordan stehen, die Mut machenden Worte Gottes wieder einfallen: „Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht, und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
an einem normalen Sonntag in einem normalen Gottesdienst eine Diamantene Hochzeit zu feiern, das erhebt den Gottesdienst natürlich zu etwas ganz Besonderem.
Wir sind im Mai, in dem früher - wie heute – viele Trauungen gefeiert wurden; der Liebesmonat schlechthin, natürlich geht es auch jetzt in der Predigt um Liebe. Was ist Gottes Wille für die, die durch eine kirchliche Trauung Ihr Miteinander ganz bewusst unter Gottes Segen stellen? Darauf gibt es viele Antworten – eine davon steht in der Bibel - Ihr Trauspruch aus dem Römerbrief, liebe Eheleute Bliss, der Ihnen vor 60 Jahren mit auf den Weg gegeben wurde. Da heißt es:
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.
Drei Ratschläge, die uns hier Gottes Wort ans Herz legt. Es lohnt, sie ganz kurz anzuschauen.
Seid eines Sinnes untereinander.
Das ist eine spannende Frage an uns alle: Du und dein Partner / deine Partnerin – seid ihr eines Sinnes? Eines Sinnes sein bedeutet nicht, dass einer etwas sagt und der/die Andere immer antwortet: „Ja, so ist es.“ So funktioniert keine Ehe und keine Beziehung. Und sicherlich bestanden auch bei Ihnen beiden die Gespräche nicht nur aus „Ja“ und Kopfnicken. Manchmal muss in einer Ehe auch gestritten werden, wir wissen das alle, wir kennen das, wir erleben das. Streiten ist nicht schlimm, aber was wir niemals außer Acht lassen dürfen, und das legt Gottes Wort uns hier sehr ans Herz, das sind unsere gemeinsamen Ziele. Das meint die Bibel mit „Seid eines Sinnes untereinander.“ Und so lange zwei das gemeinsame Ziel im Blick behalten, sind sie auch noch auf dem richtigen Weg.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen.
Der zweite Ratschlag des Trauspruchs ist ein ganz wichtiger: Bleibt in euren Ansprüchen ans Leben bescheiden. Das ist jetzt nicht ein altmodischer Satz aus einer lang vergangenen Zeit, sondern brandaktuell: Immer wieder begegne ich Menschen, die mir leid tun, weil sie ihre Lebensziele und Erwartungen ans Leben viel zu hoch gesteckt haben, und deshalb nie zufrieden innehalten können, sondern immer noch mehr vom Leben wollen, immer schneller durch das Hamsterrad des Lebens rennen müssen und irgendwann verbittert mit ihren Kräften am Ende sind.
Wer aber keine großen Dinge anstrebt, der/die kann sich oft auch über die vermeintlich kleinen Dinge freuen – und wesentlich glücklicher werden.
Der dritte und letzte Ratschlag des Trauspruches: Haltet euch nicht selbst für klug.
Oft wissen wir alles selbst am besten, meinen wir. Jemanden um Rat fragen? Wozu? Sich an dem orientieren, was offenbar für die meisten gut ist? Nein, ich gehe meinen eigenen Weg. Schließlich hat mich der liebe Gott ja als Individuum geschaffen. Ja, da wird sogar der liebe Gott ins Spiel gebracht, obwohl er sonst zwischen Konfirmationsurkunde und verstaubter Bibel längst ins Abseits gerückt wurde.
„Haltet euch nicht selbst für klug“ ist aber genau das, was Jesus gepredigt hat und was auch uns heute noch gut tut. Es gibt für diese zutiefst christliche Haltung einen wichtigen Begriff: die Demut. Demut heißt: Ich rücke nicht immer mich selbst in die Mitte meines Weltbildes, sondern überlasse diese Mitte Gott. Ich verabschiede mich von dem Wahn, ich sei meines eigenen Glückes Schmied, und traue dafür Gott zu, dass er in meinem Leben viele kleine und manchmal auch erstaunlich große Wunder vollbringt. Und wo Gott mich zur Mitarbeit brauchen kann für seine Welt und ihre Menschen, da arbeite ich kräftig mit. Eine solche Demut passt für viele Menschen nicht mehr in unsere Zeit – wer sich von Gott die Demut schenken lässt, hat aber mit Sicherheit ein zufriedeneres Leben.
Wir sind bei einem Bibelvers gestartet, der 2000 Jahre alt ist und einem Ehepaar vor 60 Jahren als Trauspruch mitgegeben wurde. Vielleicht haben wir alle gemerkt, wie zeitlos gültig und welch ein Segen dieses Bibelwort für unser Leben sein kann.
Für Sie beide wurde es zum Segen. Gott sei Dank!
Amen.
an einem normalen Sonntag in einem normalen Gottesdienst eine Diamantene Hochzeit zu feiern, das erhebt den Gottesdienst natürlich zu etwas ganz Besonderem.
Wir sind im Mai, in dem früher - wie heute – viele Trauungen gefeiert wurden; der Liebesmonat schlechthin, natürlich geht es auch jetzt in der Predigt um Liebe. Was ist Gottes Wille für die, die durch eine kirchliche Trauung Ihr Miteinander ganz bewusst unter Gottes Segen stellen? Darauf gibt es viele Antworten – eine davon steht in der Bibel - Ihr Trauspruch aus dem Römerbrief, liebe Eheleute Bliss, der Ihnen vor 60 Jahren mit auf den Weg gegeben wurde. Da heißt es:
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.
Drei Ratschläge, die uns hier Gottes Wort ans Herz legt. Es lohnt, sie ganz kurz anzuschauen.
Seid eines Sinnes untereinander.
Das ist eine spannende Frage an uns alle: Du und dein Partner / deine Partnerin – seid ihr eines Sinnes? Eines Sinnes sein bedeutet nicht, dass einer etwas sagt und der/die Andere immer antwortet: „Ja, so ist es.“ So funktioniert keine Ehe und keine Beziehung. Und sicherlich bestanden auch bei Ihnen beiden die Gespräche nicht nur aus „Ja“ und Kopfnicken. Manchmal muss in einer Ehe auch gestritten werden, wir wissen das alle, wir kennen das, wir erleben das. Streiten ist nicht schlimm, aber was wir niemals außer Acht lassen dürfen, und das legt Gottes Wort uns hier sehr ans Herz, das sind unsere gemeinsamen Ziele. Das meint die Bibel mit „Seid eines Sinnes untereinander.“ Und so lange zwei das gemeinsame Ziel im Blick behalten, sind sie auch noch auf dem richtigen Weg.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen.
Der zweite Ratschlag des Trauspruchs ist ein ganz wichtiger: Bleibt in euren Ansprüchen ans Leben bescheiden. Das ist jetzt nicht ein altmodischer Satz aus einer lang vergangenen Zeit, sondern brandaktuell: Immer wieder begegne ich Menschen, die mir leid tun, weil sie ihre Lebensziele und Erwartungen ans Leben viel zu hoch gesteckt haben, und deshalb nie zufrieden innehalten können, sondern immer noch mehr vom Leben wollen, immer schneller durch das Hamsterrad des Lebens rennen müssen und irgendwann verbittert mit ihren Kräften am Ende sind.
Wer aber keine großen Dinge anstrebt, der/die kann sich oft auch über die vermeintlich kleinen Dinge freuen – und wesentlich glücklicher werden.
Der dritte und letzte Ratschlag des Trauspruches: Haltet euch nicht selbst für klug.
Oft wissen wir alles selbst am besten, meinen wir. Jemanden um Rat fragen? Wozu? Sich an dem orientieren, was offenbar für die meisten gut ist? Nein, ich gehe meinen eigenen Weg. Schließlich hat mich der liebe Gott ja als Individuum geschaffen. Ja, da wird sogar der liebe Gott ins Spiel gebracht, obwohl er sonst zwischen Konfirmationsurkunde und verstaubter Bibel längst ins Abseits gerückt wurde.
„Haltet euch nicht selbst für klug“ ist aber genau das, was Jesus gepredigt hat und was auch uns heute noch gut tut. Es gibt für diese zutiefst christliche Haltung einen wichtigen Begriff: die Demut. Demut heißt: Ich rücke nicht immer mich selbst in die Mitte meines Weltbildes, sondern überlasse diese Mitte Gott. Ich verabschiede mich von dem Wahn, ich sei meines eigenen Glückes Schmied, und traue dafür Gott zu, dass er in meinem Leben viele kleine und manchmal auch erstaunlich große Wunder vollbringt. Und wo Gott mich zur Mitarbeit brauchen kann für seine Welt und ihre Menschen, da arbeite ich kräftig mit. Eine solche Demut passt für viele Menschen nicht mehr in unsere Zeit – wer sich von Gott die Demut schenken lässt, hat aber mit Sicherheit ein zufriedeneres Leben.
Wir sind bei einem Bibelvers gestartet, der 2000 Jahre alt ist und einem Ehepaar vor 60 Jahren als Trauspruch mitgegeben wurde. Vielleicht haben wir alle gemerkt, wie zeitlos gültig und welch ein Segen dieses Bibelwort für unser Leben sein kann.
Für Sie beide wurde es zum Segen. Gott sei Dank!
Amen.
Liebe Gemeinde,
Liebe Gemeinde, und ganz besonders:
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
ich kann mich noch gut daran erinnern, dass nach der Anmeldung zur Konfirmation eine Mutter fragte: „Sagen Sie mal, das Gerüst an der Kirche ist bis zur Konfirmation nächstes Jahr doch abgebaut, oder?“ Leider musste ich antworten, dass das Gerüst noch das ganze Jahr 2022 stehen würde. Etwas resigniert kam dann die Antwort: „Dann wird unser Kind also auf einer Baustelle konfirmiert.“
Ja, wenn man so will, dann kann man das so sagen: Ihr Lieben werdet auf einer Baustelle konfirmiert. Und auf der ersten Seite des Gottesdienstblattes ist auf dem Bild die Baustelle ganz gut zu erkennen, das gleiche Bild wie auf dem letzten Glöckl, das ihr ausgetragen habt – ein Gerüst umgibt die ganze Kirche.
Und weil das so ist, Konfirmation auf der Baustelle, will ich heute eine Baustellen-Predigt halten, weil ich meine, dass das ganz gut zu euch Konfis passt, um die es heute ganz besonders geht.
Drei Gedanken sind mir beim Nachdenken über euch und die Baustelle ganz besonders wichtig geworden:
Erster Gedanke:
Baustelle ist ein sehr zutreffendes Symbol für euch. Denn jetzt, mit 13, 14 Jahren, seid ihr ja selbst – bitte nicht erschrecken – eine Baustelle, so wie wir alle in diesem Alter eine Baustelle waren. Pubertät heißt diese Baustelle. Da verändert sich vieles, wird umgebaut, neu zusammengesetzt und heraus kommt am Ende ein ziemlich erwachsener Mensch. Es ist kein einfaches Alter jetzt, manchmal findet ihr euch sich gar nicht mehr zurecht, probiert diesen oder jenen Weg aus, findet diesen oder jenen Menschen toll, am einem Tag, am anderen nicht mehr. Ihr werdet auch rätselhafte Wesen, vor allem für eure Eltern, die mitunter vergebens nach dem ursprünglichen Bauplan suchen. Es ist also recht kompliziert für euch und oft auch mit euch.
Doch gleichzeitig dürft ihr ein ziemlich unbeschwertes Leben führen, immer wieder in die Geborgenheit eurer Familie zurückkehren, ohne Sorgen um das tägliche Brot und mit der leisen Ahnung, dass euer Leben so langsam so richtig Fahrt aufnimmt. Nicht immer einfach, aber auf jeden Fall interessant und spannend, eure Baustellen-Zeit.
Zweiter Gedanke:
Von außen betrachtet, ist unsere Kirche gleich als Baustelle erkennbar – sie hat schon schöner ausgesehen. Schön aussehen, gut aussehen – das ist auch für viele von euch ziemlich wichtig. (Für uns Erwachsene auch, aber irgendwann finden wir uns halt mit den nicht zu leugnenden Tatsachen ab.) Und so achten viele von euch also schon ziemlich auf ihr Äußeres, und das leidet manchmal in der Baustellen-Zeit. Da werden dann Pickel zu Stimmungskillern, ein Pfund zu viel an der falschen Stelle bereitet dann Sorgen und, und, und.
Auch da gibt es eine Parallele zu unserer Kirche: Von außen klar als Baustelle zu erkennen, merken wir hier drinnen nichts davon.
Innen ist alles so schön wie vorher. Und das gilt auch für uns Menschen. An dieser Stelle kommt endlich, wie es bei jeder Predigt sein soll, Gott ins Spiel. Die Bibel sagt es mit einem schönen Satz: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber schaut das Herz an.“ Das Herz, das Innere von uns Menschen – darauf kommt es an. Äußere Schönheit, ja, natürlich, nicht unwichtig. Aber auch das schönste Gesicht wird einmal alt, die schönste Haut wird faltig, die dicksten Muskelpakete lösen sich auf, die tollste Figur verliert sich in Unförmigkeit – zurück bleibt unser Inneres, unser Charakter, unsere Eigenschaften. Die Bibel nennt das unser Herz. Das zählt. Das ist Gott wichtig. Und wenn wir versuchen zu leben, wie es Jesus uns vorgemacht hat, wenn wir also barmherzig sind zu anderen, hilfsbereit, versöhnlich, verantwortungsvoll und nicht nur an uns selbst denken, dann wird Gott mit Freude unsere Herzen anschauen.
Dritter und letzter Gedanke:
Ich komme jetzt noch einmal auf das Gerüst zu sprechen. Dieses Gerüst umgibt unsere ganze Kirche. Von weitem sieht es sogar so aus, als ob das Gerüst das ganze Gebäude festhält. Das ist natürlich nicht so, aber der Anblick erinnert mich daran, dass es einiges gibt, das euch Halt gibt und festhält. Und an zwei dieser Haltepunkte will ich euch erinnern:
Da sind zum einen die Menschen, die euch Halt geben: eure Familien und Angehörigen, ganz besonders sind das eure Eltern. Ohne sie wärt ihr nicht hier, ohne sie könntet ihr nicht das sichere und schöne Leben führen, das ihr habt. Ihr habt euren Eltern sehr, sehr viel zu verdanken, vergesst das bitte nie. Und denkt daran, dass euch auch noch später, wenn ihr euch einmal in einer vermeintlich ausweglosen Sackgasse befindet, ein Weg immer offen bleibt: der Weg zurück in die Arme eurer Familien. Das, liebe Eltern, können Sie Ihren Kindern nicht oft genug sagen.
Der andere Halt, der uns Sicherheit gibt, ist unser Glaube an Gott, den Vater Jesu. Es war manchmal anstrengend für euch am Mittwochnachmittag oder Sonntagmorgen, aber eines habt ihr gemerkt: dass es da einen Gott gibt, der immer für uns da ist; einen, der uns hört und zuhört; einen, der unsere Bitten ernst nimmt und der uns nie alleine lässt, bei keinem einzigen Schritt unseres Lebens.
Seinen Segen erbitten wir für euch heute, diesen Segen bekommt jede und jeder von euch zugesprochen.
Und wenn das Leben noch so viele Baustellen für euch mit sich bringen mag, Gott begleitet euch auf all euren Wegen, in all euren Sorgen und euren Freuden. Diese Gewissheit dürft ihr mitnehmen auf eine hoffentlich glückliche, schöne und lange Lebensreise.
Amen.
Predigt nach der Taufe
Liebe Gemeinde,
mit der Taufe legen wir Raphael Gott ganz besonders ans Herz. Wir bitten Gott, dass Raphael glücklich wird und zufrieden in seinem Leben.- Ob er es wird? Wir wissen es nicht. Wir wissen ja manchmal selbst nicht, ob wir zufrieden sind mit unserem Leben.
Wie wird man und frau zufrieden im Leben? Und wie bleiben wir zufrieden? Es gibt kein Patentrezept. Aber es gibt eine Geschichte von einem unbekannten Autor, die uns eine ungefähre Richtung zeigt:
Eines Tages kam ein Professor in seinen Kurs und schlug einen Überraschungstest vor. Er verteilte sogleich das Aufgabenblatt, das wie üblich mit dem Text nach unten zeigte. Dann forderte er seine Studenten auf die Seite umzudrehen und zu beginnen. Zur Überraschung aller standen auf dem Blatt keine Fragen – es war nur ein einziger schwarzer Punkt in der Mitte der Seite.
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Nun erklärte der Professor folgendes: „Ich möchte Sie bitten, das aufzuschreiben, was Sie dort sehen.“ Die Schüler waren verwirrt, aber begannen mit ihrer Arbeit.
Am Ende der Stunde sammelte der Professor alle Antworten ein und begann sie laut vorzulesen. Alle Schüler ohne Ausnahme hatten den schwarzen Punkt beschrieben – seine Position in der Mitte des Blattes, seine Lage im Raum, sein Größenverhältnis zum Papier etc.
Nun lächelte der Professor und sagte:
„Ich wollte Ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken geben. Niemand hat etwas über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt – und das gleiche geschieht in unserem Leben. Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nutzen und zu genießen, aber wir konzentrieren uns immer auf die dunklen Flecken.
Unser Leben ist ein Geschenk, das wir mit Liebe und Sorgfalt hüten sollten und es gibt eigentlich immer einen Grund zum Feiern – unsere Familie, unsere Freunde; die Arbeit, die uns eine Existenz bietet; die Natur, die sich jeden Tag erneuert; die Wunder, die wir jeden Tag sehen.
Doch wir sind oft nur auf die dunklen Flecken konzentriert – die gesundheitlichen Probleme, der Mangel an Geld, die komplizierte Beziehung mit einem Familienmitglied, die Enttäuschung mit einem Freund usw.
Die dunklen Flecken sind sehr klein im Vergleich zu allem, was wir in unserem Leben haben, aber sie sind diejenigen, die unseren Geist beschäftigen und trüben.
Nehmen Sie die schwarzen Punkte wahr, doch richten Sie ihre Aufmerksamkeit mehr auf das gesamte weiße Papier und damit auf die Möglichkeiten und glücklichen Momente in ihrem Leben und teilen sie es mit anderen Menschen!“
Eine wunderbare Geschichte, liebe Gemeinde!
Gebe Gott, dass Raphael immer wieder das Gute, das Schöne und das Helle in seinem Leben entdecken kann!
Und gebe Gott, dass wir, auch wenn es manchmal etwas dunkel wird, immer auch noch das Helle und Schöne wahrnehmen, in unserer ganzen Lebenszeit, dieser wundervollen Zeit in Gottes Händen!
Amen.
Liebe Gemeinde,
in den Jahren 1900 bis 1985 wurden allein in den USA 350 Menschen hingerichtet, die nachweislich unschuldig waren. 350 Menschen! In was für einer Verzweiflung müssen diese Menschen gewesen sein - vom Urteil an bis zum Moment der Hinrichtung. Stellen Sie sich das einmal vor: Sie wissen, Sie werden jetzt gleich hingerichtet und sterben, und das, obwohl Sie nichts verbrochen haben. Stellen Sie sich diese Verzweiflung vor, die Sie da packt! Und es gibt Hunderte, tausende von Menschen, die in diesem Moment irgendwo auf der Welt darauf warten müssen, dass sie erschossen, enthauptet, erhängt oder anders hingerichtet werden, obwohl sie sich nichts haben zu Schulde kommen lassen.
Warum erzähle ich das heute zum Beginn Karfreitagspredigt? - Weil Jesus genau das erlebt hat und wir uns das vielleicht viel zu selten bewusst machen. Für uns gehört das eben zusammen, Jesus und das Kreuz. Es war ja vielleicht gar nicht so schlimm, denken wir vielleicht, er ist ja wieder auferstanden.
Das ist in etwa unsere Perspektive auf die Kreuzigung. Aber Jesus hat das anders erlebt. Nur etwa 9 bis 12 Stunden vergingen zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung, vormittags in einem Scheinprozess verurteilt, war er nachmittags schon tot.
Jesus erlebte ein furchtbares Unrecht, eine abscheuliche Folter, und schreckliche Qualen bis zum Tod. Sein Leben endete mit nur 30 Jahren. Jesus war in grenzenloser Verzweiflung und in Panik; dass er sich verlassen fühlte; sogar so verlassen, dass er mit Worten eines Psalms zum Himmel schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Gott hatte ihn aber nicht verlassen. Gott litt an Jesu Verzweiflung mit und machte mit aller Verzweiflung ein für alle Mal ein Ende, als er Jesus wieder auferweckte von den Toten.
Verzweiflung bei Jesus damals – und Verzweiflung auch heute noch, überall, immer wieder, in den verschiedensten Situationen.
Verzweifelte Menschen:
Da ist zum Beispiel einer, der durch die Lüge eines anderen zu Unrecht hinter Gittern sitzt; oder eine, der vom Dorftratsch etwas angehängt wird, das sie gar nicht getan hat – aber trotzdem ist sie in der Dorföffentlichkeit für immer untendurch und traut sich nicht mehr aus dem Haus; oder einer, der einen Fehler gemacht hat, den er bereut, aber nie wieder gutmachen kann, weshalb er sich auch selbst nicht verzeihen kann.
Verzweifelte Menschen:
Ich denke auch an diejenigen, die einen Menschen hergeben mussten; an unsere Trauerfamilien zum Beispiel, die mit einer Lücke und Leere leben müssen; an Menschen, deren Beziehung gescheitert ist und die sich plötzlich ganz alleine durchs Leben kämpfen müssen; oder an Menschen, die nicht mehr leben wollen, weil sie ihr Leben nicht mehr aushalten und nur noch Grau und Dunkel wahrnehmen.
Verzweifelte Menschen – wir würden oft so gerne helfen, aber finden manchmal keinen Weg; für diese Menschen haben wir vor dem Gottesdienst T-Lichte angezündet.
Verzweifelte Menschen. Ich denke und wir alle denken in diesen Wochen natürlich auch an die 44 Millionen Einwohner der Ukraine, die bis vor sieben Wochen in ihrem Heimatland lebten. Seither gehen diese Menschen durch eine Hölle, die ihnen ein teuflisches, gottloses und machtbesessenes Regime bereitet hat und immer noch bereitet. Wir sehen die Bilder – sie bringen uns zum Verstummen und Erschrecken. Machtlos sitzen wir da. Würden gerne helfen – und fragen uns, wie wir helfen könnten?
Wir können, liebe Gemeinde! Im „Napoleon“ sind seit einer guten Woche 17 Menschen aus der Ukraine einquartiert. Erwachsene, die Schlimmes erlitten haben, und Kinder, die in den letzten Wochen vieles gesehen haben, was Kinderaugen nie sehen dürften. Bis zum Wochenende werden 30 Menschen hier Zuflucht gefunden haben. Wer das nun wie findet, spielt jetzt gar keine Rolle Tatsache ist, dass Jesus im Gleichnis vom Weltgericht sagt: „Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr getan habt einem unter meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Was wir konkret tun können, darüber werde ich in den Abkündigungen informieren.
So lasst uns auf diese Menschen zugehen, lasst sie uns in unserer Mitte aufnehmen, lasst uns diese Brüder und Schwestern kennenlernen mitsamt ihren Geschichten, ihren Hoffnungen und ihren Verzweiflungen.
So können wir vielleicht die eine oder andere Verzweiflung etwas lindern. Und auch wenn das hier und da nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein sollte – wir haben dann ausgehend von der Verzweiflung Christi den fremden Schwestern und Brüdern die eine oder andere Verzweiflung abgenommen. Dann würde in diesem Jahr vom Karfreitagsgottesdienst ein ganz besonders großer Segen ausgehen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
ursprünglich wollten wir heute einen Festgottesdienst zum 50-jährigen Bestehen dieses Gotteshauses, der Thomaskapelle, feiern. Mit enormer Energie hatte damals der kürzlich verstorbene Pfarrer Wölfle den Bau der Kapelle durchgesetzt, damit auch die Holzhausener ihr eigenes Gotteshaus hätten. Grund zum Feiern!
Nun ist es aber so, dass schon seit Jahren kaum noch jemand aus Holzhausen ins eigene Gotteshaus geht. Die meisten von denen, die gerne kamen, leben entweder nicht mehr oder können nicht mehr kommen. Und von denen, die kommen könnten, kommt fast niemand. Also ist ein Festgottesdienst leider nicht möglich.
Trotzdem begehen wir in diesem Gottesdienst dieses Jubiläum. Wir danken Gott für diese wunderbare Kapelle. Wir denken an Pfarrer Eugen Wölfle, auf dessen Betreiben die Kapelle entstand. Ich denke auch an Pfarrer Volker Kubach, unter dem dieses Gotteshaus den Namen „Thomaskapelle“ bekam.
50 Jahre ist die Kapelle alt. Ich denke jetzt einmal 50 Jahre zurück: Damals war für mich – wie heute noch – jeden Sonntag Gottesdienst. Kindergottesdienst. Wir wurden damals nicht gefragt: „Meinst du, du möchtest heute zum Kindergottesdienst? Wäre das etwas für dich?“ Nein, wir wurden ganz einfach geschickt. Und wir gingen hin. Geschadet hat uns das nicht.
Kindergottesdienst war nach dem Erwachsenengottesdienst. Wir liefen also den Kirchgängern, die auf dem Heimweg waren, entgegen. Das waren sehr viele Menschen. Und die ganzen 70er Jahre über, als Jugendlicher, habe ich Kirche immer als gut gefüllt erlebt. So war das damals.
Und jetzt sitzen wir in einer Kapelle, die für die 200 Christen hier am Ort erbaut wurde, von denen aber im Durchschnitt nicht einmal eine Handvoll in ihr Gotteshaus kommt.
Holzhausen ist eines von sehr, sehr vielen weiteren traurigen Beispielen. In meiner Heimatgemeinde ist es auch nicht anders: In der großen Martinskirche, in der seinerzeit gut 200 Menschen zum Gottesdienst kamen, waren vor drei Wochen ganze sechs Leute, die Diensthabenden mitgezählt.
Liebe Gemeinde, das ist echt heftig. Was ist da passiert in den letzten 50 Jahren?
Ich glaube, in unserer Gesellschaft haben drei Ursachen zusammengewirkt:
Zum einen sind Begriffe wie „Wir“, „Gemeinschaft“ und „Zusammenhalt“ immer bedeutungsloser geworden, immer wichtiger geworden, bis heute, ist das Wort „Ich“. Aber im Gottesdienst und überhaupt in der Kirche geht es halt auch um „Gemeinde“, um das „Wir“, um den Zusammenhalt. Das ist aber bei denen, die sich immer nur um sich selbst kümmern und sich selbst in den Mittelpunkt stellen, nicht erwünscht. So ist dann in der Lebensmitte erst Recht kein Platz mehr für einen Gott.
Zum zweiten haben wir in den letzten 50 Jahren keine wirklichen Probleme gehabt. Wir sind wohlhabend und zufrieden. Da braucht man und frau keinen Gott. Nach Katastrophen, da sind dann sonntags drauf etwas mehr Menschen im Gottesdienst. Aber das wars dann schon. Jüngstes Beispiel ist das ökumenische Rheinauer Friedensgebet: Am Aschermittwoch waren da 200, 300, vielleicht sogar 400 Menschen. Und letzten Mittwoch, ebenfalls in Honau, waren es noch 20. Gerade mal 20 von 12000 Rheinauern, die für den Frieden beten. Selbst an Unrecht gewöhnen wir uns erschreckend schnell.
Und dann noch der dritte Grund für die leeren Gotteshäuser: In der Kirche geht es um Gott, im Mittelpunkt der meisten Lebensentwürfe von uns Menschen steht aber das Geld. Geld schlägt Gott. Wir haben es auch im Konfirmandenunterricht besprochen: Für Geld tun viele Menschen fast alles. Aber Gott die Ehre zu geben mit dem Gottesdienstbesuch ist nur noch wenigen Menschen eine Stunde wert.
Wie wird es weitergehen? Mit unserem Geburtstagskind? Mit den Gottesdiensten hier? Überhaupt: mit der Kirche?
Vieles ist unklar, hängt in der Schwebe. Aber eines weiß ich ganz sicher: Gott ist weder davon abhängig, dass ihm Menschen die Ehre geben, noch ist Gott an ein Gebäude gebunden. Und Gottes Liebe zu uns auch nicht.
Früher hatten die Menschen ihre Gottesstatuen, die sie an bestimmten Standorten besuchten und anbeteten.
Aber Gott macht es umgekehrt: Gott ist einer, der mit seinen Menschen mitgeht; einer, der seine Menschen begleitet; einer, der seinen Menschen an der Seite steht in allen Hochs und Tiefs, die das Leben mit sich bringt.
Das war schon beim Volk Israel so: Auf dem Weg von Ägypten ins Gelobte Land, da war Gott mit dabei. Gott ging mit. Zeigte ihnen den Weg und führte sie ins Ziel.
Und genauso ist Gott bei uns dabei. Jeden Tag, liebe Gemeinde, feiern wir in unserem Alltag Gottesdienst. Gottesdienst ist da, wo Gott ganz nahe ist; auch da, wo jemand Gott um Hilfe bittet; auch da, wo ein Mensch für einen anderen Menschen da ist; oder wo zwei Hände sich falten, um für einen anderen zu beten; oder wo jemand plötzlich neue Lebenskraft und neuen Lebensmut geschenkt bekommt.
Es mag tatsächlich sein, dass wir irgendwann die Türen zum einen oder anderen Gotteshaus werden schließen müssen. Aber ganz bestimmt bleibt die Tür zu Gott immer weit offen. Und das ist es, was letztlich zählt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben die Namen gehört von Menschen, in unseren Gedanken sind ihre Gesichter noch einmal aufgetaucht und Worte und Begegnungen.
Eine vergangene Zeit, nicht mehr zurückholbar. Uns bleibt die Erinnerung, aber uns stärkt auch, wenn wir uns heute wieder an die große Hoffnung erinnern: nämlich dass dieses irdische Leben nicht alles ist, was wir aus Gottes Hand erwarten dürfen. Ein neues, ein unvergängliches Leben – ohne Ängste und Traurigkeiten, in der Gemeinschaft mit unseren Verstorbenen und eingebettet in die große himmlische Gemeinschaft mit Gott, das ist die Zukunft, auf die wir zugehen, ob wir‘s glauben oder nicht.
Aber noch ist der Tod mächtig in dieser Welt. Das Totengedenken vorhin hat uns daran erinnert, dass unser Leben kein Geschenk ist, sondern eine Leihgabe, die wir irgendwann zurückgeben müssen, ob wir wollen oder nicht.
Unser Leben ist begrenzt, und gerade das macht es so unbezahlbar, so ungeheuer wertvoll. Unser Leben ist das Größte und Wertvollste, das wir von Gott erhalten haben. Und natürlich muss es das höchste Ziel sein, das Leben zu schützen, wo immer es geht. Eigentlich.
Eigentlich müsste das selbstverständlich sein, dass wir das Leben schützen – unser eigenes und das aller Menschen.
Aber beim Blick in die Zeitung und in die Nachrichten kommen mir große Zweifel. Ich will das an vier Punkten festmachen, wie ungeschützt das kostbare Leben ist:
Da ist zum einen der Krieg in der Ukraine. Da fallen auf beiden Seiten Zig Tausende Menschen dem Wahnsinn eines Einzelnen zum Opfer, Millionen werden ausgebombt und heimatlos, ungezählte Kinder werden für den Rest ihres Lebens tiefe Schäden in ihren unschuldigen Seelen zurückbehalten. Ich frage mich: Kann denn wirklich niemand diesen Wahnsinn und diesen Wahnsinnigen stoppen?
Das Leben ist so kostbar, doch wer nimmt darauf Rücksicht?
Als zweites fällt mir die Pandemie ein. Sie ist vorbei, das hat die Ampel beschlossen. Die ganzen sinnvollen Einschränkungen werden fallen, auch die Masken. Machen wir uns nichts vor, wir werden jetzt durchseucht, das hat die kleinste Ampelpartei nun durchgesetzt. Wem es nicht passt, der kann sich ja abschotten. Was für ein Zynismus - so werden die Alten und Vulnerablen vom Leben ausgeschlossen! Omikron ist harmlos, wird uns gesagt. So harmlos, dass jeden Tag 300 Menschen in Deutschland daran sterben. Liebe Gemeinde, 10.000 Tote jeden Monat in unserem Land. Das ist nicht harmlos, sondern eine Katastrophe. Das Leben ist so kostbar, warum setzen manche Politiker es dann so großen Gefahren aus?
Als drittes denke ich an etwas, an das wir uns offenbar schon seit langem gewöhnt haben: nämlich dass ein Zehntel der Menschen unserer Erde jetzt gerade noch nicht wissen, ob sie morgen etwas zum Essen haben oder nicht. In Somalia, im Süd-Sudan, im Jemen und in Äthiopien ist zu der Pandemie eine Hungersnot von noch nie gekanntem Ausmaß dazugekommen. Weltweit haben 800 Millionen Geschöpfe Gottes nichts auf dem Teller, und den Nachrichten ist es keine Notiz wert. 10.000 Kinder sind gestern weltweit an Hunger gestorben, auch heute werden 10.000 sterben, und morgen wieder. Liebe Gemeinde, wir sind nicht Schuld daran, aber wir können etwas dagegen tun, mit dem, was wir übrig haben. Das Geld für einen BicMac würde in der Dritten Welt eine vierköpfige Familie einen ganzen Tag lang satt machen.
Wir können es uns leisten, nachhaltig etwas gegen den Hunger in der Welt zu tun. Das Leben ist so kostbar, und einige Leben können wir retten.
Und dann als Letztes: Wenn wir vom kostbaren Leben reden, geht es nicht nur um uns Menschen, sondern um alles Leben auf unserem Planeten. Die Menschheit, die es seit etwa einer Million Jahre gibt, hat es binnen 200 Jahren geschafft, die Erde in einem Ausmaß kaputtzumachen und auszubeuten, dass es Millionen von Jahren brauchen wird, bis sie sich ein wenig regenerieren kann.
Und alle sind wir mitschuldig, Alt und Mittelalt, aber auch Jung und ganz Jung, mit unseren nie versiegenden Ansprüchen ans Leben und der Tatsache, dass wir vieles als Normalität ansehen, was in Wirklichkeit unnötiger Luxus ist.
An unsere Verstorbenen gedacht haben wir heute. Wir, die wir noch leben; wir, die noch die Chance haben, Neues, Gutes, Segensreiches zu bewirken.
Darum: Lasst uns für das Leben eintreten: für unseres, für das unserer Lieben und Nächsten, genauso für das Leben derer, die uns fremd sind und denen wir doch nur das Beste wünschen, in der Ukraine, in den Dürregebieten, überall. Lasst uns auch nicht vergessen, den so genannten Feinden ein gutes Leben zu wünschen, ob wir sie jetzt in Moskau ansiedeln oder in Peking, in Ankara oder in Damaskus oder wo auch immer in der Welt.
Lasst uns auch noch stärker zu Anwälten der Natur und allen Lebens werden. Wenn wir so die Erde bewahren, erfüllen wir Gottes Willen.
Eine Welt ohne Krieg, ohne Hunger, ohne Seuchen, ohne Verschmutzung. Sie ist lebenswert. Wenn wir Gott dabei helfen, all dies Leben zu erhalten, vielleicht wird dann doch noch vieles gut.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir feiern diesen Gottesdienst an Tag 18 des Krieges, mit dem Russland das freie und selbstständige Land Ukraine überzogen hat. Die Folgen sind verheerend: ungezählte Tote, zerbombte Städte, Dörfer und Häuser, Verletzte, Menschen in Panik und Angst, eine Völkerwanderung von Millionen in Richtung Westen. Und ganz schlimm sind die Bilder von Kindern, die für ihr Leben gezeichnet sind von dem Terror, der da über sie kam.
In einem Internet-Forum hat eine Augenzeugin geschrieben: „Ich habe nun aufgehört, an Gott zu glauben; kein Gott würde zulassen, dass Menschen so leiden müssen.“
Was soll man auf so einen Satz hin sagen? Zunächst muss er so stehen gelassen werden. Es ist eine der tiefsten und umstrittensten Fragen nicht nur unseres Glaubens, sondern der gesamten Menschheit, die da heißt: „Wenn Gott doch barmherzig und allmächtig ist, warum gibt es dann das Leid? Und wenn Gott allmächtig ist, warum greift er dann nicht ein?“
Jeder Mensch in der Ukraine darf in diesen schrecklichen Zeiten diese Frage stellen. Es ist eine Frage, in der die Verzweiflung sichtbar wird, die Menschen packt, wenn bitteres Unrecht und schwere Schicksalsschläge ihr Leben von einem Moment zum anderen kaputt machen.
„Wenn Gott allmächtig ist, warum greift er dann so oft nicht ein?“ Ich weiß es nicht, liebe Gemeinde. Ich hätte es, ehrlich gesagt, auch manchmal gerne, dass Gott mit der Faust auf den Tisch schlägt.
„Wenn Gott allmächtig ist, warum greift er dann in der Ukraine nicht ein?“ An einem Punkt unterliegt diese Frage einen Denkfehler: Sie macht Gott verantwortlich für das, was in der Ukraine geschieht und was nicht geschieht. Und sie übersieht, wo da eigentlich die Schuld liegt: nämlich bei einem gewissenlosen Despoten, der nur sich selbst und seine eigene Macht kennt, der für sich selbst nicht ein Gesetz dieser Welt respektiert außer dem Recht des Stärkeren und der sein eigener Gott ist. Wladimir Putin braucht keinen Gott, er ist sich selbst genug als Weltenherrscher. Und weil er keinen Gott braucht, braucht er auch die Weisungen der Bibel nicht.
Gott hat sehr wohl schon einmal eingegriffen in das Geschehen der Welt, als er in Jesus Menschengestalt annahm. Wenn alle Völker der Welt Jesu Botschaft umsetzen würden, müssten wir weder für den Frieden in der Welt noch um Brot für die Hungernden beten.
Statt „Warum greift Gott in der Ukraine nicht ein?“ will ich lieber fragen: „Warum haben wir jahrelang weggeschaut?“ Die Politiker, die mit Putin auf Schmusekurs gegangen sind; die Unternehmer/innen, die mit Russland fragwürdige Geschäfte machten; auch wir selbst, denen egal war, vom wem und unter welchen Umständen das Öl, das Erdgas und Benzin produziert wurden – Hauptsache, es war billig.
Wir alle hatten die Chance einzugreifen. Wir hätten uns informieren müssen. Wir hätten auf die Straße gehen können. Wir hätten Politiker/innen unbequeme Fragen stellen müssen. Wir haben es nicht getan. Wir sind auf unseren bequemen Sofas liegen geblieben.
Und deshalb steht uns hier im Westen es nicht zu, von Gott zu erwarten, dass er eingreift.
Aber wir, wir können eingreifen. Dreierlei fällt mir ein:
o Wir können spenden: Geld, Kleidung, Decken, Betten, Spielzeug, Räume, Lebensnotwendiges. All das wird dringend gebraucht, nicht nur jetzt, sondern in den nächsten Monaten und Jahren.
o Wir können trösten: Wir werden in den nächsten Jahren vielleicht vielen Menschen aus der Ukraine begegnen. Lasst uns unsere Herzen öffnen für sie. Und unsere Ohren, wenn sie uns von ihrem Leid erzählen werden.
o Wir können beten. Das Gebet gehört zu den am meisten unterschätzten Kräften, die es gibt. Aber es kann so viel bewirken. Wir sind nur schnell ungeduldig; wollen, dass unsere Gebete sich im Handumdrehen erfüllen. Doch es ist viel wahr an dem Sprichwort, dass Gottes Mühlen langsam, aber gerecht mahlen. Und so werden wir in den nächsten Wochen an jedem Mittwoch beten. Bei unserem ersten Friedensgebet am Aschermittwoch waren 25 Menschen in der Kirche. Das war schön. Aber wenn ich mir überlege, dass am Tag zuvor, an Fastnacht, Hunderte in Rheinbischofsheim zum Eierbetteln unterwegs waren, dann sehe ich beim Friedensgebet noch viel Luft nach oben. Es ist doch hoffentlich nicht so, dass Trinken und Lachen uns wichtiger sind als der Friede in der Welt oder das Lebensrecht der Ukrainer?
Spenden – trösten – beten. Das lasst uns tun.
Und lasst uns nicht aufhören zu hoffen und zu beten, dass Gottes Geist des Friedens auch in Moskau in Menschen wirken kann. Vielleicht nicht in dem schlimmen Tyrannen selbst. Aber in seinem Umfeld, bei denen, die ihn beraten. Oder bei denen, die auch über Macht und Mittel verfügen.
Uns aber lasst den Opfern dieses Verbrechens helfen, spenden, trösten, beten – und hoffen.
Amen.
Schriftlesung aus dem Matthäus-Evangelium:
Als Jesus wieder einmal unterwegs war, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und Matthäus stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als Jesus zu Tisch saß im Hause des Matthäus, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: „Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Als das Jesus hörte, sprach er: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben manche von uns noch das Leitwort dieses Gottesdienstes im Ohr: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei ziemlich gegensätzliche Begriffe, und das wird an der Geschichte von Jesus und den Zöllnern, die wir in der Schriftlesung gehört haben, so richtig deutlich:
Wäre für Jesus Gerechtigkeit das höchste Gut gewesen, hätte er sich zu den Pharisäern gesetzt, die stets peinlich darauf bedacht waren, alles recht und nichts falsch zu machen. Aber die Barmherzigkeit war Jesus wichtiger. So setzte er sich zu diesen fragwürdigen Gestalten mit ihrer fragwürdigen Vergangenheit, und die spürten: „Obwohl ich vieles falsch gemacht habe, obwohl ich Unrecht getan und Menschen geschadet habe, dieser Fremde da lässt mich noch einmal ganz neu anfangen.“
Nicht Gerechtigkeit, sondern Barmherzigkeit! Jesu Programm nach Gottes Willen!
Nun hat Jesus das uns nicht nur vorgelebt, sondern Jesus erwartet genau das von uns: barmherzig sein und nicht gerecht.
Gerecht ist, sich für Unrecht zu rächen – barmherzig ist, Unrecht zu vergeben.
Gerecht ist, Unrecht zu bestrafen – barmherzig ist, auf eine Strafe zu verzichten.
Gerecht ist, wenn Fleißige belohnt werden und Faule nichts bekommen – barmherzig ist, wenn beide gleich viel bekommen.
Gerecht ist, zu dem Menschen, der mir weh getan hat, jeglichen Kontakt abzubrechen – barmherzig ist, zu verzeihen und sich auf diesen Menschen von Neuem einzulassen.
Und ich weiß wahrhaftig, wovon ich spreche – mit zu der schwersten Lektion, die mein Beruf mir beigebracht hat, gehört, dass ein Pfarrer immer zu verzeihen hat, was auch immer war, wie schwer auch immer einem das fallen mag – selbst dann, wenn man weiß, dass der/die Andere schon wieder das Messer zum nächsten Angriff gewetzt hat.
Barmherzigkeit statt Gerechtigkeit in unserem eigenen Leben!
- Jesus fordert auch euch Schüler und Schülerinnen auf, in euren Klassen barmherzig zu sein. Stell dir vor, jemand war richtig fies zu dir, stört außerdem eh die ganze Zeit den Unterricht – und bittet dich nun: „Erklärst du mir die Matheaufgaben? Ich blicke es nicht mehr.“ Gerecht wäre, wenn die betroffene Person nach diesem Schuljahr hängen bleibt – barmherzig aber ist, wenn er/sie es dank deiner Hilfe schafft.
- Barmherzig sein und nicht gerecht – wenn Konfis mal nichts gelernt haben, natürlich könnte man da mal auch Konsequenzen ziehen. Oder wenn meine Schüler/innen im Gymnasium wieder mal keine Hausaufgaben gemacht hatten, laut Dienstpflicht musste das einen Eintrag geben. Das ist gerecht, ja. Aber ich habe als Schüler selbst viele, viele gerechte Einträge bekommen. Genützt hat es nichts. Und deshalb habe ich als Lehrkraft auf die Dienstpflicht gepfiffen. Die Verpflichtung zur Gerechtigkeit bewirkt weniger Gutes als die Barmherzigkeit – das ist mein Erfahrungswert nach 37 Jahren Schuldienst.
- Barmherzig sein und nicht gerecht – auch eine Anfrage an alle Berufstätigen. Dort, wo der Kollege / die Kollegin nicht mehr mitkommt, dort mag es zwar gerecht sein, wenn der- oder diejenige zurückgestuft wird oder den Arbeitsplatz verliert; aber vielleicht können wir auch statt dessen diesem Menschen unter die Arme greifen, unterstützen – das verlangt die Gerechtigkeit nicht, aber es wäre ungemein barmherzig.
- Barmherzig sein und nicht gerecht – wenn wir nachdenken, werden wir immer mehr Beispiele finden: in unseren Familien, Vereinen, Arbeitsplätzen, im Alltag hier am Ort, überall.
Barmherzig sein und nicht gerecht – vor allem ist dies der Leitspruch Gottes.
Dass Gott barmherzig ist, wie Jesus gepredigt hat, das war vor 2000 Jahren eine unfassbare Behauptung. Denn die Römer und Griechen glaubten an Götter, die das geringste Fehlverhalten ihrer Menschen grausam und hart bestraften – durch Unglücke, Krankheiten, Naturkatastrophen.
Und dann kommt einer, von dem sie nur wissen, dass er ein Zimmermann aus Nazareth ist; mit einem Mal taucht er auf, mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, und erzählt, dass es ganz anders ist; erzählt, dass Gott kein Hardliner ist, sondern einer, der die Menschen liebt, was auch immer sie angerichtet haben. Um das zu unterstreichen redet er nicht nur davon, sondern geht auch hin, setzt sich immer wieder mit denen an den Tisch, die mehr als genug auf dem Kerbholz haben: Zöllner, Säufer, Huren, Verbrecher.
Jesus war für viele, viele Menschen ein Segen, eine neue Hoffnung, ein neuer Weg, der Beginn eines besseren Lebens.
Aber dieser merkwürdige Mensch aus Nazareth war für manche auch eine Gefahr: nämlich für die, die Macht hatten. Eine Macht, die aus Gewalt, Vorschriften und Strafen bestand. Diese Macht wäre durch Barmherzigkeit bedroht gewesen, daher haben sie Jesus verfolgt, gefangengenommen, abgeurteilt im Namen ihrer fragwürdigen Gerechtigkeit und ihn am Ende getötet.
Und es schien so, als sei nun alles aus, als habe die unbarmherzige Gerechtigkeit selbst über den Sohn Gottes gesiegt; aber das schien nur drei Tage lang so. Denn danach erstand Jesus auf zu neuem Leben, und seither wissen wir: Die Barmherzigkeit ist nicht totzukriegen.
So lasst sie uns Tag für Tag mit neuem Leben erfüllen!
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Predigt heute führt uns in die Zeit, in der Jesus lebte und die Menschen spüren ließ, dass Gott ihnen ganz nahe war. Auch Johannes der Täufer predigte damals von Gottes Nähe, auch er hatte Jünger um sich. Und dann gab es noch die Pharisäer, die sagten: „Gott wird uns erst dann nahe sein, wenn alle Menschen hier im Land Gottes Willen tun.“
Jesus und seine Jünger, so erzählen die Evangelisten, saßen gerne mit anderen zusammen, erfreuen sich an Essen und Trinken so wie wir heute. Das unterschied sie von Johannes und seinen Anhängern. Die lebten in der Einöde, aßen fast nichts. Auch die Pharisäer hielten sich von vielen Genüssen fern.
So ist es kein Wunder, dass sich folgende Begebenheit zugetragen hat, von der Markus in seinem Evangelium erzählt:
Die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu Jesus: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.
Eine ganz kurze Geschichte, vielen von uns unbekannt!
"Warum fasten deine Jünger nicht?" wird Jesus gefragt. Dass Jesus nicht fastete, war scheinbar okay. Aber seine Jünger sollten es doch bitte tun, wie Johannes und seine Jünger - die sagten ja: "Wir wollen anders sein als diese sündige Welt. Sie wird keinen Bestand haben, wenn Gottes Reich anbrechen wird. Wir haben von der alten Welt Abschied genommen, daher fasten wir."
Die Jünger des Johannes fasten, weil sie warten: auf den Messias, den Sohn Gottes, der das Reich Gottes herbeiführen wird. Jesus antwortet nun: "Stellt euch eine Hochzeit vor. Der Bräutigam will feiern - und alle Gäste fasten." So günstig dadurch eine Hochzeit würde, es würde jede Stimmung töten. Jesus meinte damit: "Warum soll jemand fasten und auf Gottes Reich warten - ich, Gottes Sohn, bin doch zu euch gekommen, nun ist das Reich da. Ihr braucht es nicht herbeizwingen durch Fasten und Verzicht - ich bin da, und deshalb ist jetzt Grund zum Feiern!"
Jesus sagt dann aber nicht: "Und jetzt lasst uns für immer Party machen." Er schaut in die Zukunft und sagt: "Es wird die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten." Damit hat Jesus wohl den Zeitraum zwischen Kreuzigung und Auferstehung gemeint. Diese Zeit würde für die Jüngerinnen und Jünger Jesu eine Zeit der Traurigkeit werden, weil sie dann selbst glauben würden, was alle Welt denken würde: "Gott ist tot." So kam es später auch.
Bis hierher ist das eine Geschichte von vor 2000 Jahren. Aber wenn die Bibel von den Jüngern redet, sind immer auch wir gemeint. Und dann wird die Geschichte so richtig spannend:
Zwar fragt uns niemand: "Warum fastest du nicht?" Aber oft meinen Menschen, dass Christsein und Lebensfreude nicht zusammenpassen. Ich weiß noch, wie ich in meiner ersten Pfarrgemeinde auf Fastnacht war: Da wurde hinterher im ganzen Ort erzählt, was der Pfarrer getrunken, mit wem er getanzt hatte und wie lange er geblieben war. Auch hier der Gedanke: Ein Christ sollte nicht an den Freuden des Lebens teilhaben. Und wie oft haben mich später Leute gefragt, wie das zusammenpasse, Christ zu sein und Fußball spielen, ein paar Bierchen trinken, Karten zu spielen usw. Ich denke, vielen von uns ist das schon so gegangen, und irgendwann nervt es dann wirklich.
Was für ein furchtbares Bild von uns Christenmenschen haben doch viele! Nicht lachen, nicht genießen, an nichts Spaß haben, am besten immer nur mit verdrießlicher Miene herumlaufen. Wobei es solche Christen ja auch gibt...
"Warum fastet ihr nicht?“ Was könnten wir antworten, wenn uns jemand fragt, warum wir unser Leben genießen, obwohl wir doch Christen sind; warum wir uns hübsch machen, obwohl das doch zu dieser bösen Welt gehört; warum wir Sparkonten haben, obwohl der Mammon doch ein Götze dieser Welt ist?
Ich will mich an Jesus orientieren und antworte deshalb: "Weil der Bräutigam schon da ist, deshalb ist mir nach Feiern zumute. Weil diese Welt weder dem Teufel noch irgend welchen finsteren Mächten gehört, sondern die erlöste Welt Gottes ist - deshalb darf ich mit meiner Seele, meinem Geist und auch mit meinem Leib einstimmen in das große Lob, das alle Kreaturen seit den Tagen der Auferstehung ihrem Herrn singen."
Wir werden nachher singen: "Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude". Das will ich wörtlich nehmen. Hier und jetzt ist der Bräutigam schon da, jetzt ist das Reich Gottes schon hereingebrochen, hier und jetzt hat das Leben schon seinen Wert - nicht erst im Jenseits, deshalb habe ich als Christ mehr Grund zur Freude als zur Traurigkeit, und deshalb lache ich öfter als ich klage.
Klar, deutlich muss sein, welchen Grund unsere Freude hat, nämlich: Ich bin gelöst, weil ich erlöst bin. Ich bin fröhlich, weil Jesus mein Leben hell macht. Das muss deutlich werden, dass unseren Freuden etwas anderes vorausgegangen ist, nämlich dass da einer mein Leben unglaublich hell gemacht hat. Es muss klar werden, dass mein Leben nicht eine Party ohne Ende ist und dass ich nicht selber Veranstalter des Festes bin, sondern dass wir - ohne jedes eigene Verdienst - eingeladen sind auf das Fest des Bräutigams, von dem Jesus gesprochen hat.
Wenn wir uns das immer wieder deutlich machen, dürfen wir unser Leben als das annehmen, was es ist: ein Fest, in dem ich durch meine eigene Lebensfreude Zeugnis ablege von dem, der es mir geschenkt hat: von Jesus, dem Mensch gewordenen Wort Gottes.
Amen.
Vorbemerkung:
Heute führt uns eine biblische Geschichte um mehr als 3000 Jahre zurück, mitten in die Wüste auf der Insel Sinai. Dort sind Tausende von Israeliten unterwegs, unter der Führung von Mose, der sie mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat.
Eines Tages übergibt Gott auf dem Berg Sinai dem Mose die Zehn Gebote auf zwei Steintafeln. In der Zwischenzeit geschieht im Lager der Israeliten etwas Unglaubliches: Sie schmelzen ihren Schmuck ein und bauen sich ihren eigenen Gott, das goldene Kalb. Dieses beten sie an und feiern ein Fest.
Als Mose vom Berg zurückkehrt und dies sieht, schleudert er voller Zorn die beiden Steintafeln den Berg hinunter, die dabei zerbrechen.
Wie reagiert Gott? Er sagt zu Mose: „Steige noch einmal zu mir auf den Berg.“ Mose tut dies und Gott gibt ihm die Zehn Gebote ein zweites Mal. Danach steigt Mose wieder in das Lager ab. Und dieses Mal wartet das Volk.
An dieser Stelle setzt unsere heutige Schriftlesung aus dem 2. Buch Mose ein:
Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln mit den Geboten in seiner Hand. Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut von Moses Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose zu sich, und er redete mit ihnen und gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.
Und immer, wenn Mose hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab; und wenn er herauskam, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, um mit Gott zu reden.
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte ist eher unbekannt. Über sie wurde noch nie gepredigt. Erst seit der Änderung der Predigtordnung vor drei Jahren gehört sie zu den ungefähr 400 Bibeltexten, über die in unseren Gottesdiensten gepredigt wird. Heute wird in den evangelischen Kirchen Deutschland zum allerersten Mal über diesen Bibelabschnitt gepredigt; wir betreten also miteinander jetzt Neuland!
Diese Geschichte ist an einer Stelle sehr geheimnisvoll: Mose glänzt, steht da. Was hat das mit dem Glanz auf sich?
Nun, Mose ist immerhin Gott direkt begegnet, und eine Begegnung mit Gott stelle ich mir als einen derart tiefen Einschnitt in dem Leben eines Menschen vor, dass der sich bleibend niederschlägt. Bei Mose war das ein beeindruckender Glanz auf dem Gesicht. Er war durch die Begegnung mit Gott ein anderer geworden, und zwar derart anders, dass seine Landsleute Angst bekamen. Deshalb legte Mose sich einen Schleier über das Gesicht, den er nur abnahm, wenn er mit Gott redete.
Heute führt uns eine biblische Geschichte um mehr als 3000 Jahre zurück, mitten in die Wüste auf der Insel Sinai. Dort sind Tausende von Israeliten unterwegs, unter der Führung von Mose, der sie mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat.
Eines Tages übergibt Gott auf dem Berg Sinai dem Mose die Zehn Gebote auf zwei Steintafeln. In der Zwischenzeit geschieht im Lager der Israeliten etwas Unglaubliches: Sie schmelzen ihren Schmuck ein und bauen sich ihren eigenen Gott, das goldene Kalb. Dieses beten sie an und feiern ein Fest.
Als Mose vom Berg zurückkehrt und dies sieht, schleudert er voller Zorn die beiden Steintafeln den Berg hinunter, die dabei zerbrechen.
Wie reagiert Gott? Er sagt zu Mose: „Steige noch einmal zu mir auf den Berg.“ Mose tut dies und Gott gibt ihm die Zehn Gebote ein zweites Mal. Danach steigt Mose wieder in das Lager ab. Und dieses Mal wartet das Volk.
An dieser Stelle setzt unsere heutige Schriftlesung aus dem 2. Buch Mose ein:
Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln mit den Geboten in seiner Hand. Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut von Moses Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose zu sich, und er redete mit ihnen und gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.
Und immer, wenn Mose hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab; und wenn er herauskam, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, um mit Gott zu reden.
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte ist eher unbekannt. Über sie wurde noch nie gepredigt. Erst seit der Änderung der Predigtordnung vor drei Jahren gehört sie zu den ungefähr 400 Bibeltexten, über die in unseren Gottesdiensten gepredigt wird. Heute wird in den evangelischen Kirchen Deutschland zum allerersten Mal über diesen Bibelabschnitt gepredigt; wir betreten also miteinander jetzt Neuland!
Diese Geschichte ist an einer Stelle sehr geheimnisvoll: Mose glänzt, steht da. Was hat das mit dem Glanz auf sich?
Nun, Mose ist immerhin Gott direkt begegnet, und eine Begegnung mit Gott stelle ich mir als einen derart tiefen Einschnitt in dem Leben eines Menschen vor, dass der sich bleibend niederschlägt. Bei Mose war das ein beeindruckender Glanz auf dem Gesicht. Er war durch die Begegnung mit Gott ein anderer geworden, und zwar derart anders, dass seine Landsleute Angst bekamen. Deshalb legte Mose sich einen Schleier über das Gesicht, den er nur abnahm, wenn er mit Gott redete.
Soweit ist diese biblische Geschichte erklärt – aber was hat dieser uralte biblische Text mit uns und mit unserem Leben im Jahr 2022 zu tun? Ist er noch aktuell?
Mir sind drei für mich wichtige Gedanken gekommen:
Der erste: Mose sonnt sich nicht in einem Glanz, der ihm gar nicht zukommt. Mose sagt nicht: „Schaut, was ich für ein toller Mensch bin; einer der dessen würdig ist, dass Gott mit ihm redet.“ Nein, das tut Mose nicht. Im Gegenteil: Er verbirgt den ganzen Abglanz der Herrlichkeit Gottes vor dem Volk.
Das tut Mose deshalb, weil er weiß, dass man unterscheiden muss zwischen Gott und dem Menschen, genauso zwischen der Botschaft und dem Boten.
Mose hat erkannt: Der Glanz ist Sache Gottes, die Aufgabe des Boten Gottes, also Moses Aufgabe, besteht darin, Israel durch die Wüste zu führen und auf die Menschen zu achten, die Gott ihm anvertraut hat.
Das führt mich zum zweiten Gedanken, einer in diesen Wochen schmerzhaften Erkenntnis. Wenn ich von Moses Aufgabe rede, „aufzupassen auf die, die Gott ihm anvertraut hat“, dann fallen mir die vielen Kirchen-Männer ein, die Menschen, die ihnen anvertraut waren, auf unsagbar schändliche Weise missbraucht haben. Und wenn ich sehe, wie Pressekonferenzen dazu in prunkvollen Bischofspalästen abgehalten wurden, denke ich mir: Da wird ein Glanz demonstriert, der nur Gott gehört. Nichts ist übrig geblieben von der Bescheidenheit eines Mose, der sein eigenes Glänzen bedeckte. Im Gegenteil: Der Glanz wird stolz gezeigt, und das einzige, was verdeckt wird, sind die Verbrechen, die im Namen der Kirche geschehen sind.
Es ist eine Schande, wenn Diener Gottes mit Prunk und Glanz auftreten, voller Selbstverliebtheit, voller Selbstgerechtigkeit – all dieser Glanz soll Verbrechen zudecken und überstrahlt doch nur ein System, in dem jahrhundertelang Menschen gequält, misshandelt, missachtet und getötet wurden – von der Verfolgung der Hexen über die Ermordung der so genannten Ketzer hin zum Holocaust und schließlich zum Dulden und wohl auch Beteiligung am Missbrauch von meist jungen Menschen, die des besonderen Schutzes ihrer Kirche bedurft hätten.
Es steht mir als evangelischem Pfarrer nicht zu, mit dem Finger auf die Schwesterkirche zu zeigen - Missbrauch gab es auch in evangelischen Einrichtungen und Gemeinden; aber ich distanziere mich voller Abscheu von all denen, die andere Menschen zu Objekten kranker Begierden gemacht haben, und ebenso distanziere ich mich mit großem Zorn von all denen, die davon wussten, es hätten verhindern können und dennoch geschwiegen haben; man nennt das unterlassene Hilfeleistung, und die ist nach dem deutschen Strafgesetzbuch ein Verbrechen.
Das dritte, was ich aus dieser biblischen Geschichte mitnehme, ist etwas sehr Schönes, es hat mit Gott und uns zu tun:
Für die Israeliten damals war die Nähe Gottes etwas, das sie so in Angst versetzte, dass sie sich nicht einmal in die Nähe von Moses trauten. Wie heute dürfen aber von Gottes Nähe sprechen, ohne Angst zu haben. Gottes Nähe in unserem Leben kann etwas Beglückendes sein. Wir können sie vielfältig erleben, etwa in schwierigen Situationen, wenn wir spüren: Obwohl keine Menschenseele jetzt da ist, ich bin nicht alleine; oder in Momenten des Glücks; oder wenn Gottes guter Geist uns in unserer Trauer um einen Menschen die Gewissheit gibt, dass es unseren Verstorbenen gut geht; oder wenn uns ein besonders schwieriges Vorhaben gelingt; oder wenn wir im Gebet Gott um Kraft bitten und plötzlich spüren, dass uns da etwas durch alle Widerwärtigkeiten trägt; oder wenn wir wieder einmal feststellen, dass Gott uns gesegnet hat – mit Menschen, mit Fähigkeiten oder mit einem zufriedenen Leben.
Vor 23 Jahren waren wir einmal frühmorgens noch vor Sonnenaufgang auf dem Berg Sinai. Dort, wo Mose Gott begegnet war. Und in der Tat liegt auf diesem Berggipfel mitten in der Felswüste eine besondere Atmosphäre. Es mag durchaus die Nähe Gottes sein.
Aber wir müssen nicht zum Berg Sinai reisen, um Gott zu spüren. Auch hier in Rheinau, erleben wir Gottes Nähe. Und ich bin davon überzeugt, dass Gott uns manchmal viel, viel näher ist, als wir das auch nur annähernd für möglich halten. Gott sei Dank!
Amen.
Vergiss ES nicht!
Gedenk-Konzert
für die Opfer des Holocaust
am 23. Januar 2022
Begrüßung
Mit der Aria von Eugene Bozza seien Sie herzlich willkommen zu einem außerordentlichen Konzert aus Worten, Gesang und Musik, in dessen Rahmen wir den Opfern des Holocaust und des Terrors des Hitler-Regimes gedenken.
Anlass ist der 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in der kommenden Woche.
Ein großer Teil der Menschen, denen man in den Konzentrationslagern Freiheit, Menschenwürde und Lebensglück raubte, waren jüdischen Glaubens. Viele von ihnen mögen sich in der grausamen Barbarei erinnert haben an eines der Jahrtausende alten Lieder ihres Volkes, das von Menschen stammte, die ebenfalls die Leidenserfahrung von Deportation und Gefangenschaft machen mussten. Wir finden dieses Lied heute noch als 126. Psalm im ersten Testament:
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen unter den Völkern: Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen
und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.
Gedichte: „Ja“ - „Regen“
(Abdruck aus Lizenz-Gründen hier leider nicht möglich.)
Portrait: Selma Meerbaum-Eisinger
Die beiden Gedichte, die wir gerade als Text und als Lied gehört haben, stammen von einer 17-Jährigen. Wer war sie?
Selma Merbaum kam am 5. Februar 1924 in Czernowitz, Rumänien, zur Welt. Sechs Jahre lang besuchte sie das jüdische Mädchengymnasium und begann schon bald, Gedichte zu lesen, unter anderem von Heine, Rilke und Tagore. Schon mit 15 Jahren verfasste sie eigene Gedichte.
Etwa zur gleichen Zeit begann der 2. Weltkrieg. Czernowitz, Selmas Heimatstadt, kam 1940 an die Sowjetunion. Die Gedichte in jener Zeit stehen in der Spannung zwischen der Hoffnung auf Glück und der Angst vor dem, was kommen könnte.
Nach dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion marschierten im Juli 1941 rumänische Truppen wieder in Czernowitz ein. Alle 28.700 Jüdinnen und Juden, auch Selma und ihre Familie, mussten in ein Getto. Von dort wurden sie ins Gouvernement Transnistrien deportiert, wo ein Drittel der Menschen durch Seuchen und Krankheit den Tod fand. Im Juni 1942 setzten die Deportationen wieder ein, Selma, Mutter und Stiefvater wurden in Viehwaggons verfrachtet über den Fluss Dnjestr getrieben und erneut in Züge verladen. Mit 500 Leidensgenossen landeten Selma Merbaum und ihre Eltern im Zwangsarbeitslager Michailowka am Ostufer des Bug, das der deutschen SS unterstand. Die Häftlinge mussten Schwerstarbeit verrichten. Entkräftet vom Fleckfieber, ist Selma Merbaum am 16. 12. 1942 Im Lager gestorben. Sie wurde nicht einmal 19 Jahre alt. (> Musik)
Kurz-Impuls
Selma Meerbaum-Eisinger ist ein ganz besonderer Mensch gewesen, und die starke Sprache ihrer Gedichte unterstreicht das noch mehr.
Und gleichzeitig steht Selma Meerbaum-Eisinger stellvertretend für die fast unzählbaren Menschen, denen ein bis heute unfassbares Verbrechen alles genommen hat, was uns einem Menschen wertvoll sein kann: Würde, Familie, Freunde, Zukunft, Lebenssinn – und zuletzt das Leben selbst.
Fassungslos macht das heute jeden Menschen, der davon hört. Und sprachlos.
Aber genau das ist es, was wir nicht werden dürfen: sprachlos.
Wir dürfen nicht schweigen, wo uns Unrecht begegnet. Wir müssen den Mund aufmachen. Ohne Furcht. Den Mund aufmachen – es kostet uns vielleicht manchmal Freundschaften. Oder Anerkennung in der Öffentlichkeit. Aber nicht das Leben.
In der jüdischen und in der christlichen Bibel steht bis heute der Satz: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ Das haben Menschen vor 80 Jahren sich nicht getraut. Es steht uns nicht zu, darüber heute zu urteilen. Aber es ist unsere Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass das schweigende Wegschauen sich nie mehr wiederholt.
Gedenken an die Opfer
(Ich bitte Sie, sich zu erheben.)
Wir denken jetzt an alle Opfer des Holocaust und des Terrors des Hitler-Regimes:
an Frauen und an Männer; an Kinder und an Alte;
an unsere Glaubensgeschwister aus der jüdischen Religion;
an alle anderen, denen wegen ihres Glaubens die Freiheit genommen wurde;
an Sinti und Roma;
an Deutsche und an Nicht-Deutsche;
an Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung leiden mussten;
an Menschen, die sich zu ihrer nicht nationalsozialistischen politischen Überzeugung bekannten;
und an die vielen anderen, denen man Freiheit und Würde, Hab und Gut, Gesundheit und Leben nahm.
(Stille)
Jüdischer Segenswunsch
Ich wünsche dir Augen,
mit denen Du einem Menschen ins Herz schauen kannst
und die nicht blind werden für das,
was er von dir braucht.
Ich wünsche dir Ohren,
mit denen Du auch Zwischentöne wahrnehmen kannst,
und die nicht taub werden
für das Glück und die Not des anderen.
Ich wünsche dir einen Mund,
der das Unrecht beim Namen nennt, und
der nicht verlegen ist
um Worte des Trostes und der Liebe.
Und ich wünsche dir ein Herz,
in dem viele Menschen zu Hause sind,
und das nicht müde wird,
Liebe zu üben und Schuld zu verzeihen.
Aus dem Johannes-Evangelium:
Eines Tages kam Jesus in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen. Da kam eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen.
Jesus sprach zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Da antwortete die samaritische Frau: „Du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau?"
Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wenn du erkennen würdest, wer vor dir steht, würdest du mich bitten, dir lebendiges Wasser zu geben.“
Da fragte die Frau: „Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher bekommst du dann lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat?“
Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wer von diesem Wasser aus dem Brunnen trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“
Liebe Gemeinde,
diese für heute vorgegebene Geschichte aus dem Johannesevangelium ist auf den ersten Blick eine harmlose Geschichte: Jesus ist in der Hitze Palästinas durstig geworden, kommt an einen Brunnen und bittet eine Frau aus Samaria um Wasser. Doch schon damit hatte Jesus zwei Tabus gebrochen, die damals in Israel galten:
Zum einen war diese Frau eine Samariterin. Die Samariter glaubten zwar an den selben Gott wie die Juden, aber sie beteten ihn nicht im Tempel von Jerusalem, sondern auf einem Berg nahe der Stadt Samaria an. Wenn irgend möglich, vermieden es die Juden, mit Samaritern in Kontakt zu kommen. Aber indem Jesus auf die Samariterin zuging, sagte er deutlich: ‚Ihr könnt nicht Menschen ausgrenzen, die an den gleichen Gott glauben wie ihr.'
Noch schlimmer für seine Zeitgenossen war, dass Jesus mit einer FRAU sprach. Frauen galten als Verführerinnen und Einfallstore des Satans. Sie hatten den Hormonhaushalt der Männer in geregelten Bahnen zu halten, Söhne zu gebären und die im Haushalt anfallenden Tätigkeiten zu erledigen. Und kein Mann durfte Frauen in der Öffentlichkeit ansprechen.
Jesus brach diese Tabus. Nicht, weil er seine Umgebung provozieren wollte; sondern weil er wusste, dass er zu allen Menschen gesandt war. Weder Geschlecht noch Herkunft noch die Religion eines Menschen konnten Jesus davon abhalten, auf einen Menschen zuzugehen. Zeit seines Lebens hielt Jesus sich öfter in schlechter Gesellschaft als in besseren Kreisen auf. Er hat uns damit bis heute den unbequemen Auftrag gegeben, auch dorthin zu gehen, wo es unschicklich erscheint. Wir sollen also nicht untereinander bleiben und nicht nur mit Gleichgesinnten zu tun haben wollen. Das ist Jesus zu wenig.
Zurück zur Geschichte. Als Jesus die Frau anredet, erschrickt die: "Wie kann er mich nur ansprechen?" Jesus speist sie nun nicht mit theologischen Brocken ab, sondern sagt: "Wenn du wüsstest, wer ich bin und was ich dir geben kann, würdest du mich um Wasser bitten." Die Samaritanerin versteht nicht: "Ich habe doch Wasser genug - wie kann er mir Wasser anbieten?" Jesus erklärt ihr nun: "Das Wasser in diesem Brunnen stillt deinen Durst für einige Stunden. Dann kommt er wieder. Ich biete dir lebendiges Wasser an; kein Wasser zum Trinken, aber es stillt einen Durst, der dich oft quält - den Durst nach einem guten und glücklichen Leben."
Die samaritanische Frau fand später zum Glauben. Sie hatte begriffen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, den Durst zu löschen, die eine mit, die andere ohne Jesus. Sie entschied sich für das lebendige Wasser Jesu.
Auch wir kommen in der Geschichte vor. Denn so wie die Samaritanerin vor ihrer Begegnung mit Jesus, versuchen auch wir oft, unseren Durst nach erfülltem Leben zu löschen, indem wir aus verschiedensten Quellen trinken. Auch uns treibt der Durst nach Sinn, Glück und Erfüllung in unserem Leben. Oft meinen wir, ihn stillen zu können, und merken doch bald, dass wir nur faules Wasser getrunken haben und welch bitteren Beigeschmack viele Quellen haben, die uns diese Welt anbietet:
Wir haben Durst nach Anerkennung - also arbeiten wir bis an die Grenze unseres Leistungsvermögens, meinen, dass wir, wenn wir uns abrackern, auch mehr geliebt werden - und viele merken erst, wenn sie nicht mehr können, dass dies der falsche Weg war.
Wir haben Durst nach Freundschaft - also suchen wir Menschen, reißen uns die Beine für sie aus, und manchmal werden wir fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, wenn wir nicht funktionieren.
Wir haben Durst nach Sicherheit - also lassen wir uns ausbilden, verdienen Geld, gründen eine Familie, bauen ein Haus, schließen Versicherungen ab - und merken erst mit den Jahren, dass es wohl Lebensversicherungen gibt, aber keine Garantien für Glück.
So erleben wir manchmal schmerzhaft, dass die Quellen dieser Welt unseren Durst nicht stillen können. Dann sind wir so weit wie jene Samariterin. Für sie wurde die Begegnung mit Jesus zum Wendepunkt in ihrem Leben. Uns bietet Jesus dasselbe lebensspendende Wasser an und sagt uns:
"Du brauchst dich nicht abzustrampeln in deinem Leben; für mich bist du wertvoll, so, wie du bist; du sollst weder Abziehbild noch Marionette deiner Umgebung werden, ich mag dich mit all deinen Selbstzweifeln, mit deinen Fähigkeiten und mit deinen Unfähigkeiten, mit deinen guten und weniger guten Eigenschaften."
Jesus stillt auch unseren Durst nach Sicherheit und Geborgenheit: Bei ihm können wir unsere Sorgen und schweren Gedanken loslassen, bei ihm können wir uns fallen lassen mit der Gewissheit: Ich werde nicht tiefer fallen als in seine Arme.
Nicht alle Menschen können oder wollen das. Aber Jesu Einladung bleibt trotzdem gültig, auch für die Zögernden. Und irgendwann einmal wird sich erfüllen, was der Leitspruch dieses Gottesdienstes verheißt: "Sie werden vom Osten und vom Westen, vom Norden und vom Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen."
Amen.
Liebe Gemeinde,
zu Hause habe ich ein Buch, das unter dem Titel „typisch evangelisch“ zehn Dinge aufzählt: unter anderem die Konfirmation, unser Gesangbuch, den Buß- und Bettag oder dass bei uns Männer wie Frauen den Gottesdienst leiten dürfen. Eines fehlt mir in der Aufzählung: dass wir eine Jahreslosung haben.
Jedes Jahr steht EIN Bibelvers als Leitwort und Überschrift über dem neuen Jahr. Und so ist es auch jetzt wieder. Die neue Jahreslosung steht im Johannesevangelium - das Jesus-Wort: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Eine wunderbare Jahreslosung ist das, liebe Gemeinde. Sie ist erfrischend kurz, wir können sie uns leicht merken und sie ist ohne Probleme zu verstehen.
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Interessant ist ja, was Jesus NICHT gesagt hat.
Jesus hat NICHT gesagt: „Wer an mich GLAUBT, den werde ich nicht abweisen.“
Jesus hat NICHT gesagt: „Wer NIE AN MIR ZWEIFELT, den werde ich nicht abweisen.“
Jesus hat NICHT gesagt: „Wer MEINEN WILLEN TUT, den werde ich nicht abweisen.“
Ich betone das deshalb so sehr, weil es ja auch Christen gibt, die meinen, dass nur die fest Glaubenden eine Chance bei Gott haben, alle anderen im Höllenfeuer landen. Solche Menschen habe ich erlebt – in meiner letzten Gemeinde gab es am Ort eine extrem radikale Freikirche, die genau das predigten. Denen war ich nicht fromm genug! Wie froh ich bin jetzt, im Hanauerland zu sein. Hier ist zwar der GD-Besuch wirklich unterirdisch, dafür werden aber die Christen nicht eingeteilt in gläubig und ungläubig, schwarz und weiß, erlöst und verdammt.
Anders als radikale Christen es gerne hätten, hat Jesus also schlicht und einfach gesagt:
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Dass Jesu Einladung ohne Vorbehalte gilt, hat die Künstlerin Stefanie Bahlinger auf dem Buchzeichen festgehalten, das Sie vor Beginn des Gottesdienstes bekommen haben.
Wir sehen da eine geöffnete Tür zu einem hellen Raum. In diesem warten Brot und Wein, unverkennbare Zeichen von Gottes Reich.
Und dann hängt im Vordergrund ein Schlüssel, sehr hoch, er scheint irgendwo ganz oben festgemacht zu sein, da, wo wir Menschen gar nicht hinkommen können. Und das sollen wir auch nicht, denn der Schlüssel ist nicht zum Zuschließen bestimmt. Sondern dieser Schlüssel ist nur ein einziges Mal in Aktion getreten, am Kreuz Jesu. Welch eine Genialität der Künstlerin, Kreuz und Schlüssel in einem einzigen Gegenstand zu gestalten! Das zeigt jedem Menschen, was auch die Bibel sagt: Jesu Kreuzigung war der Schlüssel zu unserem Heil.
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Jeder Mensch, der sich zu Jesus, dem Christus, hin bewegt, ist also willkommen. Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die sich zu Jesus hin bewegt haben: die Hirten und die Weisen waren die ersten, und nach ihnen kamen alle möglichen Menschen: Verzweifelte, Glaubende, Zweifelnde, Neugierige, Sünder, Verbrecher, Selbstgerechte, Kinder, Alte, Frauen, Männer – sie alle wurden von Jesus nicht abgewiesen. Und alle haben in ihrer Unterschiedlichkeit EINE GEMEINSAMKEIT: Sie gingen Jesus einen Schritt entgegen.
Diesen ersten Schritt, liebe Gemeinde, den sind wir ja schon gegangen, machen auch immer wieder Schritte auf Jesus zu – ob das nun für uns allein im Gebet oder Bibellese ist oder im Gang zum Gottesdienst oder im Besuch einer Veranstaltung in der Gemeinde – dieser erste Schritt ist uns vertraut. Und auf vielerlei Weise haben wir auch schon erlebt und gespürt, dass wir von Jesus, dem Messias, nicht abgewiesen werden.
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Das sollen nicht nur wir selbst erleben. Wir wissen alle, dass es viele Menschen gibt, die diesen Schritt NOCH NICHT GEGANGEN sind oder ihn NICHT GEHEN wollen. Vielleicht finden sie den Weg nicht; vielleicht trauen sie sich nicht; vielleicht sind sie zu träge und abgestumpft; vielleicht sind sie auch einfach nur müde und enttäuscht von schweren Ereignissen in ihrem Leben.
Diesen Menschen gegenüber haben wir eine wichtige Aufgabe – in allen Gemeinden, überall ist sie gleich. Sie heißt: Andere einladen und den Weg bereiten. Auch wenn sich manches ändert in unseren Gemeinden und der Landeskirche, UNSERE WICHTIGSTE AUFGABE ist und bleibt genau das: Andere Menschen zum Jesus, dem Sohn Gottes, einladen und ihnen den Weg dafür bereiten.
Gebe Gott uns dazu seinen Segen. In diesem Jahr wie auch in der weiteren Zukunft.
Amen.
Liebe Gemeinde,
als Überschrift und Leitwort für das Jahr 2021 stand als Jahreslosung eine Aufforderung Jesu aus dem Lukasevangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
Es lohnt sich, heute, am letzten Tag des Jahres, Rückschau zu halten und der Frage nachzugehen, wie wir es in diesen 365 Tagen gehalten haben mit der Barmherzigkeit.
Wir beginnen bei uns selbst: War mein Herz weit genug, um Platz zu schaffen auch für Menschen, die ganz anders ticken als ich selbst? War ich nachsichtig genug gegenüber denen, die etwas falsch gemacht haben? Konnte ich denen verzeihen, die mir Übles getan haben? Gerade zu Letzterem ist heute Abend noch einmal Zeit und Gelegenheit.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Waren wir das in unserer Kirchengemeinde? Hatten wir die im Blick, die in der Schnelllebigkeit unserer Zeit nicht mehr mitkommen? Waren wir für die da, die Schweres durchleben und durchleiden mussten? Haben wir auch wirklich unser Herz geöffnet für die, die unseren Rat gesucht haben?
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
Wenn ich mit diesem Bibelwort im Hintergrund auf unsere Gesellschaft schaue, habe ich in diesen Tagen vor allem Bilder vor Augen von Menschen, die unbarmherzig auf ihre persönliche Freiheit pochen und auf ihre Verschwörungstheorien; auf Menschen, die nicht nur verquer denken, sondern mittlerweile auch unbarmherzig und mit Gewalt gegen die vorgehen, die für die Sicherheit unseres ganzen Landes sorgen wollen.
Es ist so vieles in aalglatte Formulierungen gepackt worden, aber es ist Zeit für klare Worte. Und wenn ich zusätzlich noch diese Idioten sehe, die auf der Straße ohne Masken auf Polizistinnen und Polizisten losgehen, ihnen sogar ins Gesicht spucken, dann weiß ich: Es muss endlich Schluss sein mit der falschen Barmherzigkeit; mit dem Verständnis für alle. Und auch unsere Landeskirche müsste endlich Klartext reden.
Barmherzigkeit für alle – es darf nicht weiterhin die Mehrheit einer uneinsichtigen Minderheit ausgeliefert werden. Barmherzigkeit am Ende des Jahres 2021 heißt für mich: mitwirken, andere vor dem Virus zu schützen. Und das geht nur, wenn möglichst alle sich impfen lassen. Doch viele, die die Impfung verweigern, haben einen anderen Blick. Der richtet sich nur auf sich selbst. „Ich, ich, ich“ kommt da immer wieder vor. Kein „Wir“.
Aber das überbetonte Ich war schon immer der größte Feind der Barmherzigkeit. Ich habe die Nase so voll! Nicht von denen, die das Gottes-Geschenk Impfstoff ablehnen; sondern von denen, die zusätzlich noch unsinnige Theorien verbreiten, demonstrieren um des Demonstrierens willen und Montagsspaziergänge unternehmen. Wenn die nur sich selbst dadurch gefährden würden, meinetwegen. Aber die Leidtragenden sind zum einen die, die sich von den extrem dummen Theorien beeinflussen lassen; zum anderen viele Geimpfte, und da zeigt sich die unglaubliche Unbarmherzigkeit der Impfverweigerungen:
Denn es sind die Nicht-Geimpften, die fast 90% der Behandelten auf den Intensivstationen ausmachen. Und deretwegen sind für andere Menschen auf den Intensivstationen keine Plätze mehr frei für lebenserhaltende Tumor-, Herz- und weitere Organbehandlungen.
Damit nicht genug: Von denen, die jetzt auf der Straße ihre geistlosen Parolen von sich geben, werden viele auf Intensivstationen landen. Und dort werden sie trotzdem behandelt werden, es wird auch um ihr Leben gekämpft werden, weil die Schwestern und Pfleger, die Ärzte und Ärztinnen nämlich barmherzig sind. Das ist wahre Barmherzigkeit!
Vielleicht denken manche, dass dieses Thema nichts auf der Kanzel zu suchen hat. Aber wir halten als Christen immer die Barmherzigkeit hoch. Und Barmherzigkeit heißt eben nicht, für alle und jeden Verständnis zu haben.
Barmherzigkeit im Blick auf das neue Jahr heißt zum einen, dass wir für die sorgen, die geschützt werden müssen; zum anderen heißt Barmherzigkeit, und hierzu möchte ich alle einladen: Lasst es uns nicht mehr schweigend hinnehmen, wenn jemand schräge Thesen über die Impfung verbreitet. Lasst uns den Mund aufmachen, damit die Wahrheit mehr Anhänger gewinnt und diese Pandemie endlich an Gewicht verliert. Lasst uns Klartext reden, selbst wenn es uns Sympathien oder gar Freundschaften kostet. Lasst uns Barmherzigkeit neu begreifen: Barmherzigkeit heißt, alles dafür tun, mit Worten und Taten, dass möglichst viele Menschen geschützt werden.
Also: Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.
Amen.
Liebe Gemeinde,
haben Sie vorgestern ein Wunder erlebt? Wahrscheinlich nicht. Aber Sie sind an ein Wunder erinnert worden, vielleicht ohne sich dessen klar geworden zu sein.
Wenn wir an Wunder denken, fällt uns oft das Weinwunder in Kana ein, oder die Speisung der 5000 – gut passend zum Hanauerland, wo Essen und Trinken ja oft über allem steht. Wir denken vielleicht auch an Heilungen - und bitte auch an die Auferstehung. Aber ausgerechnet an das erste Wunder, von dem das Neue Testament erzählt, denken wir wahrscheinlich nicht so schnell, und das ist die Geburt Jesu.
In unserer Zeit ist die Geburt Jesu als Grund für Weihnachten ganz schön an den Rand gedrängt worden, es gibt ja genügend weltliche Konkurrenz: Rudolf, das Rentier etwa; oder die Eiskönigin; oder Helene Fischer mit ihrer Weihnachtsgala; oder Kevin allein in der x-ten Wiederholung. Das ist alles spektakulärer und unterhaltsamer als die Geburt eines Kindes in der Abgeschiedenheit eines israelischen Dorfes vor langer Zeit.
Und da beginnt schon das Wundersame: In einem Kaff abseits der Weltgeschichte wird Gott Mensch. Niemand bekommt es mit. Nur ein paar Hirten. Ein paar Niemande! Die werden nirgends zur Kenntnis genommen, stehen ganz unten in der Gesellschaft.
Und dann setzt sich das Wunder fort: Gott macht sich so klein, wie es kleiner nicht mehr geht. Gott betritt seine Welt – aber nicht auf dem Vorplatz des Kaiserpalastes in Rom vor Hunderttausenden von Augenzeugen – nein, in der Armut eines Dorfes, in einer schäbigen Krippe, schutzlos, hilflos und machtlos.
Warum wählte Gott diesen Weg? Mit Sicherheit nicht, damit 2000 Jahre später das Weihnachtsgeschehen durch Krippenspiele und viele Ausmalungen verwässert werden konnte. Nein, Gott wählte den Weg durch Armut und Elend, weil das sein Programm war und bis heute ist. Dort, wo Armut und Elend herrschen, dort wo Tränen fließen, dort, wo ums Überleben gebangt wird: dort ist Gott ganz nahe.
Das wurde dann für alle Menschen sichtbar, als das Kind aus der Krippe erwachsen war und immer wieder den Weg hin zu den Menschen ging. Bei seiner Taufe hatte Jesus Gottes Stimme gehört: „Dies ist mein Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Doch war er sich nicht zu fein, um die ganz Armen, die Hoffnungslosen, die Verzweifelten, die Verbitterten aufzusuchen.
Wohlgemerkt: aufzusuchen! Jesus hielt nicht in einem Palast Audienzen ab. Sondern Jesus ging hin und zeigte damit jedem Menschen: Gott nimmt dich wahr. Welch eine Botschaft war das damals im heidnischen römischen Reich! Denn für die Römern saß der Himmel voller Götter und Göttinnen, denen die Menschen herzlich egal waren.
Und da taucht dann dieser Jesus auf, in dem ein Gott erlebbar wird, der sich um seine Geschöpfe kümmert; ein im wörtlichen Sinne heruntergekommener Gott, der mit dem, was er sagt, und mit den Wundern, die er vollbringt, seine Mitmenschen ahnen lässt, wie es sich anfühlen wird, wenn das Reich Gottes anbricht und die Menschen unbegrenztes Heil und Heilung erfahren.
Doch Jesus war nicht der, in dem sich Gott halt mal für 30 Jahre gezeigt hat und dann die Menschen wieder alleine ließ. Nein, Jesus hat vorgelebt, was für immer Gottes Programm sein würde: Anteil nehmen an dem Leben, an den Freuden, und noch mehr an den Traurigkeiten und Leiden seiner Geschöpfe.
Im Wesentlichen, liebe Gemeinde, ist das der Sinn von Weihnachten: dass Gott erstmals und ein für alle Mal sein Gesicht gezeigt hat. Ein Gesicht, das sich seinen Geschöpfen zuwendet; ein Gesicht, das nach uns schaut. Welch ein Gott ist das, der uns in guten Zeiten seinen Segen spüren lässt und auf den schweren Wegstrecken unseres Lebens mit seinem Trost nicht von unserer Seite weicht!
Und falls wir nun den Willen dieses einzigen und einzigartigen Gottes erfüllen wollen, dann können auch wir darauf achten, dass wir uns einander zuwenden, dass wir einander nicht im Stich lassen und dass wir denen, die Schweres aushalten müssen, ganz nahe bleiben.
Mehr gibt es zu Weihnachten an und für sich gar nicht zu sagen. Wir einzelne Christen, unsere Gemeinde und unsere Kirche – wir haben den einen Auftrag: nahe bei den Menschen zu sein und zu bleiben, so wie Gott uns in Jesus nahegekommen ist. Das ist zwar nicht spektakulär, aber es ist unbestreitbar Gottes Wille – spätestens seit dem großen Wunder von Bethlehem.
Amen.
Ich habe letzte Woche einen Mann, der vor längerer Zeit seine Frau verloren hat, zum heutigen Gottesdienst eingeladen. Er hat sich bedankt für die Einladung und dann gesagt: „Ich kann an Heiligabend nicht unter die Leute gehen. Mir geht es dreckig, diesen Anblick will ich niemandem zumuten und niemandem das Fest verderben.“
Aber genau dieser ältere Mann wäre der ideale Gast in den Gottesdiensten an Heiligabend. Denn an der Krippe ist immer noch Platz, viel Platz – für Sie, für dich, und für mich. So wie wir sind, dürfen wir zur Krippe kommen. Mit all unseren Stärken, mit allem, worauf wir stolz sind, ja! Aber wir müssen auch nichts verbergen. Wir müssen weder im Feiertagsgewand kommen, noch müssen wir uns anstrengen, nur die guten Seiten an uns zu zeigen, noch müssen wir ein Lächeln aufsetzen, wenn uns nach Weinen zumute ist. Nein, dort, vor der Krippe, da sind wir erwünscht und willkommen, so wie wir sind, auch mit all dem Brüchigen und Unvollkommenen in unserem Leben; mit allem, was uns das Leben schwer macht und womit wir es anderen schwer machen; mit allem, was wir anderen nachtragen; und auch mit dem, was wir uns selbst nicht verzeihen können. All das dürfen wir mitbringen – für all das ist an der Krippe Platz.
Lasst uns diesen einen Gedanken mitnehmen in die Heilige Nacht: An der Krippe ist über die Jahrhunderte hinweg noch Platz frei geblieben, für jede und jeden von uns.
Da dürfen wir hingehen, dürfen staunen, dürfen uns freuen wie die Kinder; dürfen uns trösten lassen; und wir dürfen uns ermutigen lassen durch die Worte des Engels, die über die Jahrtausende hinweg auch heute noch gelten:
„Christus ist geboren, für euch. Deshalb Fürchtet euch nicht!“
Amen.
Liebe Gemeinde,
die Weihnachtsgeschichte, die wir vorhin gehört haben, ist diejenige biblische Geschichte, die ich am häufigsten in Gottesdiensten vorgelesen habe. 72 mal, wenn ich mich nicht verrechnet habe.
Sie ist auch diejenige biblische Geschichte, die ich als erste gut kannte, auch wenn ich in den ersten Lebensjahren statt „Landpfleger“ Cyrenius immer nur Landjäger verstanden habe.
Heute, als Erwachsener, könnte ich die Geschichte zwar auswendig aufsagen. Aber wie das so ist, wenn man etwas gut kennt, dann überliest man einiges, liest den Text nur oberflächlich.
Daher habe ich zur Vorbereitung in diesem Jahr die Weihnachtsgeschichte in aller Ruhe mit unseren Konfirmand/inn/en gelesen. Und dann habe ich sie gefragt: Von all den Personen und Tieren, die da vorkommen: Wessen Platz würdest du am liebsten einnehmen? Die Konfis haben ganz unterschiedlich geantwortet: Hirten, Engel, Ochse oder Esel und Josef habt ihr genannt.
Ich habe das hinterher auch für mich selbst überlegt, wessen Platz ich gerne einnehmen würde: Zuerst, es wird niemanden verwundern, dachte ich mir, ich wäre gerne der Engel, der Erzengel natürlich, der verkündigt ja auch, wir sind gewissermaßen Kollegen; aber inzwischen denke ich, ich wäre gerne der Esel gewesen, falls damals wirklich einer an der Krippe dabei war. Von dem wollte niemand etwas, der hatte nichts zu tun, der durfte einfach zuschauen und das Geschehen bestaunen, das sich da in jener Heiligen Nacht vor seinen Augen vollzog.
Es würde den Gottesdienst sprengen, jetzt zu fragen, wer von euch und Ihnen gerne wer gewesen wäre. Aber vielleicht kann das nachher ein Gespräch wert sein beim Essen oder unter dem Weihnachtsbaum.
Noch mal zurück zum Esel. Der musste nichts sagen oder tun, niemand hat ihn beachtet – und er war doch mitten im Geschehen dabei. Er konnte als Augenzeuge diesen unglaublichsten Moment der Weltgeschichte genießen und hat als erster das wahre Weihnachtsfest erlebt, in dessen Mittelpunkt nichts Anderes stand als der Erlöser der Welt.
Ich beneide den Esel. Denn ganz ehrlich: Wer unter uns hat die Muße, wer kann sich die Zeit gönnen, das Geschehen an der Krippe in aller Ruhe und Stille auf sich wirken zu lassen? Und da, wo es nicht an Ruhe fehlt, steht oft Anderes im Wege: Sorgen zum Beispiel; Traurigkeiten; Verluste von Lebenschancen. All dies belastet und kann uns den Blick auf das Wunder in der Krippe wahrhaft versperren.
Der Blick auf das Wunder in der Krippe – er kann uns so unsagbar gut tun. Das Kind in der Krippe betrachten und daran denken, dass dieses Kind später die Freuden der Menschen geteilt und alles Leid jedes Menschen auf der Welt mitgetragen hat. Und gerade auch für das Leid und die Leidenden ist an der Krippe Platz.
Ich habe letzte Woche einen Mann, der vor längerer Zeit seine Frau verloren hat, zum heutigen Gottesdienst eingeladen. Er hat sich bedankt für die Einladung und dann gesagt: „Ich kann an Heiligabend nicht unter die Leute gehen. Mir geht es dreckig, diesen Anblick will ich niemandem zumuten und niemandem das Fest verderben.“
Aber genau dieser ältere Mann wäre der ideale Gast in den Gottesdiensten an Heiligabend. Denn an der Krippe ist immer noch Platz, viel Platz – für Sie, für dich, und für mich. So wie wir sind, dürfen wir zur Krippe kommen. Mit all unseren Stärken, mit allem, worauf wir stolz sind, ja! Aber wir müssen auch nichts verbergen. Wir müssen weder im Feiertagsgewand kommen, noch müssen wir uns anstrengen, nur die guten Seiten an uns zu zeigen, noch müssen wir ein Lächeln aufsetzen, wenn uns nach Weinen zumute ist. Nein, dort, vor der Krippe, da sind wir erwünscht und willkommen, so wie wir sind, auch mit all dem Brüchigen und Unvollkommenen in unserem Leben; mit allem, was uns das Leben schwer macht und womit wir es anderen schwer machen; mit allem, was wir anderen nachtragen; und auch mit dem, was wir uns selbst nicht verzeihen können. All das dürfen wir mitbringen – für all das ist an der Krippe Platz.
Lasst uns diesen einen Gedanken mitnehmen in die Heilige Nacht: An der Krippe ist durch die vielen Jahrhunderten noch immer Platz frei geblieben, für jede und jeden von uns.
Da dürfen wir hingehen, dürfen staunen, dürfen uns freuen wie die Kinder; dürfen uns trösten lassen; und wir dürfen uns ermutigen lassen durch die Worte des Engels, die über die Jahrtausende hinweg auch heute noch gelten:
„Christus ist geboren, für euch. Deshalb Fürchtet euch nicht!“
Amen.
Liebe Gemeinde,
Vierter Advent! nur noch wenige Tage bis Heiligabend, dem Fest, auf das wir uns schon als Kinder riesig gefreut und dem wir ungeduldig entgegengefiebert haben. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört das zum Advent: die wachsende Vorfreude auf das Fest.
Auch unsere Gottesdienstordnung bringt diese große Vorfreude zum Ausdruck. Mit dem Wochenspruch etwa, den wir auch in der Schriftlesung gehört haben: „Freuet euch in dem Herren allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Denn der Herr ist nahe!“
„Freuet euch!“ Ein Befehl. Und angesichts der vielen Unsicherheiten in unserer Zeit muss man die Vorfreude auf das Weihnachtsfest fast schon anordnen. Es gibt vieles, was uns Sorgen machen kann in diesen Wochen – die Bedrohung des Weltfriedens durch die üblichen Verdächtigen etwa, die erschreckenden Zahlen der Pandemie natürlich, bei manchen die Gesundheit oder die Einsamkeit oder die Trauer um einen Menschen. Vieles kann uns in dieser Zeit die Vorfreude trüben. Und dennoch: „Freut euch!“
Die Freude, zu der wir da eingeladen werden, will uns nicht ablenken von der Realität. Die ist und bleibt bedenklich. Aber die Vorfreude auf Weihnachten will unsere Gedanken hinlenken auf Gottes Plan mit seiner Welt, der da heißt: nicht Krieg, sondern Frieden; Nicht Geld, sondern Gott; nicht Leistung, sondern Liebe; nicht Sorge, sondern Glück.
Freut euch – dazu lädt Gottes Wort uns heute, fünf Tage vor Heiligabend, ganz besonders ein. Freut euch, dass Gott einer von euch geworden ist! Freut euch auf das Kind!
Nun ist das allerdings so eine Sache mit der Vorfreude auf ein Kind. Manchmal ist sie auch begleitet von der Sorge und Schrecken. Das erlebte zum Beispiel Maria, als sie von ihrer Mutterschaft erfuhr, der Evangelist Lukas erzählt davon:
Und der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef, die hieß Maria. Er sprach: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Da sprach Maria zu dem Engel: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“
Der Engel antwortete und sprach zu ihr: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich."
Maria aber sprach: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast."
Vierter Advent! nur noch wenige Tage bis Heiligabend, dem Fest, auf das wir uns schon als Kinder riesig gefreut und dem wir ungeduldig entgegengefiebert haben. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört das zum Advent: die wachsende Vorfreude auf das Fest.
Auch unsere Gottesdienstordnung bringt diese große Vorfreude zum Ausdruck. Mit dem Wochenspruch etwa, den wir auch in der Schriftlesung gehört haben: „Freuet euch in dem Herren allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Denn der Herr ist nahe!“
„Freuet euch!“ Ein Befehl. Und angesichts der vielen Unsicherheiten in unserer Zeit muss man die Vorfreude auf das Weihnachtsfest fast schon anordnen. Es gibt vieles, was uns Sorgen machen kann in diesen Wochen – die Bedrohung des Weltfriedens durch die üblichen Verdächtigen etwa, die erschreckenden Zahlen der Pandemie natürlich, bei manchen die Gesundheit oder die Einsamkeit oder die Trauer um einen Menschen. Vieles kann uns in dieser Zeit die Vorfreude trüben. Und dennoch: „Freut euch!“
Die Freude, zu der wir da eingeladen werden, will uns nicht ablenken von der Realität. Die ist und bleibt bedenklich. Aber die Vorfreude auf Weihnachten will unsere Gedanken hinlenken auf Gottes Plan mit seiner Welt, der da heißt: nicht Krieg, sondern Frieden; Nicht Geld, sondern Gott; nicht Leistung, sondern Liebe; nicht Sorge, sondern Glück.
Freut euch – dazu lädt Gottes Wort uns heute, fünf Tage vor Heiligabend, ganz besonders ein. Freut euch, dass Gott einer von euch geworden ist! Freut euch auf das Kind!
Nun ist das allerdings so eine Sache mit der Vorfreude auf ein Kind. Manchmal ist sie auch begleitet von der Sorge und Schrecken. Das erlebte zum Beispiel Maria, als sie von ihrer Mutterschaft erfuhr, der Evangelist Lukas erzählt davon:
Und der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef, die hieß Maria. Er sprach: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Da sprach Maria zu dem Engel: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“
Der Engel antwortete und sprach zu ihr: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich."
Maria aber sprach: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast."
Ich denke, Marias Vorfreude wird sich zunächst sehr in Grenzen gehalten haben. Sie, ein junges Mädchen von etwa 13, 14 Jahren, würde ein Kind bekommen, das war nicht unbedingt ein Grund zur Freude. Erst viel später konnte Maria sich darüber freuen, ihren Lobgesang, das Magnificat, hat der Evangelist Lukas überliefert.
Lobgesänge und Vorfreude wollen bis in unsere Zeit auch unseren Advent bestimmen. Weder Leckereien noch Glühwein, weder Einkaufsstress noch Hausputz gehören unbedingt zu einem gelungenen Advent. Umso mehr aber die Vorfreude!
Am ehesten entdecke ich diese Vorfreude bei Kindern. Wer kleine Kinder hat oder hatte, weiß, wie sehr Kinder sich freuen, einen täglich oder stündlich fragen, wann denn jetzt endlich Heiligabend ist und, und, und...
Ihr jungen Menschen seid da schon abgeklärter. Die Geschenke bringt nicht das Christkind, sondern die Eltern und Großeltern besorgt. Nikolaus und Weihnachtsmann kommen nicht von drauß vom Walde her, sondern sind verkleidete Menschen. Aber trotzdem, das erlebe ich auch dieses Jahr in der Schule, ist auch bei jungen Menschen die Vorfreude auf Weihnachten greifbar.
Bleiben noch wir Erwachsenen: Wie sieht es denn bei uns aus mit der Vorfreude?
Wenn ich von mir selbst ausgehe, will ich es einmal so sagen: Meine Vorfreude ist doch noch sehr gebremst. Da ist noch so viel zu tun, ein Riesenberg an Arbeit steht zwischen mir und dem Fest. Wenn der abgearbeitet ist, dann kann ich anfangen, mich zu freuen. Dumm ist nur, dass das oft erst am 24. Dezember ist, so dass eigentlich kaum Platz für die adventliche Vorfreude ist. Und ich denke, vielen von Ihnen geht das ähnlich.
Deshalb wünsche ich mir manchmal einen Engel, der mir das noch einmal verkündet mit Jesu Geburt; einen, der mir hilft, mich heute noch so zu freuen wie früher als Kind; einen Engel, der mir sagt: „Freue dich, denn du hast 1000 Gründe dafür.“
Engel werden oft dargestellt als geflügelte Wesen. Aber die Engel, die uns zur Weihnachtsfreude einladen, liebe Gemeinde, die haben keine Flügel. Die haben zwei Beine, zwei Arme und sind Menschen wie wir. Sie sind durch die Art, wie sie sich auf den Advent freuen, wirkliche Engel, Boten Gottes, die uns durch ihre eigene Freude verkünden: „Auch du sollst dich freuen. Auch für dich ist Gott in die Welt gekommen. Und Gott will auch in dein Gesicht ein Lächeln zaubern.“ Sich freuen wie ein Kind auf das Kind in der Krippe – Gott will, dass wir uns von der Freude anstecken lassen – trotz allem Stress, Sorgen und Traurigkeiten.
Und wer weiß – vielleicht werden wir selbst, beflügelt von der Freude, dadurch anderen zu Adventsengeln. Denn ganz bestimmt begegnen uns in der neuen Woche da und dort Menschen, die ein wenig Freude und ein kleines Lächeln in dieser Zeit so dringend nötig haben. Gebe uns Gott seinen Segen dazu, und ein Strahlen in unser Gesicht.
Amen.
Predigt zum Totensonntag 2021
So spricht der HERR: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Man soll nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.
Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge“.
(aus Jesaja 65)
Liebe Gemeinde,
was sind das für wunderbare Worte und Visionen, die wir da hören! Mit beeindruckenden Farben und Bildern gibt der Prophet die Visionen über die Zukunft wieder, die Gott ihm gezeigt hat. Solche Bilder vom neuen, vom unzerstörbaren Leben, die tun gerade heute unglaublich gut.
Denn an diesem Tag denken viele unter uns zurück, an schöne, vergangene Zeiten, die uns oft vorkommen wie das verlorene Paradies. Zwar erzählt die Bibel, dass dieses Paradies wieder kommen wird. Aber sind wir noch weit weg vom Paradies, daran werden wir heute besonders erinnert.
Viele sind unter uns, die einen lieben Menschen verloren haben - den Ehepartner, ein Elternteil, ein Kind, die Freundin oder den Freund. Und mit der Traurigkeit werden Zweifel in uns wach. Wir fragen: Wie kann Gott es zulassen, dass dieser liebe Mensch gehen muss? Warum wird das neue Paradies nicht Wirklichkeit? Und manchmal fragen wir: Gibt es diesen Gott überhaupt?
Diese Fragen stellten Menschen auch vor 2500 Jahren - die Menschen in Israelit. Viele zerbrachen an den Härten ihres Lebens: Eltern verloren früh ihre Kinder, andere starben in den besten Jahren. Auch die Lebensumstände bereiteten vielen Israeliten Kummer: Denn sie mussten für die persischen Besatzungsmächte arbeiten: Sie bewirtschafteten mühevoll die Felder, ernteten - aber den Ertrag bekamen die Perser. Sie bauten Häuser - aber darin wohnen durften nur die Besatzer. So begannen viele zu zweifeln: an der Gerechtigkeit, an der Aussicht auf das Paradies und wohl auch an Gottes Macht.
Aber eines Tages, kam ein Prophet und verkündigte ihnen die eingangs erwähnten Visionen vom neuen Leben. Diese Worte klingen, als ob der Prophet heute zu uns spräche: "Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben." "Die Menschen sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne.“ "Es sollen keine Alte mehr da sein, die ihre Jahre nicht erfüllen", lesen wir beim Propheten.
Welch heilsame Worte! Allem, was wir erleben und woran wir leiden, stellt der Prophet die Hoffnung auf das neue Paradies gegenüber: eine Welt, in der es kein Leid mehr geben wird.
Aber zunächst der Blick bleibt auf der Erde. Zunächst werden wir an das Leben und an die Lebenden verwiesen und aufgefordert: Macht euch auf den Weg zu denen, die in diesem Leben leiden. Verändert euer Leben, verändert das eurer leidenden Mitmenschen, verändert das Leben eurer Gesellschaft schon jetzt so, dass Menschen ohne Nöte leben können: Das ist eine Kampfansage an alles Lebensfeindliche: an den Krieg, weil es noch nie einen gerechten Krieg gegeben hat; an den Terror, weil Terror und Morden niemals im Namen Gottes sein darf; an den weltweiten Hunger, weil überall um das tägliche Brot gebetet wird; an die Armut, weil der Staat seinen Menschen nicht die Würde rauben darf; eine Kampfansage an die Pandemie, die nicht Gott über uns gebracht, sondern unsere Verantwortungslosigkeit; eine Kampfansage an die Geringschätzung der alten Menschen, weil sie mehr geleistet haben als wir Jüngeren; so ist Gottes Wort ein vielfältiges Nein zu ungerechtem Leid. Gott will stattdessen unser Glück.
Zwar beschreiben Gottes Verheißungen zunächst nur ein vergängliches irdisches Paradies. Aber schon hier erkennen wir Gottes endgültiges Ziel: dass es bei Leid und Traurigkeit nicht bleiben wird. Was das im Blick auf unseren Tod bedeutet, wurde 500 Jahre nach dem Propheten sichtbar. Da kam der, der dem Tod endgültig das letzte Wort nahm. "Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt", war Jesu Botschaft. Viele Menschen konnten diesen unglaublichen Satz kaum glauben. Dann starb Jesus selbst - aber nicht der Tod behielt das letzte Wort, sondern Gott sprach es, und mit diesem Wort rief er Jesus ins Leben zurück, schenkte ihm ein neues Leben, das den Tod nicht kennt.
Jesus war der erste, der dies an sich erfuhr - seither dürfen wir Menschen es einander an den Gräbern unserer Lieben sagen: Gott lässt keinen von denen im Stich, die auf ihn vertrauen.
Das nimmt uns heute nicht die Trauer um unsere Verstorbenen, nach wie vor werden Tränen fließen. Aber gerade dann, wenn uns die Verzweiflung packt und hin und her schüttelt, dürfen wir uns dessen gewiss sein: Unsere Verstorbenen sind in Gottes Hand, sie und wir sind berufen zu dem ewigen, unzerstörbaren Leben in Gottes Armen, das ganz am Ende der Bibel so beschrieben wird: "Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, und auch der Tod wird nicht mehr sein."
Gott lässt uns nicht los, weder im Leben noch im Sterben noch im Tod. Das ist gewiss.
Amen.
Liebe Gemeinde,
der Buß- und Bettag war für mich in meiner Kindheit und Jugendzeit immer ein ernster Tag. Ein schulfreier Tag zwar, aber da war ja nichts erlaubt: im Radio nur ernste Musik, im Fernsehen nur Tragödien und Ansprachen, trostlos meist das Wetter, und im Gottesdienst, in dem man natürlich dunkle Farben trug, ging es immer um Sünde, Buße und Umkehr.
So in etwa habe ich dann auch 25 Jahre lang als Pfarrer die Gottesdienste an meinen Dienstorten gefeiert, bis ich vor zehn Jahren nach Rheinbischofsheim kam. Und da war ich beim ersten Buß- und Bettag sehr erstaunt, und zwar über zwei Dinge: Erstens, dass der Gottesdienst zum Buß- und Bettag hier als Abschluss und Zielpunkt der Friedensdekade begangen wurde; und zweitens, dass diese Gottesdienste nicht so sehr von Sünde und Buße getragen waren, sondern so, dass wir Aufbrüche zu einem besseren Leben voller guter Visionen feierten und uns beim Abendmahl für den neuen Weg stärken ließen.
Und das ist bis heute so geblieben.
Aufbrüche zu einem neuen, besseren Leben und gute Visionen, die stehen auch heute und hier zum Abschluss der Friedensdekade im Mittelpunkt. Und diese Aufbrüche, diese neuen Wege, diese Visionen, die braucht unsere Welt dringender als je zuvor.
„Reichweite Frieden“ war das Motto der Friedensdekade und der vier Abendandachten, die wir gefeiert haben. Und jedes Mal haben wir gemerkt: Der Friede reicht nicht weit genug.
Das haben wir in den Andachten vor Gott gebracht. Aber wir sind nicht beim Klagen geblieben. Der Zielpunkt der Andachten waren unsere Hoffnungen. Und wir wären kleingläubige Christenmenschen, wenn nicht auch jetzt zum Schluss von den Hoffnungen die Rede wäre. In vielem ist unsere Gegenwart dunkel, aber das wird überstrahlt von der Leuchtkraft unserer Hoffnungen.
Und so will ich jetzt einfach von meinen drei Hoffnungen erzählen, die alle mit dem Motto der Dekade zu tun haben, mit „Reichweite Frieden“:
Ich hoffe erstens auf Frieden in unserem Land. Auf Frieden unter den politisch Verantwort-lichen. Auf Frieden zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften. Ich hoffe, dass in unserem Land der Friede eine so große Reichweite bekommt, dass Raum ist für alle, die jetzt noch miteinander im Streit liegen. Damit am Ende die Pandemie uns nichts mehr anhaben kann.
Ich hoffe zweitens auf Frieden zwischen den Völkern weltweit. Auf Frieden zwischen Weißrussen und der EU. Auf Frieden zwischen Amerikanern und Russen. Auf Frieden zwischen Muslimen und Juden. Ich hoffe, dass eines Tages ein großes Band des Friedens die gesamte Erde zu umspannen beginnt. Damit am Ende die Menschen aller Nationen, Farben und Religionen einander die Hand zum Frieden reichen.
Und schließlich hoffe ich darauf, dass wir Menschen Frieden schließen mit der Natur. Auf die Einsicht, dass wir nicht Herrscher der Natur sind, sondern Teil der Natur. Auf die Weitsicht von Politikern weltweit, dass sie noch rechtzeitig begreifen, wie späte es schon ist. Und auf die Aussicht, dass irgendwann die Luft in den Metropolen der Welt wieder besser ist, in den Weltmeeren neues Leben pulsiert und die Gletscher wieder wachsen. Damit am Ende die ganze Menschheit den Schöpfer durch neue Umsicht ehrt.
Friede in unserem Land, Friede unter den Völkern und Friede mit der Natur. Lasst uns nicht aufhören zu hoffen auf eine unendliche, unbegrenzte Reichweite des Friedens. Lasst uns hoffen – und für diesen Frieden tätig werden.
Amen.
Liebe Gemeinde,
Volkstrauertag, wir denken an 20 Millionen Tote des 1. Weltkrieges, 7 Millionen Ermordete in den Konzentrationslagern, 55 Millionen Tote des 2. Weltkrieges – und an trauernde Angehörige, deren Leben schweren Schaden nahm. All das ist lange her.
Brauchen wir diesen Tag noch? Es kommen kaum noch Menschen zu Gedenkfeiern am Ehrenmal. Und die Mehrheit im Land denkt heute nicht einmal daran, dass Volkstrauertag ist.
Aber der Volkstrauertag ist mehr als eine Erinnerung an vergangene Kriege. Unser Staat erklärt den Volkstrauertag als „Tag der Mahnung zu Versöhnung und zu Verständigung zum Frieden.“ Und Versöhnung und Verständigung, liebe Gemeinde, hat unser Land, unser Kontinent, die ganze Erde nötiger als jemals zuvor.
Volkstrauertag 2021 – tiefe Risse trennen Menschen weltweit. Die Einteilung in böser Osten und guter Westen ist wieder aufgebrochen. In Europa outen sich immer mehr Staaten als menschenverachtend gegenüber Hilfesuchenden. Und unser eigenes Land? Mitten durch unser eigenes Land gehen tiefe, tiefe Risse - sie haben Menschen voneinander getrennt, Freundschaften zerstört und eine fast unüberwindliche Feindschaft gestiftet.
Solche Risse sind nicht neu. Ein Riss ist schon immer die unterschiedliche Verteilung von Geld und Gut, ein anderer sind die ungleichen Bildungschancen. Vor 31 Jahren kam ein neuer Riss dazu: Ausgerechnet die deutsche Einheit, die Gräben schließen sollte, führte zu tiefen Rissen zwischen West und Ost, zwischen Besitzenden und Haben-Wollenden, bis auf den heutigen Tag.
Und seit anderthalb Jahren geht ein weiterer Riss mitten durch unser Land. Er hat es eingeteilt in die, die die Pandemie ernst nehmen, und die, die sie mit einer Grippe vergleichen; in Einschränkungsbefürworter und Verschwörungsanhänger; und mittlerweile in Impfgegner und Impfbefürworter.
Doch gerade jetzt, wo unser Land eine klare Führung bräuchte, ändert der alte Bundesgesundheitsminister zum x-ten Mal den Kurs, während gleichzeitig die neuen Regierungsparteien um ihre Pfründe schachern, anstatt zügig Verantwortung für unser Land zu übernehmen, wozu wir sie ja gewählt haben.
Deutschland 2021 - ein zerrissenes Land, tief zerfurcht durch Risse, die Menschen voneinander trennen, die zu Ablehnung und oft auch blankem Hass führen. Und niemand, der für dieses Land Verantwortung übernimmt. Was sollen und was können wir tun?
Es sind zwei wichtige Dinge:
Wir können beten. Wir können, und das ist tief beruhigend, unser ganzes kopflos gewordenes Land, Gott ans Herz legen; wir dürfen Gott bitten um Hirn und Mut für die Entscheider, um klare Worte der Politiker, wo sie nötig sind, und um versöhnliche Worte der Verantwortlichen, wo andere mit Gewalt drohen.
Aber all unsere Gebete fruchten nur wenig, wenn nicht ein zweites dazukommt, nämlich dass wir selbst Schritte unternehmen, die hinführen zu Versöhnung und zu neuem Verständnis dort, wo Menschen durch die Pandemie einander zu Feinden geworden sind. Wir Christen sind die, die nun für Versöhnung zu sorgen haben. Das steht schon seit 2000 Jahren in der Bibel, wir lesen dort: „Gott war in Christus und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Stelle.“
Botschafter der Versöhnung an Jesu Stelle sollen wir sein: Sie, ihr und ich. Nicht spalten sollen wir, sondern vereinen und zusammenführen. Nicht Unterschiede verstärken, sondern Verbindendes unterstreichen. Das ist unsere Aufgabe im Moment, an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Schulklassen, in unseren Freundeskreisen und natürlich auch in unseren Familien.
Es sagt sich so leicht, und ist gleichzeitig so schwer. Ich habe es letzte Woche gemerkt bei einem Gespräch mit vier Mitarbeitenden, die sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. Da musste ich mir dann Sätze anhören wie „Geimpfte sind gefährlicher als Nicht-Geimpfte“ oder „Die Impfungen sind schuld daran, dass es die Virus-Varianten gibt“. Einfach dummes Nachplappern von Hetzern, von denen es viel zu viele gibt.
Ähnliche Gespräche haben viele von uns schon erlebt. Natürlich geht einem da innerlich der Hut hoch. Aber unsere Aufgabe als Christen besteht in diesen harten Wochen und Monaten nicht im Zurückschlagen; nicht im Ausgrenzen; sondern darin, dass wir im Gespräch bleiben mit denen, die so anders sind.
Viele Geimpfte, Leserbriefe in Zeitungen und Voten in sozialen Medien zeigen es, machen mittlerweile die Ungeimpften verantwortlich für die Ausbreitung der Pandemie. Das ist mit Sicherheit der falsche Weg. So werden die Risse nur noch tiefer.
Unsere Aufgabe als Christen ist die andere: Versöhnerinnen und Versöhner werden. Unser Land hat schon so viele und so tiefe Risse. Es darf keine weitere Risse geben. Unser Land braucht jetzt Heilung. Lasst uns zu dem notwendigen Kitt werden, der diese Risse heilen kann.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wer Martin Luther verstehen will, muss begreifen, was für Martin Luther „Gott“ bedeutete, und das gelingt am besten, wenn wir Martin Luthers Verhältnis zu seinem eigenen Vater betrachten.
Hans Luther war ein Vater, der seinen Sohn liebte; der sich zum Ziel gesetzt hatte, dass sein Sohn es einmal zu etwas bringen sollte. Jurist sollte Martin Luther werden, und deshalb musste er mit vier Jahren schon zur Schule. Und der Vater wollte nur eines sehen: Leistung, Leistung, Leistung.
Meistens erbrachte Martin Luther diese Leistung, und als er seine Schule mit hervorragendem Zeugnis abschloss, redete der Vater ihn nur noch voller Achtung mit „Sie“ an. Aber wehe, Martin Luther konnte etwas nicht oder tat etwas Falsches: Die Strafe folgte sofort, und Hans Luther war erbarmungslos.
Können Sie sich vorstellen, welches Bild Martin Luther vor sich sah, wenn er an Gott, den Vater, dachte? Ein strafendes, zorniges Wesen. Dieser strafende Gott-Vater wurde damals überall gepredigt.
Martin Luther versuchte, diesem strengen, unbarmherzigen Gott zu gefallen. Um sich Gott gnädig zu stimmen, wurde er sogar Mönch, verzichtete bis zur Erschöpfung auf Essen, betete nächtelang, pilgerte nach Rom und zurück – diesem Gott wollte Luthers durch Leistung imponieren, doch immer größer wurde seine Angst.
In seiner Not las er die Bibel, tage-, monate- jahrelang tat er nichts Anderes, bis er eines Tages die Entdeckung machte, die die Christenheit vollkommen verändern würde. Und diese Entdeckung Luthers kam aus der Bibel. Dort steht: „Gott fordert nicht Gerechtigkeit von uns, sondern Gott selbst macht uns gerecht.“ Luther verstand: Gott ist nicht das zornige Himmelswesen, sondern gleichermaßen ein fürsorglicher Vater und eine liebevolle Mutter. Ich muss nicht fragen: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Sondern ich darf mir dessen gewiss sein: „Ich habe einen gnädigen Gott!“
Dieser Gott ist mir gnädig, weil er in Jesus Christus alle meine Schulden beglichen hat; und von mir verlangt dieser Gott nur eines: „dass ich auf ihn vertraue.“
Als er dies endlich begriffen hatte, sagte Luther später, da habe er die Engel im Himmel singen hören. Da habe sich ihm das Paradies öffnet, da sei er glücklich gewesen und selig. Er hatte erfahren dürfen: Gott ist gnädig. Das war etwas ganz anderes als das, was den Gläubigen damals eingeimpft wurde: nämlich, welche Qualen im Ofen des Fegefeuers auf sie warteten. Das machte allen Angst.
Diese Angst nutzte die Kirche jener Zeit aus, führte den Ablass ein - und die Gläubigen zahlten voller Angst Unsummen für Ablassbriefe, mit denen sie sich und ihre Verstorbenen von Gottes Strafen freikaufen wollten. Bis Luther sie entlarvte als Geschäftemacher, die den Namen Gottes für ihre Zwecke missbrauchten.
Und dann tat Luther etwas damals Unglaubliches: Er schwieg nicht, sondern protestierte. Heute vor 504 Jahren schlug er seine 95 Thesen, die gegen den Ablass protestierten und von Gottes Liebe erzählten, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.
Und dann überschlugen sich die Ereignisse: Luther wurde verhört, exkommuniziert, auf dem Wormser Reichstag geächtet, auf die Wartburg entführt, aber Gottes Wort ließ sich nicht mehr aufhalten. Luthers Thesen und vor allem der Glaube an den gnädigen Gott verbreiteten sich in Windeseile in ganz Deutschland. Und viele Menschen verloren die Angst vor Gott und vor einer sie versklavenden Kirche.
Ein halbes Jahrtausend ist vergangen seit damals. Heute spielt die Angst vor Gott für viele Menschen überhaupt keine Rolle mehr. Weil Gott keine Rolle mehr für sie spielt. Sie haben ihre eignen Götter, die sie anbeten und an denen sie sich ausrichten: Geld, Vergnügen, Macht, Ansehen, Selbstverwirklichung und und und…
Das ist erschreckend. Aber reicht es, wenn wir mit Schrecken zur Kenntnis nehmen, dass das eben heute so ist?
Mir ist das zu wenig. Ich will mich lieber an Martin Luther orientieren. Und an dem, was er im April 1521 getan hat. Da war er vor den Reichstag nach Worms geladen worden. Er sollte seine Lehre vom gütigen Gott widerrufen. Ihm drohte der Scheiterhaufen. Aber Luther sagte: " Und wenn in Worms so viel Teufel wären wie Ziegel auf den Dächern - ich wollte doch hineingehen."
Und dann steht er, der kleine Mönch aus Wittenberg, vor Kaiser, Königen, Fürsten und Kardinälen– und sagt: "Mein Gewissen ist im Gotteswort gefangen, und darum will ich nichts widerrufen. Ich kann nicht anders. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen."
Hier stehe ich. Das, liebe Gemeinde, ist Christenpflicht bis heute. Christen sind keine schweigsamen Opferlämmer. Und wir müssen auch nicht immer jedem freundlich und erlöst zulächeln. Christen müssen auch den Mund aufmachen. Und eintreten für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit, für Gottes Wort und Willen.
Und da sind wir alle gemeint. Von jedem und jeder von uns hier erwartet Gott, dass wir auch mal den Mund aufmachen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen:
· Wenn sonntags in deiner Nachbarschaft gesägt wird, dann geh hin und sag, dass dir dein Sonntag heilig ist und der andere ihn dir nicht kaputt machen soll.
· Wenn an deinem Arbeitsplatz wieder mal schräge Verschwörungsthesen über die Impfstoffe verbreitet werden, dann halte dem anderen vor, was für einen Unsinn er redet angesichts eines rettenden Impfstoffes, zu dessen Herstellung Gott Mediziner begabt hat.
· Wenn in deiner Klasse eine gemobbt wird, weil sie mal wieder gar nichts begreift, dann stell du dich vor sie, ganz allein du, nimm sie in Schutz und zeige dadurch, dass es Gott egal ist, was und wie viel wir können, dass es Gott aber überhaupt nicht egal ist, wenn eines seiner Geschöpfe verletzt wird.
· Und wenn du dich für deine Kirchengemeinde mitverantwortlich fühlst, dann mach mit und protestiere gegen eine Kirchenleitung, die fleißig Gendersternchen setzt, die vielleicht bald den Namen Gottes gendern wird, die aber unfähig ist, ihren Kirchengemeinden das Überleben zu sichern.
„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“
Liebe Gemeinde, Gottes Wort braucht in unserer Zeit mehr denn je Menschen, die für es eintreten; Menschen, die aufstehen und sich denen entgegenstellen, die die Botschaft der Kirche dem anpassen wollen, was gerade in ist; Menschen, denen das Eintreten für die Wahrheit wichtiger ist als sich mit allen lieb Kind zu machen.
Es braucht Menschen wie uns.
Der Christus selbst braucht unseren Mund, um seine Wahrheit zu verkündigen.
Lasst uns bereit sein, hinzustehen, uns zu Gott zu bekennen und nicht mehr zu schweigen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
und ganz besonders: liebe Konfirmand/inn/en,
wahrscheinlich war das für euch schon merkwürdig vorhin, als ihr euren Namen gehört habt und dann nach vorne kommen musstet. Wer seinen Namen hört, weiß: "Es geht um mich selber." Und das ist wichtig, heute und in den nächsten Monaten, dass ihr genau das merkt: "Es geht um mich selber."
Wann immer du deinen Namen hörst, weißt du: DU bist gemeint. Deinen Namen haben dir deine Eltern gegeben, und damit sagten sie dir auch: Du bist einzigartig, dich gibt es kein zweites Mal. Noch ehe du reden konntest, hast du deinen Namen immer wieder gehört. Und dein Name wurde auch bei deiner Taufe vor Gottes Angesicht genannt.
Im Taufbuch unserer Gemeinde steht, wann und wo ihr getauft worden seid und welches Bibelwort eure Eltern damals euch als Taufspruch mitgegeben haben. Einer dieser Taufsprüche steht im Buch Jesaja und heißt: "So spricht der Herr: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen - du bist mein."
Auch da taucht er wieder auf - der Name. Auch für Gott machen eure Namen euch unverwechselbar. Für Gott sind wir nicht eine große, namenlose Masse. Jeder einzelne Mensch ist Gott wichtig. Kein Mensch ist so wie ein anderer, keiner ein Klon des anderen. Vor Gott sind eben NICHT alle Menschen gleich." Nein! So wie eure Namen ganz unterschiedlich sind, so seid auch ihr es: von eurem Äußeren her genauso wie von den Eigenschaften, vom Babyalter an.
Seit damals sind viele Jahre vergangen. Viel hat sich geändert in eurem Leben. Aber unverändert geblieben ist jenes Bibelwort: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen." Gott hat euch gerufen, euch eingeladen, und deshalb seid ihr hier.
Warum ihr hier seid, darüber haben wir am letzten Mittwoch geredet. Manche haben gesagt: "Meine Eltern wollen es so"; andere: "Die Anderen haben sich auch konfirmieren lassen." Ihr habt auch gesagt: "Weil ich dann Geschenke bekomme." Einigen war wichtig, mehr über Gott zu erfahren und ein richtiger Christ zu werden." Das sind vielfältige Gründe. Und einer kommt noch dazu, dieses alte Prophetenwort: "Gott hat dich bei deinem Namen gerufen."
Gott hat euch bei eurer Taufe eingeladen, ein Leben zu führen, das mit Gott zu tun hat. Manche von euch waren deshalb im Kindergottesdienst oder bei Kindertagen dabei oder beten daheim. Manche haben vielleicht noch nie etwas mit Gott und der Kirche zu tun gehabt. Aber egal, was in den Jahren seit eurer Taufe war: ihr seid hier herzlich willkommen – wir freuen uns, und Gott freut sich, dass ihr hier seid.
Über Gott werden wir viel hören. Schnell werdet ihr merken, dass Gott kein alter Mann mit grauem Bart ist, sondern einer, der unser Leben reich macht. Schön wäre, wenn am 15. Mai, an der Konfirmation, viele von euch sagen könnten: "Gott und ich, Gottes Name und mein Name, wir gehören zusammen."
Dafür, dass das geschieht, dass wir viel Neues kennenlernen und bei dem allem auch Spaß haben, bitten wir Gott heute um seinen Segen. Und so wie der Gottesdienst, so beginnen wir auch unsere Konfirmandenzeit - im Namen Gottes. Amen.
Liebe Gemeinde, und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
hier, in dieser Kirche, wurden Sie als junge Menschen konfirmiert. Und heute, wo Sie Ihr Konfirmations-Jubiläum feiern, tauchen in Ihnen sicherlich viele Erinnerungen an die Zeit vor 70, 65 oder 50 Jahren wieder auf:
1950, liebe Gnaden-Jubilare, wurden Sie von Pfarrer Fath konfirmiert. Sie mussten in Ihrer Konfirmandenzeit viel lernen, und vieles ist Ihnen haften geblieben. Und anlässlich Ihrer Konfirmation hat Ihr Jahrgang die alten silbernen Kerzenleuchter gespendet, genauer gesagt: die Konfirmandeneltern – und das in einer Zeit, in der wahrhaft wenig Geld da war.
Als 1955 Sie, liebe Diamant-Jubilare, von Pfarrer Fath konfirmiert wurden, da waren unter Ihnen einige Halbwaise, deren Vater aus dem Krieg nicht mehr zurückgekommen war. Der KU war streng, vor Ihrem Pfarrer hatten Sie Respekt, ab und zu gab’s halt auch mal Schläge, ich nehme an: vor allem für die Jungs. Es ist gut, dass der Konfirmandenunterricht heute ohne Gewalt auskommt.
Nun kommen wir ins Jahr 1970. Da wurden Sie, liebe Gold-Konfirmanden, von Pfarrer Wölfle konfirmiert, der einiges mit Ihnen unternahm. 1970, das war ein bewegtes Jahr. Vielleicht erinnern Sie sich noch: der dramatische Mondflug von Apollo 13; die Fußball-WM in Mexico mit dem Jahrhundertspiel Deutschland-Italien; Willy Brandts Kniefall am Ghetto-Denkmal in Warschau. Die ganze Gesellschaft änderte sich; die Haare wurden länger, die Röcke kürzer, die Jugend begehrte gegen die Eltern auf. Die Kleidung bestand fast nur noch aus Kunststoff: Orlon, Dralon, Nylon. Alles wurde bunt, auch das Fernsehen kam in Farbe in die Wohnzimmer, zumindest dort, wo man die Geräte bezahlen konnte.
So sind Sie also drei Jahrgänge mit unterschiedlichen Lebenshintergründen und aus drei ganz unterschiedlichen Zeiten.
Aber trotzdem, liebe Jubilar/innen, haben Sie doch alle 34 das gleiche erlebt: nämlich, dass Ihr Leben gekennzeichnet war durch schöne und weniger schöne Abschnitte; Zeiten, in denen alles mühelos von der Hand ging – und Zeiten, in denen vieles schwer war; Zeiten, in denen das Leben einfach nur Freude bereitete – und Zeiten, in denen schon vor dem Aufstehen die Sorgen sich vorm Bett standen; Zeiten, in denen Liebe, Familie und Freundschaften ihnen Kraft gaben – und Zeiten, in denen Unfriede, Streit und Trennungen Regie führten.
Bei jedem / jeder von uns hier ist das so oder ähnlich bis zum heutigen Tag. Doch als Christsein wir dürfen auch über ungute Zeiten sagen: Sie waren und sind Zeit in Gottes Händen.
Die Zeit – sie vergeht so schnell. An Tagen wie heute merken wir das ganz besonders, wenn wir die Spuren der Zeit entdecken, natürlich vor allem bei den anderen… Und bange fragen wir manchmal, was die kommenden Zeiten uns wohl noch bringen werden. So gerne wir planen, wir können nicht eine Minute in die Zukunft schauen. Nur eines steht ganz fest: Keinen Tag wird es geben, an dem Gott uns fern wäre. Jeder Tag, jedes Jahr, jede Stunde ist eine geheiligte Zeit mit Gott, denn unsere Zeit steht in seinen Händen. Amen.
Liebe Gemeinde,
und vor allem: liebe Jubilar/inn/en,
70, 65, 60, 50, 25 Jahre sind vergangen seit der Konfirmation – aber jetzt, in der Kirche, sind viele Erinnerungen wieder da:
1951 wurden die Gnaden-Jubilare von Pfarrer Fath konfirmiert. Er war streng, oft gab es, wie Sie gesagt haben, „auf die Hörner“, trotzdem gab es viel zu lachen. Und vieles von dem damals auswendig Gelernten können Sie immer noch.
Sie, liebe Eisernen Jubilare, die ersten Konfirmanden von Pfarrer Scheel, scheinen eine muntere Truppe gewesen zu sein. Nebst vielen weiteren Streichen haben Sie Lausbuben einfach so mal dem zwischenzeitlichen Vertretungspfarrer aus Diersheim das Auto aufgebockt. Doch an der Konfirmation wurden den Jungs die Grenzen aufgezeigt: Im Stimmbruch befindlich, haben sie drei Mal das Konfirmandenlied umgeworfen.
1961 wurden Sie konfirmiert, liebe Diamantenen Jubilare. Es war eine Zeit, in der der Weltfriede extrem bedroht war: Berliner Mauer, Kubakrise, Chruschtschow – und trotzdem hatten Sie eine relativ unbeschwerte Jugendzeit, Gott sei Dank.
1971 wurden die Gold-Konfirmanden von Pfarrer Wölfle konfirmiert. Ihr Pfarrer fuhr mit Ihnen auf Freizeit nach Ludwigshafen, dort demolierte die Gruppe eine Bahnschranke, auf der Mainau fuhr der Bus ab ohne die, die noch auf der Toilette waren – dankbare Erinnerungen, die Ihnen heute noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Und die Silber-Konfirmanden waren der sechste Jahrgang von Ulla Eichhorn. Unglaublich – eine Konfirmandenfreizeit ohne Handys, so etwas gab es damals. Und auch ohne WhatsApp haben Sie sich getroffen. Erst 25 Jahre her, und unsere Welt ist eine vollkommen andere als die, in der Sie Jugendliche waren!
Fünf Jahrgänge mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen und aus fünf ganz unterschiedlichen Zeiten. Und doch war jede dieser Zeiten Zeit, die Gott aus Gottes Händen kam.
Auch wenn Sie, liebe Jubilar/innen, ganz unterschiedlichen Zeiten entstammen, haben doch alle 61 das gleiche erlebt: nämlich ein Leben, das gekennzeichnet war durch schöne und schwere Phasen; Zeiten, in denen alles mühelos von der Hand ging – und Zeiten, in denen vieles schwer war; Zeiten, in denen das Leben einfach nur Freude bereitete – und Zeiten, in denen schon vor dem Aufstehen die Sorgen sich vorm Bett standen; Zeiten, in denen Liebe, Familie und Freundschaften ihnen Kraft gaben – und Zeiten, in denen Unfriede, Streit und Trennungen Regie führten.
Bei jedem / jeder von uns hier ist das so oder ähnlich bis zum heutigen Tag. Doch als Christsein wir dürfen auch über ungute Zeiten sagen: Sie waren und sind Zeit in Gottes Händen.
Die Zeit – sie vergeht so schnell. An Tagen wie heute merken wir das ganz besonders, wenn wir die Spuren der Zeit entdecken, natürlich vor allem bei den anderen… Und bange fragen wir manchmal, was die kommenden Zeiten uns wohl noch bringen werden. So gerne wir planen, wir können nicht eine Minute in die Zukunft schauen. Nur eines steht ganz fest: Keinen Tag wird es geben, an dem Gott uns fern wäre. Jeder Tag, jedes Jahr, jede Stunde ist eine geheiligte Zeit mit Gott, denn unsere Zeit steht in seinen Händen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
wir haben noch die Worte der Lesung aus dem ersten Mosebuch im Ohr: „Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen.“
Das ist eine sehr passende Aufforderung an Erntedank: Vergiss nicht den Dank!
Wenn ich ganz ehrlich bin, und den Erntedankaltar ohne rosa Brille anschaue, dann denke ich mir: Einige sind ganz schön vergesslich geworden. Nicht einmal ein Brot ist da, um das wir im Vater Unser bitten. Umso dankbarer und erfreuter bin ich, wenn ich zur Kenntnis nehme, was die Damen des Besuchsdienstkreises aus der fast schon peinlich überschaubaren Menge an Gaben gemacht haben – vielen Dank dafür!
„Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben.“ Nicht über dem Essen das Danken vergessen, sagt uns die Bibel hier. Es ist schön, dass in unserem Dorf heute gefeiert wird, gegessen und getrunken. Aber wird auch gedankt?
Für uns, die wir zusammengekommen sind, gehört das Danken zum heutigen Sonntag dazu. Aber wir sind da in der deutlichen Minderheit. Für die meisten ist das Ziel des Sonntages nicht das Gotteshaus, sondern die Geselligkeit, Essen und Trinken. Und damit liegen sie voll im Trend einer Gesellschaft, die schon lange ihren Gott vergessen hat.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich freue mich mit allen Fröhlichen über den Jahrmarkt. Essen und Trinken, Geselligkeit – alles ok. Das ist der Treibstoff eines Dorflebens. Aber zuerst – und das sagt die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite – kommt die Dankbarkeit.
Für manche mag dieses Fest etwas in die Jahre gekommen sein – aber für uns, die wir hier sitzen, ist Erntedank noch immer ein vertrauter Teil des Jahreslaufes. Im Gottesdienst heute steht der Dank an Gott, den Geber allen Lebens, im Mittelpunkt. Weil für uns Nahrung keine Selbstverständlichkeit ist, bekennen wir nachher in einem alten Lied: „Ach, Herr, mein Gott, das kommt von dir.“
Zu Ernte-Dank gehört für mich auch unsere Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die bei Wind und Wetter ihre Felder und Beete bestellen, damit für uns genug zum Leben da ist!
Und dann denken wir in diesem Jahr der Naturkatastrophen an Erntedank auch daran, dass wir endlich alle begreifen müssen, dass wir unseren Nachkommen eine kaputte Welt hinterlassen, wenn wir nicht jetzt sofort anders denken und anders leben. Jetzt. Ab heute. Ohne einen Tag Aufschub.
Am heutigen 3. Oktober feiern wir auch den Tag der deutschen Einheit. Flaggen an öffentlichen Gebäuden erinnern uns daran, dass 20 Millionen Deutsche Jahrzehnte lang hinter Stacheldraht und Selbstschussanlagen eingesperrt waren. Gut, dass es nicht mehr so ist! Wer zu jenen Zeiten einmal an der Berliner Mauer oder an der innerdeutschen Grenze dieses Menschen verachtende Bauwerk gesehen hat, denkt heute dankbar an den Herbst 1989 zurück, als die Mauer in einer einzigen Nacht pulverisiert wurde. Hatte Gott da seine Hand im Spiel? Ich glaube schon. Gott hatte vielen Menschen seinen Geist des Mutes und der Kraft geschenkt. Deshalb sage ich auch noch knapp 32 Jahre später über den Mauerfall „Gott sei Dank!“
In diesem Jahr ist Erntedank als Dank für das Leben für mich auch auf eine dritte Weise Anlass zum Danken:
Wir dürfen Gott danken dafür, dass er Menschen befähigt hat, ein tödliches Virus zu entschlüsseln und dagegen Impfstoffe zu entwickeln. Wir dürfen Gott danken für alle, die in diesem Jahr dabei mitgewirkt haben, um Zig Millionen Menschen die Impfung zu ermöglichen – als medizinisches Personal wie auch im organisatorischen Bereich. Ich danke Gott, dass weltweit dadurch viele, viele Menschenleben gerettet werden konnten!
Es gibt auch Menschen, die das nicht so sehen. Es gibt Ängste. Die muss man ernst nehmen, natürlich. Aber man muss deshalb nicht demonstrieren oder unfassbar dumme Hypothesen verbreiten und andere verunsichern.
Die sich nicht impfen lassen wollen, tun das auf eigenes Risiko. Ich hoffe, dass auch sie gesund bleiben. Ich persönlich halte daran fest, Gott auch für die Impfstoffe zu danken.
Und so lade ich Sie und euch in diesem Jahr zu einem dreifachen Dankfest ein: zu einem Ernte-Dankfest, zu einem Einheits-Dankfest und zu einem Impf-Dankfest.
Lasst uns das feiern und Gott danken - und Gott bitten, dass er uns und allen Menschen weltweit gibt, was wir für unsere Gesundheit brauchen.
Amen.
Liebe Gemeinde, und ganz besonders:
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
einer der Höhepunkte eurer Konfirmandenzeit war sicher der Homerun. Unvergessen das schöne Wetter, die guten Flammkuchen und das tolle Engagement von euch und Ihnen, liebe Eltern.
Unvergessen bleibt natürlich auch der Homerun selbst. Mitten im Wald wurden wir ausgesetzt. Und da standen wir nun. Keine Ahnung, wo wir genau waren, aber gleich an einer Kreuzung mit drei möglichen Weiterwegen. Und natürlich gab es da keinen Wegweiser, auf dem stand: „nach Rheinbischofsheim 6 km“. Also mussten wir auf gut Glück uns für einen Weg entscheiden.
Schlimm wäre es, wenn wir auch in unserem sonstigen Leben in so einer Lage wären: keine Ahnung, wo wir sind; keine Wegweiser; keine Ahnung, wie der Weg weiter geht; keine Orientierung.
Im Konfirmandenunterricht haben wir auch über Wegweiser gesprochen und Wegweiser für unser Leben kennengelernt.
Sie waren euch zum Teil vertraut: die Zehn Gebote etwa. Wenn die gesamte Menschheit sich daran halten würde, gäbe es weder Krieg noch Ungerechtigkeit – weder in unserer Welt, noch an unseren Wohnorten noch in unseren Familien oder Klassenzimmern und auch nicht an unseren Arbeitsplätzen.
Heißt das dann: „Zehn Gebote halten – und alles wird gut?“ Meistens ja, aber nicht immer. Wir haben im Konfirmandenunterricht gelernt, dass manchmal gar nicht so klar ist, was in einer bestimmten Situation jetzt richtig oder falsch ist. Manchmal scheint man sogar gegen die Zehn Gebote handeln zu müssen. Denn manchmal kann man nicht die Wahrheit sagen, manchmal ist die Feiertagsruhe nicht das Wichtigste, manchmal muss man sich Notwendiges nehmen usw.
Was hilft dann? In solchen Situationen, in denen wir eine Entscheidung treffen müssen und nicht klar ist, was richtig ist und was falsch?
Es gibt einen alten Psalmvers, der sagt: „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“
Da haben wir sie wieder, die Suche nach dem Wegweiser. Und zwar den fehlenden Wegweiser, der uns zwingt, selbst zu überlegen und zu entscheiden, welchen Weg wir nehmen, in welche Richtung wir nach Gottes Willen gehen sollen. Vielleicht waren manche von euch schon in solchen Situationen – für uns Erwachsene ist das mitunter das tägliche Brot.
Ich persönlich habe im Lauf der letzten Jahre erlebt, dass mir in solchen Momenten ohne Wegweiser vier Schritte gut tun: Anhalten – still werden – Gott um Rat bitten – und dann hören. Und ich erlebe: Wo wir still werden, wo wir vom Reden ins Schweigen kommen – da zeigen sich oft neue und gute Wege.
„Oft“ heißt natürlich auch: „nicht immer“. Manchmal tut sich gar nichts, da geht keine Tür auf, da zeigt uns kein Gott einen Weiterweg. Aber Gott sei Dank gibt es in der Bibel auch ein paar Orientierungspunkte, die uns die ungefähre Richtung vorgeben: Rücksicht auf andere zum Beispiel; Verantwortung für Mitmenschen; Bereitschaft zum Teilen; Offenheit für Fremde; etwas tun statt nur zu reden; mit Mut auch einmal neue Wege einschlagen; und jeden Menschen als Gottes Geschöpf betrachten.
Wo wir uns an diese Orientierungspunkte halten, sind wir schon nahe an dem, was Jesus gepredigt hat und wie Gott uns Menschen gewollt hat. So finden wir auch in schwierigen Zeiten unseres Lebens oft Orientierung.
Orientierung gefunden haben wir auch auf dem Homerun. Ich habe mich noch nie so sehr über den Anblick Holzhausens gefreut wie damals, als wir nach doch recht langer Zeit im Wald und einigen Holzwegen an eine Lichtung kamen und von weitem den Turmreiter am Holzhausener Rathaus erblickten. Denn in diesem Moment hatten wir den lang gesuchten Orientierungspunkt gefunden, der Weiterweg war ein Kinderspiel.
Ich wünsche euch achtzehn jungen Menschen (und uns anderen natürlich auch), dass ihr immer wieder Orientierungspunkte und Wegweiser entdeckt, euer Leben lang.
Ich wünsche euch weiter, dass ihr Gottes Geleit und Gottes Fürsorge immer wieder erlebt, so wie wir es vorhin im Psalm auch gebetet haben: „Du bereitest vor mir einen Tisch. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“
Dass ihr in vielen Momenten eures Lebens Gottes Nähe spürt und dass Gott euch segnet, immer und überall – ich wünsche es euch von Herzen. Amen.
Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
(aus den Klageliedern Jeremias)
Liebe Gemeinde,
es ist schon faszinierend, wie Bibeltexte uns Menschen je nach Situation entweder ansprechen oder nicht. Der für die heutige Predigt vorgegebene Bibelabschnitt aus den Klageliedern Jeremias, den wir gerade gehört haben, ist ein gutes Beispiel dafür.
Denn wenn wir zwei Jahre zurückdenken, uns zurückversetzen in den Herbst 2019, damals hätte uns schon Jeremias erster Satz überhaupt nicht angesprochen: „Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind“, steht da. Mit diesem Satz hätten wir damals nichts anfangen können.
Aber heute, da spricht der Satz eine deutliche Sprache, mitten in unsere Lebenswirklichkeit hinein. Nach anderthalb Jahren Corona, nach Lockdown und Angst, nach Fernunterricht und abgesagten Festen, nach Erkrankungen und Todesfällen, da hören wir den Satz ganz anders.
„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind.“
Hat Corona mit Gott zu tun? Nein. Corona ist keine Strafe Gottes, sie entspringt dem Leichtsinn und der Verantwortungslosigkeit von Menschen. Aber dass wir noch da sind, das hat für mich sehr viel mit Gott zu tun und mit Gottes Güte.
Ich denke an Forscher, denen Gott so viel Geist und Denkvermögen gegeben hat, dass sie das Virus entschlüsseln konnten. Ich denke an Politiker: Wo sie sich von Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit haben leiten lassen, dort haben sie überwiegend gute Entscheidungen getroffen, die unserem Schutz dienten. Ich denke an alle unter uns, die sich vorsichtig und verantwortlich verhalten haben und sich von Jesu Aufforderung leiten lassen, aufeinander Rücksicht zu nehmen.
„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind.“
Mir spricht dieser Satz heute aus dem Herzen. Ich erlebe unsere Gegenwart so, dass wir zwar die Pandemie noch nicht überwunden haben, aber jetzt in einer Zeit angekommen sind, wo wir uns weitgehend selbst schützen können – Gott sei Dank.
„Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt“, heißt es weiter in unserem Bibelabschnitt. Das heißt – leider – nicht, dass wir, die wir auf Gott vertrauen, von Leid verschont bleiben würden. Es ist nicht so. Viele von uns haben Leid schon ertragen müssen, etwa als sie Menschen hergeben mussten oder als sie selbst oder Angehörige schwere Krankheiten durchstehen mussten oder als Zukunftsträume geplatzt sind.
Es trifft uns alle gleich, und dann ist unser Glaube gefragt: Trägt er? Oder bricht er? Meiner Erfahrung nach und auch nach dem, was ich bei anderen Menschen mitbekomme, ist: Unser Glaube bricht nicht durch solche Schläge des Schicksals, aber er beginnt zumindest zu bröckeln. Da bohren dann Fragen in uns, Sorgen nagen an uns, Ängste halten uns wach. Was hilft dann?
Es gibt kein Rezept. Der Prophet Jeremia schreibt: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“
Vielleicht ist das in der Tat die beste Art und Weise, mit schweren Zeiten umzugehen: Geduld haben. Auch wenn Geduld zu denjenigen Tugenden gehören mag, die uns am schwersten fallen – sie kann uns gerade in dunklen Tagen helfen. Denn die Geduld sagt uns: „Jetzt lebst du zwar in einer schwierigen Zeit, aber Gott wird dir auch wieder bessere Momente schenken.“
Geduldig sein, warten können und dann das kleine Wunder erleben: wie der Traurige doch auch mal wieder lachen kann; wie die Sorgen vom Abend in den Strahlen der Morgensonne verschwinden; wie der Nebel der Ausweglosigkeit sich plötzlich hebt und der neue richtige Weg uns deutlich vor Augen liegt. Dieses und Ähnliches haben viele von uns schon erlebt. Wir können es nicht herbeizwingen, wir können es nicht beschleunigen – es wird uns einfach geschenkt!
„Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“
Vielleicht kann uns dieser eine Satz aus der Bibel durch die nächste Woche begleiten. Vielleicht erleben wir eine Situation, in der dieser Satz seine ganz besondere Ruhe über uns ausbreitet. Ich wünsche uns, dass wir die Wahrheit dieses Satzes an uns selbst erfahren, immer wieder:
„Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“
Amen.
Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
Als er in die Nähe eines Dorfes gelangte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in gehörigem Abstand stehen und riefen laut: »Jesus! Herr! Hab Erbarmen mit uns!«
Jesus sah sie und befahl ihnen: »Geht zu den Priestern und lasst euch eure Heilung bestätigen!«
Und als sie unterwegs waren, wurden sie tatsächlich gesund.
Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte.
Laut pries er Gott, warf sich vor Jesus nieder, das Gesicht zur Erde, und dankte ihm.
Jesus sagte: »Sind nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind dann die anderen neun?
Ist keiner zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, nur dieser eine hier?«
Dann sagte er zu dem Mann: »Steh auf und geh nach Hause, dein Vertrauen hat dich gerettet.«
(aus Lukas 17)
Liebe Gemeinde,
zwei Lob- und Danklieder haben wir jetzt gesungen, auch im Psalm war vom Dank die Rede. Das ist gut so, denn jeder und jede von uns hatte schon vielfach Grund, Gott zu loben.
Auch die Geschichte, die wir gerade gehört haben, erzählte von Menschen, die Anlass zum Danken hatten, von den zehn Leprakranken.
Leprakranke mussten wegen der Ansteckungsgefahr weit außerhalb ihres Dorfes leben – in einer meist lebenslangen Quarantäne. Sobald bei einem Menschen die für Lepra typischen weißen Punkte auf der Haut auftauchten, kamen die Priester. Die hatten damals auch die Aufgabe, auf ansteckende Krankheit zu achten. Sie waren damals das Gesundheitsamt. Wer krank war, wurde von ihnen außerhalb des Dorfes ausgesetzt, daher der Name "Aussatz" für diese Krankheit. Da wurde keine Rücksicht genommen: Mütter wurden von ihren Kindern getrennt, Kinder von den Eltern, Ehepartner voneinander. Aussätzig zu sein, war ein schlimmes Los: ein Warten auf den Tod, nur selten wurde jemand wieder gesund.
Entsprechend verzweifelt müssen die zehn Aussätzigen in unserer Geschichte gewesen sein. Sie wussten nicht, ob Jesus Aussatz heilen konnte - aber was hatten sie denn schon zu verlieren? So brüllten sie, als Jesus vorbeikam, aus der gebotenen Entfernung: "Erbarme dich unser!" Und dann trauten sie ihren Ohren nicht, als Jesus sagte: "Geht hin und zeigt euch den Priestern!" Sie machten sich auf den Weg, schauten einander an, dann sich selbst - und in der Tat: Sie waren gesund geworden. So rannten sie zu den Priestern, und diese nahmen sie wieder in die Gemeinschaft auf.
Was muss das eine Freude gewesen sein! Lebendig begrabene Menschen kehren wieder ins Leben zurück. Da wird gefeiert, in den Familien, im ganzen Dorf, die Geheilten erzählen immer wieder vom Wunder und werden selbst als Wunder bestaunt. Doch neun von ihnen vergessen nun etwas Wichtiges. Nur einer denkt daran; einer, von dem niemand es erwartet: ein Samariter. Samariter galten damals als falsch gläubige Menschen. Doch ausgerechnet ein Samariter ist der einzige, der daran denkt, Jesus zu danken.
"Wo sind aber die Neun?" Jesu Frage bleibt offen bis heute. Dabei wäre es doch interessant, zu wissen, was mit den neun anderen geschehen ist. Hat sich ihr Leben verändert? Haben sie später noch Jesus gesucht? Haben sie bewusster gelebt? Dankbarer? Oder zog der Alltag in ihr Leben ein?
Neun haben nicht gedankt. Wären Sie, wärt ihr, wäre ich der zehnte gewesen, der dankbare? Oder gehören wir zu den anderen neun, die nur in Notzeiten beten? Zu denen, von denen Gott nur Bittgebete, aber keine Dankgebete hört.
Wie dankbar sind WIR in unserem Alltag? Ich kann nur für mich selbst antworten: Vielleicht wäre ich auch eher einer von den Neunen gewesen. Ich erinnere mich an Bitt-Gebete, die mir gut von den Lippen gingen in Zeiten, in denen es um viel ging: etwa vor den Examensprüfungen, die als Riesen-Berg vor mir standen; oder als mein Vater zwischen Leben und Tod schwebte; oder als die Kinder unterwegs waren; oder als ich selbst schwer krank wurde: Da habe ich oft gebetet.
Und heute, wo alles gut ist?
Warum danke ich nicht jeden Morgen für diesen Beruf, sondern denke viel zu oft an Menschen, die ihn mir schwer machen? Warum sorge ich mich öfter über die Zukunft unserer Jungs als Gott für diese wunderbaren Geschenke zu danken? Warum nervt mich immer noch so vieles, wo ich doch einfach dankbar für meine Gesundheit sein könnte?
Wahrscheinlich geht es vielen von uns so: Das Danken kommt zu kurz, wenn es uns gut geht. Dabei haben wir alle viele, viele Gründe zum Danken.
Nun erwartet Gott nicht, dass wir vor lauter Dankgebeten den ganzen Tag nur noch auf den Knien herum rutschen. Jesus selbst hat gesagt: "Wie ein Kind zu seinem Vater oder zu seiner Mutter, dürft auch ihr zu Gott kommen und sagen: 'Bitte!'"
Aber: Lasst uns das Dankgebet nicht vergessen. Lasst uns im Abendgebet, bevor wir mit unseren vielen Bitten anfangen, immer zuerst danken; lasst uns Gott danken für den Menschen, der mit uns durch dick und dünn geht; lasst uns Gott danken für die Menschen, die Gott uns geschenkt hat; lasst uns Gott danken für das Leben, das er so reich gemacht hat; lasst uns danken für alles, was wir können; lasst uns zufrieden sein und nicht immer nur wollen, wollen und noch mal wollen.
Lasst uns dankbar jeden Tag aus Gottes Hand nehmen. Den heutigen, den morgigen, jeden Tag aufs Neue. Lasst uns jedem Tag unseres Lebens die gleiche Überschrift geben, und zwar: „Gott sei Dank.“ Amen.
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich Menschen zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. (Apostelgeschichte 2, 42-47)
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben Sie und habt ihr noch die Schriftlesung im Ohr, in der uns mit Worten der Apostelgeschichte erzählt wird, wie das in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem zuging.
Von so einer Gemeinde kann ein Pfarrer natürlich nur träumen: alle kennen einander, können miteinander und sind einander ganz nahe. Aber wo gäbe es das heute, dass Gemeindeglieder Hab und Gut verkaufen und alles in einen Topf werfen? Wo feiern sie täglich Gottesdienst und Abendmahl? Wo gibt es die Gemeinde, die stetig wächst? In Rheinbischofsheim, in Hausgereut und in Holzhausen jedenfalls nicht.
Das macht mich nicht mutlos. Ich verstehe diese Bibelworte eher als Beschreibung eines Ideals, das wir nicht einfach in unsere Zeit übertragen sollen. Denn da sind auch drei Dinge erwähnt, die wir heute nicht brauchen:
Als erstes steht da, dass die Christen einmütig waren. Würden Sie das wollen, wenn wir vor Harmonie zerfließen? Wenn jeder jedem zuflötet: “Ich bin ganz deiner Meinung.” Ich stelle mir vor, wie langweilig unsere Sitzungen im Kirchengemeinderat oder unser Konfirmandenunterricht dann wären. Christen dürfen, manchmal müssen sie streiten, um der Sache willen. Also, die Einmütigkeit sollten wir uns nicht wünschen.
Als zweites steht da: „Die Gemeinde fand Wohlgefallen beim ganzen Volk.“ Wäre das schrecklich: eine Kirchengemeinde, die es allen recht macht und nie aneckt. Sie hätte ihren Sinn verfehlt. Wir sollen als Kirchengemeinde Anderen ein kritisches Gegenüber sein, und ich denke, dass wir das auch sind. Wir zeigen oft Flagge und stoßen dafür bei vielen im Dorf auf Ablehnung. Das macht nichts. Aufgabe eines Christen ist, Gottes Willen zu erfüllen, und nicht, sich beliebt zu machen.
Als Drittes steht da: “Gott fügte täglich Menschen zur Gemeinde hinzu.” Wir erleben eine Flut von Kirchenaustritten. Christen werden immer weniger. Manchmal sind unsere Gottesdienste nur sehr, sehr spärlich besucht. Wir wünschen uns oft, Gottesdienste müssten überquellen. Aber warum eigentlich? Wo hat Jesus gesagt, dass er nur denen nahe ist, die sich zu Hunderten oder Tausenden versammeln? „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, bin ich mitten unter Ihnen.” hat Jesus gesagt. Hier in der Nikolauskapelle zum Beispiel. Es gibt keinen Grund, Jesu Versprechen anzuzweifeln.
Wenn wir uns also nicht in Einmütigkeit ergehen, auf Beifall schielen und die Massen locken sollen, was zeichnet dann eine christliche Gemeinde als solche aus? Ich glaube, dass es vier G sind, die eine Gemeinde kennzeichnen.
Das erste G steht für Gemeinschaft. Gerade in den letzten fast anderthalb Jahren haben wir, vor allem ihr jungen Menschen, erfahren und erleiden müssen, wie das ist, wenn Gemeinschaft plötzlich nicht mehr erlebbar ist: kein Unterricht als Klasse, keine Treffen im Verein und auch kein Konfi-Unterricht mehr.
Leben ohne Gemeinschaft mit anderen Menschen ist wie Suppe ohne Salz. Es ist gut, dass wir alle, Jung und Alt, nun wieder Gemeinschaft miteinander erleben, einander begegnen, aneinander Anteil nehmen und spüren, dass wir zu einer Gemeinschaft dazugehören, auch hier in der Kirchengemeinde.
Das zweite G, das unser Bericht erwähnt, ist der Gottesdienst. Die ersten Christen feierten Tag für Tag Gottesdienst, das ist heute nicht mehr so. Aber der Gottesdienst bleibt die Mitte des Gemeindelebens. Nur hier kommen ganz unterschiedliche Menschen regelmäßig zusammen, um miteinander Gott zu loben, ihm zu danken, zu ihm zu beten und sein Wort zu hören. Hier ist Raum für alle – für Frohe und Traurige, für Junge und Ältere, für Schlaue und für die, die sich nichts zutrauen.
Ohne Gottesdienste hätten wir es schwer mit dem dritten G: dem Glauben. Natürlich glauben wir nicht alle auf die gleiche Weise; natürlich machen wir die verschiedensten Erfahrungen mit unserem Glauben. Deshalb ist das Glaubensbekenntnis so wichtig, als unser Erkennungszeichen. Ohne diese Grundlage wären wir ein religiöser Multi-Kulti-Haufen ohne Mitte.
Das letzte G wird in unserer Lesung nur kurz erwähnt und ist doch so wichtig: das Gebet. Jede Gemeinde lebt davon, dass Menschen miteinander und vor allem füreinander beten. Unter der Woche begegnen mir so viele Menschen, die auf unsere Gebete angewiesen sind. Und jedem Menschen tut es gut, zu wissen: Meine Gemeinde betet für mich.
In unserer Kirchengemeinde ist sicher das eine oder andere noch ausbaubar, und es läuft auch manches nicht so, wie es soll. Aber die entscheidende Frage ist, ob hier das geschieht, was Gott von unserer Gemeinde erwartet: dass wir einander in verbindlicher Gemeinschaft begegnen; dass wir einander in unserem Glauben stärken und stehen lassen können; dass wir im Gottesdienst die Mitte finden; und dass wir nicht aufhören, miteinander und füreinander zu beten.
Und all dies geschieht bei uns in der Tat - Gott sei Dank!
Amen.
Liebe Gemeinde,
Gott ist barmherzig, und wir sollen auch barmherzig sein – haben wir in der Schriftlesung gehört. Das sagt sich leicht und klingt gut. Aber können wir das? Im ersten Buch Mose erzählt die Bibel von einem Menschen, der genau das konnte: barmherzig sein und vergeben.
Er hieß Josef und war der Lieblingssohn seines Vaters. Die zehn älteren Brüder hielten das eines Tages nicht mehr aus, verkauften ihn an eine Sklavenkarawane und sagten dem Vater, ein wildes Tier hätte ihn zerrissen. Nun hatten sie Ruhe.
Viele Jahre später trieb eine Hungersnot die Brüder nach Ägypten, wo sie Korn kaufen wollten. Der Kanzler dort gab ihnen davon. Was sie nicht wussten: Dieser mächtige Mann war kein anderer als ihr Bruder, der vom Sklaven zum zweiten Mann im Staat aufgestiegen war. Josef hatte die Brüder sofort erkannt. Und als er sich ihnen zu erkennen gab, fürchteten sie sich. Aber mit keinem Wort ging Josef auf die früheren Vorfälle ein. Im Gegenteil: Er gab den Brüdern mit ihren Familien Wohnrecht in Ägypten, auch dem alten Vater Jakob.
Ihren Vater bei sich zu haben, war für die Brüder wie ihre Lebensversicherung. Vor den Augen des Vaters würde Josef sich nicht an ihnen rächen. Aber nach ein paar Jahren starb Jakob. An dieser Stelle erzählt die Bibel:
Nun bekamen Josefs Brüder Angst. »Was ist, wenn Josef sich doch noch rächen will und uns jetzt heimzahlt, was wir ihm angetan haben?« Sie schickten einen Boten zu Josef mit der Nachricht: »Bevor dein Vater starb, beauftragte er uns, dir zu sagen: ›Vergib deinen Brüdern das Unrecht von damals, das sie dir angetan haben!‹ Darum bitten wir dich jetzt: Verzeih uns! Wir dienen doch demselben Gott wie du und unser Vater!« Als Josef das hörte, musste er weinen. Danach kamen die Brüder selbst zu ihm, warfen sich zu Boden und sagten: »Bitte, Herr, wir sind deine Diener!«
Sicher hatte Josef nicht vergessen, was ihm die Brüder angetan hatten und wie er als Sklave auf einem ägyptischen Markt verscherbelt worden war. Und nun war der Moment da - die Brüder hatten ihm das Stichwort gegeben:
Aber Josef sagte: »Habt keine Angst! Ich maße mir nicht an, euch an Gottes Stelle zu richten! Ihr wolltet mir Böses tun, aber Gott hat Gutes daraus entstehen lassen. Ihr braucht nichts zu befürchten. Ich werde für euch und eure Familien sorgen.«
Seine Brüder haben ihm Unrecht zugefügt, aber Josef rächt sich nicht. Er erliegt nicht der Versuchung, sich zum Richter zu machen, das überlässt er Gott und sagt: „Ihr wolltet mir Böses tun, aber Gott hat Gutes daraus entstehen lassen.“
Josef lenkt also den Blick von sich weg, denkt an Gott, der alles in Josefs Leben zum Guten gewendet hat, und dem vertraut er auch jetzt. Dass Josef sich an den Brüdern nicht rächt, ist ein Zeugnis seines Glaubens und Gottvertrauens.
Wir gehen jetzt einmal weg von Josef und hin zu uns selbst. Da gibt es durchaus ein paar Menschen, die nie jemandem böse sind, immer vergeben können. Aber die Mehrheit von uns kennt doch die Momente, in denen wir es jemandem heimzahlen wollen. Zwar gelingt es uns oft, auf Racheakte zu verzichten. Aber eben nicht immer.
Ich nehme an, dass es vielen von uns so geht. Wir sollen nicht Auge um Auge oder Zahn um Zahn aufrechnen. Trotzdem tun wir es oft, weil es uns zu sehr juckt und weil wir denken, dass wir ausgenutzt werden, wenn wir uns nicht wehren. Wir alle haben schon himmelschreiendes Unrecht erfahren und aushalten müssen. Wem hat da nicht auch die Hoffnung auf Rache die Kraft zum Durchhalten gegeben?
So verständlich es ist, wenn wir dann die Rache selber in die Hand nehmen wollen - es ist oft Kleinglaube. Auch Josef weiß das, vielleicht haben wir noch den Satz im Ohr: „Ihr wolltet mir Böses tun, aber Gott hat Gutes daraus entstehen lassen.” Josef konnte das sagen, weil Gott alles zum Guten gekehrt hatte. So erlebte Josef: Gott hat den längeren Atem.
Ich sage damit nicht, dass wir uns nicht wehren dürfen. Aber ich möchte uns ermutigen, ab und zu die Regie unseres Lebens noch ein wenig mehr an Gott abzugeben. Nicht alles selber richten wollen, sondern einiges auch Gott überlassen - das ist ein Akt des Glaubens und Gottvertrauens!
Wenn Menschen selber ihr Recht suchen - dann dreht sich nur die Schraube der Gewalt weiter. Da wird mit Unrecht auf Unrecht geantwortet, das bestätigt sich auf traurige Weise.
Die Geschichte der Menschheit zeigt: Großes geschah dort, wo Menschen auf Rache verzichteten. Jesus betete am Kreuz für seine Feinde, und der Tod war nicht das Ende. In den 60er Jahren wehrten sich die Farbigen in den USA nicht gegen das Unrecht, sondern sangen und beteten - nicht einmal die Kugeln, die Martin Luther King durchsiebten, konnten die Bewegung rückgängig machen. Und vor gut 30 Jahren waren es wieder Gewaltlosigkeit, Lieder und Gebete, die einen gottlosen Staatenblock zusammenbrechen ließen.
Wenn nun Gott in der Weltgeschichte Böses überwinden kann, traue ich ihm zu, dass er sich auch in unserem Leben zu unserem Anwalt machen wird. “Rächt euch nicht selbst, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum”, schrieb Paulus. Das ist nicht einfach ein Verbot, sondern ein Gebot, das uns das Leben erleichtern will. Je mehr wir in Gottes Hand legen, desto ruhiger können wir leben; müssen nicht immer zurückschauen, nicht nachdenken über entgangene Lebensfreude und verpasste Möglichkeiten, nicht nach Schuldigen suchen - sondern sind befreit zum Blick nach vorne, zum Leben.
Amen.
Und Jesus erzählte dieses Gleichnis:
>>Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?
Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.
Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.<<
Liebe Gemeinde,
Jesu Gleichnisse sind ein wichtiger Teil des Religions- und des Konfirmandenunterrichtes. Wenn ich da frage, ob jemand ein Gleichnis kennt, kommt meist „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Dies ist so bekannt, dass es die zwei anderen Gleichnisse in diesem Kapitel überstrahlt: das von der verlorenen Perle und das vom verlorenen Schaf, das wir gerade gehört haben.
Dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf, wir haben es ja noch im Ohr, klingt zunächst sehr anschaulich, und es mutet fast romantisch an, wie der Hirte da diesem einen Schaf nachgeht, bis er es findet und es unbeschadet zurückbringt.
Schnell erschließt sich uns der Sinn des Gleichnisses: Mit dem Hirten ist Gott gemeint, mit den Schafen wir Menschen und jenes eine „verlorene“ Schaf steht für jemanden, der vom guten Weg abgekommen ist. Den gibt Gott nicht auf, sondern bringt ihn wieder zurück. Eine Geschichte mit Happy End also.
Dass Jesus damals dieses Gleichnis erzählte, hatte gute Gründe. Es gab nämlich in Israel religiöse Gruppen, die zogen eine ganz deutliche Grenze zwischen Menschen auf guten und auf schlechten Wegen. Aber dieses Gleichnis war ein Signal an all die Sünder und Sünderinnen, Verbrecher und zwielichtige Gestalten und sagte ihnen: „Die Tür zu Gott ist nicht zu.“ Und beeindruckend an diesem Gleichnis ist ja: Der Mensch auf Irrwegen muss gar nicht selbst den Weg zurück finden – sondern er wird von Gott selbst gefunden werden und auf den guten Weg zurückgebracht.
Nun könnten wir natürlich sagen „Dann ist ja alles gut, soll Gott sich darum kümmern.“ Aber dann würden wir etwas Entscheidendes übersehen, nämlich dass Jesus am Ende seiner Erdenzeit den Jüngern gesagt hat: „Das ist jetzt eure Aufgabe. Weidet die Herde, die euch anvertraut ist.“
Nun sind ja auch die Jünger nicht mehr da. 2000 Jahre sind vergangen, Menschen sind gekommen und gegangen, viele haben sich um andere gekümmert, weil sie begriffen haben: Gott braucht uns, um bei der Suche nach den Verirrten zu helfen; oder mit Worten eines alten Gebetes: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.“
Das gibt uns allen eine besondere Würde: Wir dürfen Gott bei seinem großen Werk helfen - mit unseren bescheidenen Mitteln nur, klar, aber immerhin - unser Beitrag ist ungemein wichtig und für Gott unverzichtbar.
Das heißt dann: Wir können und wir sollen alles einsetzen, wenn wir die Möglichkeit haben, einen Menschen vor falschen Wegen, vor falschen Entscheidungen zu bewahren: angefangen in unserer Familie, im Freundeskreis, in eurer Schulklasse, an unserem Arbeitsplatz, hier am Ort. Meistens kostet das viel, viel Kraft – und oft scheitern wir mit unseren guten Absichten. Aber mir hilft in solchen Situationen der Gedanke, dass wir irgendwann auch Gott das Feld überlassen dürfen und Gott dann zum guten Ende bringt, was wir begonnen haben. Und es muss ja auch nicht wirkungslos bleiben, wenn wir einen Menschen Gott ans Herz legen und beten: „Herr, ich krieg es nicht hin, bring du diesen Menschen auf den guten Weg zurück.“
Und eigentlich könnte das die Überschrift über unsere ganze Gemeindearbeit sein: „Menschen dabei unterstützen, den Weg zurück zu Gott zu finden.“ Oder noch besser: „einander unterstützen und einander helfen, auf guten Wegen zu bleiben.“ Dieser Satz gefällt mir deshalb besser, weil es jede und jeden von uns treffen kann, so wie wir hier sitzen. Jeden und jede von uns können schlimme Erlebnisse aus der Bahn werfen. Und niemand unter uns ist so erhaben über Schicksalsschläge, dass es ihm nicht gut täte, wenn hier einer nach dem anderen schaut.
Noch ein letzter Gedanke zu dem Gleichnis: Die 99 anderen Schafe ertragen das, dass der Hirte sie für eine kurze Zeit alleine lässt und sich ganz auf die Suche nach dem einen einzelnen Schaf macht. Was ist das für ein Hirte! Und was für eine Botschaft ist das an jede und jeden von uns! Du hier, du einzelner Mensch, du bist Gott wichtig. So wichtig, dass du für eine kurze Zeit zu Gottes wichtigster Beschäftigung werden kannst!
Dieser Gedanke, liebe Gemeinde, macht unsere Religion einzigartig. Im Judentum geht es sehr oft um das Volk Israel, im Islam um die Umma, die Gemeinschaft der Muslime; im Hinduismus und im Buddhismus ist das Ziel das Erlöschen des Einzelnen in der Weltseele. Aber uns Christenmenschen wird gesagt:
Du einzelner Mensch bist wichtig, dein einzelnes kleines Leben lässt Gott nicht unberührt. Gott will dich, nimmt dich an mit allen Ecken und Kanten, mit dem Liebenswerten und auch mit dem, was an dir nervt. Und zur Not kämpft Gott um dich.
Du kleiner, einzelner Mensch, - du bist eben nicht nur ein Acht-Milliardstel der Menschheit. Sondern du, du als Einzelner, du zählst für Gott.
Amen.
Liebe Gemeinde,
im Konfirmandenunterricht haben wir uns letzte Woche mit den Feiertagen Himmelfahrt und Pfingsten beschäftigt.
Himmelfahrt – das war für die Jüngerinnen und Jünger kein schöner Tag. Es war der Abschied von Jesus, der in Gottes Welt zurückkehrte. Aber immerhin hatte Jesus versprochen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird.“ Und tatsächlich erfüllte sich Jesu Versprechen – in der Schriftlesung haben wir gehört, dass dieser Geist, der Heilige Geist, als eine so ungemeine Kraft in den Jüngerinnen und Jünger wirkte, dass sie sich trauten, vor den Tausenden von Menschen, die nach Jerusalem zum Pfingstfest gekommen waren, von Jesus zu erzählen. Das Ergebnis war überwältigend: 3000 Menschen fanden zum Glauben und ließen sich taufen. Deshalb feiern wir an Pfingsten nicht nur das Wirken des Heiligen Geistes, sondern auch den Geburtstag der Kirche.
„Kirche“, das kann viel heißen: Institution, Gemeinde, Gottesdienst – und Kirchengebäude.
Unsere Kirche hier als riesiges Gebäude, wir haben sie schätzen gelernt, weil wir hier sehr sicher Gottesdienst feiern konnten und können. Mir ist in den letzten 14 Monaten dieses wunderschöne Gebäude sehr, sehr ans Herz gewachsen als Ort der Sicherheit, des Trostes und der Ermutigung.
Von außen sieht unsere Kirche im Moment ziemlich anders aus: Unser Blick fällt zuerst einmal auf das Gerüst, den Bauzaun, den Baucontainer. Ortsfremde müssen den Eingang erst einmal suchen. Auf den ersten Blick hin ist unsere Kirche also nicht einladend. Aber wer sich nicht täuschen lässt vom Schein, wer hier hereinkommt, der steht in einem der beeindruckendsten Gotteshäuser weit und breit.
Manche begnügen sich mit dem ersten Blick. So hat kürzlich ein Brautpaar die hier für den Herbst geplante Hochzeit abgesagt und lässt sich in einem anderen Ort trauen. „In einer Kirche mit so einem Gerüst will man ja nicht heiraten. Das verstehen Sie bestimmt, Herr Grab.“ Originalton aus einem Telefonat. – Woher will der wissen, was ich verstehe?
Ich verstehe sehr deutlich, dass zu unserer Zeit gehört, das Äußere für sehr wichtig zu nehmen. Zur Not mehr Schein als Sein; das Äußere, die Fassade, muss stimmen. Und da kann unsere Kirche momentan nicht mithalten: Die Fassade ist nicht anziehend. Aber gleichzeitig wissen wir alle, dass die Baumaßnahmen dringend nötig sind.
Nicht nur für das Gebäude, auch für die Kirche als Institution gilt das: Sie ist nicht attraktiv, und sie ist eine Baustelle.
Zum ersten: Die Kirche ist für manche Menschen nicht einladend, für viele sogar. Natürlich spielen da auch Skandale eine Rolle, wobei man klar sagen muss, dass die große Mehrheit der Skandale nicht aus der evangelischen Kirche resultiert. Aber sie führen dazu, dass Menschen auch aus unserer Kirche austreten. Viele Menschen halten zudem die Kirche für überholt. Und das ist in unserer Zeit kein Zufall. Denn im Mittelpunkt des Lebensgefühls vieler Menschen der Gegenwart stehen nur drei Worte: ich, ich und ich. Zu diesem Lebensgefühl passt es nicht, dass es in der Kirche immer auch um das „Wir“ geht; und zum Selbstmitteilungswahn unserer Zeit passt auch nicht, dass wir in der Kirche zuerst einmal hören, und zwar Gottes Wort, und nicht nur über uns selbst reden.
Dies stößt viele ab, und so kommt es ihnen erst gar nicht in den Sinn, durch die offene Tür zu treten und zu erleben, welch ein Schatz das Wort Gottes ist. So wie auch das erwähnte Brautpaar nie das wunderbare Kircheninnere sehen wird.
Soweit zum ersten: Kirche ist für viele nicht attraktiv. Und dann das zweite: Die Kirche ist eine Baustelle, und das, liebe Gemeinde, von Anfang an. Immer wieder kommt es vor, dass die Gestalt der Gemeinde anders wird. Manche würden gerne am Alten festhalten; Anderen kann die Veränderung nicht schnell genug gehen. Die Kirche ändert sich rasend schnell, und ich habe es in den zehn Jahren, die nun bald hier bin, miterlebt und zum Teil mit verursacht: Vieles hat sich verändert, da und dort ist es vielleicht weniger geworden, da und dort hat es Ärger hervorgerufen – aber unsere Gemeinde ist zu etwas sehr Stabilem, Verlässlichem geworden. Und sie wird, wie die ganze Kirche, auch weitere Umbaumaßnahmen überstehen.
Veränderungen machen manchmal Angst; manchmal auch neugierig. Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir das Versprechen von Pfingsten nie vergessen: Gott hat mit seinem guten Geist 2000 Jahre an seiner Kirche gebaut, und wird das auch weiterhin tun. Zu unserem Heil und Segen.
Deshalb feiern wir heute unser Geburtstagskind und loben den Bauherrn dieser und aller Kirchen und danken ihm – „mit Herzen, Mund und Händen.“
Amen.
Liebe Gemeinde,
vor allem ums Beten geht es bei Jesu Worten aus dem Johannesevangelium, die wir in der Lesung gehört haben. Ein Satz spricht mich besonders an: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ Das ist ein ungeheurer Satz!
Aber mit dem Erhören von Gebeten habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht:
Die eine Erfahrung ist nicht ermutigend: Ich bete, aber nichts wird gut. Die Angehörigen eines Schwerkranken kommen zu mir und bitten mich, mit ihnen zu beten. Wir beten auch, die Angehörigen haben neue Hoffnung, und trotzdem stirbt der Kranke. Oder ich bitte Gott für zwei Eheleute, die Schwierigkeiten in ihrer Ehe haben. Und trotzdem trennen sie sich. Oder ich bete für eine gefährdete Jugendliche, und sie gerät trotzdem auf Abwege. Was ist da mit Jesu Versprechen?
Es gibt aber - Gott sei Dank - auch die anderen Erfahrungen. Mit das Eindrücklichste, was ich in 36 Jahren im Pfarrdienst erlebt habe, ist folgendes: Ich wurde ins Krankenhaus gerufen auf die Kinderintensivstation. Ein Mädchen war viel zu früh zur Welt gekommen, es wog ganze 770 Gramm. Die Ärzte sagten, das Kind habe keine Überlebenschance, und die Eltern baten mich um die Nottaufe. Und da standen wir nun machtlos an dem Brutkasten, in dem ein kleiner Mensch um sein Leben kämpfte. Ich habe das Kind getauft, dann haben wir miteinander gebetet. Es war kein am Schreibtisch formuliertes Gebet, sondern eines, in dem wir all unsere Not vor Gott brachten, ihm uns anvertrauten und ihn baten, dieses kleine Kind am Leben zu erhalten. --- Heute ist dieses Kind eine erwachsene Frau. Und oft fällt mir ein, was später der Vater zu mir sagte: „Ab dem Moment, in dem Sie die Kleine getauft und gebetet haben, ging es ihr besser. Gott hat unser Gebet gehört.“
Ich habe dem Vater damals zwar zugestimmt. Aber ich musste auch an einige Frühgeborene denken, die ich bestatten musste; Babys, die die ersten Tage nicht überlebten, und das, obwohl die Eltern genauso eindringlich beteten. Und ich kenne viele Kranke, die starben, obwohl für sie gebetet wurde.
Warum ist das so? Ich weiß es nicht, nach welchem Maß uns Freude und Leid zugeteilt wird. Ich weiß nicht, wann Gott gibt oder nicht gibt. Und ich weiß nicht, warum Gott uns die eine Bitte erfüllt, die andere nicht.
Nur eines ist mir klar nach all den Jahren: Wenn wir beten, setzen wir keinen Automatismus in Gang. Wir können Gott nicht verfügbar machen, weder uns selbst noch unseren Wünschen. Wenn es so einfach wäre - die ganze Welt würde ohne Pause beten und Gott wäre eben der Wunschonkel, der alle Wünsche erfüllt. Wobei durchaus für manche Gott der ist, zu dem ich nur beten muss, und dann bekomme ich, was ich will: etwa im Stadion des FC Barcelona. Dort ist eine kleine Kapelle, in der Trainer und Mannschaft vor dem Spiel Gott um den Sieg bitten. Das ist absurd, denn was ist, wenn die Gegner das Gleiche tun? Geht dann jedes Spiel unentschieden aus?
Darüber kann man ja noch schmunzeln, nicht aber über das, was die Kirchen im I. Weltkrieg getan haben: Da wurde für den eigenen Sieg und den Tod der Feinde gebetet, in Frankreich und England genauso wie in Deutschland und Österreich.
Wir erkennen: Beten heißt nicht, den eigenen Willen zu Gottes Willen machen zu wollen. Ich glaube, dass Beten eher heißt: Ich vertraue mich Gott an und versuche, das, was kommt, zu akzeptieren. Das gelingt nicht immer, aber ab und zu; und dann schafft es mir die Gewissheit: Ich bin nicht alleine - Gott hört mich. Mein Gebet verschwindet nicht leeren Weltall.
„Wenn ihr den Vater um etwas bittet in meinem Namen, wird er’s euch geben“, hat Jesus gesagt. Vielleicht liegt hier des Rätsels Lösung – in den Worten „in meinem Namen“. Beten im Namen Jesu, das heißt: Ich lasse mich mit hineinnehmen in Christi Leben und versuche, mit meinem eigenen Leben Jesu Weg nachzugehen, der im Garten Gethsemane betete: „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Dann heißt Beten: Gott vertrauen - der die Freiheit hat, meine Bitte zu erfüllen oder nicht. Wie es auch in dem Gebet, das er die Jünger lehrte, heißt: „Dein Wille geschehe.“
Und was auch immer geschehen mag in unserem Leben, bei allen erfüllten und unerfüllten Gebeten bleibt eines bestehen: die Gewissheit, dass wir in keinem Moment unseres Lebens aus Gottes Hand fallen können. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Sonntag Jubilate lädt uns dazu ein, uns anstecken zu lassen vom Neu-Erwachen der Natur und unser Leben neu und mit Freude zu gestalten.
Auch die Worte Jesu vom Weinstock, die wir gerade gehört haben, nehmen uns mit hinein in das Geschehen, das wir in den nächsten Monaten immer wieder in der Natur beobachten können - wie so vieles wächst, grünt und Frucht bringt.
Jesus vergleicht da sich selbst mit einem Weinstock, uns Menschen mit den Reben an diesem Weinstock. Und so, wie keine Rebe aus sich selbst heraus Frucht bringen kann, brauchen auch wir Menschen die Verbindung zu Jesus - indem wir an ihn glauben und nach seinem Willen leben.
In diesem Bildwort vom Weinstock entdecke ich einiges:
Da ist zunächst ein kleines Wort: „Ihr seid die Reben“, sagt Jesus. Nicht: „Du bist die Rebe.“ Das würde ja auch mickrig aussehen: ein großer Weinstock - und eine einzige Rebe dran. Wenn Jesus demgegenüber betont „Ihr seid die Reben“, dann ist das ein schönes Bild für Kirche, für Gemeinde. Es ist streng genommen Unsinn, wenn jemand sagt: „Ich bin Christ.“ Es muss heißen: „Ich bin zusammen mit anderen Christ.“ Zusammen - deutlich erleben wir das hier im Gottesdienst: Wir teilen miteinander den Raum, wir beten und hören miteinander. Da spüren wir, dass ER uns verbindet und wir alle vom gleichen Weinstock versorgt werden. Ein wunderbares Bild.
„Bleibt in mir!“ fordert Jesus uns auf, mit ihm in Verbindung zu bleiben. Im Gegensatz zu den Reben haben wir Menschen die Freiheit, am Weinstock dranzubleiben oder nicht. Und viele Menschen lösen sich von diesem Weinstock - von ihrer Kirche, ihrer Gemeinde, ihrem Glauben. Ein aus der Kirche Ausgetretener, der von mir getraut werden will, sagte mir kürzlich: „Das ist ja heute normal, dass man aus der Kirche austritt.“ Es scheint in der Tat „in“, aus der Kirche auszutreten; und viele sagen, es sei out, an Gott zu glauben. So lösen sich immer mehr Reben vom Weinstock - und verdorren.
Dass viele der Kirche den Rücken kehren, hat natürlich auch für die Kirche Folgen. Sie haben es vielleicht mitbekommen, dass in unserer Landeskirche weit über 100 von 600 Gemeindepfarrstellen abgebaut werden müssen. Da werden Pfarrstellen einfach dichtgemacht, sobald ein Pfarrer / eine Pfarrerin geht. Wie wird es dann weitergehen mit unserer Kirche und ihen Gemeinden? Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn alle Pfarrstellen zugemacht würden, eines ist so sicher wie das Amen nach der Predigt, nämlich: DER WEINSTOCK IST IMMER NOCH DA! Was aus der Kirche wird, ist das eine; aber die Sache Gottes mit uns Menschen geht weiter; und das zählt.
Nun hat Jesus dieses Gleichnis ja nicht erzählt vor dem Hintergrund von Kirchenaustritten. Vielmehr sagte er mit dem Bild vom Weinstock und den Reben: So, wie am kahlen Rebstock Leben entsteht, blüht und Früchte bringt, so wird es auch in eurem Leben sein: Wenn ihr im Gebet und Hören mit mir verbunden bleibt, dann wird euer Leben genauso grünen.
Wie kann das aussehen? Ein Mensch, der dem Weinstock Jesu verbunden ist, hat vielleicht ein wenig mehr Lebensfreude, ein wenig mehr Mut, ein wenig mehr Hoffnung und ein wenig öfter ein gutes Wort für einen Mitmenschen. Wem Gottes Liebe den Rücken stärkt, der oder die kann von da aus das Leben anderer Menschen bereichern - ich glaube, das ist die Frucht, zu der unser Glaube uns befähigen kann.
Und wenn wir auf diese Weise in unserem eigenen Leben immer wieder von neuem durchstarten und auch unsere Mitmenschen mit Lebensmut anfüllen, dann wird in unserem eigenen Leben, in dem unserer Mitmenschen und vielleicht auch irgendwann auf der ganzen Erde das Wirklichkeit, was wir nachher als Lied hören werden: Menschen teilen, Wunden heilen, Augen sehen, Lahme gehen, Stumme grüßen, und Mauern fließen. Dann ist wirklich das Alte vergangen, alles kann neu werden, und jeder Mensch darf das tun, wozu ihn Gott erschaffen hat: ohne Angst durchatmen und leben.
Darum mit Recht: Jubilate – freut euch!
Amen.
Liebe Gemeinde,
ich liebe das Osterevangelium. Schon als Kind im Kindergarten hat mich diese Geschichte fasziniert. Auf Ostereier kann ich an Ostern verzichten, auf die Ostergeschichte nicht. Und auch nicht auf die wunderschönen Osterchoräle.
Beides haben wir in diesem Gottesdienst und feiern trotzdem kein normales Osterfest. Selbst letztes Jahr, als nicht einmal Gottesdienste gefeiert werden durfte, waren wir hoffnungsvoller als jetzt. Damals sagten wir „Noch ein paar Wochen, höchstens zwei Monate Einschränkungen, dann ist wieder alles gut.“
Es war auch gut. Aber ein kleiner Teil der Menschheit war so dumm, so unvorsichtig – und diese Dummheit muss jetzt von acht Milliarden Menschen ausgebadet werden.
Dann geht noch einiges schief mit Impfstoff, mit Tests, mit Impfquoten – und nun sind wir in einem Meer von Frust, Aussichtslosigkeit und Verärgerung. „Wird das denn nie mehr gut?“ Eine große Erschöpfung hat sich über viele gelegt.
Erschöpft, frustriert, hoffnungslos, verzweifelt - ähnlich muss es auch den Jüngerinnen und Jüngern Jesu nach Jesu Kreuzigung gegangen sein. Gelähmt von der Angst vor den Römern, hatten sie sich eingeschlossen. Noch schlimmer war: Sie hatten keine Perspektive. Wir heute können uns das kaum vorstellen, weil wir ja wissen, dass Jesus auferstanden war. Aber die Jünger hatten diese Perspektive nicht. Sie hatten gar keine.
Ohne Perspektive, liebe Gemeinde, an diesem Punkt sind wir wieder ganz nahe an unserer Gegenwart. Beschränkungen, Lockdown, verschärfter Lockdown, Öffnungen, Schließungen: die meisten nehmen das zwar hin. Was aber die meisten ebenfalls sagen, ist: „Uns fehlt eine Perspektive.“
Diesen Satz hätten die Jünger/innen genau so gesagt. Alles aus. Vorbei. Der Blick ging nur noch zurück, in die Zeit mit Jesus, in eine längst vergangene, nicht wieder kehrende Zeit.
So geht es uns jetzt ja manchmal auch. Wir denken zurück, wie das einmal war, als man ohne Maske reden, als man sich umarmen konnte, als große Feiern gang und gebe waren.
Was hat eigentlich den Jünger/innen damals geholfen und sie herausgeholt aus ihrem Elend? Es war eine unglaubliche Geschichte. Nämlich die, dass am frühen Morgen das Grab leer gewesen war. Dann hatte Maria Magdalena Jesus gesehen. Das konnte niemand glauben. Als Jesu aber bei den Jüngern im verschlossenen Raum aufgetaucht war, begannen sie zu ahnen, dass da ein ungeheures Geschehen in Gang gekommen war. Später in der Nacht waren noch zwei aus Emmaus zurückgekommen und schworen Stein auf Bein, dass Jesus ihnen am Abend das Brot gebrochen hätte. Als dann der Auferstandene selbst dem Zweifler Thomas erschien, wurde aus der Ahnung die Gewissheit: Jesus ist am Leben. Der Gekreuzigte lebt – Gott hat uns nicht im Stich gelassen!
Liebe Gemeinde, Gott überlässt seine Menschen nicht dem Verderben, von Anfang an nicht. Noah und seine Familie in der Sintflut, das Volk Israel am Schilfmeer, die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth und als Vollendung Jesus in seinem Felsengrab – Gott gab sie nicht dem Verderben preis, am Ende stand immer wieder das neue Leben.
Weil es also Gottes Wille ist, dass wir leben, gut leben können, deshalb bin ich zuversichtlich, dass Gott uns auch in der Pandemie nicht alleine lässt. Irgendwann ist es vorbei, irgendwann wird uns wieder das Leben blühen, liebe Gemeinde.
Und wir, wir können zwei wichtige Schritte dorthin gehen:
Den ersten Schritt beschreibt ein ganz alter Bibelvers: „Wenn ihr umkehrt und stille bleibet, so wird euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“
Stillesein und Hoffen – und nicht mit Corona-Leugnern auf die Straße gehen; auch nicht nur mosern über das, was schiefläuft in Berlin, Stuttgart oder Rheinau. Vielleicht einfach mal dankbar sein, weil Menschen ihre freie Zeit opfern, damit wir getestet oder geimpft werden können; statt Unsinn über AstraZeneca nachplappern: dankbar sein, dass es überhaupt Impfstoffe gibt; statt Politiker schelten: einfach froh sein, dass unser Staat für uns Impfungen bezahlt; einfach die Ruhe bewahren und die Zukunft in Gottes Hand legen: das ist der eine Schritt.
Beim zweiten Schritt können wir uns orientieren an den Jüngerinnen und Jüngern: die haben die Auferstehungsbotschaft weitergesagt und anderen Mut gemacht. Dies können, dürfen und sollen auch wir in diesen Zeiten: anderen zu Mutmachern werden. Wer von der Auferstehung her lebt, kann auf einen guten Ausgang vertrauen. Deshalb lasst uns in diesem Jahr als Osterbotschaft für uns selbst folgendes mitnehmen und es anderen immer wieder auch sagen: „Das Glas ist nicht halbleer, sondern halb voll. Und den Rest wird Gott auffüllen.“
Gottes Welt braucht Mutmacher. Und dafür braucht Gott ganz dringend unsere Mithilfe.
Amen.
Liebe Gemeinde,
als ich diese Woche die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem las, fielen mir meine Schülerinnen und Schüler aus der 11. Klasse ein. Die hatten eine knifflige Frage gestellt: „Warum haben die Geschichten Gottes aufgehört? Warum ist Jesus nicht noch einmal gekommen? Man könnte dann doch viel leichter glauben!“ Vielleicht denken viele unter uns ähnlich und sagen sich: „Wie schön wäre es, wenn Jesus heute noch einmal auf die Erde käme. Dann könnten wir ohne jeden Zweifel an Jesus glauben!“
Wäre es so einfach mit dem Glauben, liebe Gemeinde?
Damals in Jerusalem war es das nicht. Obwohl sie Jesus begeistert empfangen hatten, war Jesus fünf Tage später schon tot, hingerichtet von den Römern, verlassen von seinen Landsleuten, deren Hosianna umgekippt war in den Ruf „Kreuzige ihn“.
Wenn Jesus heute in Rheinbischofsheim unter uns erscheinen, wenn wir zu Augen- und Ohrenzeugen würden – es wäre schön. Aber würde das unseren Glauben nachhaltig ändern? Hätte das im Jahr 2100 noch Auswirkungen?
Die Bibel bezweifelt das. Mit Recht. Denn schon 50, 60 Jahre nach Jesu Zeit zweifelten Menschen an dem, was über Jesus erzählt wurde. Denen antwortete der Hebräerbrief mit dem für die heutige Predigt vorgegebenen Bibeltext folgendes:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Es lohnt sich, diesen Brief genau zu lesen, schon ganz am Anfang: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Viele Menschen haben früher diesen Satz als Konfirmationsspruch bekommen, und einigen hat er in schwierigen Lebenssituationen sehr viel Kraft gegeben.
Aber da hat sich etwas geändert. Irgendwann haben wir nur noch geglaubt, was wir sehen; heute selbst das nicht mehr – es gibt viel zu viel manipulierte Bilder und Fake-Fotos.
Glauben, ohne zu sehen? Es gibt leider keine Alternative. Zum Christsein gehört, dass man irgendwann den Sprung wagt über den breiten Graben zwischen Verstand und Glaube. Wer glauben will, kann nicht sagen „Ab heute glaube ich, Punkt.“ Wer glauben will, muss bereit sein zum Sprung ins Ungewisse.
Es gehört Mut dazu. Kleine Kinder haben diesen Mut. Viele Kinder sind als Kleinkinder gerne vom Sofa oder vom Tisch in die Arme gesprungen ihrer Eltern gesprungen; viele von euch sicher auch. Und warum seid ihr gesprungen? Weil ihr Vertrauen hattet. Und ihr habt dann gemerkt, dass euer Vertrauen nicht enttäuscht wird.
Mit dem Glauben, liebe Gemeinde, ist es ähnlich. Glauben heißt: sich immer wieder in Gottes Arme fallen zu lassen.
Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Weil es nämlich einen großen Vertrauensvorschuss braucht.
Aber wie kommen wir zu diesem Gottvertrauen? Der Hebräerbrief gibt uns eine Hilfe an die Hand: die „Wolke der Zeugen“. Sicherlich meint er damit Gestalten wie Abraham, Samuel, Daniel, von deren Gottvertrauen die Bibel uns erzählt.
Mir fallen aber bei der „Wolke der Zeugen“ noch ganz andere Menschen ein. Mir fällt meine Mutter ein, deren Glaube auch in dunkelsten und schwersten Momenten oft wie eine nächtliche Fackel leuchtet; oder meine frühere Klassenlehrerin, deren Erzählung über ihr Nahtoderlebnis für mich ein beruhigendes Zeugnis der Auferstehung ist; oder ein Kollege, der sich in seiner schweren Erkrankung trotzdem in Gottes Liebe gut aufgehoben erlebt. Das sind für mich wichtige Glaubenszeugen, sie gehören in meine ganz persönliche Wolke der Zeugen!
Aber auch wir selbst – alle miteinander – können Zeugen der Wirklichkeit Gottes sein und zur Wolke der Zeugen gehören. Eltern zum Beispiel, die ihre Kinder nicht nur taufen lassen, sondern sie auch christlich erziehen. Oder Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus für Benachteiligte einsetzen. Oder die Mitarbeitenden in unserer Kirchengemeinde, die durch ihr Engagement bezeugen, dass unser christlicher Glaube nie tatenlos bleiben kann. Oder Menschen, die nicht über das Essen herfallen, sondern vorher zum Beten die Hände falten. Oder Jugendliche, die jemand anderem vergeben, weil sie im Konfirmandenunterricht erkannt haben, was der Satz „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ bedeutet.
Die Wolke der Zeugen. Wir können ein Teil von ihr sein. Aber wir müssen es nicht immer sein.
Die Wolke der Zeugen ist stattlich. Und wenn wir zu ihr blicken, wird das immer wieder neu unseren Glauben stärken.
Einen Glauben, der keine Beweise braucht, sondern uns ermutigt, immer wieder den Sprung in Gottes Arme zu wagen – den wünsche ich uns allen.
Amen.
Liebe Gemeinde,
Laetare heißt dieser Sonntag, „Freut euch!“ Auf den ersten Blick passt das nicht: Wir gedenken heute zweier Gemeindeglieder, da gehört dann kein Aufruf zur Freude hin! Außerdem sind wir mitten in der Passionszeit, der Leidenszeit; und angesichts der Corona-Lage passt Freude schon gar nicht hierher!
Viel Grund zu Traurigkeit, und trotzdem fordert dieser Sonntag uns auf zur Freude, wir werden gleich merken, warum.
Den für die heutige Predigt vorgegebenen Bibeltext finden wir im Johannesevangelium im 12. Kapitel. Dort wird über Jesus, der zum Passahfest in Jerusalem war, folgendes berichtet:
Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus und baten ihn und sprachen: „Herr, wir wollen Jesus sehen.“ Philippus sagte es Andreas, und beide sagten es Jesus.
Da sind also Menschen von weither nach Jerusalem gekommen. Sicher haben sie von Jesus gehört, nun wollen sie ihn auch sehen und sich ein eigenes Bild machen. Übernatürliche Kräfte soll dieser Jesus er haben und hinreißend reden können. Das wollen sie jetzt live miterleben. Und so bitten sie über die Jünger Philippus und Andreas um eine Audienz bei Jesus.
Jesus soll also seine Göttlichkeit, seine Herrlichkeit unter Beweis stellen. Vielleicht ein Wunder tun oder jemanden heilen. Doch darauf lässt er sich nicht ein. Die Bibel erzählt weiter:
Jesus aber antwortete: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Eine auf den ersten Blick merkwürdige Antwort, aber auch eine beeindruckende Antwort. Denn Jesus kündigt hier an, woran man seine Herrlichkeit erkennen wird: nicht in Wundern oder Heilungen. Sondern darin, dass mit ihm das gleiche geschehen wird wie mit dem Weizenkorn: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Mit diesem Bildwort hat Jesus uns eine Perspektive an die Hand gegeben, um unser Leid, unsere Leiden und auch unseren Tod ganz neu zu deuten: So wie das Weizenkorn in der Erde vergehen muss, um zu seiner Bestimmung zu gelangen, so ist das auch mit dem Leben von uns Menschen. Selbst unser Tod ist am Ende nichts anderes als der Durchgang zur ewigen Herrlichkeit in Gottes Reich.
Hier, mitten in der Kirche, steht das Kruzifix. Mit Recht. Es erinnert uns daran, dass mit Jesu Tod seine Verherrlichung begann, die mit der Auferstehung ihren Höhepunkt erreichte. Der heutige Sonntag wirft einen ganz besonderen Blick darauf. Und genau deshalb heißt dieser Sonntag „Laetare – freut euch!“ Unsere Vorfahren nannten ihn auch „Klein-Ostern“, weil da mitten in der Passionszeit schon etwas von Jesu Herrlichkeit im Gottesdienst aufleuchtete.
Aber, liebe Gemeinde: Auch wenn dieser Sonntag Laetare uns hilft, unsere eigenen Leidenszeiten in einem neuen und erträglichen Licht zu zeigen, wäre es furchtbar, wenn wir daraus folgern würden: Alles Leid dieser Welt hat seinen Sinn.
Hier ist die Bibel von Anfang bis zum Ende eindeutig: Wo auch immer wir auf Leid treffen, ist es unsere Aufgabe, Leid zu mildern, aus der Welt zu schaffen – und die Verursacher deutlich zu benennen. Dass in unserem Land Menschen erfrieren – ein Skandal! Dass wir im Wohlstandsmüll ersticken und in armen Ländern Menschen sich um einen Teller Essen prügeln müssen – untragbar! Dass Urwälder für Rinderherden gerodet werden, und wir trotzdem zu den Fastfood-Ketten mit ihrem Billigfleisch pilgern – durch nichts zu rechtfertigen.
Fremdes Leid, liebe Gemeinde, darf keinen Christenmenschen kalt lassen. Jesus ging es mit seinem Wort vom Weizenkorn allein darum, uns beim Blick auf eigenes Leid zu helfen.
Hilft das überhaupt, was Jesus sagte?
Menschen, für die nur zählt, was auf Erden erstrebenswert scheint, also Macht, Geld, Erfolg und Beleibtheit bei den Menschen, die sind enttäuscht. Solch einen Gott wollen sie nicht.
Aber diejenigen, die um einen Menschen trauern, bekommen die Möglichkeit, ihren schmerzlichen Verlust ganz neu zu sehen und wahrzunehmen: Der Mensch, um den ich trauere, ist auf dem Weg zu seinem Ziel in Gottes Armen.
Und auch für uns alle, so wie wir heute zusammensitzen, sind Jesu Worte eine große Ermutigung. Sie sagen uns: „Und wenn noch so viele Widerwärtigkeiten und noch so üble Menschen dein Leben beschweren – am Ende wirst du merken, dass all deine Anstrengungen, all dein Leid und all dein Tun nicht vergeblich waren.“ Du wirst dich in Gottes Herrlichkeit wieder finden.
Amen.
Liebe Gemeinde,
von Gottes Liebe hat die Schriftlesung erzählt. Der >>liebe<< Gott ist uns sehr vertraut. Mir ist das fast zu selbstverständlich.
Zumal für die heutige Predigt ein Bibelabschnitt aus dem Propheten Jesaja vorgegeben ist, der anders von Gott redet:
Ich will singen von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Er grub ihn um und entsteinte ihn, pflanzte darin edle Reben und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Was sollte man noch mehr tun an diesem Weinberg?
Da hat also einer mit viel Zeit, Mühe und Liebe einen Weinberg gebaut – natürlich erwartet er für diese Mühen schöne Früchte. Doch die Früchte sind schlecht, faul und unerfreulich. Was tun? Das Lied lässt nun diesen Freund zu Wort kommen:
Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen.
Der Weinberg soll verwüstet werden. Aber warum steht das in der Bibel? Was hat das mit Gott zu tun? Im dritten Teil gibt das Weinberglied die Antwort:
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Der Weinberg steht also für das Volk Israel, der Weinbergbesitzer für Gott. Dieser hat mit viel Liebe sein Volk durch die Zeit geführt, hat es vor Üblem bewahrt, hat Fehler verziehen, hat Gebote gegeben, damit das Leben gelingt – und nun, etwa um 700 vor Christus, stellt Gott fest: Sie halten sich nicht an meine Gebote, und die Früchte, die ich von meinem Volk erwartet habe, Güte und Gerechtigkeit, sie kommen einfach nicht.
Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. So kündigte Jesaja seinem Volk das Gericht Gottes an, und so kam es auch: Israel, Juda, Jerusalem und der Tempel wurden von den Assyrern und später Babyloniern dem Erdboden gleich gemacht und das Volk deportiert.
Jahrtausende ist das her. Heute ist vieles anders als damals. Aber ist es nicht immer noch so, dass wir Menschen nicht die Früchte bringen, die Gott von uns erwartet? Käme Jesaja heute hierher, müsste er nicht wieder ein Lied vom Weinberg singen müssen? Vielleicht hieße das Weinberglied des 21. Jahrhunderts dann so:
Ich lud sie ein, mein Wort zu hören, aber sie hörten lieber auf ihren Bauch.
Ich lud sie ein, zum Beten und Danken vor mein Angesicht zu kommen, aber die Gotteshäuser wurden immer leerer und standen am Ende als Ruinen da.
Ich gab ihnen den Sonntag, aber sie gaben mir nicht die Ehre und machten einen siebten Arbeitstag daraus.
Ich lud sie ein zu einem gerechten Leben, aber sie schauten nur auf ihren eigenen Vorteil, ihr eigenes Geld, ihr eigenes Glück.
Ich gab ihnen einen wunderbaren Lebensraum und eine intakte Natur, aber sie haben die Luft verpestet, das Wasser verschmutzt und überall Pflanzen und Tiere ausgerottet.
Viele solcher Sätze müsste Jesaja heute sprechen angesichts dessen, was auf Gottes Erde, geschieht. Und wie viele Menschen interessiert denn noch, dass sie zu Gottes Weinberg gehören und ihn bebauen, also die Welt nach Gottes Willen mitgestalten sollen? Wer empfindet denn noch tiefe Freude, wenn wir singen „Freut euch, wir sind Gottes Volk?“
Ähnlich war es in Jesajas Zeit. Der prophezeite damals, dass der Weinberg verwüstet und seine Mauer eingerissen werde.
Harte Worte – nirgendwo eine Spur vom lieben, geduldigen Gott, oder? Gott sein Dank war das nicht Gottes letztes Wort.
Denn Gott kam selbst in die Welt und öffnete durch Jesus in einer dunklen Welt den Weg in sein neues Reich. In Jesus nahm Gottes Liebe und Geduld eine unvergessliche Gestalt an. Selbst als sie ihn töteten, hat Gott seine Menschen nicht bestraft, sondern hat an die Stelle des Todes das Leben gesetzt, hat uns vergeben, und da, wo Verzweiflung herrschte, neue Hoffnung gestiftet.
Ich glaube, Gott erwartet von uns heute vor allem eins: dass wir sein Licht durch unser eigenes Leben aufscheinen lassen; dass wir ermutigen, wo andere verzweifeln; dass wir lieben, wo andere hassen; dass wir Gerechtigkeit tun, wo andere rücksichtslos nur auf ihren eigenen Vorteil schauen.
So können wir selbst zu Boten von Gottes Reich und zu Boten der neuen Hoffnung werden. Und wo wir das tun, wo wir mit unserem eigenen Leben also von Gott erzählen, da bekommen selbst verdorrte Weinstöcke neue Triebe und bringen Früchte – Früchte, die unserer Welt so unsagbar gut tun, und diese Früchte sind Glaube, Hoffnung, Liebe und Gerechtigkeit.
Amen.
Liebe Gemeinde,
passend zum Valentinstag, haben wir in der Lesung das Hohelied der Liebe gehört. Bei Trauungen wird es oft gewünscht; da gehört es auch hin - aber nicht nur! Es ist gut, dass wir es auch heute hier hören, als geistliche, feste Nahrung angesichts der vielen Oberflächlichkeiten, mit denen Medien und Werbung immer wieder die Liebe zerreden.
Das Hohelied der Liebe – es enthält mit die schönsten Worte der Bibel! Sie entstanden aber in einer ganz und gar nicht romantischen Situation, denn in der Christengemeinde in Korinth war Streit ausgebrochen. Denen schrieb der Apostel Paulus: „Und wenn ihr noch so schön Zungenreden oder prophezeien könnt, und wenn ihr noch so freigiebig oder gläubig seid – all diese Gaben sind nutzlos und wertlos, wenn ihr einander nicht die allerwichtigste Gabe spüren lasst, nämlich die Liebe.“
Ohne Liebe ist alles nichts – dieser Satz des Paulus hat die beste Musikgruppe aller Zeiten vor langer Zeit zu einer der bekanntesten Liebeshymnen inspiriert: „All you Need is Love“.
Das Hohelied der Liebe wirkt also bis in die Popmusik, natürlich auch in unser eigenes Leben hinein.
Wir könnten das Hohelied der Liebe nun als eine Art Katalog verstehen, der aufzählt, über welche Eigenschaften wir verfügen müssten, um von Liebe sprechen zu dürfen. Das erschlägt einen dann fast. Denn, mal ganz ehrlich: Können wir das von uns sagen? Ich dulde alles? Ich trage niemandem etwas nach? Ich glaube alles? Ich bin immer geduldig und freundlich?
Nein, so bin ich wirklich nicht. Und so sind auch Sie nicht, und seid auch ihr nicht. So liebevoll sind wir alle nicht!
Also könnten wir fast resignieren, wenn es da nicht noch zwei große Hoffnungspunkte gäbe:
Der eine Hoffnungspunkt heißt Jesus. Er hat tatsächlich nicht das Seine gesucht, sich nicht verbittern lassen, alles ertragen und geduldet, sich hingegeben. Er hat wirklich geliebt. Das macht mir Hoffnung, weil ich erkenne, dass es da und dort geht mit dem Lieben. Niemand von uns kann jemals so viel Liebe geben wie Jesus. Aber da oder dort können wir es versuchen - und können ansatzweise so werden, wie er es war.
Der andere Hoffnungspunkt ist der unscheinbare Halbsatz, in dem Paulus sagt „und hätte die Liebe nicht“. Anders formuliert heißt das: „Sieh zu, dass Du das, was du tust, mit Liebe tust!“ Diese Worte haben für mich etwas ungemein Befreiendes an sich. Sie befreien mich von der Angst, Fehler zu machen. Ich muss nicht tausend Mal überlegen „Ist das auch richtig so?“ Und wenn mir etwas nicht gelingt, dann muss ich mir nicht tausend Mal Vorwürfe machen. Vielmehr liegt das Entscheidende darin, dass ich die eine wichtige Frage mit JA beantworten kann, und die heißt: „Hast du das mit Liebe getan“.
Was wir aus Liebe tun, liebe Gemeinde, mag vielleicht nicht immer richtig sein. Aber es kann vor Gott bestehen. Indem wir anderen Liebe schenken, werden wir so, wie Gott uns gedacht hat. Und am Ende der Zeit, wenn wir an Gottes Hand auf unser Leben zurückblicken, wird Gott uns vielleicht auch danach fragen, wie sehr wir geliebt haben. Ich wünsche mir, dass ich zu Gott dann sagen kann: „Ich habe einiges falsch gemacht, aber vieles davon ist einfach aus Liebe geschehen.“ Und ich hoffe darauf, dass Gott dann sagt: „Du kannst da bleiben.“
Amen.
Predigttext: 1. Korinther 13 i. A. - Valentinstag
Liebe Gemeinde,
das Weinberg-Gleichnis, das wir in der Lesung gehört haben, zählt zu den ärgerlichsten Bibelgeschichten. Alle erhalten am Ende gleichen Lohn, egal wie lange sie gearbeitet haben; und der, der früh aufgestanden ist, fragt sich: Wenn einer, der gerade mal eine Stunde gearbeitet hat, so viel bekommt wie ich, was bringt's dann, dass ich so viel gearbeitet habe?
Was bringt’s? Das fragen wir uns oft - Kinder, Jugendliche und Erwachsene, in den unterschiedlichsten Situationen. Manchmal fragen wir uns auch, was es uns bringt, Christ zu sein. Auch manche, die in der Gemeinde mitarbeiten, fragen sich ab und zu: Was bringt das? Lohnt es sich, hier mitzumachen?
Was bringt’s? Auch Jesu Jüngerinnen und Jünger scheinen sich das gefragt zu haben. Beim Evangelisten Lukas finden wir, was Jesus darauf antwortete:
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; und danach sollst du essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Ihr seid geringe Knechte, sagt Jesus da. Wieder so ein ärgerlicher Satz! Wer will schon Knecht sein? Viel galt der zu Jesu Zeit nicht: Auch wenn er hungrig und kaputt war, durfte er erst essen, wenn er seinen Herrn bedient hatte und der zufrieden war. Und eines durfte ein Knecht nie erwarten: Dank. Ein Knecht hatte keinen Anspruch auf Anerkennung.
“So auch ihr”, sagt Jesus, und das heißt, dass diese harten Worte Jesu auch für uns heute gelten.
Sind wir das wirklich, Gottes Knechte? Und ist Gott ein himmlischer Sklaventreiber, der nur nimmt und fordert? Für den wir kleine Räder im großen Weltgeschehen sind?
Sicher nicht. Gott ist anders. Denn noch bevor Gott uns zu seinen Knechten gemacht hat, hat er selbst uns als Knecht gedient. Gott wurde in Jesus Mensch, und Jesus war für seine Mitmenschen da, ohne zu fragen “Was bringt’s?” Er heilte, gab Hoffnungslosen neuen Mut, stellte sich auf die Seite der Notleidenden und am Ende opferte er sich selbst am Kreuz.
Nur weil Gott uns gedient hat, nur deshalb sollen auch wir Gott und unseren Mitmenschen dienen.
Gott und den Menschen – das kann unterschiedlich aussehen: In unseren Familien etwa, indem wir nicht immer danach fragen, was bringt’s, sondern die Familie sehen als Raum, in den uns Gott hineingestellt hat, um miteinander zu leben und einander ein gutes Leben zu ermöglichen - das richtet sich nicht nur an Eltern, sondern auch an Kinder und Jugendliche. Auch von euch, denen die Eltern vieles abnehmen, erwartet Gott, dass ihr etwas für die anderen in der Familie tut, und das ohne die Frage, was euch das bringt. Dem Mitmenschen dienen können wir auch an unseren Arbeitsplätzen und in unseren Klassen, wenn wir andere unterstützen, auch die, mit denen wir nicht können. Gott dienen, kann jeder und jede auch hier, in der Gemeinde. Viele machen das ja schon, und davon lebt unsere Gemeinde. Wenn Gemeindeleben nur das wäre, was ihr hauptamtlicher Knecht macht, nämlich der Pfarrer, dann wäre das viel zu wenig; Gott sei Dank machen viele mit.
Aber wo auch immer wir Gott und unseren Mitmenschen dienen, klar ist: Unser Tun wird uns nicht immer gedankt. Niemals sollten wir nach Lob und Anerkennung schielen. Entweder wir tun es, weil wir Gott damit dienen wollen, oder wir lassen es sein. Wer nach Dank sucht, wird das nicht lange durchhalten können. Gott schuldet eh niemandem von uns Dank, und von anderen Menschen sollten wir das auch nicht erwarten, das macht uns sonst nur krank.
So ernüchternd das klingt, es macht uns auch frei in zweierlei Hinsicht:
Erstens: Wenn wir alleine Gott dienen, brauchen wir nicht den Applaus anderer Menschen. Das macht uns frei von dem, was uns unsere Gesellschaft vorgaukelt, dass nur der Laute und Hochgelobte, der im Rampenlicht steht, etwas zählt.
Zum zweiten entlastet das: Wir arbeiten zwar mit an einer besseren Welt, aber wir sind nicht die, die Gottes Reich herbeiführen müssen. Über unserem Tun steht Gott, er wird das, was wir nur sehr bruchstückhaft anfangen, zum Ende bringen.
Das ist für mich das Evangelium, die befreiende gute Botschaft: Wir sind nicht die Hauptverantwortlichen, sondern nur Angestellte in der großen Firma Gottes. Und alles, was wir anfangen, wird unser Chef eines Tages auch vollenden.
Amen.
Liebe Gemeinde,
normalerweise würden in diesen Tagen in unseren Dörfern die Narren die Herrschaft übernehmen. Wochenlang würden wir uns an Menschen in Häs und Verkleidungen freuen, und viele würden diese Zeit in vollen Zügen genießen.
Fastnacht genießen, das war früher nicht selbstverständlich. In meiner Konfirmandenzeit zum Beispiel war es noch so, dass unser Pfarrer uns Konfirmanden gesagt hat: „Ihr seid Konfirmanden, deshalb will ich niemanden von euch auf dem Fasching sehen.“ (In Nordbaden sagt man „Fasching“.) Und weil wir unseren Pfarrer sehr mochten, fand in jenem Jahr in unserem Heimatort die Fastnacht auch wirklich ohne uns statt. Wir gingen nämlich einfach in den Nachbarort zum Fasching.
Genießen, das Leben genießen, sich gut tun am Leben - damit hat sich unsere christliche Kirche lange Jahrhunderte schwer getan. Der Genuss, so sagte man, und zwar welcher Genuss auch immer, hält den Menschen ab vom Reich Gottes. Und man berief sich auf Jesus, der ein Jahr lang unter vielerlei Entbehrungen mit seinen Jüngern durchs Land gezogen sei. Also schloss man daraus: „Christsein und Genießen, das passt nicht zusammen.“
Ach, hätten sie doch in der Bibel gelesen! Hätten Sie sich doch eine ganz bestimmte Jesus-Geschichte genauer angeschaut! Die Geschichte, die ich meine, ist vorgegeben als biblischer Text für die heutige Predigt. Wir finden sie im Johannesevangelium im zweiten Kapitel und lesen dort folgendes:
Im Dorf Kana wurde in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Maria, Jesu Mutter, war dort, und auch Jesus und seine Jünger hatte man eingeladen. Während des Festes ging der Wein aus.
Maria sagte zu ihrem Sohn: "Es ist kein Wein mehr da!" Doch Jesus antwortete ihr: "Schreib mir nicht vor, was ich zu tun habe! Meine Zeit ist noch nicht gekommen!" Da sagte seine Mutter zu den Dienern: "Was immer er euch befiehlt, das tut!"
Nun gab es im Haus sechs steinerne Wasserkrüge. Man benutzte sie für die Waschungen, die das jüdische Gesetz verlangt. Jeder von ihnen fasste 80 bis 120 Liter. Jesus forderte die Diener auf: "Füllt diese Krüge mit Wasser!" Sie füllten die Gefäße bis zum Rand. Dann ordnete er an: "Nun bringt dem Mann, der für das Festmahl verantwortlich ist, eine Kostprobe davon!"
Dieser probierte den Wein, der vorher Wasser gewesen war. Er wusste allerdings nicht, woher der Wein kam. Nur die Diener wussten Bescheid. Da rief er den Bräutigam zu sich und warf ihm vor: "Jeder bietet doch zuerst den besten Wein an! Und erst später, wenn alle Gäste schon betrunken sind, kommt der billigere Wein auf den Tisch. Aber du hast den besten Wein bis jetzt zurückgehalten!"
Dieses Wunder geschah in Kana. Dort in Galiläa zeigte Jesus zum ersten Mal seine göttliche Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.
Liebe Gemeinde, wenn Jesus nicht gewollt hätte, dass wir in unserem Leben manches auch einfach einmal genießen dürfen – dann hätte er nicht aus Wasser Wein gemacht! Er hätte wohl eher gesagt: „Es ist gut so, dass der Wein aus ist. Trinkt lieber Wasser, geht dann heim und legt euch schlafen!“ Aber Jesus hat es umgekehrt gemacht. Jesus wollte, dass Menschen auch genießen und sich am Leben und Lachen und Tanzen freuen können.
Für mich persönlich ist das eine ganz wichtige Einsicht: Christen sind keine weltfremden Wesen, sondern das Genießen ist uns auch erlaubt.
Aber es gehört noch ein zweites dazu, nämlich: So wie alles seine Zeit und seine Un-Zeit hat, ist es auch mit dem Genießen. Alles zu seiner Zeit. Und alles an seinem Ort.
Genießen hat seine Zeit. Es ist also zeitlich begrenzt. Das erfahren wir zum mitunter sehr schmerzhaft in unserem eigenen Leben oder dem Leben von Menschen, die wir lieben. Auf einmal kommt der Punkt, an dem ein schwerer Schlag es unmöglich macht, das Leben weiter zu genießen, an dem das ganze Leben zur Qual wird. Sie, liebe Trauerfamilie, haben das erlebt – und viele unter uns auch schon. Und weil also das Genießen in unserem Leben zeitlich beschränkt ist, ist es umso wichtiger, dass wir auch die Zeiten des Genießens auskosten – sie sind Geschenke Gottes.
Genießen hat seine Zeit. Das erfahren wir nicht nur als Einzelne, sondern alle miteinander, ja sogar weltweit, durch die Pandemie. Vieles, was wir jahrzehntelang selbstverständlich genossen haben, ist zurzeit nicht möglich. Darunter leiden wir und sind fast alle mehr oder weniger genervt.
Auch wenn es manchen noch so schwerfällt: Wir alle müssen akzeptieren, dass jetzt nicht die Zeit ist, das Leben zu genießen. Vielmehr ist jetzt die Zeit, um das eigene Leben und das der Mitmenschen zu schützen. Die Pandemie erinnert uns an etwas, was wir vielleicht zu sehr ausgeblendet haben, obwohl Jesus immer und immer wieder daran erinnert hat: nämlich dass wir eine Verantwortung füreinander haben.
Wer in diesen Wochen dorthin geht, wo die Menschenmassen sind, und sagt: „Es wird mir schon nichts passieren“, der spielt nicht nur für sein eigenes Leben mit dem Feuer, sondern kann sich in eine tickende Zeitbombe für andere verwandeln. Wer in diesen Tagen immer noch sagt, „Ich kann ja wohl schließlich für mich selbst alleine entscheiden“, übersieht, was die Bibel uns von der ersten Seite an erzählt: nämlich dass jede Entscheidung, die ich für mich selbst treffe, auch immer Auswirkungen auf meinen Mitmenschen hat.
Liebe Gemeinde, wir dürfen vieles in unserem Leben genießen. Immer wieder. Jesus hat das damals bei der Hochzeit in Kana ganz deutlich gemacht. Immer wieder genießen heißt aber nicht: „immer genießen“. Jetzt ist die Zeit, dass gerade wir Christen – auch ihr jungen Menschen – mit gutem Beispiel vorangehen und andere erkennen lassen, was jetzt das Wichtigste ist: nicht das Genießen, sondern die Verantwortung für uns selbst und unsere Mitmenschen, für alle. Es ist höchste Zeit dafür.
Und alles andere holen wir nach.
Amen.
Liebe Gemeinde,
ein Wort steht im Mittelpunkt des Gleichnisses, das wir gehört haben: die Barmherzigkeit. Um sie geht es auch bei der neuen Jahreslosung, ein Wort Jesu aus dem Lukasevangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“
Wenn ich mit diesem Satz zurückblicke, hat die Corona-Zeit vor allem das Gegenteil von Barmherzigkeit sichtbar gemacht, einen grenzen- und hemmungslosen Egoismus: Hamsterkäufe bei WC-Papier; unbarmherzige Preise für Masken und Desinfektionsmittel; das Pochen der Touristen auf Bewegungsfreiheit; Fußballvereine, die Extrarechte wollten und bekamen; rücksichtslose Demonstrationen; heimliche Partys (von Jugendlichen und auch von Erwachsenen) mitten in der Lockdown-Zeit, auch hier am Ort; und der Impftourismus, der noch einmal zeigte, dass viele sich selbst der Nächste sind.
Ein Zeugnis der Barmherzigkeit war das Jahr 2020 nicht. Es zeigt uns den Menschen als Egoisten, der oft nur an sich selbst denkt, und erinnert mich an einen Ausspruch des englischen Philosophen Thomas Hobbes, der schon vor fast 400 Jahren sagte: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, ein Ungeheuer.“ Wobei das eigentlich eine Beleidigung für Wölfe ist, denn Wölfe leben in ihren Rudeln als ausgeprägte Sozialwesen.
Umso wichtiger ist, dass wir nun hören: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Das zeigt uns unsere Bestimmung, wie Gott uns gemeint hat, wie Jesus es uns vorgelebt hat und wozu Gottes Geist uns befähigt.
Jens Spahn hat bereits vor Monaten gesagt: „Wir werden am Ende der Pandemie wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Aber wie schaffen wir das – verzeihen? Wie können wir den Riss kitten, den Verschwörungstheoretiker aufgerissen haben und der mitten durch unsere Gesellschaft geht?
Verzeihen, hat Jesus gesagt, kann der, der sich daran erinnert, wie oft ihm Gott schon vergeben hat. Denn Vergebung ist die Grundlage unserer ganzen Existenz vor Gott.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Am Beginn eines Jahres, das weiterhin durch die Pandemie geprägt sein wird, kann dieser Satz der Bibel für uns zu einer Lebenshilfe werden.
Lasst uns barmherzig sein mit allen, die die Dinge anders sehen als wir selbst. Lasst uns keine Mauern errichten. Das ist das eine, wozu die Jahreslosung uns für dieses Jahr einlädt.
Aber lasst uns nicht vergessen, dass zur Barmherzigkeit noch ein Zweites gehört, das auch in der Geschichte vom Samariter vorkommt. Der erkennt nämlich, dass er für den anderen eine große Verantwortung hat. Und die nimmt er wahr, indem er sich so lange um ihn kümmert, bis er außer Gefahr ist.
Barmherzig sein 2021 heißt also auch, nicht allein auf Gottes Eingreifen zu hoffen und dann die Hände in den Schoß zu legen; Jesus sagt uns durch das Gleichnis: „Ihr seid füreinander verantwortlich.“ So lasst uns auf einander aufpassen; lasst uns daran denken, dass es barmherzig ist, Abstand zu halten; dass es barmherzig ist, dass wir einander nicht in Gefahr bringen; und dass es barmherzig ist, sich auch hinter verschlossenen Türen und Roll-Läden an die Corona-Regeln zu halten.
Trotzdem: Lasst uns nicht den Stab über Verantwortungslose brechen. Lasst uns offene Worte finden; aber lasst uns auch ein wenig nachsichtig sein. Denn zur Barmherzigkeit gehört auch die Vergebung. Und vielleicht würde Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter im Jahr 2021 so erzählen:
Bei einer Podiumsdiskussion brüllte ein Corona-Leugner einen Virologen, der auf dem Podium saß, an: „Sie sind ein riesiger Idiot, haben keine Ahnung und werden dafür auch noch bezahlt!“ Die Veranstaltung wurde daraufhin abgebrochen, der Corona-Leugner lachte triumphierend in die Kameras der Fernsehsender:
Ein paar Wochen danach erkrankte dieser üble Mann an Covid 19, wurde mit Blaulicht in die Klinik gefahren – und sollte nun in genau der Isolierstation aufgenommen werden, in der der Virologe aus der Fernsehsendung die Schwerstfälle betreut. Die Fahrerin des Rettungswagen sagte zu dem Mediziner: „Ich weiß, dass Sie kaum noch Platz haben. Können Sie diesen Mann trotzdem noch aufnehmen?“ Der Arzt schaute sich den Erkrankten an. Er erkannte den Mann wieder. Er erinnerte sich an den Hass in dessen Augen bei der Diskussion. Und dann sagte er: „Ich habe noch genau einen Beatmungsplatz frei, den sollte ich eigentlich auch freilassen. Aber ich gebe ihn diesem Mann da.“
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“
So lasst uns keine Gräben vertiefen, sondern barmherzig, verantwortungsvoll und nachsichtig miteinander durch dieses Jahr gehen. Gebe Gott, dass uns das gelingt.
Amen.
Liebe Erwachsenen,
sind Sie schon mal von einem Kind getröstet worden? Liebe Kinder und Jugendliche, habt ihr schon mal einen Erwachsenen getröstet?
Merkwürdige Fragen!
Ich stelle sie, weil noch nie, von der Zeit des II. Weltkrieges vielleicht abgesehen, an einem Heiligabend weltweit so viele Menschen trostbedürftig waren wie in diesem Jahr. Viele sind heute ganz alleine. Und Unzählige vermissen heute Abend Menschen, mit denen sie unter normalen Umständen feiern würden. Auch wir sind fast alle auf die eine oder andere Weise davon betroffen.
Ist da ein Weihnachtsfest überhaupt möglich?
Ich behaupte: Weihnachten ist nicht nur möglich, sondern in diesem Jahr haben wir es nötiger als je zuvor! Denn Weihnachten lebt – ursprünglich – von genau dem, was wir jetzt spüren: vom Kontrast zwischen Dunkel und Hell, zwischen Angst und Freude.
„Fürchtet euch nicht!“ hat der Engel in die Dunkelheit gerufen. Und die ersten, die die Botschaft begriffen, waren die Hirten, um die herum es genauso finster war wie bei vielen heute. Also: Ja! Feiert Weihnachten!
Aber was ist es mit Weihnachtsliedern, die heute vielleicht mehr denn zuvor in der Kehle stecken bleiben?
Gerade die Weihnachtslieder müssen nun laut werden. Hier im Gottesdienst ihre Melodie - und zu Hause lasst uns dieser Lieder singen! Denn fast alle Weihnachtslieder entstanden im Dunkeln, in Traurigkeiten, im Leid. Dazu drei Beispiele:
Vom 30-jährigen Krieg in schwerste Depressionen getrieben, schrieb Michael Schirmer das Adventslied „Nun jauchzet all ihr Frommen“, in dessen 5. Strophe es heißt:
„Ihr Armen und Elenden zu dieser Gnadenzeit,
die ihr an allen Enden müsst haben Angst und Leid.
Seid dennoch wohlgemut, lasst eure Lieder klingen,
dem König Lob zu singen, der ist euer höchstes Gut.“
Johannes Daniel Falk, dem die Pest fünf Kinder geraubt hatte, nahm in einem verfallenen Haus 100 Waisenkinder auf und dichtete für diese Ärmsten der Armen zur Weihnacht 1816 auf die Melodie eines italienischen Volksliedes den deutschen Liedtext:
„O du selige, o du fröhliche,
freudenbringende Weihnachtszeit.
Welt ging verloren, Christ ist geboren.
Freue dich, freue dich, o Christenheit.“
Paul Gerhardt, dem zuerst Frau und Kinder und dann auch noch die Anstellung genommen wurden, konnte in dem wunderschönen Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ dichten:
„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne;
die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen!“
So sind viele der Lieder, die wir an Heiligabend singen, im wahrsten Sinn des Wortes „aus der Not geboren“. Sie zeigen deutlich, welche Hoffnungs- und Lebenskraft das Weihnachtslicht gerade in traurigen Menschen wecken kann.
Menschen in Not – mir fallen heute Abend die ein, die alleine in ihren Wohnungen und Häusern sitzen.
Mir fallen, stellvertretend für alle in Not Geratenen, die Zirkusleute ein, die seit Monaten verzweifelt bei uns an der Pfarrhaustüre klingeln und um ein klein wenig Geld für die Verpflegung der Menschen und Tiere bitten.
Mir fallen die ein, die durch die Pandemie einen Menschen verloren haben und verbittert sind, weil sie doch alles getan hatten, um sich zu schützen.
Ich denke an alle, die heute keinen Gottesdienst hätten besuchen wollen, es aber nicht können, weil eine verantwortungslose Minderheit die zweite Welle provoziert hat.
Lasst uns auch die nicht vergessen, die in den ärmsten Ländern der Erde hungrig sind oder ohne Obdach oder auf der Flucht.
Und ich denke natürlich auch an uns. Die wenigsten von uns können Heiligabend so feiern, wie sie es gerne hätten. Überall fehlen Menschen. - Aber lasst uns nicht bitter werden. Lasst uns ganz neu begreifen, dass in diesem Jahr wir ganz besonders angesprochen sind von der Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht.“
Ich habe vorhin gefragt, ob jemand schon einmal von einem Kind getröstet wurde. In diesem Jahr können und dürfen wir es erleben. Denn das Kind in der Krippe hat als Jesus von Nazareth das Leben und das Leiden kennengelernt. Doch nicht einmal der Tod konnte ihm etwas anhaben. Daher sollen und können wir darauf bauen, dass Jesus, der Christus, nicht von unserer Seite gehen wird – wie schwer auch immer der Moment wiegt, was auch immer die Zukunft bringen mag. Das ist wahrhaftig ein Trost!
In diesen Abend nehmen wir die Worte des Engels mit, die mehr denn je uns gelten: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Fürchtet euch nicht!“
Amen Liebe Gemeinde,
die Gedenk-Kerze, die wir heute für unser verstorbenes Gemeindeglied Rösel Schmidt entzündet haben, erinnert uns daran, dass Jesus uns versprochen hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis leben, sondern das Licht des Lebens haben.“ Auch die Kerzen am Adventskranz
erinnern uns daran.
Es brennen noch nicht alle vier Kerzen. Das erinnert uns auch daran, dass nicht alles hell und gut ist in unserer Welt.
Nur zwei von vier Kerzen – da denke ich auch an Licht und Dunkelheit in unserem Leben und in dem unserer Mitmenschen. Auch heute in unserem Gottesdienst. Es gibt Freude bei manchen von uns, und es gibt Traurigkeit bei Ihnen, liebe Trauerfamilie.
Und zu unserem Leben als Christenmenschen gehört, dass wir mit beidem leben können. Und auch im Dunkeln schenkt Gott uns immer wieder Lichter der Hoffnung und des neuen Lebensmutes.
Daran, dass Menschen gehen, dass wir Verluste erleiden, können wir nichts ändern, so gerne wir es täten. Und nun könnten wir natürlich sagen: „So ist es halt, wir können auch nichts ändern.“
Aber dann hätten wir etwas Wichtiges vergessen: nämlich dass wir da und dort selbst etwas dazutun können, damit es etwas heller wird in dieser Welt. Und so sagt uns der nur halb erleuchtete Adventskranz: Du selbst kannst etwas dazu tun, dass es heller wird in der Welt, schau dich nur um in dem Halbdunkel um dich herum.
Und im Halbdunkel, da kann man einiges wahrnehmen:
Zum Beispiel am Bahnhof in Offenburg. Da habe ich etwas gesehen, das es eigentlich nicht geben darf: Da hat morgens um halb zehn eine ältere Frau den Abfallkorb nach etwas Essbarem durchsucht und ist auch fündig geworden: Sie zog eine Tüte mit zwei Brötchen heraus, die irgendwer weggeworfen hatte. Die hat sie dann gleich mit Appetit verspeist. Sie hat mich angegrinst und gesagt: „So etwas Weiches kann ich problemlos essen ohne Zähne. Mein Gebiss passt nicht mehr, und die Krankenkasse zahlt kein Neues. Aber mit meinem Kiefer – sie zeigte mir ihren zahnlosen Mund – mit dem kann ich sogar ein Schnitzel durchbeißen.“
Zweites Erlebnis: Als ich am Donnerstag über den Pausenhof in der Schule laufe, höre ich ein Mädchen sagen: „Ich bekomme dieses Jahr zu Weihnachten Geschenke für über 1000 Euro.“
Die eine bettelarm und die andere unverschämt reich, mitten unter uns, dunkel und hell, wie der Adventskranz.
Drittes Erlebnis, ebenfalls in der Schule: Die Kinder erzählen mir voller Freude, was sie am Morgen in ihren Adventskalendern gefunden haben. Nach der Stunde kommt einer vor zu mir und flüstert mir traurig ins Ohr: „Ich habe noch nie einen Adventskalender gehabt.“ Mir verschlägt es die Sprache.
Die einen geliebt und ein anderer vernachlässigt, mitten unter uns, dunkel und hell, wie der Adventskranz.
Solche Geschichten könnten wir alle erzählen. Denn sie spiegeln das wahre Leben wider.
Es ist manchmal schwer auszuhalten, dieses Dunkle und Helle so nahe beieinander. Den einen fehlt‘s am Notwendigsten, Anderen läuft das Glück nur so den Rücken runter.
Mir hilft mir da der Blick auf den Adventskranz. Der bleibt nämlich nicht halb dunkel. Sondern nach und nach wird es immer heller, wenn wir die weiteren Kerzen anzünden.
Und schon bin ich wieder bei uns Menschen. Wir müssen nicht alles Gott überlassen. Wir können selbst auch etwas dafür tun, dass es heller wird in der Welt, denn jede/r kann für Andere ein Licht anzünden. Wäre nicht die unselige Pandemie, würde uns morgen Abend der Chor, in dem Rösel Schmidt so lange dabei war, bei seinem Adventskonzert zusingen: „Zündet Lichter der Freude an!“ - Zündet Lichter an! Das muss nicht einmal etwas kosten: jemandem Mut zusprechen; ein gutes Wort; ein Anruf; ein kurzer Besuch an der Haustür; ein Kind loben; jemandem zuhören; es ist so vieles möglich!
Nur zwei Kerzen brennen heute am Adventskranz. Das ist gut so, denn zu viel Licht verhindert manchmal den klaren Blick ins Dunkel.
Wir lassen nicht zu, dass uns das Licht blendet. Lasst uns die Augen offen halten für die im Dunkeln, die Augen und die Herzen.
Und lasst uns nicht vergessen: Die zwei brennenden Kerzen am Adventskranz sind nicht nur Vorboten für die anderen beiden Kerzen. Sie sind auch Vorboten für Jesus, der irgendwann alles wieder heil machen wird, was zerbrochen ist – in unserem eigenen Leben genauso wie in der ganzen Welt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
unsere Straßen und Wohnungen sind adventlich geschmückt, mit Lichtern, Gestecken, Tannenzweige, Sternen und vielem mehr. - Alles ist bereit? Oder fehlt noch etwas?
Angesichts der Pandemie hat diese Woche jemand im Fernsehen gesagt: „Ohne Weihnachtsmärkte und Musik fehlt mir für die Adventszeit das Wesentliche.“ Ist dies das Wesentliche? Aus der Sicht der Bibel bedeutet Advent eigentlich etwas ganz Anderes: nämlich die Zeit der Vorbereitung auf Gottes Kommen, auf Gerechtigkeit und Frieden.
Um Gerechtigkeit und Frieden geht es auch im heute vorgegebenen Bibelabschnitt aus dem Propheten Jeremia, der aus dem Jahr 600 v. Chr. stammt. Israels Könige hatten durch Kriege ihr Volk in die Armut getrieben. Gerechtigkeit gab es nur für Reiche – das Volk war der Willkür von Richtern und Mächtigen unterworfen. Sehnsucht wurde wach - nach einem König, der gerecht war wie König David. In dieser Situation sagte Gott zu Jeremia:
„Siehe, es kommt die Zeit, da will ich dem David einen gerechten Spross erwecken. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Land üben wird. Zu seiner Zeit soll dem Volk geholfen werden und alle sollen sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „der Herr unserer Gerechtigkeit.“
Wäre Jeremia heute Morgen, 2500 Jahre später, bei uns, dann würde er vielleicht sagen: „Für den Advent dürft ihr nicht nur eure Wohnungen schmücken. Schmückt auch euer eigenes Leben mit Frieden und Gerechtigkeit, nur dann werdet ihr Gottes Nähe spüren!“ So heißt der 1. Schritt zum Advent: Ich versuche selber, gerecht zu sein. Und Frieden will ich nicht von anderen erwarten, sondern selbst dazu beitragen.
Auf Frieden und Gerechtigkeit haben aber nicht nur wir Anspruch, sondern alle Menschen: Und da herrscht eine furchtbare Ungerechtigkeit! In unserem eigenen Land lebt zum Beispiel jedes sechste Kind in einer Familie, in der das Geld weder für Nahrung noch für Kleidung noch für Bildung reicht; und gleichzeitig gibt es 1,2 Mio. Millionäre. Und durch die Pandemie mit Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlusten hat sich das in diesem Jahr verschärft. Noch weiter klafft die Schere zwischen Arm und Reich weltweit: großer Luxus bei den einen; bei den Anderen Hunger, Krieg, Katastrophen und Tod. Was tun bei dieser Bilanz?
Zunächst: Reich sein ist nicht verboten. Es ist auch nicht unchristlich. Aber Gott erwartet, dass wir uns dessen bewusst werden, wie reich wir materiell sind. Wenn ich das wahrnehme, dann kann ich auch überlegen, ob Gott mir einen Teil meines Wohlstandes vielleicht gerade deshalb gegeben hat, weil ich damit die Not anderer Menschen zumindest lindern kann.
In unserer Kirche ist dieses Denken an andere stark ausgeprägt. Die Diakonie unterstützt Menschen, die durch unser viel zu weites soziales Netz fallen. Gemeindeglieder stecken mir oft Geld zu mit den Worten: „Geben Sie das jemandem, der es dringender braucht.“ Und wir übernehmen auch weltweite Verantwortung, weil die Aktion „Brot für die Welt“ untrennbar dazugehört. Dieses kirchliche Werk sammelt im Advent für Menschen in den Armutsländern, die von Hunger, Krankheit oder Katastrophen bedroht sind. Nicht nur Nahrungsmittel werden dorthin gebracht, das Prinzip heißt: Hilfe zur Selbsthilfe. „Brot für die Welt“ will Lebensbedingungen von Menschen verändern:
- durch Bau von Bewässerungsanlagen und Brunnen;
- durch Schaffung von Ausbildungsplätzen, damit Kinder nicht bei Prostitution und Kinderarbeit ausgebeutet werden;
- durch die Aufklärung von Frauen, damit diese nicht jedes Jahr schwanger werden;
- oder durch die Bezahlung von Anwälten, die Menschen beistehen, die zu Unrecht verfolgt werden.
Damit folgt „Brot für die Welt“ Jeremias Aufforderung und trägt bei zu Frieden, Recht und Gerechtigkeit.
Viele Menschen fragen, ob dieser Tropfen auf den heißen Stein überhaupt etwas bewirkt. Die Frage ist berechtigt, aber schon oft war der Tropfen auf den heißen Stein der Anfang eines segensreichen Regens. Wir selbst haben es in der Hand, was Aktionen wie „Brot für die Welt“ bewirken können. Heinrich Böll hat vor vielen Jahren gesagt: „Ich glaube an Christus und ich glaube, dass 2 Milliarden Christen auf dieser Erde das Antlitz der Erde verändern können.“ Ich glaube das auch und bin mir sicher, dass auch wir einiges dazu beitragen können, dass in dieser Welt wieder vieles heller wird.
Amen.
Liebe Gemeinde,
am Totensonntag zu predigen ist ebenso dankbar wie schwierig. Dankbar, weil ich nicht überlegen muss, worum die Predigt gehen soll. Der Tag gibt mir das Thema vor: „Tod und Auferstehung“. Das Schwierige aber ist: Ich muss
über etwas reden, das ich nur vom Hören-Sagen kenne und nicht beweisen kann.
Dabei möchte ich Sie und euch weder von irgendetwas überzeugen noch zu etwas überreden. Ich will Sie und euch einfach einen weiteren Schritt begleiten auf dem Weg des Trauerns und des Loslassens. Loslassen kann ich einen Menschen aber nur dann, wenn ich weiß: Es geht ihm, es geht ihr gut.
Geht es euren Verstorbenen gut? Ich glaube ganz fest daran. Ich lebe und zehre von den Worten, die wir in der Lesung vorhin gehört haben:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.
Diese Worte sprechen in einer so deutlichen Zuversicht und Gewissheit - ich kann und will nicht anders, als diese schönen Bilder in unser Leben, in unsere Fragen und in unsere Trauer hinein sprechen zu lassen.
Es kommt die Stunde, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes. Liebe Gemeinde, ich glaube nicht deshalb daran, weil man das als Pfarrer so tut und es von einem erwartet wird. Es ist umgekehrt: Ich habe mich für diesen Beruf entschieden, weil ich erlebt habe, was für einen festen Halt einem die Botschaft von der Auferstehung zu geben vermag.
Ich habe schon mehrfach so extrem dichte Erlebnisse im Umfeld des Todes anderer Menschen erlebt, dass ich dann mit Ruhe und Gewissheit Abschied nehmen und loslassen konnte in der tiefen Gewissheit, dass für den Verstorbenen, um den ich trauerte, gesorgt ist.
Aber was für mich noch überzeugender ist, das ist die Zuversicht und Gewissheit von Menschen, die aufrecht dem Tode entgegengegangen sind.
Ich denke an die Märtyrer der ersten Jahrhunderte, die auch die Androhung des Todes nicht zu einem Nein zu ihrem Glauben bewegen konnte; diese Menschen sind stattdessen singend in den Zirkus Maximus eingezogen, wo sie dann von wilden Tieren zerfleischt wurden.
Dietrich Bonhoeffer fällt mir ein, dessen letzte Worte unter dem KZ-Galgen waren: „Die ist das Ende, aber für mich ist das der Anfang.“
An den katholischen Pater Maximilian Kolbe denke ich, der sich stellvertretend für einen Familienvater von den Nazis ermorden ließ, weil der Tod für ihn der Übergang zum neuen Leben war.
Und dann ist da noch meine ehemalige Deutschlehrerin, die klinisch tot auf dem OP-Tisch lag, zurückgeholt wurde und mir gesagt hat: „Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, denn ich habe gesehen, was drüben auf uns wartet.“
Mögen manche Wissenschaftler auch vieles mit chemischen Vorgängen im Gehirn plausibel machen – niemand kann erklären, wie es dazu kommt, dass manche Menschen in ihrer Todesstunde diese größte aller Ängste überwinden konnten.
Ich kann es auch nicht erklären. Aber ich darf sagen, was ich glaube: Ich glaube, dass Gott mit seinem Geist des Trostes uns diese große, große Angst zu nehmen vermag. Ich glaube, dass Gott uns Kraft gibt, um das Leben loszulassen, und dass Gott uns ganz am Ende zeigt, dass es auf der anderen Seite weitergeht.
Meinen Glauben daran hat vor vielen Jahrzehnten meine Oma gestärkt. In dem Bett, das zu ihrem Sterbebett werden sollte, sagte sie: „Bub, merk dir, Christen sehen sich nie ein letztes Mal.“
Lasst uns alle daran denken, wenn wir an unsere in diesem Jahr oder früher Verstorbenen denken: Es gibt kein letztes Mal. Es gibt ein nächstes Mal. Es gibt ein Wiedersehen. Das gibt uns Trost und Kraft. Kraft zum Leben.
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